2025-26, Wintersemester, Seminar: “Einführung in Hegels Theorie des Geistes und der Geschichte

2025-26, Wintersemester, Seminar: “Einführung in Hegels Theorie des Geistes und der Geschichte

 

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28. Oktober 2025 - 26. Februar 2026

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Online-Seminar

Die logischen Strukturen des Geistes:

Eine Einführung in Hegels Lehre des Geistes und der Geschichte

(Philosophie des Geistes)

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Geleitet von

Dr. Marco de Angelis

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Liste der wichtigsten Punkte,

die behandelt werden.

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(In Grün sind die Punkte markiert,die
schon behandelt worden sind; in Hellblau die Zitate;
in Dunkelrot einige Anmerkungen von mir)

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12. Sitzung

(17.2.2026)

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„Ist der Nationalstaat wirklich der adäquate Ort für Sittlichkeit?
Hegels Denkfehler (?) und der philosophische Weltstaat
als einzig mögliche Form des sittlichen Staates” 

(ab Punkt 24)

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0. Ein Leben im Gespräch mit Hegel

(Kurz zu meiner Person: einige Gründe, die mich zu Hegel führten: Hegel, (m)ein Lehrer (Maestro) der Ernsthaftigkeit, der Tiefe, der bewussten Langsamkeit, der Weisheit und der ’Sapientia’.) 

 

1. Was ist ’Philosophie’

In den einleitenden Kapiteln seiner Metaphysik unterscheidet Aristoteles zwischen drei Stufen der Erkenntnis:
 

- die sinnliche Wahrnehmung, die den ersten Kontakt mit der Realität darstellt; 
- die praktische Weisheit,
die Phronesis, die mit klugen Entscheidungen darüber verbunden ist, was in Bezug auf die Realität aus praktischen Gründen sinnvoll ist und was nicht; 
- die
Sophia, die hingegen das Wissen um die höchsten Prinzipien, um den Sinn von allem ist, unabhängig von jedem praktischen Lebenszweck in der Realität.
 
Die letzten beiden sind unterschiedliche Formen der
Weisheit: Die eigentliche Weisheit ist praktischer Natur, die ’Sophia’ ist theoretischer Natur. Die erste betrifft bestimmte Ziele, sie ist kein Selbstzweck, während die zweite ein Selbstzweck ist und nur universelle Ziele hat, nämlich das Wissen um das Ganze; die erste ist mit den Notwendigkeiten des Lebens verbunden, die zweite ist völlig frei und von jeglicher Notwendigkeit losgelöst.

In der deutschen Sprache gibt es den Begriff Weisheit, der der Phronesis entspricht, während für die Sophia im akademischen Bereich der lateinische Begriff Sapientia verwendet wird. In der italienischen Sprache haben wir zwei Ausdrücke: ’saggezza’ (pratische Weisheit) und ’sapienza’ (theoretische Weisheit). 
Das Ziel der Philosophie ist die Sapientia, die, da sie das Universelle ist, das das Besondere subsumiert (unter sich hält), und die Grundlage aller wichtigen Entscheidungen, die das Besondere betreffen, sein soll und somit zur Weisheit beitragen müsste. Die Weisheit, erleuchtet von der Sapientia, sollte uns bei allen wichtigen Entscheidungen leiten, die das Leben und somit die sinnliche Wahrnehmung betreffen, da das Ziel von allem letztendlich die Sinnlichkeit ist, das Wohlbefinden, das gute Leben. 

 

QUELLE 1 (Aristoteles über den Unterschied zwischen Weisheit  - Phronesis - und ’Sapientia’ - Sophia)

 

"Die Vorstellung, die man sich vom wissenschaftlichen Manne macht, ist nun erstens die, daß er alles weiß, soweit es möglich ist, ohne doch die Kenntnis aller Einzelheiten zu besitzen; zweitens, daß er auch das Schwierige zu erkennen vermag, also das was gewöhnlichen Menschen zu wissen nicht leicht fällt. Die bloße Sinneswahrnehmung gehört nicht dahin; sie ist allen gemeinsam und deshalb leicht und hat mit Wissenschaft nichts zu schaffen. Weiter, daß auf jedem Wissensgebiete derjenige mehr eigentliche Wissenschaft habe, dessen Gedanken die strengere begriffliche Form haben und zur Belehrung anderer die geeigneteren sind. Man hält ferner diejenige Wissenschaft, die um ihrer selbst willen und bloß zum Zwecke des Erkennens getrieben zu werden verdient, in höherem Grade für Wissenschaft als die, die nur durch ihren Nutzen empfohlen ist, und ebenso in höherem Grade diejenige, die geeigneter ist, eine beherrschende Stellung einzunehmen, als die bloß dienende. Denn der wissenschaftliche Mann, meint man, dürfe nicht die Stellung eines Geleiteten, sondern müsse die des Leitenden einnehmen und nicht von einem anderen seine Überzeugung empfangen, sondern selber den minder Einsichtigen ihre Überzeugung vermitteln."

 

(Aristoteles, "Metaphysik", online hier)

 

Philosophie ist also in ihrem tiefsten Sinn Liebe (oder Freundschaft) zur Sophia,  zur Sapientia,  zur freien Wissenschaft, nicht nur praktischen Weisheit, die an praktische Entscheidungen gebunden ist. Der Philosoph bzw. die Philosophin ist derjenige oder diejenige, der-die nach der Wahrheit, nach dem Wissen in sich sucht. Der Philosoph oder die Philosophin möchte die Welt und das Leben verstehen, in Gedanken fassen, strebt nach diesem Verständnis. Dieses Streben, diese Suche ist also Liebe, Freundschaft zum Wissen, also Philosophie (von Philos, Freund, und Sophia, Weisheit als Sapientia). 
Dieser griechische Begriff der Philosophie findet sich natürlich auch bei Hegel und in der gesamten Geschichte der Philosophie, die ja gerade die Geschichte dieser Liebe, dieser Freundschaft zwischen dem Menschen und der Weisheit bzw. dem Wissen ist, also die Geschichte dieser Suche, dieses Strebens. Bei Hegel finden wir jedoch einen Gedanken, einen Satz, der uns zu tieferen und präziseren Überlegungen anregt. Es handelt sich um folgenden Satz:

QUELLE 2 (Hegel über die Philosophie als System der Wissenschaft)

 

"Die wahre Gestalt, in welcher die Wahrheit existirt, kann allein das wissenschaftliche System derselben seyn. Daran mitzuarbeiten, dass die Philosophie der Form der Wissenschaft naeher komme, - dem Ziele, ihren Namen der Liebe zum Wissen ablegen zu koennen und wirkliches Wissen zu seyn, ist es, was ich mir vorgesetzt."

 

(G.W.F. Hegel, Phänomenlogie des Geistes, GW 9, S.11 - im Internet hier)

 

Hier ändert Hegel überraschend die Perspektive in Bezug auf den Begriff der Philosophie selbst. Sie ist nicht mehr nur ein Streben nach Wahrheit, eine Suche nach ihr, sondern ein Besitzen derselben, d. h. die Wahrheit ist nun nach etwa 2500 Jahren ihrer Geschichte im Besitz des Menschen, und zwar im wissenschaftlichen System der Philosophie (bzw. der Wissenschaft, die für Hegel ist dasselbe wie die Philosophie). Dies ist natürlich ein sehr starker Gedanke, der einerseits an den Begriff des Werdens der Philosophie, des Strebens, also an die Geschichte der Philosophie anknüpft, andererseits aber auch an die Tatsache, dass dieses Streben abgeschlossen, beendet ist, weil das, was gesucht wurde, nun auch gefunden worden ist. Diese Auffassung Hegels muss natürlich vertieft werden. 

 

2. Das Absolute (die Idee, die absolute Vernunft, der Logos) und seine Darstellung als System der Wissenschaft bzw. als (Philo)-Sophie bzw. "wirkliches Wissen"

Hegels System der Philosophie, das in der "Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften" enthalten ist, teilt sich in drei Teile nach der folgenden Einteilung.

 

QUELLE 3 (Hegel über die Einteilung des Systems)

 

§ 18

Wie von einer Philosophie nicht eine vorläufige, allgemeine Vorstellung gegeben werden kann, denn nur das Ganze der Wissenschaft ist die Darstellung der Idee, so kann auch ihre Eintheilung nur erst aus dieser begriffen werden; sie ist wie diese, aus der sie zu nehmen ist, etwas Anticipirtes. Die Idee aber erweist sich als das schlechthin mit sich identische Denken und diß zugleich als die Thätigkeit, sich selbst um für sich zu seyn sich gegenüber zu stellen und in diesem Andern nur bei sich selbst zu seyn. So zerfällt die Wissenschaft in die drei Theile:

 

I. Die Logik, die Wissenschaft der Idee an und für sich,

II. Die Naturphilosophie als die Wissenschaft der Idee in ihrem Andersseyn,

III. Die Philosophie des Geistes, als der Idee, die aus ihrem Andersseyn in sich zurückkehrt.

 

Oben §.15 ist bemerkt, daß die Unterschiede der besondern philosophischen Wissenschaften nur Bestimmungen der Idee selbst sind, und diese es nur ist, die sich in diesen verschiedenen Elementen darstellt. In der Natur ist es nicht ein Anderes als die Idee, welches erkannt würde, aber sie ist in der Form der Entäußerung, so wie im Geiste ebendieselbe als für sich seyend und an und für sich werdend. Eine solche Bestimmung, in der die Idee erscheint, ist zugleich ein fließendes Moment; daher ist die einzelne Wissenschaft eben so sehr dies, ihren Inhalt als seyenden Gegenstand, als auch diß, unmittelbar darin seinen Übergang in seinen höhern Kreis zu erkennen. Die Vorstellung der Eintheilung hat daher das Unrichtige, daß sie die besondern Theile oder Wissenschaften nebeneinander hinstellt, als ob sie nur ruhende und in ihrer Unterscheidung substantielle, wie Arten, wären."

 

(aus: "Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften", GW 20, S.59-60, im Internet hier, in der Bibliothek hier)

 

Auf den ersten Blick mag es scheinen, als gäbe es in der Welt nur Materie, d.h. die Natur, und Geist, d.h. die vom Menschen geschaffene Welt, z.B. die Geschichte. Hegel und die Metaphysiker im Allgemeinen sagen uns jedoch, dass es auch eine andere Ebene der Existenz gibt, die weder materiell noch geistig ist, es ist weder die Welt der Natur noch die Welt des Menschen, sondern etwas Höheres, etwas Reines, das eine der Mathematik vergleichbare Existenz hat. 
Das sind die logischen Kategorien, z.B. Sein, Nichts, Quantität, Qualität, Ursache, Wirkung, Möglichkeit, Notwendigkeit, usw. Diese Kategorien sind nicht nur subjektiv und menschlich, sondern haben auch einen objektiven Wert, z. B. gibt es Ursachen in der Natur, Quantität und Qualität in der Natur usw., so dass ihre Existenz sowohl natürlich als auch geistig, also absolut ist. 
Der lateinische Begriff „absolutum“, von dem der deutsche Begriff „Absolutes“ und seine Ableitungen herkommen, bedeutet wörtlich „aufgelöst“, „getrennt“.

Das Absolute ist seinem Wesen nach etwas, das nicht mit den Sinnen empirisch wahrgenommen werden kann und nirgendwo als solches zu finden ist, und doch ist es da, es hat eine Existenz. Auch die Mathematik hat eine ‚absolute‘ Existenz, so dass wir niemals Zahlen und mathematische Größen in der Natur oder im Geist finden werden, obwohl sowohl die Natur (wie die Naturwissenschaften belegen) als auch der Geist (z.B. die Musik) auf mathematischen Strukturen beruhen. Es ist bekannt, dass Pythagoras glaubte, die Zahlen seien die Erklärung für alles, das erste Prinzip des Seins. Für Hegel sind die Kategorien das erste Prinzip des Seins und die mathematischen Größen sind ein Teil der Kategorien, insbesondere der Kategorie der Quantität.

 

Mündliche Anmerkung 1: mündliche Erklärung über den Begriff ’Logos’. Für den entsprechenden Text, insbesondere die Lektion 7 von meinem Buch "Philosophie für alle" hier oder zusammengefasst hier von Punkt 3 bis 7.13)

Mündliche Anmerkung 2. Hauptbegriffe von Hegels "Wissenschaft der Logik", 1: Kreativität und Immanenz der Entwicklung (dialektischer Monismus) (hier)

Mündliche Anmerkung 3. Hauptbegriffe von Hegels "Wissenschaft der Logik", 2: Aufhebung als Hauptgesetz des dialektischen Monismus (hier)

Mündliche Anmerkung 4: Hauptbegriffe von Hegels "Wissenschaft der Logik", 3: Präsenz des Unendlichen im Endlichen (Begriff der wahren Unendlichkeit) (hier)

Mündliche Anmerkung  4. Hoffmanns Begriff ’Logosphilosophie’

Mündliche Anmerkung 5. Hegels Theorie der Schlüsse (hier)

 

3. Hegels Auffassung der Geschichte der Philosophie.

Die Sapientia, also die theoretische Weisheit, hat - wie alles im Leben - in erster Linie eine Geschichte, die nach Hegels Ausführungen als Liebe zum Wissen (eben Philo-Sophie) begonnen hat und dann wissenschaftliches Wissen in der Neuzeit geworden ist (Philosophie als Wissenschaft). So kann man die Geschichte der Philosophie nach Hegel kurz zusammenfassen. Der Fortgang der Philosophiegeschichte ist seiner Auffassung nach das langsame Sich-Selbst-Erkennen des Absoluten im Menschen. Diese Form der Selbsterkenntnis des Absoluten in seiner zeitlichen Entwicklung ist das Rückgrat der Geschichte der Philosophie, insbesondere der Geschichte der Metaphysik. Dabei entdecken die Menschen schrittweise die Kategorien, oder, was dasselbe ist, die Kategorien, also das Absolute, entdecken sich selbst im menschlichen Denken, sie offenbaren sich, sie präsentieren sich in der Welt, sie treten ans Licht zu ihrer Selbsterkenntnis. Wir können uns auch so ausdrücken, dass der Logos, die absolute Vernunft, die die Welt regiert und schöpferisch gestaltet, sich in der menschlichen Geschichte, insbesondere in der Geschichte der Philosophie und der Metaphysik, wiedererkennt.

 

QUELLE 4 (Hegel über den Begriff der Geschichte der Philosophie)

 

"Die Geschichte, die wir vor uns haben, ist die Geschichte von dem Sich-Selbst-Finden des Gedankens, und bei dem Gedanken ist es der Fall, daß er sich nur findet, indem er sich hervorbringt, ja, daß er nur existiert und wirklich ist, indem er sich findet. Diese Hervorbringungen sind die Philosophien. Und die Reihe dieser Hervorbringungen, diese Entdeckungen, auf die der Gedanke ausgeht, sich selbst zu entdecken, ist eine Arbeit von dritthalbtausend Jahren."

 

G.W.F. Hegel, Werke, Bd. 18, "Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, Einleitung, Bestimmung der Geschichte der Philosophie", S.23-24, Anm. 10, Suhrkampausgabe)

 

4. Hegels Philosophie als Abschluss der Philosophiegeschichte und zugleich Eröffnung einer neuen Epoche in der Menschheitsgeschichte

Das Bewusstsein, die Geschichte der Philosophie nicht zeitlich, sondern logisch abgeschlossen zu haben, durchzieht alle Werke Hegels von Jena an. Die "Phänomenologie des Geistes" stellt genau diese Ankündigung an die Welt dar: "Meine Damen und Herren, das Absolute hat sich erkannt, die absolute Wahrheit ist errreicht worden" (das ist selbstverständich kein Zitat Hegels, doch dem Sinn nach ja!). Aber auch in den "Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie" lesen wir eine Stelle vom gleichen Ton:

 

Quelle 5 (Hegel über seine Philosophie als Abschluss - Resultat - der Geschichte der Philosophie)

 

"E. Resultat
a) Der nunmehrige Standpunkt der Philosophie ist, daß die Idee in ihrer Notwendigkeit erkannt, die Seiten ihrer Diremtion, Natur und Geist, jedes als Darstellung der Totalität der Idee und nicht nur als an sich identisch, sondern aus sich selbst diese eine Identität hervorbringend und diese dadurch als notwendig erkannt werde. Das letzte Ziel und Interesse der Philosophie ist, den Gedanken, den Begriff mit der Wirklichkeit zu versöhnen. Die Philosophie ist die wahrhafte Theodizee, gegen Kunst und Religion und deren Empfindungen, – diese Versöhnung des Geistes, und zwar des Geistes, der sich in seiner Freiheit und in dem Reichtum seiner Wirklichkeit erfaßt hat. Es ist leicht, die Befriedigung sonst auf untergeordneten Standpunkten, Anschauungs-, Gefühlsweisen zu finden. Je tiefer der Geist in sich gegangen, desto stärker der Gegensatz: die Tiefe ist nach der Größe des Gegensatzes, des Bedürfnisses zu messen; je tiefer er in sich, desto tiefer ist sein Bedürfnis, nach außen zu suchen, sich zu finden, desto breiter sein Reichtum nach außen.
Was als wirkliche Natur ist, ist Bild der göttlichen Vernunft; die Formen der selbstbewußten Vernunft sind auch Formen der Natur. Natur und geistige Welt, Geschichte, sind die beiden Wirklichkeiten. Den Gedanken, der sich selbst faßt, sahen wir hervortreten; er strebte, sich in sich konkret zu machen. Seine erste Tätigkeit ist formell; erst Aristoteles sagt, der vors ist das Denken des Denkens. Das Resultat ist der Gedanke, der bei sich ist und darin zugleich das Universum umfaßt, es in intelligente Welt verwandelt. Im Begreifen durchdringen sich geistiges und natürliches Universum als ein harmonierendes Universum, das sich in sich flieht, in seinen Seiten das Absolute zur Totalität entwickelt, um eben damit, in ihrer Einheit, im Gedanken sich bewußt zu werden.
Bis hierher ist nun der Weltgeist gekommen. Die letzte Philosophie ist das Resultat aller früheren; nichts ist verloren, alle Prinzipien sind erhalten. Diese konkrete Idee ist das Resultat der Bemühungen des Geistes durch fast 2500 Jahre (Thales wurde 640 vor Christus geboren), – seiner ernsthaftesten Arbeit, sich selbst objektiv zu werden, sich zu erkennen:
Tantae molis erat, se ipsam cognoscere mentem."

 

(G.W.F. Hegel, "Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie", online hier)

 

Der Begriff ’Resultat’ (Ergebnis) ist im dialektischen Denken von zentraler Bedeutung, daher sollen wir uns eingehender mit seiner tiefsten Bedeutung befassen. 

 

Quelle 6 (Hegel über den Begriff ’Resultat’)

 

"Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen. Es ist von dem Absoluten zu sagen, daß es wesentlich Resultat, daß es erst am Ende das ist, was es in Wahrheit ist; und hierin eben besteht seine Natur, Wirkliches, Subjekt oder Sichselbstwerden zu sein. So widersprechend es scheinen mag, daß das Absolute wesentlich als Resultat zu begreifen sei, so stellt doch eine geringe Überlegung diesen Schein von Widerspruch zurecht. Der Anfang, das Prinzip oder das Absolute, wie es zuerst und unmittelbar ausgesprochen wird, ist nur das Allgemeine. Sowenig, wenn ich sage: alle Tiere, dies Wort für eine Zoologie gelten kann, ebenso fällt es auf, daß die Worte des Göttlichen, Absoluten, Ewigen usw. das nicht aussprechen,[24] was darin enthalten ist; – und nur solche Worte drücken in der Tat die Anschauung als das Unmittelbare aus."

 

(G.W.F. Hegel, "Phänomenologie des Geistes", Vorrede, online hier)
 

Das Resultat ist das Wahre, das Ganze der Entwicklung. In unserem Fall ist das Ganze die Geschichte der Philosophie, und ihr Absolutes, ihr Wahres ist die Philosophie Hegels als Resultat der Geschichte der Philosophie, Offenbarung des Absolutes, des Weltgeistes, der sich im Geist des Menschen endlich erkannt hat. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die reine Geschichte der Philosophie, also auf der Ebene der theoretischen Weisheit, der Sophia, sondern auch auf der Ebene der praktischen Weisheit, der Phronesis, der Geschichte im Allgemeinen. Durch die endlich erreichte Selbsterkenntis des Absoluten im Menschen entsteht eine neue Epoche in der Geschichte der Menscnheit. 

 

(Mündliche Anmerkung 6: Aristoteles über das Denken des Denkens)

 

QUELLE 7 (Hegel über die entstandene neue Epoche in der Geschichte)

 

"c) Dies ist nunmehr das Bedürfnis der allgemeinen Zeit und der Philosophie. Es ist eine neue Epoche in der Welt entsprungen. Es scheint, daß es dem Weltgeiste jetzt gelungen ist, alles fremde gegenständliche Wesen sich abzutun und endlich sich als absoluten Geist zu erfassen und, was ihm gegenständlich wird, aus sich zu erzeugen und es, mit Ruhe dagegen, in seiner Gewalt zu behalten. Der Kampf des endlichen Selbstbewußtseins mit dem absoluten Selbstbewußtsein, das jenem außer ihm erschien, hört auf. Das endliche Selbstbewußtsein hat aufgehört, endliches zu sein; und dadurch andererseits das absolute Selbstbewußtsein die Wirklichkeit erhalten, der es vorher entbehrte. Es ist die ganze bisherige Weltgeschichte überhaupt und die Geschichte der Philosophie insbesondere, welche nur diesen Kampf darstellt und da an ihrem Ziele zu sein scheint, wo dies absolute Selbstbewußtsein, dessen Vorstellung sie hat, aufgehört hat, ein Fremdes zu sein, wo also der Geist als Geist wirklich ist. Denn er ist dies nur, indem er sich selbst als absoluten Geist weiß; und dies weiß er in der Wissenschaft. Der Geist produziert sich als Natur, als Staat; jenes ist sein bewußtloses Tun, worin er sich ein Anderes, nicht als Geist ist; in den Taten und im Leben der Geschichte wie auch der Kunst bringt er sich auf bewußte Weise hervor, weiß von mancherlei Arten seiner Wirklichkeit, aber auch nur Arten derselben; aber nur in der Wissenschaft weiß er von sich als absolutem Geist, und dies Wissen allein, der Geist, ist seine wahrhafte Existenz.

Dies ist nun der Standpunkt der jetzigen Zeit, und die Reihe der geistigen Gestaltungen ist für jetzt damit geschlossen. -Hiermit ist diese Geschichte der Philosophie beschlossen."

 

(G.W.F. Hegel, Werke, Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie, Bd. 20, S. 460-461, Suhrkampausgabe)

 

In diesem Gedankengang hört man den Hegel von Jena, und es ist in der Tat ein gewisser Beweis aus dem jenenser Manuskript, von dem Michelet, der Herausgeber der Vorlesungen, uns erzählt, dass es dasjenige ist, das Hegel immer noch in Berlin zum Unterricht mitgenommen hat, war, kurz gesagt, sein ganzes Leben lang die Grundlage seines Unterrichts in Philosophiegeschichte geblieben. 

 

5. Hegels Philosophie als ’letzte’ Philosophie: Unterscheidung zwischen Ende und Ziel der Geschichte der Philosophie 

(Siehe darüber meinen Aufsatz hier)

Hegels Philosophie stellt also die Vollendung der Philosophie dar; diese Wissenschaft hat in ihr, insbesondere, wie wir im Laufe des Seminars sehen werden, in ihrer Logik-Metaphysik, ihr Ziel erreicht, indem das Absolute in seiner eigenen Form, als Vernunft, erkannt wird. Weiter kann man nicht gehen! Das Absolute, das die Vernunft ist, wird als solches, als Vernunft, erkannt. Während in der Kunst und in der Religion, den beiden anderen Formen der Darstellung des Absoluten in der Welt, eine Kluft zwischen der endlichen menschlichen Subjektivität (der Intuition des Künstlers, der Vorstellung des Gläubigen) und der objektiven rationalen Form des Absoluten besteht, wird dieser Unterschied, diese Diskrepanz in der Logik-Metaphysik vollständig aufgehoben. 

Hegel konnte jedoch nicht so naiv sein zu glauben, dass mit seiner eigenen Philosophie die menschliche Wahrheitssuche im wahrsten Sinne des Wortes endete! Dazu ist es in der Tat notwendig, sehr genau zwischen „Ende“ und „Ziel“ der Philosophie begrifflich zu unterscheiden. Die italienische Sprache bietet interessanterweise zwei identische Worte, die jedoch unterschiedlichen Genres angehören und eine scheinbar ähnliche Bedeutung haben, aber doch ganz unterschiedlich sind: "la fine" (Femininum, das Ende) und "il fine" (Maskulin, das Ziel); im Latein, von dem die italienische Sprache herkommt, haben wir das Wort ’finis’, das beides bedeutet; auf Deutsch gibt es zwei unterschiedliche Worte, was wahrscheilich besser ist, obwohl es doch nicht ganz verkehrt ist, dasselbe Wort zu verwenden, wie auf Latein und teilweise auf Italienisch, da Ende und Ziel doch auch zusammengehören. Es ist sehr interessant zu merken, wie Logik und Sprache oft miteinander verbunden sind. 

Das „Ende“ von etwas betrifft seine Existenz in der Zeit, d.h. den Übergang von seinem Sein zu seinem Nichtsein, genau nach Hegels Definition dieser beiden Kategorien von Sein-Nichtsein in den ersten Abschnitten der Wissenschaft der Logik. Das „Ziel“ von etwas ist vielmehr sein Zweck, ebenfalls eine Kategorie der Logik, die Hegel im Abschnitt über das Wesen erörtert. Das Ziel ist die Vollendung des Prozesses, die Verwirklichung des Begriffs eines Seienden zu seiner eigenen Erfüllung, zu seiner eigenen Verwirklichung.

Wenden wir nun diese doppelte Kategorie des Endziels auf die Geschichte der Philosophie an, so können wir sagen, dass das Ziel des Prozesses der Geschichte der Metaphysik das absolute Selbstbewusstsein ist, d.h. das Bewusstsein, zu dem der ‚letzte‘ Metaphysiker gelangt, dass der Logos sich endlich erkannt hat und das Grundprinzip der Welt verstanden wurde. 
Wenn man diese Stufe des Selbstbewusstseins des Absoluten erreicht hat, kann man kein höheres Wissen als dieses anstreben; dieses volle Bewusstsein wird in Hegels Logik-Metaphysik erreicht, da in ihr die Kategorien objektiv und wissenschaftlich erkannt werden, wie wir in diesem Seminar uner anderem lernen werden. 
In diesem Sinne ist das Ziel der Geschichte der Metaphysik erreicht worden. Wir können sagen, dass die Metaphysik die erste Wissenschaft ist, die ihr Ziel erreicht hat, nämlich das Verständnis des ersten Prinzips der Welt, das die Griechen ’archè’ nannten. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Geschichte der Philosophie zu Ende ist, d.h. dass ihr Endpunkt erreicht ist! Die Geschichte der Philosophie ging nach Hegel und geht natürlich uch heute weiter, mit einer Vielzahl von Aufgaben. 

Nach Hegels Tod war es zunächst einmal notwendig, seine Philosophie gut zu verstehen, um von Anfang an eine solide Hegel-Forschung zu haben, auch weil Hegel plötzlich starb, ohne ein philosophisches Testament hinterlassen zu können. Daher die interne Spaltung unter seinen Schülern und alles, was daraus folgte.
Zweitens wurden wichtige, wenn auch teilweise fehlerhafte Versuche unternommen, den dialektischen Staatsbegriff zu realisieren (Marx-Kommunismus, Gentile-Faschismus). Gerade weil die Hegel-Forschung Hegels Philosophie noch nicht hinreichend verstanden hatte, nicht zuletzt, weil viele seiner Schriften, vor allem die seiner Jugend, erst viel später veröffentlicht wurden und erst in den letzten Jahrzehnten in eine wissenschaftlich gültige zeitliche Ordnung gebracht werden konnten, sind diese historischen Versuche, einen philosophisch-dialektischen Staat zu begründen, entweder gescheitert oder Diktatur geworden (was gegen der Geist des Idealismus geht, der auf die Freiheit für alle zielt). 
Heute ist die Situation jedoch anders. Die Hegel-Forschung hat vor allem nach 1945 große Fortschritte gemacht, und die wissenschaftliche Ausgabe von Hegels Werken (Gesammelte Werke, Link 
hier) ermöglicht uns, eine objektiv angemessene Kenntnis seines authentischen Denkens zu erreichen.
Es ist also heute möglich, die authentische Bedeutung der Philosophie Hegels als ultimative „Metaphysik“ objektiv adäquat zu erkennen und auf der Grundlage dieser Erkenntnis eine angemessene philosophische Weltgesellschaft zu schaffen. 
Die Geschichte der Metaphysik ist also in ihren Grundzügen abgeschlossen, die Geschichte der Philosophie dagegen geht verstärkt weiter, denn sie muss nun von der Theorie zur Praxis, zur Verwirklichung des philosophischen und „dialektischen“ Staates übergehen. Die ersten zwei Versuche sind gescheitert, die Welt braucht aber jetzt einen dritten. 

 

6. Hegels Begriff der Philosophie als neue (und letzte) (Vernunft)Religion für die neue (und letzte) Epoche der Geschichte

Mit diesen Erläuterungen aus den ersten vier Sitzungen des Seminars sollte klar geworden sein, was Hegel unter „Geist“ versteht und insbesondere, was seiner Meinung nach der „absolute Geist“ ist, die letzte Sektion seines Systems, also dessen „Resultat“. Zum Beginn dieser Sektion stellt aber Hegel fest, dass man mit dem Begriff ’Religion’ eigentlich die ganze Sektion und nicht nunr ihr zweites Kapitel bezeichnen müsste. So der Philosoph:

 

QUELLE 8 (Hegel über den ’absoluten Geist’ als ’Religion’)

"§ 554
Der absolute Geist ist ebenso ewig in sich seiende als in sich zurückkehrende und zurückgekehrte Identität, die eine und allgemeine Substanz als geistige, das Urteil in sich und in ein Wissen, für welches sie als solche ist. Die Religion, wie diese höchste Sphäre im allgemeinen bezeichnet werden kann, ist ebensosehr als vom Subjekte ausgehend und in demselben sich befindend als objektiv von dem absoluten Geiste ausgehend zu betrachten, der als Geist in seiner Gemeinde ist."

 

(Aus: "Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften",   §554, im Internet hier)

 

Das überrascht uns jedoch nicht, wenn wir Hegels Texte aus seiner Jugend kennen. Wir wissen, dass sein Hauptinteresse damals der Religion und nicht der Philosophie galt. Erst viel später, im Alter von etwa 30 Jahren, ab 1801, begann er sich ernsthaft mit Philosophie zu beschäftigen, als er erkannte, dass Religion in der Zeit der Aufklärung eigentlich als Philosophie erscheint. Von diesem Zeitpunkt an beschäftigte Hegel sich mit Philosophie, die für ihn nichts anderes war als die neue aufgeklärte, absolute und endgültige Religion der Menschheit. 

 

(Mündliche Anmerkung 7: die Entstehung von Hegels System als Resultat seiner Jugendentwicklung auf der Suche nach einer aufgeklärten Religion (hier)

 

7. Die neue Epoche als letzte Epoche der Geschichte der Menschheit: von der Vorgeschichte zur Geschichte 

In diesem Zusammenhang ist ein Text von besonderer Bedeutung, weil er einen Abriss der Religionsgeschichte der Menschheit enthält. Darin rekonstruiert Hegel diese Geschichte, indem er einen Fortschritt in der Geschichte der Religion von relativen und historischen Entwicklungsstufen bis zu ihrer absoluten und universalen Form sieht. Diese Form, mit der nach Ansicht des schwäbischen Denkers die religiöse Entwicklung der Menschheit endet, wird von der Philosophie dargestellt, die somit mit der absoluten Religion zusammenfällt.(1) Dieser Text wurde richtigerweise von Karl Rosenkranz unter dem Titel "Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit" überliefert. Was seine Datierung betrifft, so ist es nicht möglich, durch ein graphologisches Gutachten den genauen chronologischen Moment seiner Verfassung zu bestimmen, da das Manuskript als verloren gegangen gilt. Aufgrund des Inhaltes ist er auf jeden Fall in die Zeit um 1805 einzuordnen. Genau in diesem Jahr fällt nämlich die vollständige Ausarbeitung der Hegelschen "Logik/Metaphysik", die von diesem Text vorausgesetzt wird.
Dieser Text bietet eine sehr präzise Antwort auf die in der Suche nach einer absoluten Religion enthaltenen Problematik, die bei der Fertigstellung des Manuskriptes "System der Sittlichkeit" von 1802/03 ungelöst geblieben war, und nimmt gleichzeitig die Ergebnisse der Konstruktion des Systems vorweg bzw. setzt diese voraus, und zwar insbesondere den Begriff der Philosophie als Wissenschaft, der sowohl für die "Logik/Metaphysik" als auch für die "Phänomenologie" grundlegend ist. 

In der Folge wird untersucht werden, welchen Beitrag dieser ganz wichtige Text für den Entwicklungsfortschritt des Hegelschen Denkens enthält.

Der Text zeichnet nämlich die historische Darstellung der chronologischen Entwicklung der verschiedenen wichtigsten Religionsformen nach. Schon am Beginn des Textes stellt Hegel jedoch klar, dass es sich nicht nur um eine chronologische und historische, sondern auch um eine systematische und philosophische Entwicklung handelt, und zwar in dem Sinne, dass die logisch-dialektische Gliederung des Religionsbegriffs der historischen Entwicklung zugrunde liegt, da diese ihre Manifestation in der Zeit darstellt:

 

QUELLE 8 (Hegel über die Epochen der Weltgeschichte nach seinem Biographen, Karl Rosenkranz)

 

„Die Religion muß, wie Hegel sich in der damaligen naturphilosophischen Modesprache ausdrückte, nach den allgemeinen drei Dimensionen der Vernunft innerhalb der klimatischen Modificationen nach ihrer empirischen Differenz weltgeschichtlich in folgenden drei Formen auftreten: 1) in der Form der Identität, in ursprünglicher Versöhntheit des Geistes und seines Reellseins in der Individualität; 2) in der Form, daß der Geist von der unendlichen Differenz seiner Identität anfange und aus ihr eine relative Identität reconstruire und sich versöhne; 3) diese Identität, unter jene erste absolute subsumirt, wird das Einssein der Vernunft in Geistesgestalt und derselben in ihrem Reellsein oder in Individualität als ursprünglich und zugleich ihren unendlichen Gegensatz und seine Reconstruction setzen.“

 

(GW 5, S. 460-461, 35-34)

 

Es ist daher eindeutig, dass für Hegel schon vom Augenblick der Verfassung dieses Textes an die historische Abfolge der drei Hauptreligionsformen der systematischen Struktur des Begriffs der Vernunft entspricht, und zwar nach dem dialektischen Schema, das damals Hegel schon zur Verfügung stand, auch wenn es noch nicht vollständig ausgereift war: Urprüngliche Identität (Versöhnung), Spaltung und schließlich auf höherer Ebene wiedererlangte Identität unter Einschluss des Gegensatzes (Wiederversöhnung).
Im zitierten Text konzentriert sich Hegel mehr auf die Entwicklung der historischen Seite. Der zufolge entspricht die erste Stufe der Naturreligion, die zweite Stufe der christlichen Religion (oder allgemein der monotheistischen Religion) und schliesslich die dritte Stufe der absoluten Religion bzw. Philosophie. Die systematische Seite dieser Problematik wird von ihm hingegen in der Philosophie des Geistes aus dem Jahr 1805/06 entwickelt.

Der Inhalt der dritten Phase besteht aus der letzten Stufe des religiösen Vorgangs, der Erhebung des endlichen zum unendlichen Bewusstsein, in dem die Menschheit also den Übergang von der Sichtweise des empirischen und subjektiven Bewusstseins zu jener des reinen und absoluten Bewusstseins vollzieht. Hegel definiert diese Sichtweise mit folgenden Worten:

 

QUELLE 9 (Hegel über die Philosophie als ’Aufhebung’ der Religion)

 

“Nachdem nun der Protestantismus die fremde Weihe ausgezogen, kann der Geist sich als Geist in eigener Gestalt zu heiligen und die ursprüngliche Versöhnung mit sich in einer neuen Religion herzustellen wagen, in welche der unendliche Schmerz und die ganze Schwere seines Gegensatzes aufgenommen, aber ungetrübt und rein sich auflöst, wenn es nämlich ein freies Volk geben und die Vernunft ihre Realität als einen sittlichen Geist wiedergeboren haben wird, der die Kühnheit haben kann, auf eigenem Boden, und aus eigener Majestät sich seine reine Gestalt zu nehmen. – Jeder Einzelne ist ein blindes Glied in der Kette der absoluten Nothwendigkeit, an der sich die Welt fortbildet. Jeder Einzelne kann sich zur Herrschaft über eine größere Länge dieser Kette allein erheben, wenn er erkennt, wohin die große Nothwendigkeit will und aus dieser Erkenntniß die Zauberworte aussprechen lernt, die ihre Gestalt hervorrufen. Diese Erkenntniß, die ganze Energie des Leidens und des Gegensatzes, der ein paar tausend Jahre die Welt und alle Formen ihrer Ausbildung beherrscht hat, zugleich in sich zu schließen und sich über ihn zu erheben, diese Erkenntniß vermag nur Philosophie zu geben.“

 

(GW 5, S. 465, 1-17). 

 

Der Philosoph  stellt also in diesem Absatz klar, dass die „dritte Religionsform“ der Menschheit die Philosophie sein muss, da sie die der Vernunft eigene Form ist, oder, anders gesagt, auf dem Wissen beruht und daher die absolute Religionsform ist (daher drittes und letztes Stadium der religiösen Entwicklung der Menschheit, nach der Naturreligion oder Polytheismus und der übernatürlichen oder Monotheismus). Rosenkranz schreibt zu dieser Thematik folgendes und kommentiert dabei den Text, den er noch besaß:

 

QUELLE 10 (Rosenkranz über Hegel)

 

“Obwohl nun Hegel damals, wie aus den vorstehenden Mittheilungen zur Genüge hervorgeht, den Protestantismus für eine eben so endlicher Form des Christenthums hielt, als den Katholizismus, so ging er deswegen doch nicht, wie Viele seiner Zeitgenossen, zum Katholizismus über, sondern glaubte, daß aus dem Christenthum durch die Vermittelung der Philosophie eine dritte Form der Religion sich hervorbilden werde.“

 

(GW 5, S. 464,20-24) 

 

Hegels Ansicht von der Entwicklung der Religion lässt sich zumindest in seiner Jenaer Zeit wie folgt darstellen.

Religionsphilosophische Pyramide der Entwicklung der Geschichte des absoluten Geistes nach Hegels Ansichten in der Jenaer Zeit.

 

Quellentext bei Hegel hier
(In: Karl Rosenkranz, Hegels Leben, im Internet hier)
Erklärung der Pyramide hier)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

8. Sinn (Ziel, Zweck, dialektisch ausgedrückt: Resultat) der Philosophie als Vernunftreligion: die Begründung einer natürlichen (Rousseau), absoluten (Kant) Ethik (Sittlichkeit)

 

(Mündliche Anmerkung 8: von der theoretischen zu der praktischen Philosophie: über das Verhältnis zwischen dem ’Wahren’ und dem ’Guten’)

 

Die aufkommende Rolle der Philosophie als religiöses Modell der Menschheit stellt die Erreichung des höchsten Grades der Erhebung des endlichen Lebens zum unendlichen Leben dar, d. h. den Grad der Identifikation des endlichen Lebens mit dem unendlichen Leben, des Menschen mit Gott, des individuellen Geistes im Individuum mit dem absoluten Geist, der in allen Menschen und Wesen wirkt. Mit den Worten Hegels: Der Logos ist vollständig in sich selbst zurückgekehrt. 
Von diesem Moment an endet die Vorgeschichte und beginnt die wahre Geschichte der Menschheit. Kant sagte, dass der Mensch mit der Aufklärung aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit herausgetreten sei (hier); nach Hegel ist die Aufklärung als „Aufklärung des Verstandes”, wie noch bei Kant (Dualismus), noch kein wirkliches Ausgang aus der Unmündigkeit, sondern nur der Beginn dieses Ausgangs. Erst mit der „Aufklärung der Vernunft”, also im Zeitalter des Idealismus, kann ein solcher Ausgang stattfinden.

Natürlich hat der junge Hegel noch kein ausgearbeiteter Begriff dieser „Aufklärung der Vernunft“, aber er arbeitet bereits daran und definiert die Alternative zur Aufklärung des Verstandes mit den Begriffen, die er damals zur Verfüfung hatte, d.h. mit den Begriffen der Religion. Zuerst behauptet er, dass

 

QUELLE 11 (Hegel über die ’Aufklärung des Verstandes’)

 

„Aufklärung des Verstandes macht zwar klüger, aber nicht besser.“

 

(Aus: "Text 16" der Jugendschriften in GW 1, S.94, Zeile 12).

 

Dieser Meinung ist er sein ganzes Leben lang treu geblieben. Hegel war immer ein Kritiker des Verstandes, der unfähig ist, das Ganze des Gemeinwohls zu begreifen und dagenen in den Menschen eine begrentze, individualistische und egoistische Sicht der Dinge fördert. In der Tat ist die Gesellschaft zumindest im Westen nach der Aufklärung ’klüger’ aber nicht ’besser’ geworden, wenn wir sie mit der Gesellschaft vor der Aufklärung vergleichen. Die Aufklärung des Verstandes hat eine schnelle und kräftige Entwicklung der Einzelwissenschaften, der Wirtschaft, der Technologie, leider auch im Militätbereich, gefördert, die Erkenntnis des Ganzen, also die Philosophie und insbesondere die Metaphysik, ist aber komplett in eine Ecke geschoben und als unnützlich, wenn nicht sogar schädlich abgestempelt worden. Sie spielt keine zentrale Rolle mehr in der Gesellschaft, wie es zur Zeit Hegels z.B. der Fall war. Das sagen nicht nur die wenigen übriggebliebenen Metaphysiker, sondern auch ein wichtiger englischer Universalhistoriker und Politiker, Arnold Joseph Toynbee (hier):

 

QUELLE 12 (Toynbee über die letzten 200 Jahre der Weltgeschichte)

 

"In den letzten zwei Jahrhunderten hat der Mensch seine materielle Macht so weit erhöht, dass sie zu einer Bedrohung für das Überleben der Biosphäre geworden ist, aber er hat seine geistigen Möglichkeiten nicht gleichzeitig entwickelt, sondern im Gegenteil, die Lücke zwischen diesen und seiner materiellen Macht hat sich entsprechend erweitert. Diese Diskrepanz ist ein Grund zur Beunruhigung, denn nur eine Entwicklung des geistigen Potentials des Menschen ist heute die einzig denkbare Veränderung in der Konstitution der Biosphäre, die die Biosphäre selbst und den Menschen damit vor der Zerstörung durch eine Gier schützen kann, die heute mit der Kraft ausgestattet ist, die notwendig ist, um ihre eigenen Ziele zu besiegen.“

 

(Aus: "Menschheit und Mutter Erde. Die Geschichte der großen Zivilisationen", Düsseldorf 1979, S. 487)

 

Es handelt sich um die Zeit, die sich in der weltgeschichtlichen Pyramide zwischen der Epoche des Monotheismus und der Epoche des Idealismus befindet. Es ist unsere Zeit, die Zeit in der wir leben. Diese tragische Zwischenstufe in der Weltgeschichte soll mit der Zeit des Idealismus enden, worunter von Hegel aber nicht eine besondere philosophische Richtung gemeint ist, sondern die Philosophie ’an sich’. Jede Philosophie ist nach ihm ’Idealismus’. Lesen wir seine eindeutige Worte darüber.

 

QUELLE 13 (Hegel über den Idealismus)


"Der Satz, daß das Endliche ideell ist, macht den Idealismus aus. Der Idealismus der Philosophie besteht in nichts anderem als darin, das Endliche nicht als ein wahrhaft Seiendes anzuerkennen. Jede Philosophie ist wesentlich Idealismus oder hat denselben wenigstens zu ihrem Prinzip, und die Frage ist dann nur, inwiefern dasselbe wirklich durchgeführt ist. Die Philosophie ist es sosehr als die Religion; denn die Religion anerkennt die Endlichkeit ebensowenig als ein wahrhaftes Sein, als ein Letztes, Absolutes, oder als ein Nicht-Gesetztes, Unerschaffenes, Ewiges. Der Gegensatz von idealistischer und realistischer Philosophie ist daher ohne Bedeutung. Eine Philosophie, welche dem endlichen Dasein als solchem wahrhaftes, letztes, absolutes Sein zuschriebe, verdiente den Namen Philosophie nicht; Prinzipien älterer oder neuerer Philosophien, das Wasser oder die Materie oder die Atome, sind Gedanken, Allgemeine, Ideelle, nicht Dinge, wie sie sich unmittelbar vorfinden, d. i. in sinnlicher Einzelheit, selbst jenes Thaletische Wasser nicht; denn obgleich auch das empirische Wasser, ist es außerdem zugleich das Ansich oder Wesen aller anderen Dinge, und diese sind nicht selbständige, in sich gegründete, sondern aus einem Anderen, dem Wasser, gesetzte, d. i. ideelle. Indem vorhin das Prinzip das Allgemeine, das Ideelle genannt worden, wie noch mehr der Begriff, die Idee, der Geist Ideelles zu nennen ist und dann wiederum die einzelnen sinnlichen Dinge als ideell im Prinzip, im Begriffe, noch mehr im Geiste als aufgehoben sind, so ist dabei auf dieselbe Doppelseite vorläufig aufmerksam zu machen, die bei dem Unendlichen sich gezeigt hat, nämlich daß das eine Mal das Ideelle das Konkrete, Wahrhaftseiende ist, das andere Mal aber ebensosehr seine Momente das Ideelle, in ihm Aufgehobene sind, in der Tat aber nur das eine konkrete Ganze ist, von dem die Momente untrennbar sind.
Bei dem Ideellen wird vornehmlich die Form der Vorstellung[172] gemeint und das, was in meiner Vorstellung überhaupt oder im Begriffe, in der Idee, in der Einbildung usf. ist, ideell genannt, so daß Ideelles überhaupt auch für Einbildungen gilt, – Vorstellungen, die nicht nur vom Reellen unterschieden, sondern wesentlich nicht reell sein sollen. In der Tat ist der Geist der eigentliche Idealist überhaupt; in ihm, schon wie er empfindend, vorstellend, noch mehr insofern er denkend und begreifend ist, ist der Inhalt nicht als sogenanntes reales Dasein; in der Einfachheit des Ich ist solches äußerliches Sein nur aufgehoben, es ist für mich, es ist ideell in mir. Dieser subjektive Idealismus, er sei als der bewußtlose Idealismus des Bewußtseins überhaupt oder bewußt als Prinzip ausgesprochen und aufgestellt, geht nur auf die Form der Vorstellung, nach der ein Inhalt der meinige ist; diese Form wird im systematischen Idealismus der Subjektivität als die einzig wahrhafte, die ausschließende gegen die Form der Objektivität oder Realität, des äußerlichen Daseins jenes Inhalts behauptet. Solcher Idealismus ist formell, indem er den Inhalt des Vorstellens oder Denkens nicht beachtet, welcher im Vorstellen oder Denken dabei ganz in seiner Endlichkeit bleiben kann. Es ist mit solchem Idealismus nichts verloren, ebensowohl weil die Realität solchen endlichen Inhalts, das mit Endlichkeit erfüllte Dasein erhalten ist, als, insofern davon abstrahiert wird, an sich an solchem Inhalt nichts gelegen sein soll; und es ist nichts mit ihm gewonnen, eben weil nichts verloren ist, weil Ich, die Vorstellung, der Geist mit demselben Inhalt der Endlichkeit erfüllt bleibt. Der Gegensatz der Form von Subjektivität und Objektivität ist allerdings eine der Endlichkeiten; aber der Inhalt, wie er in die Empfindung, Anschauung oder auch in das abstraktere Element der Vorstellung, des Denkens aufgenommen wird, enthält die Endlichkeiten in Fülle, welche mit dem Ausschließen jener nur einen Weise der Endlichkeit, der Form von Subjektivem und Objektivem, noch gar nicht weggebracht, noch weniger von selbst weggefallen sind."

 

(Aus: "Wissenschaft der Logik", hier, Anmerkung 2) 

 

Es ist daher offensichtlich, dass Hegels Überlegungen aus den Jahren 1793-94 leider den Verlauf der Geschichte in den folgenden 230 Jahren, also bis heute, wiederspiegeln und mit den Schlussfolgerungen des berühmten Universalhistorikers Toynbee übereinstimmen. Der junge Hegel, gerade einmal 23-24 Jahre alt, hatte bereits erkannt, dass die ’Aufklärung des Verstandes’ nicht das letzte Wort in der Geschichte sein konnte. Damals wusste er noch nicht, welches dieses Wort hätte sein können, da er "die Geschichte noch nicht philosophisch studiert hatte", wie er einige Jahre zuvor in seinem Tagebuch schon geschrieben hatte. Er hatte aber bereits verstanden, dass diese Art von Aufklärung die Religion nicht ersetzen konnte, da sie den Individualismus und nicht die soziale Verbundenheit förderte. Die Geschichte nach Hegel hat ihm leider völlig recht gegeben. 

Obwohl Hegel noch über keinen detaillierten Begriff einer besseren Aufklärung verfügte, die besser war als die des Verstandes, doch entwickelte und schrieb er in seinen frühen Schriften einige Ideen nieder, die uns helfen können, sein späteren Begriff der ’Sittlichkeit’ und der Ethik der ’neuen Epoche’ tiefer zu begreifen. In diesem Zusammenhang spricht er beispielsweise gerade von der Weisheit, also von dem, was wir als Wesen und Ziel der Philosophie in der ersten Sitzung bezeichnet haben (die Sapientia). 
 

QUELLE 14 (Hegel über Weisheit als wahre Aufklärung)

 

"Etwas anderes als Aufklärung, als Räsonnement ist Weisheit - Aber Weisheit ist nicht Wissenschaft - Weisheit ist eine Erhebung der Seele, die sich durch Erfahrung verbunden mit Nachdenken über Abhängigkeit von Meinungen wie von den Eindrükken der Sinnlichkeit erhoben hat und nothwendig, wenn es praktische Weisheit, nicht blosse selbstgefällige oder  prahlende Weisheit, von einer ruhigen Wärme, einem sanften Feuer begleitet seyn mus; [...] sie hat ihre Überzeugung nicht  auf dem allgemeinen Markt eingekauft, wo man das Wissen an jeden, der richtig  bezahlt, hergibt, [...] sondern spricht aus  der Fülle des Herzens"

 

(Aus: "Text 16" der Jugendschriften in GW 1, S.97).

 

Er sieht die Weisheit in der subjektiven Religion, die er von der objektiven Religion strikt unterscheidet.

 

QUELLE 15 (Hegel über Weisheit als subjektive Religion)

„Meine Absicht ist nicht, zu untersuchen, welche religiöse Lehre am meisten Interesse fürs Herz haben, [...], sondern was für An­stalten dazu gehören, daß die Lehren und die Kraft der Religion in das gewebe der menschlichen Empfindungen eingemischt, ihren Triebfedern zu handeln beigesellt, und sich in ihnen lebendig und wirksam erweise - daß sie ganz subjektiv werde - wenn sie das ist - so äussert sie ihr Daseyn nicht blos durch Händefalten, [...], sondern sie ver­breitet sich auf alle Zweige der menschli­chen Neigungen (ohne daß die Seele gerade es sich bewust ist) und wirkt überall - aber nur mittelbar mit - sie wirkt, um mich so auszudrücken, negativ, bei dem frohen Ge­nus menschlicher Freude - [...], wenn sie auch nicht unmittelbar einwirkt, so hat sie doch den feinern Einfluß, daß sie die Seele wenigstens frei und offen dabei fortwirken läst,[...]-”

 

(Aus: "Text 16" der Jugendschriften in GW 1, S.90, 3-25).

 

(Mündliche Anmerkung 9: tiefe und echte Bedeutung von Hegels Begriff der Sittlichkeit auf der Grundlage seiner Vision einer ’subjektive Religion’; Differenz zu Kants Auffassung der praktischen Vernunft).

 

9. Hegels Begriff von ’Sittlichkeit’ 

 

9.1 Begriff von ’Sittlichkeit’ als ’habitus’, Gesinnung, geistige Gewohnheit, Denk- und Lebensweise, nicht als abstraktes Ideal, sondern als etwas Konkretes, als Verbindung von Denken und Empfinden (subjektive Religion des jungen Hegel, Begriff der Sapientia der philosophischen Tradition).

 

QUELLE 16 (Begriff ’Sittlichkeit als Gesinnung’)

"Die Sittlichkeit ist die Vollendung des objektiven Geistes, die Wahrheit des subjektiven und objektiven Geistes selbst. Die Einseitigkeit von diesem ist, teils seine Freiheit unmittelbar in der Realität, daher im Äußeren, der Sache, teils in dem Guten als einem abstrakt Allgemeinen zu haben; die Einseitigkeit des subjektiven Geistes ist, gleichfalls abstrakt gegen das Allgemeine in seiner innerlichen Einzelheit selbstbestimmend zu sein. Diese Einseitigkeiten aufgehoben, so ist die subjektive Freiheit als der an und für sich allgemeine vernünftige Wille, der in dem Bewußtsein der einzelnen Subjektivität sein Wissen von sich und die Gesinnung wie seine Betätigung und unmittelbare allgemeine Wirklichkeit zugleich als Sitte hat, – die selbstbewußte Freiheit zur Natur geworden."

 

(Aus: "Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften",   1830, §513, im Internet hier)

 

Diesen Begriff befand sich schon in seiner Rechtsphilosophie (1821):

 

Quelle 17 (Begriff ’Sittlichkeit als zweite Natur’)

 

"Aber in der einfachen Identität mit der Wirklichkeit der Individuen erscheint das Sittliche, als die allgemeine Handlungsweise derselben, als Sitte, – die Gewohnheit desselben als eine zweite Natur, die an die Stelle des ersten bloß natürlichen Willens gesetzt und die durchdringende Seele, Bedeutung und Wirklichkeit ihres Daseins ist, der als eine Welt lebendige und vorhandene Geist, dessen Substanz so erst als Geist ist."

 

(Aus: "Grundlinien der Philosophie des Rechts", § 151, im Internet hier)

 

Im ersten Paragraphen des Kapitels über die Sittlichkeit in der Rechtsphilosophie ist Hegel noch deutlicher, indem er die Sittlichkeit als das „lebendige Gute” identifiziert, offensichtlich im Gegensatz zum abstrakten Guten subjektivistischer Positionen wie der von Kant.

Quelle 18 (Begriff ’Sittlichkeit als zweite Natur’)

"Die Sittlichkeit ist die Idee der Freiheit, als das lebendige Gute, das in dem Selbstbewußtsein sein Wissen, Wollen und durch dessen Handeln seine Wirklichkeit, so wie dieses an dem sittlichen Sein seine an und für sich seiende Grundlage und bewegenden Zweck hat, – der zur vorhandenen Welt und zur Natur des Selbstbewußtseins gewordene Begriff der Freiheit."

(Aus: "Grundlinien der Philosophie des Rechts", § 142, im Internet hier)

 

9.2 Denken, Logos, absoluter Geist: der absolute Geist und die Philosophie als Vernunftreligion, die in der Epoche des Idealismus dominieren wird (Geschichte, Ende der Vorgeschichte oder der „Phänomenologie des absoluten Geistes” – höchste Form der Erkenntnis, weiter kann man nicht gehen, weil der, der sich erkennt, das Absolute ist, der Logos - höchstes Ziel der Weltgeschichte)

9.3 Unterschied zwischen dem kategorischen Imperativ Kants (Sollen, ethischer Dualismus, Trennung zwischen  Denken und Empfinden) und der Sittlichkeit Hegels (ethischer Monismus, Einheit von Denken und Empfinden)

 

Quelle 19 (Kants zweiter kategorischer Imperativ)

 

„Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“

 

(Aus: "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten", 1785, in: I. Kant: Akademie Ausgabe, Bd. IV, S. 429).

 

Quelle 20 (Hegels Begriff der Sittlichkeit als Gesinnung schon bei der ersten Formulierung der Theorie der Sittlichkeit in der Jenaer Zeit)

 

Die Sittlichkeit muss mit völliger Vernichtung der Besonderheit und der relativen Identität, deren das Naturverhältniß allein fähig, absolute Identität der Intelligenz seyn; oder die absolute Identität der Natur muß in die Einheit des absoluten Begriffs aufgenommen, und in der Form dieser Einheit vorhanden seyn; Ein klares, und zugleich absolut reiches Wesen; ein vollkommenes sich Objectivseyn und Anschauen des Individuums in dem Fremden; also die Aufhebung der natürlichen Bestimmtheit und Gestaltung, völligen Indifferenz des Selbstgenusses; auf diese Weise ist der unendliche Begriff allein schlechthin eins mit dem Wesen des Individuums, und dasselbe in seiner Form als wahre Intelligenz vorhanden; es ist wahrhaft unendlich, denn alle seine Bestimmtheit ist vernichtet; und seine Objektivität ist nicht für ein künstliches Bewußtseyn für sich, mit Aufhebung der empirischen Anschauung und für die intellektuelle Anschauung; so [ist] die intellektuelle Anschauung durch die Sittlichkeit und in ihr allein eine reale, die Augen des Geistes und die leiblichen Augen fallen vollkommen zusammen; der Natur nach sieht der Mann Fleisch von seinem Fleisch im Weibe, der Sittlichkeit nach allein Geist von seinem Geist in dem sittlichen Wesen, und durch dasselbe.
Die Sittlichkeit ist hienach bestimmt, daß das lebendige Individuum als Leben im absoluten Begriff gleich sey, daß sein empirisches Bewusstseyn eins sey mit dem absoluten und das absolute Bewusstseyn selbst empirisches Bewusstseyn; eine in sich ununterscheidbare Anschauung; aber so daß diese Unterscheidung durchaus etwas oberflächliches, und ideelles ist, und das Subjectseyn in der Realität und der Unterscheidung nichts ist. Dieses völlige Gleichseyn ist allein möglich durch die Intelligenz, oder den absoluten Begriff, nach welchem das lebendige Wesen, als Gegentheil seiner selbst als Object ist selbst absolute Lebendigkeit und absolute Identität des einen und vielen, nicht wie jede andere empirische Anschauung unter ein Verhältniß gesetzt, | der Notwendigkeit dienend, und als beschränktes, die Unendlichkeit ausser sich habend gesetz ist.

In der Sittlichkeit ist also das Individuum auf eine ewige Weise; sein empirisches Sein und Tun ist ein schlechthin Allgemeines; denn es ist nicht das Individuelle, welches handelt, sondern der allgemeine absolute Geist in ihm. Die Ansicht der Philosophie von der Welt und der Notwendigkeit, nach welcher alle Dinge in Gott sind und keine Einzelnheit ist, ist für das empirische Bewußtsein vollkommen realisiert, indem jede Einzelnheit des Handelns oder Denkens oder Seins ihr Wesen und [ihre] Bedeutung ganz allein im Ganzen hat, und insofern ihr Grund gedacht, ganz allein dieses gedacht wird, und das Individuum keinen andern weiß und sich einbildet; da das nicht-sittliche empirische Bewußtsein darin besteht, daß es zwischen das Einssein des Allgemeinen und Besondern, deren jenes der Grund ist, irgend eine andere Einzelnheit als Grund einschiebt; hier hingegen ist die absolute Identität, die vorher der Natur und etwas Inneres war, ins Bewußtsein herausgetreten.“  

(Aus: "System der Sittlichkeit", in: GW5, S.324-325; im Internet hier, S. 14-15, aber in einer anderen Edition)

 

Bei Hegel haben wir also eine einheitliche, harmonische Sichtweise des Menschen, die nicht gespalten ist. Dieses Menschsein zu erreichen, ist das Ziel der Weltgeschichte und der Hauptzweck der philosophischen Arbeit.

 

10. Kurze Zusammenfassung des bisher Gesagten
Wie wir in der letzten Sitzung gesehen haben, basiert Hegels Begriff der Sittlichkeit darauf, dass diese als ‚zweite Natur‘ des Menschen fungieren soll und dies auch wird, wenn der Mensch sich durch die Philosophie das absolute Selbstbewusstsein erreicht. Auf diese Weise wird die Sittlichkeit zu  einem ‚habitus‘, einer ‚Gewohnheit‘, einer unmittelbaren und spontanen Art zu denken und zu leben, eben zu einer ‚Sitte‘.


Quellen 21-22 : zum Begriff ‚Gewohnheit‘ als ‚zweite Natur‘ (Aus: „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“, 1830)


§410
„Die Gewohnheit ist mit Recht eine zweite Natur genannt worden, – Natur, denn sie ist ein unmittelbares Sein der Seele, – eine zweite, denn sie ist eine von der Seele gesetzte Unmittelbarkeit, eine Ein- und Durchbildung der Leiblichkeit, die den Gefühlsbestimmungen als solchen und den Vorstellungs- [und] Willensbestimmtheiten als verleiblichten (§ 401) zukommt.“


Sowie im Zusatz zum §410:
„[…] sie (gemeint: die Gewohnheit) ist eine zweite Natur, die zwar gesetzt ist, aber eben darum unmittelbare Natur geworden ist.“

 

In Bezug auf die Sittlichkeit schreibt Hegel folgende Gedanken.


Quellen Nr. 23-24: die Sittlichkeit als ‚zweite Natur‘ (Aus: „Grundlinien der Philosophie des Rechts“,1821)


§ 142
"Die Sittlichkeit ist die Idee der Freiheit, als das lebendige Gute, das in dem Selbstbewußtsein sein Wissen, Wollen und durch dessen Handeln seine Wirklichkeit, so wie dieses an dem sittlichen Sein seine an und für sich seiende Grundlage und bewegenden Zweck hat, – der zur vorhandenen Welt und zur Natur des Selbstbewußtseins gewordene Begriff der Freiheit."


§151 
"Aber in der einfachen Identität mit der Wirklichkeit der Individuen erscheint das Sittliche, als die allgemeine Handlungsweise derselben, als Sitte, – die Gewohnheit desselben als eine zweite Natur, die an die Stelle des ersten bloß natürlichen Willens gesetzt und die durchdringende Seele, Bedeutung und Wirklichkeit ihres Daseins ist, der als eine Welt lebendige und vorhandene Geist, dessen Substanz so erst als Geist ist."


Während die ‚erste Natur‘ materiell ist, der Mensch als Körper, ist die Sittlichkeit als ‚zweite Natur‘ und Gewohnheit reine Geistigkeit und ein Produkt des Zusammenlebens der Menschen im Staat. Hegels Staatstheorie ist aber der umstrittenste Teil seiner Philosophie! Dies gilt insbesondere seit der Veröffentlichung von Marx Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie (1844), erst 13 Jahre nach Hegels Tod. 
 

(Der Text von Marx ist online hier zu lesen)


Es stellt sich daher die grundlegende, folgende Frage: Welche Staatsform kann die absolute Sittlichkeit im Sinne des „lebendigen Guten” als „zweite Natur” fördern? In dieser und in der nächsten Sitzung werden wir versuchen, eine Antwort zu finden.

 

11. Hegels Begriff des inneren Staates

Der Ort, an dem sich die Sittlichkeit verwirklicht, ist für Hegel der nationale Staat. Außerhalb des Staates gibt es keine Geistigkeit, keine Ethik, keine Sittlichkeit, sondern nur Natur und Barbarei. Im Staat hingegen gibt es Kultur, Sprache, Traditionen, Religiosität, Werte, kurz gesagt: Bildung. All dies muss in der Verfassung enthalten sein und darin zum Ausdruck kommen. Dieser geistige Inhalt des Staates fördert die Sittlichkeit im Menschen. 


Quellen Nr. 25-26: zum Begriff ‚innerer Staat‘ (aus den "Grundlinien der Philosophie des Rechts, im Internet hier; s. auch die "Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften", §§ 535-536, im Internet hier)


§ 257
Der Staat ist die Wirklichkeit der sittlichen Idee – der sittliche Geist, als der offenbare, sich selbst deutliche, substantielle Wille, der sich denkt und weiß und das, was er weiß und insofern er es weiß, vollführt. An der Sitte hat er seine unmittelbare und an dem Selbstbewußtsein des Einzelnen, dem Wissen und Tätigkeit desselben, seine vermittelte Existenz, so wie dieses durch die Gesinnung in ihm, als seinem Wesen, Zweck und Produkte seiner Tätigkeit, seine substantielle Freiheit hat.

 

§ 259
Die Idee des Staats hat: 
a) unmittelbare Wirklichkeit und ist der individuelle Staat als sich auf sich beziehender Organismus, Verfassung oder inneres Staatsrecht; 
b) geht sie in das Verhältnis des einzelnen Staates zu anderen Staaten über, – äußeres Staatsrecht,
c) ist sie die allgemeine Idee als Gattung und absolute Macht gegen die individuellen Staaten, der Geist, der sich im Prozesse der Weltgeschichte seine Wirklichkeit gibt. 


Der Staat enthält in seinem Inneren die Familien und die bürgerliche Gesellschaft, d.h. die Arbeitswelt. Er ist die objektive Wirklichkeit des Geistes eines Volkes, der in seinen verschiedenen Erscheinungsformen zum Ausdruck kommt.


Quelle Nr. 27 (aus der Enzyklopädie 1830, s. oben): 

"c. Der Staat
§ 535
Der Staat ist die selbstbewußte sittliche Substanz, – die Vereinigung des Prinzips der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft; dieselbe Einheit, welche in der Familie als Gefühl der Liebe ist, ist sein Wesen, das aber zugleich durch das zweite Prinzip des wissenden und aus sich tätigen Wollens die Form gewußter Allgemeinheit erhält, welche so wie deren im Wissen sich entwickelnde Bestimmungen die wissende Subjektivität zum Inhalte und absoluten Zwecke hat, d.i. für sich dies Vernünftige will."

 

Während die Familie der Ort der Gefühle ist, ist die bürgerliche Gesellschaft der Ort der materiellen Produktion der Güter, die zum Leben nötig sind. 

 

12. Familie und bürgerliche Gesellschaft als Hauptinhalt des inneren Staates

Es ist kein Zufall, dass Hegel gerade die Familie und die bürgerliche Gesellschaft als Hauptinhalt des Staates definiert. Diese zwei Institutionen, die wir, subjektiv betrachtet, auch als ‚Werte‘ bezeichnen könnten, der Wert der Liebe und der Wert der Arbeit, ermöglichen das Überleben sowohl des einzelnen Menschen als auch der Menschheit als Ganzes. Insbesondere beruhen Arbeit und Zivilgesellschaft auf der natürlichen Funktion der Assimilation (§357f. der Naturphilosophie) und ermöglichen das Überleben des Individuums, während die Familie auf der natürlichen Funktion des Fortpflanzungsprozesses (§367f. der Naturphilosophie) beruht und für das Überleben der Menschheit zuständig ist.

Einerseits sind also aus rein spiritueller Sicht Familie und Arbeit Schöpfungen und somit Ausdruck wahrer Freiheit, Manifestationen des Logos in uns, andererseits sind sie aus rein materieller Sicht notwendige Schritte zum Überleben als Körper, als Wesen.  In diesem Sinne sind sie Freiheit, aber notwendige Freiheit, d. h. eine Umwandlung der Natürlichkeit in Geistigkeit, daher sind sie die wichtigsten Werte und die wichtigsten Institutionen, da sie nicht willkürlich, sondern notwendig sind. Alle anderen Manifestationen des Staates sind nicht notwendig, während Familie und Arbeit notwendig sind. Indem der Mensch sie gestaltet und kreativ lebt, verwandelt er die Notwendigkeit der Natur in Freiheit des Geistes. Diese Verwandlung ist das „lebendige Gut”, von dem Hegel spricht, und die Grundlage der Sittlichkeit.

Die Wurzeln der Sittlichkeit liegen also in der Natur, sozusagen in der ’ersten Natur’. Nach der Philosophie des dialektischen und absoluten Idealismus ist der Mensch eine Einheit aus Körper und Geist, ein Ganzes. Wir werden diese Beziehung zwischen Natur und Geist in den letzten Sitzungen vertiefen, wenn wir uns mit der Philosophie des subjektiven Geistes befassen werden. Vorerst konzentrieren wir uns weiterhin auf den Begriff des „inneren Staates”.


13. Kurze Zusammenfassung des bisher Gesagten und Abschluß der Untersuchung über den Begriff des inneren Staates
Sittlichkeit und Nationalstaat (Ausdruck des Volksgeistes) - Recht als Verwirklichung der Sittlichkeit - Hauptinhalt bzw. Hauptinstitutionen des Staates: 
-  Familie (natürlicher Gattungsprozess, Überleben der Menschheit, Wert der Liebe, Bildung zum sittlichen Menschen und Gestaltung der ‚zweiten Natur‘)
-  Bürgerliche Gesellschaft (natürliche Assimilation, Überleben des Einzelnen, Wert der Arbeit, Arbeitsteilung)

Vertiefen wir nun Hegels Begriff des inneren Staates bevor wir zum Begriff des äußeren Staats herübergehen.


Quelle Nr. 28: Über Volksgeist, Religion und Verfassung

§ 540
“Die Garantie einer Verfassung, d.i. die Notwendigkeit, daß die Gesetze vernünftig und ihre Verwirklichung gesichert sei, liegt in dem Geiste des gesamten Volkes, nämlich in der Bestimmtheit, nach welcher es das Selbstbewußtsein seiner Vernunft hat (die Religion ist dies Bewußtsein in seiner absoluten Substantialität), – und dann zugleich in der demselben gemäßen wirklichen Organisation als Entwicklung jenes Prinzips. Die Verfassung setzt jenes Bewußtsein des Geistes voraus, und umgekehrt der Geist die Verfassung, denn der wirkliche Geist selbst hat nur das bestimmte Bewußtsein seiner Prinzipien, insofern dieselben für ihn als existierend vorhanden sind.“


Quelle Nr. 29: Über das Volk als Individuum und das äußere Staatsrecht
§ 545
„Der Staat hat endlich die Seite, die unmittelbare Wirklichkeit eines einzelnen und natürlich bestimmten Volkes zu sein. Als einzelnes Individuum ist er ausschließend gegen andere ebensolche Individuen. In ihrem Verhältnisse zueinander hat die Willkür und Zufälligkeit statt, weil das Allgemeine des Rechts um der autonomischen Totalität dieser Personen willen zwischen ihnen nur sein soll, nicht wirklich ist. Diese Unabhängigkeit macht den Streit zwischen ihnen zu einem Verhältnisse der Gewalt, einem Zustand des Krieges, für welchen der allgemeine Stand sich zu dem besonderen Zwecke der Erhaltung der Selbständigkeit des Staats gegen andere, zum Stande der Tapferkeit, bestimmt.”


14. Verlust an Sittlichkeit im Bereich des äußeren Staates: der äußere Staat zwischen Krieg und Anerkennung
Hegel definiert den nationalen Staatsbegriff als „inneren Staat” und stellt ihn dem „äußeren Staat” gegenüber, der wiederum die Erscheinung oder Darstellung der Weltgeschichte ist, deren Protagonist der Weltgeist ist. In der Triade des Begriffs des Staates,  ist der äußere Staat bzw. das äußere Staatsrecht das Zweite und die Weltgeschichte das Dritte. 
Lesen wir den §536 wieder. 


Quelle Nr. 30: Einteilung der Sektion über den Staat
§ 536

„Der Staat ist α) zunächst seine innere Gestaltung als sich auf sich beziehende Entwicklung, – das innere Staatsrecht oder die Verfassung; er ist β) besonderes Individuum, so im Verhältnisse zu anderen besonderen Individuen, – das äußere Staatsrecht; γ) aber diese besonderen Geister sind nur Momente in der Entwicklung der allgemeinen Idee des Geistes in seiner Wirklichkeit, – die Weltgeschichte.“

 

Dabei fällt aber sofort auf, dass Hegel dem äußeren Recht, formell und quantitativ betrachtet, nur einen einzigen Paragrafen (§547) widmet, während dem Begriff der Weltgeschichte vier Paragrafen (§§548-553) mit sehr langen und detaillierten Anmerkungen, und der Begriff des inneren Staates beinhaltet sogar neun Paragrafen (§§537-546). Wie wir sehen werden, das hat einen ganz klaren philosophischen Grund, entsteht aus einem Gedankenfehler Hegels und wird nach seinem Tod schwerwiegende Folgen für die Rezeption und den Erfolg seiner Philosophie haben. Diese Folgen reichen bis in die Gegenwart der heutigen politischen Situation hinein.  Hier liegt eindeutig die schwache Stelle von Hegels Philosophie, die wir heute als dialektische Idealisten verbessern sollen, um sein System zu verbessern und brauchbar zu machen.  Darüber werden wir uns in den kommenden Sitzungen unterhalten. 
Während der innere Staat der Sitz der Sittlichkeit ist,  findet Hegel keinen spezifischen sittlichen Inhalt für den äußeren Staat aus der Sicht der Traditionen und der Bildung und schreibt ausdrücklich, dass es auf dieser supranationalen Ebene an sittlichem Inhalt mangelt. Es fehlt dabei einen ‚Volksgeist‘, der die Einheit der Individuen und die Substanz eines übernationalen Staates bilden könne. Hier sind seine Worte. 


Quelle Nr. 31: Über das äußere Staatsrecht

β). Das äußere Staatsrecht
§ 547
“Durch den Zustand des Krieges wird die Selbständigkeit der Staaten auf das Spiel gesetzt und nach einer Seite die gegenseitige Anerkennung der freien Völkerindividuen bewirkt (§430) und durch Friedensvergleiche, die ewig dauern sollen, sowohl diese allgemeine Anerkennung als die besonderen Befugnisse der Völker gegeneinander festgesetzt. Das äußere Staatsrecht beruht teils auf diesen positiven Traktaten, enthält aber insofern nur Rechte, denen die wahrhafte Wirklichkeit abgeht (§ 545), teils auf dem sogenannten Völkerrechte, dessen allgemeines Prinzip das vorausgesetzte Anerkanntsein der Staaten ist und daher die sonst ungebundenen Handlungen gegeneinander so beschränkt, daß die Möglichkeit des Friedens bleibt, – auch die Individuen als Privatpersonen vom Staate unterscheidet und überhaupt auf den Sitten beruht.“ 


Dieser vermeintliche Mangel an Sittlichkeit in der internationalen Politik bzw. im internationalen Recht verursacht einen ständigen Kriegszustand, der aber von der zwischenzeitlichen Anerkennung (Friedenspausen) gemildert wird. Ohne die Anerkennung würden sich die Völker bzw. Nationalstaaten zum Tode bekriegen und vernichten. Einige historische Beispiele totaler Aberkennung haben wir bei den Genoziden, wie bei den Indianern von Amerika, bei den Juden im Dritten Reich und, nach Ansicht einiger Interpreten, auch bei den Palästinensern.  
Der Bezug auf den Prozess der Anerkennung, Hegel bezieht sich explizit auf den Paragrafen 430, ist sehr wichtig, nicht nur um Hegels extrem ‚kurzgefasste‘ Theorie des äußeren Staatsrechts zu begreifen, sondern um überhaupt die Voraussetzung seiner Theorie der Sittlichkeit in ihrer tiefen Bedeutung ans Licht hervortreten zu lassen. Es ist deshalb wichtig, diese Theorie zu vertiefen. Wie im Falle des Begriffs der ‚Gewohnheit‘, die wir bei der letzten Sitzung behandelt haben, müssen wir auch hier zurück zur Philosophie des subjektiven Geistes zugreifen.

 

15. Hegels Theorie der Anerkennung nach der Enzyklopädie (§§ 413-439)
Wie gesagt, sind die Beziehungen zwischen den Staaten das Ergebnis von Willkür, Kriegen, aber auch von Frieden, Anerkennung. Was bedeutet aber bei Hegel genau der Begriff ‚Anerkennung‘? 
Der zentrale Aspekt der Anerkennungstheorie liegt in der Beziehung zwischen Selbstbewusstseinen. Es handelt sich um zwei Subjekte, also um eine Subjekt-Subjekt-Beziehung, die sich von der Subjekt-Objekt-Beziehung unterscheidet. 
In der Subjekt-Objekt-Beziehung nutzt das Subjekt das Objekt zur Befriedigung seiner Bedürfnisse (z. B. im Fall der Assimilation, die die natürliche Grundlage der Arbeit und der Zivilgesellschaft ist).
In der Beziehung zwischen Subjekt und Subjekt wirkt ebenfalls das Bedürfnis: Man braucht den anderen aus verschiedenen Gründen, die mit einer zwischenmenschlichen Beziehung Frau-Mann oder auch mit einer Arbeitsbeziehung zusammenhängen, aber der andere ist in diesem Fall kein Objekt, mit dem wir machen können, was wir wollen, sondern ein Subjekt, das sich dagegen wehrt, wie ein Objekt behandelt zu werden. Dieser Widerstand führt zum „Kampf um Anerkennung”. Dieser besteht in einer Auseinandersetzung zwischen den beiden Selbstbewusstseinen, in der man sich zunächst gegenseitig als Mittel benutzen will, am Ende des Prozesses jedoch, wenn die Beziehung fortbesteht und nicht endet, was auch möglich ist, gelangt man zu dem, was Hegel als ‚allgemeines Selbstbewusstsein‘ bezeichnet. 
Lesen wir dazu Hegel.

 

Quelle Nr. 32: Über die Anerkennung


α). Die Begierde
§ 426
Das Selbstbewußtsein in seiner Unmittelbarkeit ist Einzelnes und Begierde, – der Widerspruch seiner Abstraktion, welche objektiv sein soll, oder seiner Unmittelbarkeit, welche die Gestalt eines äußeren Objekts hat und subjektiv sein soll. Für die aus dem Aufheben des Bewußtseins hervorgegangene Gewißheit seiner selbst ist das Objekt und für die Beziehung des Selbstbewußtseins auf das Objekt ist seine abstrakte Idealität ebenso als ein Nichtiges bestimmt.

β). Das anerkennende Selbstbewußtsein
§ 430
Es ist ein Selbstbewußtsein für ein Selbstbewußtsein zunächst unmittelbar als ein Anderes für ein Anderes. Ich schaue in ihm als Ich mich selbst an, aber auch darin ein unmittelbar daseiendes, als Ich absolut gegen mich selbständiges anderes Objekt. Das Aufheben der Einzelheit des Selbstbewußtseins war das erste Aufheben; es ist damit nur als besonderes bestimmt. – Dieser Widerspruch gibt den Trieb, sich als freies Selbst zu zeigen und für den Anderen als solches da zu sein, – den Prozeß des Anerkennens.
§ 431
Er ist ein Kampf, denn ich kann mich im Anderen nicht als mich selbst wissen, insofern das Andere ein unmittelbares anderes Dasein für mich ist; ich bin daher auf die Aufhebung dieser seiner Unmittelbarkeit gerichtet. Ebensosehr kann ich nicht als Unmittelbares anerkannt werden, sondern nur insofern ich an mir selbst die Unmittelbarkeit aufhebe und dadurch meiner Freiheit Dasein gebe. Aber diese Unmittelbarkeit ist zugleich die Leiblichkeit des Selbstbewußtseins, in welcher es als in seinem Zeichen und Werkzeug sein eigenes Selbstgefühl sowie sein Sein für andere und seine es mit ihnen vermittelnde Beziehung hat.

§ 432
Der Kampf des Anerkennens geht also auf Leben und Tod; jedes der beiden Selbstbewußtsein[e] bringt das Leben des anderen in Gefahr und begibt sich selbst darein, aber nur als in Gefahr, denn ebenso ist jedes auf die Erhaltung seines Lebens als des Daseins seiner Freiheit gerichtet. Der Tod des einen, der den Widerspruch nach einer Seite auflöst, durch die abstrakte, daher rohe Negation der Unmittelbarkeit, ist so nach der wesentlichen Seite, dem Dasein des Anerkennens, welches darin zugleich aufgehoben wird, ein neuer Widerspruch, und der höhere als der erste.

§ 433
Indem das Leben so wesentlich als die Freiheit ist, so endigt sich der Kampf zunächst als einseitige Negation mit der Ungleichheit, daß das eine der Kämpfenden das Leben vorzieht, sich als einzelnes Selbstbewußtsein erhält, sein Anerkanntsein jedoch aufgibt, das andere aber an seiner Beziehung auf sich selbst [fest]hält und vom ersten als dem Unterworfenen anerkannt wird; – das Verhältnis der Herrschaft und Knechtschaft.
Der Kampf des Anerkennens und die Unterwerfung unter einen Herrn ist die Erscheinung, aus welcher das Zusammenleben der Menschen, als ein Beginnen der Staaten, hervorgegangen ist. Die Gewalt, welche in dieser Erscheinung Grund ist, ist darum nicht Grund des Rechts, obgleich das notwendige und berechtigte Moment im Übergange des Zustandes des in die Begierde und Einzelheit versenkten Selbstbewußtseins in den Zustand des allgemeinen Selbstbewußtseins. Es ist der äußerliche oder erscheinende Anfang der Staaten, nicht ihr substantielles Prinzip.

§ 434
Dies Verhältnis ist einerseits, da das Mittel der Herrschaft, der Knecht, in seinem Leben gleichfalls erhalten werden muß, Gemeinsamkeit des Bedürfnisses und der Sorge für dessen Befriedigung. An die Stelle der rohen Zerstörung des unmittelbaren Objekts tritt die Erwerbung, Erhaltung und Formierung desselben als des Vermittelnden, worin die beiden Extreme der Selbständigkeit und Unselbständigkeit sich zusammenschließen; – die Form der Allgemeinheit in Befriedigung des Bedürfnisses ist ein dauerndes Mittel und eine die Zukunft berücksichtigende und sichernde Vorsorge.

§ 435
Zweitens nach dem Unterschiede hat der Herr in dem Knechte und dessen Dienste die Anschauung des Geltens seines einzelnen Fürsichseins; und zwar vermittels der Aufhebung des unmittelbaren Fürsichseins, welche aber in einen anderen fällt. – Dieser, der Knecht, aber arbeitet sich im Dienste des Herrn seinen Einzel- und Eigenwillen ab, hebt die innere Unmittelbarkeit der Begierde auf und macht in dieser Entäußerung und der Furcht des Herrn den Anfang der Weisheit, – den Übergang zum allgemeinen Selbstbewußtsein. 

γ). Das allgemeine Selbstbewußtsein
§ 436
Das allgemeine Selbstbewußtsein ist das affirmative Wissen seiner selbst im anderen Selbst, deren jedes als freie Einzelheit absolute Selbständigkeit hat, aber, vermöge der Negation seiner Unmittelbarkeit oder Begierde, sich nicht vom anderen unterscheidet, allgemeines [Selbstbewußtsein] und objektiv ist und die reelle Allgemeinheit als Gegenseitigkeit so hat, als es im freien anderen sich anerkannt weiß und dies weiß, insofern es das andere anerkennt und es frei weiß.
Dies allgemeine Widererscheinen des Selbstbewußtseins, der Begriff, der sich in seiner Objektivität als mit sich identische Subjektivität und darum allgemein weiß, ist die Form des Bewußtseins der Substanz jeder wesentlichen Geistigkeit, der Familie, des Vaterlandes, des Staats, sowie aller Tugenden, der Liebe, Freundschaft, Tapferkeit, der Ehre, des Ruhms. Aber dies Erscheinen des Substantiellen kann auch vom Substantiellen getrennt und für sich in gehaltleerer Ehre, eitlem Ruhm usf. festgehalten werden.“

Das ‚allgemeine Selbstbewusstsein‘ besteht in der gegenseitigen Anerkennung der beiden Selbstbewusstseine, die nun nicht mehr die Befriedigung des eigenen Bedürfnisses durch die Nutzung des anderen als Objekt in den Vordergrund stellen, sondern die Befriedigung des Bedürfnisses des anderen. Da dies gegenseitig ist, sieht jeder sein eigenes Bedürfnis befriedigt, jedoch nicht auf egoistische Weise durch die Nutzung des anderen als Objekt, sondern auf altruistische Weise durch einen Akt eben der Anerkennung. Dieser Akt besteht genau genommen in der Anerkennung des anderen als Subjekt und in der Kreation (dieser Begriff ist sehr wichtig, denken wir daran, dass der Logos Kreativität ist) stabiler Institutionen des sozialen Lebens, der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft, wie wir gerade im Begriff des inneren Staates gesehen haben. 
Nur innerhalb dieser Institutionen kann der Mensch wirklich kreativ sein, d. h. Projekte ins Leben rufen und verwirklichen. Die Familie beispielsweise zeichnet sich im Vergleich zu episodischen sexuellen Beziehungen dadurch aus, dass sie ein langjähriges Projekt, eine Schöpfung ist. In ihr verwirklicht sich also der Logos, der in uns ist, und der unseren Geist, allgemein betrachtet, bildet. 
Auch ein Arbeitsprojekt ist etwas Kreatives und Geistiges, im Gegensatz zum einfachen Verdienst ohne Projekt. Ein auch hoher Gewinn im Lottospielen  ist aus ethischer Sicht z.B. niemals mit einem Verdienst im Bereich der realen Wirtschaft vergleichbar, also in einer authentischen Arbeitstätigkeit, denn letztere ist immer kreativ, wenn auch natürlich in unterschiedlichem Maße, während der Verdienst beim Lottospielen nicht kreativ ist, er manifestiert sich nicht in der Schaffung von Produkten, die andere nutzen können und die somit ihre Bedürfnisse befriedigen können. 
Die Anerkennung ist also die Voraussetzung für das schöpferische Leben des Menschen, d. h. für sein Glück, das laut Hegel eng  mit der Freiheit verbunden ist: Glück soll ’Resultat’ und Ziel der Freiheit sein. 

 

16. Hegels Theorie der Freiheit (§§481-482)
Es ist jetzt die Zeit gekommen, über den Begriff ‚Freiheit‘ zu reden, die der wichtigste Begriff jeder idealistischen Philosophie ist. Geben wir wie immer zuerst dem Meister das Wort. 


Quelle Nr. 33: Über die Freiheit
§ 482
"Der Geist, der sich als frei weiß und sich als diesen seinen Gegenstand will, d.i. sein Wesen zur Bestimmung und zum Zwecke hat, ist zunächst überhaupt der vernünftige Wille oder an sich die Idee, darum nur der Begriff des absoluten Geistes. Als abstrakte Idee ist sie wieder nur im unmittelbaren Willen existierend, ist [sie] die Seite des Daseins der Vernunft, der einzelne Wille als Wissen jener seiner Bestimmung, die seinen Inhalt und Zweck ausmacht und deren nur formelle Tätigkeit er ist. Die Idee erscheint so nur im Willen, der ein endlicher, aber die Tätigkeit ist, sie zu entwickeln und ihren sich entfaltenden Inhalt als Dasein, welches als Dasein der Idee Wirklichkeit ist, zu setzen, – objektiver Geist.
Über keine Idee weiß man es so allgemein, daß sie unbestimmt, vieldeutig und der größten Mißverständnisse fähig und ihnen deswegen wirklich unterworfen ist als [über] die Idee der Freiheit, und keine ist mit so wenigem Bewußtsein geläufig. Indem der freie Geist der wirkliche Geist ist, so sind die Mißverständnisse über denselben so sehr von den ungeheuersten praktischen Folgen, als nichts anderes, wenn die Individuen und Völker den abstrakten Begriff der für sich seienden Freiheit einmal in ihre Vorstellung gefaßt haben, diese unbezwingliche Stärke hat, eben weil sie das eigene Wesen des Geistes, und zwar als seine Wirklichkeit selbst ist. Ganze Weltteile, Afrika und der Orient, haben diese Idee nie gehabt und haben sie noch nicht; die Griechen und Römer, Platon und Aristoteles, auch die Stoiker haben sie nicht gehabt; sie wußten im Gegenteil nur, daß der Mensch durch Geburt (als atheniensischer, spartanischer usf. Bürger) oder Charakterstärke, Bildung, durch Philosophie (der Weise ist auch als Sklave und in Ketten frei) wirklich frei sei. Diese Idee ist durch das Christentum in die Welt gekommen, nach welchem das Individuum als solches einen unendlichen Wert hat, indem es Gegenstand und Zweck der Liebe Gottes, dazu bestimmt ist, zu Gott als Geist sein absolutes Verhältnis, diesen Geist in sich wohnen zu haben, d.i. daß der Mensch an sich zur höchsten Freiheit bestimmt ist. Wenn in der Religion als solcher der Mensch das Verhältnis zum absoluten Geiste als sein Wesen weiß, so hat er weiterhin den göttlichen Geist auch als in die Sphäre der weltlichen Existenz tretend gegenwärtig, als die Substanz des Staats, der Familie usf. Diese Verhältnisse werden durch Jenen Geist ebenso ausgebildet und ihm angemessen konstituiert, als dem Einzelnen durch solche Existenz die Gesinnung der Sittlichkeit inwohnend wird und er dann in dieser Sphäre der besonderen Existenz, des gegenwärtigen Empfindens und Wollens wirklich frei ist.
Wenn das Wissen von der Idee, d.i. von dem Wissen der Menschen, daß ihr Wesen, Zweck und Gegenstand die Freiheit ist, spekulativ ist, so ist diese Idee selbst als solche die Wirklichkeit der Menschen, nicht die sie darum haben, sondern [die] sie sind. Das Christentum hat es in seinen Anhängern zu ihrer Wirklichkeit gemacht, z.B. nicht Sklave zu sein; wenn sie zu Sklaven gemacht, wenn die Entscheidung über ihr Eigentum in das Belieben, nicht in Gesetze und Gerichte gelegt würde, so fänden sie die Substanz ihres Daseins verletzt. Es ist dies Wollen der Freiheit nicht mehr ein Trieb, der seine Befriedigung fordert, sondern der Charakter, – das zum trieblosen Sein gewordene geistige Bewußtsein. – Aber diese Freiheit, die den Inhalt und Zweck der Freiheit hat, ist selbst zunächst nur Begriff, Prinzip des Geistes und Herzens und sich zur Gegenständlichkeit zu entwickeln bestimmt, zur rechtlichen, sittlichen und religiösen wie wissenschaftlichen Wirklichkeit." 

Mit Freiheit meint Hegel also nicht die rein individuelle Freiheit, die er als Willkür definiert, sondern die substanzielle oder soziale Freiheit, d.h. die perfekte Durchdringung zwischen der Verwirklichung des individuellen Geistes und der Gemeinschaft des Volkes, in der er lebt. Der Einzelne lebt für die Gemeinschaft und die Gemeinschaft für den Einzelnen, nur das ist für Hegel das authentische Verhältnis der Freiheit. Der Einzelne muss sich mit dem Absoluten, mit dem Logos identifizieren, aber dieser hat seine unmittelbare Existenzform für den Einzelnen im Volk, in der Gemeinschaft. 
Wenn ein Mensch in seiner Gemeinschaft eine Arbeit hat, hat somit auch seine Anerkennung als Bürger. Diese ist wiederum die Voraussetzung für ein freies Leben, nicht nur weil der Mensch dank des Gehaltes alles besorgen kann, was sich auf die Befriedigung seiner Bedürfnisse in Bezug auf die Assimilation bezieht, sondern vor allem, weil er durch die Arbeit etwas kreiert, schafft, schöpft, und somit sein eigenes logisches Wesen verwirklicht. Die Arbeit ist also eine Voraussetzung für die Freiheit.
Dasselbe ist in Bezug auf die Familie. Es ist nicht wichtig, viele körperliche Beziehungen mit verschiedenen Menschen zu haben, es ist nicht das, was frei macht. Dagegen das ständig wiederkehrende Bedürfnis macht den Menschen unfrei. Frei wird der Mensch nur in der Kreation einer stabilen Partnerschaft, die dann zur Gründung einer ebenso stabilen Familie führt. Diese ist eine Kreation, die sich in der Fortpflanzung und in der Erziehung des Kindes ausdrückt (erste und zweite Natur).
Allein dieses ethische bzw. sittliche Leben ermöglich dem Menschen, glücklich zu sein, d.h. ein sinnvolles, kreatives Leben auf der Grundlage der zwischenmenschlichen Anerkennung zu führen. Das ist Hegels Begriff des ‚wahren Glücks‘, über den er schon in den Jugendjahren als Schüler nachgedacht hat. Die Freiheit, die von der Anerkennung ermöglicht wird, ist wiederum die Voraussetzung für das Glück. Unter Glück meint Hegel selbstverständlich keinen vorübergehenden Gemütszustand (Willkür), sondern eine stabile Lebenssituation, in der der Mensch Zufriedenheit erfährt, kreativ lebt und deshalb bewusst ist, ein sinnvolles Leben zu führen. Glücklich leben heißt bei Hegel dasselbe wie kreativ, schöpferisch, sinnvoll leben.

 

17. Hegels Theorie des Glücks (Glückseligkeit) (§§475-479)


Quelle Nr. 34: Über die Glückseligkeit

 

§ 475
Das Subjekt ist die Tätigkeit der Befriedigung der Triebe, der formellen Vernünftigkeit, nämlich der Übersetzung aus der Subjektivität des Inhalts, der insofern Zweck ist, in die Objektivität, in welcher es sich mit sich selbst zusammenschließt. Daß, insofern der Inhalt des Triebes als Sache von dieser seiner Tätigkeit unterschieden wird, die Sache, welche zustande gekommen ist, das Moment der subjektiven Einzelheit und deren Tätigkeit enthält, ist das Interesse. Es kommt daher nichts ohne Interesse zustande.
Eine Handlung ist ein Zweck des Subjekts, und ebenso ist sie seine Tätigkeit, welche diesen Zweck ausführt; nur durch dies, daß das Subjekt auf diese Weise [auch] in der uneigennützigsten Handlung ist, d.h. durch sein Interesse, ist ein Handeln überhaupt. – Den Trieben und Leidenschaften setzt man einerseits die schale Träumerei eines Naturglücks gegenüber, durch welches die Bedürfnisse ohne die Tätigkeit des Subjekts, die Angemessenheit der unmittelbaren Existenz und seiner inneren Bestimmungen hervorzubringen, ihre Befriedigung finden sollen. Andererseits wird ihnen ganz überhaupt die Pflicht um der Pflicht willen, die Moralität entgegengesetzt. Aber Trieb und Leidenschaft ist nichts anderes als die Lebendigkeit des Subjekts, nach welcher es selbst in seinem Zwecke und dessen Ausführung ist. Das Sittliche betrifft den Inhalt, der als solcher das Allgemeine, ein Untätiges, ist und an dem Subjekte sein Betätigendes hat; dies, daß er diesem immanent ist, ist das Interesse und, die ganze wirksame Subjektivität in Anspruch nehmend, die Leidenschaft.


§ 476
Der Wille als denkend und an sich frei unterscheidet sich selbst von der Besonderheit der Triebe und stellt sich als einfache Subjektivität des Denkens über deren mannigfaltigen Inhalt; so ist er reflektierender Wille.

 

§ 477
Eine solche Besonderheit des Triebs ist auf diese Weise nicht mehr unmittelbar, sondern erst die seinige, indem er sich mit ihr zusammenschließt und sich dadurch bestimmte Einzelheit und Wirklichkeit gibt. Er ist auf dem Standpunkt, zwischen Neigungen zu wählen, und ist Willkür.

 

§ 478
Der Wille ist als Willkür für sich frei, indem er als die Negativität seines nur unmittelbaren Selbstbestimmens in sich reflektiert ist. Jedoch insofern der Inhalt, in welchem sich diese seine formelle Allgemeinheit zur Wirklichkeit beschließt, noch kein anderer als der der Triebe und Neigungen ist, ist er nur als subjektiver und zufälliger Wille wirklich. Als der Widerspruch, sich in einer Besonderheit zu verwirklichen, welche zugleich für ihn eine Nichtigkeit ist, und eine Befriedigung in ihr zu haben, aus der er zugleich heraus ist, ist er zunächst der Prozeß der Zerstreuung und des Aufhebens einer Neigung oder Genusses durch eine andere und der Befriedigung, die dies ebensosehr nicht ist, durch eine andere ins Unendliche. Aber die Wahrheit der besonderen Befriedigungen ist die allgemeine, die der denkende Wille als Glückseligkeit sich zum Zwecke macht.


γ). Die Glückseligkeit


§ 479
In dieser durch das reflektierende Denken hervorgebrachten Vorstellung einer allgemeinen Befriedigung sind die Triebe nach ihrer Besonderheit als negativ gesetzt und sollen teils einer dem andern zum Behufe jenes Zwecks, teils direkt demselben ganz oder zum Teil aufgeopfert werden. Ihre Begrenzung durch einander ist einerseits eine Vermischung von qualitativer und quantitativer Bestimmung; andererseits, da die Glückseligkeit den affirmativen Inhalt allein in den Trieben hat, liegt in ihnen die Entscheidung, und es ist das subjektive Gefühl und Belieben, was den Ausschlag geben muß, worein es die Glückseligkeit setze.


§ 480
Die Glückseligkeit ist die nur vorgestellte, abstrakte Allgemeinheit des Inhalts, welche nur sein soll. Die Wahrheit aber der besonderen Bestimmtheit, welche ebensosehr ist als aufgehoben ist, und der abstrakten Einzelheit, der Willkür, welche sich in der Glückseligkeit ebensosehr einen Zweck gibt als nicht gibt, ist die allgemeine Bestimmtheit des Willens an ihm selbst, d.i. sein Selbstbestimmen selbst, die Freiheit. Die Willkür ist auf diese Weise der Wille nur als die reine Subjektivität, welche dadurch rein und konkret zugleich ist, daß sie zu ihrem Inhalt und Zweck nur jene unendliche Bestimmtheit, die Freiheit selbst, hat. In dieser Wahrheit seiner Selbstbestimmung, worin Begriff und Gegenstand identisch ist, ist der Wille – wirklich freier Wille.

(Anmerkung von mir: Unterschied zwischen schlechter und wahrhafter Unendlichkeit)

 

18. Anhang. Unterschied zwischen Kant und Hegel in der Theorie der Anerkennung


Es ist sehr interessant, den Unterschied zwischen Kant und Hegel in ihrer Auffassung der Beziehung zwischen zwei Subjekten zu vertiefen, die Kant nicht als ‚Anerkennung‘ definiert, obwohl es sich im Wesentlichen darum handelt. In diesem Zusammenhang ist seine Theorie der kategorischen Imperative von grundlegender Bedeutung. Der zweite Imperativ ist besonders wichtig:

 

Quelle Nr. 35: Kants 2. Imperativ

„Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ 

 

("Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" 1785, in: I. Kant: "Akademie Ausgabe", Bd. IV, S. 429).

 

Für Kant ist die Betrachtung des anderen als Zweck und nicht nur als Mittel eine Pflicht, nicht das Ergebnis eines Anerkennungsprozesses. So muss es sein, ohne jede andere Möglichkeit. Hegel hingegen geht von der realen dialektischen Beziehung aus, die vom Trieb und Bedürfnis und nicht nur von der mentalen Einstellung ausgeht. Ohne das Bedürfnis nach dem anderen beginnt die Beziehung gar nicht erst. Die philosophische Weisheit besteht darin, den Prozess der Beziehung zu senem Ziel, dem anerkennenden Selbstbewusstsein, zu führen, ohne jedoch die Tatsache zu ignorieren, dass der Beziehung dennoch ein gegenseitiges Bedürfnis zugrunde liegt, eine materielle und erst in zweiter Linie eine geistige Verbindung. 
Der Weise, d. h. der Mensch, der nach der absoluten Sittlichkeit lebt und handelt, geht auf den anderen zu, mit dem Ziel des anerkennenden Selbstbewusstseins, aber ausgehend vom konkreten Bedürfnis, ohne es zu ignorieren, und baut so gemeinsam mit dem anderen eine stabile familiäre bzw. berufliche Beziehung auf, die auf der gegenseitigen Befriedigung des Bedürfnisses innerhalb einer gemeinsamen geistigen Kreation basiert.
Der kantische Ansatz ist eher intellektualistisch, basiert auf Pflicht und ignoriert das Bedürfnis, weshalb Hegel ihn als ‚abstrakt‘ bezeichnet. ‚Abstrakt‘ bedeutet in der dialektischen Sprache dasselbe wie ‚separat‘, ‚getrennt‘, ‚isoliert‘ betrachtet. In seiner Ethik der kategorischen Imperativen denkt Kant ‚abstrakt‘, da er den Menschen nicht nach seinem komplexen, aber konkreten Natur betrachtet, die nicht nur aus dem Verstand und dem Willen besteht, sondern auch aus den Bedürfnissen, den Trieben, den Leidenschaften und aus allem, was seine Leiblichkeit bildet.
Die Ethik, die Sittlichkeit soll diese leibliche Natur, die die materielle Grundlage jeder menschlichen Beziehung ist,  nicht unterdrücken bzw. ignorieren, sondern als Ziel des ‚anerkennenden Selbstbewusstseins‘ betrachten. Aus diesem Grund ist Hegels dialektischer Ansatz gegenüber dem von Kant ‚konkret‘, d.h. er geht vom vollständigen Menschen aus, der nicht nur aus Geist, sondern auch aus Leib und Psyche besteht und daher Bedürfnisse hat, die befriedigt werden sollen. 
Letztendlich gelangt man jedoch bei Kant und Hegel zum gleichen Ergebnis, nämlich zum anerkennenden Selbstbewusstsein, das bei Kant eine reine Pflicht ist, bei Hegel hingegen die Selbstverwirklichung des Menschen bildet und somit dessen Glück ermöglicht.

 

19.Subjektiver Geist, absoluter Geist und Weltgeschichte (objektiver Geist): Anerkennung, Freiheit und Glück als Grundlage der Geschichte: Hegels Begriff einer ‚philosophischen Weltgeschichte‘
Kehren wir nun zum Ausgangspunkt zurück, nämlich zum äußeren Recht und zum Verhältnis zwischen Völkern und Nationalstaaten (s. oben Punkt 14, Quelle 31), verstehen wir gut, warum Hegel sagt, dass dieses Verhältnis in erster Linie ein Verhältnis des Kampfes ist, das jedoch durch Situationen der Anerkennung unterbrochen wird. Da auch die Völker Selbstbewusstsein sind und einander brauchen, z. B. das Bedürfnis nach Land und Reichtum des anderen Volkes, das wirtschaftlich gesehen schon immer ein entscheidender Faktor in der Geschichte war (Marx), entstehen in der Geschichte ständig Konflikte, die jedoch selten mit der Vernichtung des anderen enden, da jeder sein Leben bewahren will und daher früher oder später nachgibt und zu dem wird, was Hegel als ‚Knecht‘ bezeichnet. Dem Diener gegenüber steht der ‚Herr‘, der sein Leben aufs Spiel gesetzt und riskiert hat, es zu verlieren, aber dadurch den Diener in die Sklaverei gebracht hat und ihn nun zur Befriedigung seiner Bedürfnisse benutzt. Die Geschichte ist auch heute noch voller solcher Situationen der Vorherrschaft eines Volkes über ein anderes.
Dies ist jedoch kein Verhältnis absoluter Sittlichkeit, da die Anerkennung nicht gegenseitig ist. Der Diener entwickelt aber nämlich mit der Zeit das Selbstbewusstsein, für den Herrn notwendig zu sein. Dessen Bedürfnisbefriedigung hängt in der Tat von ihm ab. So rebelliert er und bietet seine Dienste nicht mehr an, es sei denn, der ‚Herr‘ befriedigt seinerseits die Bedürfnisse des Dieners. Soziale Kämpfe, Revolutionen und so weiter sind allesamt Manifestationen dieses Kampfes um Anerkennung. 
Der Kampf kann auf zwei Arten enden: Entweder kommt es zu einer ‚gegenseitigen Anerkennung‘, bei der eine Beziehung auf Augenhöhe entsteht und es weder Herr noch Diener mehr gibt, sondern zwei aneinander anerkennende Selbstbewusstsein(e), die sich gegenseitig brauchen, oder die Beziehung wird beendet, weil einer der beiden nicht mehr daran interessiert ist, mit dem anderen in einer Beziehung zu sein. Im ersten Fall entstehen Staaten, Familien und Arbeitsverhältnisse; im zweiten Fall haben wir den Niedergang von Staaten, Scheidungen und Beendigung von Arbeitsverhältnissen. 
Dieser Wechsel von Krieg und Frieden, von Ablehnung und Anerkennung ist der grundlegende Aspekt der Weltgeschichte, den Hegel als dritten Moment in der Triade des Staatsbegriffs identifiziert und dem er, wie bereits erwähnt, mehrere Absätze widmet. 
Zusammenfassend: Alles, was bei dem einzelnen Individuum gilt, gilt nach Hegel auch für die Völker, weil diese wie Individuen sind und wie Individuen handeln. Sie streiten wie Individuen, schließen sie Frieden, wie Individuen, sind kreativ, wie Individuen, sie erkennen sie sich an (oder ab), ebenso wie Individuen. 
Jetzt verstehen wir, weshalb der Bezug auf den §430 in der Sektion über das äußere Staatsrecht so wichtig ist. Der Prozess der Anerkennung ist die Grundlage des menschlichen Lebens. Ohne Anerkennung gibt es kein geistiges Leben, keine Kreativität, keine Freiheit, kein Glück und, was die Völker betrifft, keine Geschichte. Die Geschichte ist in der Tat ein Aufeinanderfolgen von Streit (Krieg) und Anerkennung (Frieden), wie Hegel eben in der hier besprochenen Sektion schreibt. 
Wir wollen nun das vertiefen, was für Hegel der „philosophische Begriff der Geschichte” ist, wie es der junge Schüler des Stuttgarter Gymnasiums bereits in seinem damaligen Tagebuch zum Ausdruck gebracht hatte. 

 

20. Zusammenfassung des Gesagten

- Grundlage der Sittlichkeit: Anerkennung – Freiheit – Glück(seligkeit) als Grundverhältnis in der Struktur des subjektiven Geistes (Zusammenfassung der letzten Sitzung) 
-  Grundlage der Anerkennung: das Selbstbewusstsein
-  Grundlage des Selbstbewusstseins: Religion-Philosophie (Selbsterkenntnis bzw. Erscheinung des Logos)
-  Geschichte der Religion und der Philosophie als Fundament der Anerkennung

 

21. Anerkennung und Geschichte

Wo kommt die Anerkennung her? Die Grundlage bildet einerseits die Natur, die mit den Bedürfnissen der Assimilation und Fortpflanzung verbundenen Instinkte sowie die Wünsche, die mit der unmittelbarsten und natürlichsten Ebene des Geistes verbunden sind, z. B. das Verlangen nach Gesellschaft und die Überwindung der Einsamkeit, was zur Freundschaft führt. Ohne diese natürliche Grundlage würden Menschen gar nicht miteinander in Kontakt treten. Es handelt sich um die Empfindungen, die Hegel im Abschnitt über die empfindungsfähige Seele behandelt. Dies ist jedoch nur die natürliche Grundlage der Anerkennung und Subjektivität. Es gibt noch eine weitere Grundlage, nämlich die historische, d. h. den Entwicklungsgrad, den eine Bevölkerung wie auch ein einzelner Mensch in der Entwicklung seines Selbstbewusstseins erreicht hat. Diese Entwicklung impliziert die Art und Weise, wie der Mensch die Welt und andere Menschen betrachtet. Er kann sie als Objekte betrachten, die konsumiert werden müssen, oder als Subjekte, die respektiert oder sogar im philosophischen Sinne geliebt werden müssen, d. h. als Ausdrucksformen, Manifestationen des Logos des Absoluten anerkannt werden müssen. 
Während die natürliche Grundlage der Subjektivität sicher ist, da natürliche Instinkte nicht von der Geschichte abhängen, hängt die Art und Weise, wie Menschen sich selbst sehen und erkennen, von der Geschichte ab, insbesondere von der Geschichte der Religion und der Philosophie. Daher ist es von grundlegender Bedeutung, sich eingehend mit Hegels Geschichtsphilosophie zu befassen. 
Tatsächlich war Hegel bereits als Gymnasiast der Meinung, dass Geschichte philosophisch verstanden werden müsse.  Damit meinte er, dass man den Sinn der Geschichte verstehen sollte. Die Referenztexte sind der letzte Abschnitt der Philosophie der Moral in der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften (§§...) und die Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Hegel veröffentlichte seine Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, der Kunst, der Religion und über die Geschichte der Philosophie, also den gesamten letzten Teil seiner Philosophie des Geistes, nie. Sie wurden nach dem plötzlichen Tod des Meisters von seinen Schülern veröffentlicht. Noch heute durchforsten Forscher Bibliotheken und Archive auf der Suche nach den Notizen von Hegels Schülern, die dann veröffentlicht werden. Versuchen wir, die Grundideen von Hegels Geschichtsphilosophie zu rekonstruieren. 

 

22. Der Weltgeist als Protagonist der Weltgeschichte (dritter Absatz des Abschnitts über den Staat in der "Enzyklopädie" 1830)


Hegel behandelt das Thema Geschichte im dritten Abschnitt des Abschnitts über den Staat, nach dem inneren und dem äußeren Recht.

 

Quelle Nr. 36: Einteilung der Sektion über den Staat
§ 536

„Der Staat ist α) zunächst seine innere Gestaltung als sich auf sich beziehende Entwicklung, – das innere Staatsrecht oder die Verfassung; er ist β) besonderes Individuum, so im Verhältnisse zu anderen besonderen Individuen, – das äußere Staatsrecht; γ) aber diese besonderen Geister sind nur Momente in der Entwicklung der allgemeinen Idee des Geistes in seiner Wirklichkeit, – die Weltgeschichte.“

 

Es handelt sich um die §§ 548-552. Während der Philosoph, wie bereits erwähnt, dem äußeren Recht in der Enzyklopädie von 1830 nur einen einzigen Absatz widmet, widmet er dem Begriff der Geschichte fünf Absätze, darunter einige wichtige und lange Bemerkungen. Wir beschreiben nun seine grundlegende Auffassung von Geschichte. Beginnen wir wie immer mit seinen, nicht mit unseren Worten. 

 

Quelle Nr. 37: Begriff der Weltgeschichte

§ 548

Der bestimmte Volksgeist, da er wirklich und seine Freiheit als Natur ist, hat nach dieser Naturseite das Moment geographischer und klimatischer Bestimmtheit; er ist in der Zeit und hat dem Inhalte nach wesentlich ein besonderes Prinzip und eine dadurch bestimmte Entwicklung seines Bewußtseins und seiner Wirklichkeit zu durchlaufen; – er hat eine Geschichte innerhalb seiner. Als beschränkter Geist ist seine Selbständigkeit ein Untergeordnetes; er geht in die allgemeine Weltgeschichte über, deren Begebenheiten die Dialektik der besonderen Völkergeister, das Weltgericht, darstellt.
 

§ 549
Diese Bewegung ist der Weg der Befreiung der geistigen Substanz, die Tat, wodurch der absolute Endzweck der Welt sich in ihr vollführt, der nur erst an sich seiende Geist sich zum Bewußtsein und Selbstbewußtsein und damit zur Offenbarung und Wirklichkeit seines an und für sich seienden Wesens bringt und sich auch zum äußerlich allgemeinen, zum Weltgeist, wird. Indem diese Entwicklung in der Zeit und im Dasein und damit als Geschichte ist, sind deren einzelne Momente und Stufen die Völkergeister; jeder als einzelner und natürlicher in einer qualitativen Bestimmtheit ist nur eine Stufe auszufüllen und nur ein Geschäft der ganzen Tat zu vollbringen bestimmt."

Schildern wir nun seine grundlegende Auffassung von Geschichte.

 

23. Ebenen der Geistigkeit in der Geschichte nach Hegel
Auf der Grundlage der Anerkennungstheorie, die die grundlegende Struktur des subjektiven Geistes darstellt, versuchen wir nun zu verstehen, wie die Bewegung der Geschichte nach Hegel strukturiert ist. Wir haben eine statische Grundstruktur und eine dynamische Entwicklung der Geschichte. 
Ich habe versucht, die statische Struktur mit meinen sehr primitiven grafischen Mitteln wie folgt zu rekonstruieren (beide Formen sind gleich). 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erklärung

Blau: Absoluter Geist (Selbstdarstellung der Logos in der Geschichte, Geschichte der Religion, Geschichte der Philosophie)
Grün: Weltgeist (politische Weltgeschichte, internationale Beziehungen, Krieg und Anerkennung, Entstehen und Vergehen der Staaten)
Rot: Volksgeister und Sittlichkeiten (Familien,  bürgerliche Gesellschaften)
Orange: kristallisierte (durch die Grenzen) Nationalstaaten (es sind Völker, die es geschafft haben, eigene Staaten zu errichten) 
Gelb: Individuen 

Der absolute Geist (blau) regiert über alles und bestimmt den Weltgeist und die Weltgeschichte (grün), welche Stufe ein Volk in einer bestimmten Epoche in der Weltgeschichte einnimmt (rot). Die verschiedenen Volksgeister bilden die Nationalstaaten (orange), die diese Geistigkeit des Volks zum Ausdruck bringen. Die Nationalstaaten bekriegen sie sich und dann schiließen Friedensabkommen, also erkennen sie sich an. Die Individuen leben in den Nationalstaaten und sind Opfer von dieser Spannung zwischen Krieg und Anerkennung. Wenn Sie Glück haben, leben sie in einer Zeit der Anerkennung, wie es bei unserer Generation in Europa nach 1945 der Fall war (bisher). Genau weil unsere Eltern und Großeltern so viel unter den Kriegen leiden mussten, dürften wir bis heute mehrere Jahrzehnte Frieden genießen. Diese ist aber nicht die Regel in der Geschichte, eher eine Ausnahme! Wenn die Menschen aber Pech haben, wie unsere Eltern bzw. Großeltern, leben sie in einer Zeit des Krieges. Das wird nicht von den Individuen selbst bestimmt, sondern vom Weltgeist. Es ist der Weltgeist, der die ganze Bewegung der Geschichte leitet und den absoluten Geist, den Logos, umsetzt.

Es ist sehr interessant zu lesen, was Hegel über die Staaten und einzelnen Menschen als Individuen schreibt.

 

Quelle Nr. 38: Über die Staaten (Volkssgeister) als Individuen

§ 550
"Diese Befreiung des Geistes, in der er zu sich selbst zu kommen und seine Wahrheit zu verwirklichen geht, und das Geschäft derselben ist das höchste und absolute Recht. Das Selbstbewußtsein eines besonderen Volkes ist Träger der diesmaligen Entwicklungsstufe des allgemeinen Geistes in seinem Dasein und die objektive Wirklichkeit, in welche er seinen Willen legt. Gegen diesen absoluten Willen ist der Wille der anderen besonderen Volksgeister rechtlos, jenes Volk ist das weltbeherrschende; ebenso aber schreitet er über sein jedesmaliges Eigentum als über eine besondere Stufe hinaus und übergibt es dann seinem Zufall und Gericht."

 

Quelle Nr. 39: Über einzelne Menschen als Individuen

§ 551
"Indem solches Geschäft der Wirklichkeit als Handlung und damit als ein Werk Einzelner erscheint, so sind diese in Rücksicht auf den substantiellen Inhalt ihrer Arbeit Werkzeuge, und ihre Subjektivität, die ihr Eigentümliches ist, ist die leere Form der Tätigkeit. Was sie daher durch den individuellen Anteil, den sie an dem substantiellen, von ihnen unabhängig bereiteten und bestimmten Geschäfte genommen, für sich erlangt haben, ist eine formelle Allgemeinheit subjektiver Vorstellung, – der Ruhm, der ihre Belohnung ist."

Durch diese Dynamilk der Geschichte entsteht ein Fortschritt des Bewusstseins und der Freiheit in der Geschichte und die Volksgeister erheben sich allmählich zum Absoluten, zum Logos. Dies bedeutet, dass es Staaten entstehen, in der immer mehr substantielle, kreative Freiheit gibt. 
Diese Entwicklung der Freiheit kann man mit der schon bekannten Pyramide ebenso graphisch darstellen.

 

Quellentext bei Hegel hier
(In: Karl Rosenkranz, Hegels Leben, im Internet hier)
Erklärung der Pyramide hier)

 

 

 

 

 

 

 

So sind die Individuen (gelb) immer philosophischer, immer vernünftiger und weiser, obwohl dieser Prozess Jahrtausende dauert und wir heute immer noch Mitte darin sind. Das ist die Vorgeschichte und wir sind mitten in der Vorgeschichte, ansonsten könnten wir uns Ereignisse wie z.B. die zwei Weltkriege nicht erklären. 
Die Vollendung dieses Prozesses ist das innere Ziel der Geschichte, die Epoche des Idealismus bzw. der Philosophie, das erreichte Selbstbewusstsein des Absoluten im Menschen. Darauf zielt der Weltgeist. Es handelt sich um die Freiheit für alle, die nach Hegel das Ziel der Weltgeschichte ist.

Wir Philosophen sollten: 1. das erkennen; 2. die weitere Entwicklung der Weltgesellschaft zu ihrem inneren Ziel leiten. 
Unsere Aufgabe ist, die Menschen zur Gesellschaft der Freiheit für alle zu führen, in der die Menschen philosophisch zur Erhebung zum Logos gebildet werden (absolute Sittlichkeit als zweite Natur). Nur eine philosophische Erziehung der Menschheit kann die Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben der Menschen auf Erden. Allein diese philosophische Erziehung der Menschheit kann die Grundlage für die Entstehung eines ‚allgemeinen, anerkennenden Selbstbewusstseins‘ unter den Völkern bilden.
Diese Wahrheit und gleichzeitig Botschaft an die Menschheit ist der Sinn der deutschen Aufklärung und der deutschen Philosophie von Kant bis Hegel, jener wunderbaren Zeit der deutschen, europäischen und Weltgeschichte. 
Wir können nun zu der grundlegenden Frage zurückkehren, mit der wir diesen Abschnitt begonnen haben, nämlich welche Staatsform für die Verwirklichung der Sittlichkeit geeignet ist.

Die Frage, die wir uns stellen sollen, ist die folgenden: Welcher ist der politische Ort für die Freiheit für alle? In anderen Worten, welche Staatsform bildet das Ziel der Geschichte?
Rekonstruieren wir in den folgenden Schritten, welche Antwort gibt Hegel im Laufe seines Lebens und welche Antwort können wir dann heute geben.


24. Hegels offizielle Antwort im Berliner System auf die Frage nach der für die absolute Sittlichkeit am besten geeigneten Staatsform : d
er Nationalstaat und insbesondere die damalige protestantische preußische Monarchieals adäquater Ort für die absolute Sittlichkeit 
Angesichts einer neuen, so unsicheren Welt der liberalen Demokratie, die Hegel als Atomismus bezeichnete, bevorzugte der reife Hegel in Berlin eindeutig die aristokratische Welt der preußischen Monarchie, die er als konstitutionelle Monarchie theoretisierte. Dies kommt beispielsweise in einer Anmerkung zum Verhältnis zwischen Kirche und Staat deutlich zum Ausdruck.


Quelle Nr. 40: Hegel über Staat, Philosophie, Religion und Versöhnung

(Aus: "Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften", Anmerkung zum §552, im Internet hier)


„Der Staat, der sich auf gleiche Weise, aber früher als die Philosophie, aus der Religion entwickelt, stellt die Einseitigkeit, welche seine an sich wahrhafte Idee an ihr hat, in der Wirklichkeit als Verdorbenheit dar. Platon, gemeinschaftlich mit allen seinen denkenden Zeitgenossen, diese Verdorbenheit der Demokratie und die Mangelhaftigkeit selbst ihres Prinzips erkennend, hob das Substantielle hervor, vermochte aber nicht seiner Idee des Staats die unendliche Form der Subjektivität einzubilden, die noch vor seinem Geiste verborgen war; sein Staat ist deswegen an ihm selbst ohne die subjektive Freiheit (§ 503 Anm., 513 usf.). Die Wahrheit, welche dem Staate inwohnen, ihn verfassen und beherrschen sollte, faßt er darum nur in der Form der gedachten Wahrheit, der Philosophie, und tat so jenen Ausspruch, daß, solange nicht die Philosophen in den Staaten regieren oder [diejenigen,] die jetzt Könige und Herrscher genannt werden, nicht gründlich und umfassend philosophieren werden, so lange werde dem Staate keine Befreiung von den Übeln werden noch dem menschlichen Geschlechte; solange könne die Idee seiner Staatsverfassung nicht zur Möglichkeit gedeihen und das Licht der Sonne sehend Platon war es nicht verliehen, dahin fortgehen zu können, zu sagen, daß, solange nicht die wahrhafte Religion in der Welt hervortritt und in den Staaten herrschend wird, so lange ist nicht das wahrhafte Prinzip des Staates in die Wirklichkeit gekommen. So lange aber konnte dies Prinzip auch nicht in den Gedanken kommen, von diesem nicht die wahrhafte Idee des Staates erfaßt werden, – der substantiellen Sittlichkeit, mit welcher die Freiheit des für sich seienden Selbstbewußtseins identisch ist. Nur in dem Prinzipe des sein Wesen wissenden, des an sich absolut freien und in der Tätigkeit seines Befreiens seine Wirklichkeit habenden Geistes ist die absolute Möglichkeit und Notwendigkeit vorhanden, daß Staatsmacht, Religion und die Prinzipien der Philosophie in eins zusammenfallen, die Versöhnung der Wirklichkeit überhaupt mit dem Geiste, des Staats mit dem religiösen Gewissen, ingleichen dem philosophischen Wissen sich vollbringt. Indem die fürsichseiende Subjektivität absolut identisch ist mit der substantiellen Allgemeinheit, enthält die Religion als solche wie der Staat als solcher, als Formen, in denen das Prinzip existiert, in ihnen die absolute Wahrheit, so daß diese, indem sie als Philosophie ist, selbst nur in einer ihrer Formen ist. Aber indem auch die Religion in der Entwicklung ihrer selbst die in der Idee enthaltenen Unterschiede (§ 566 ff.) entwickelt, so kann, ja muß das Dasein in seiner ersten unmittelbaren, d.h. selbst einseitigen Weise erscheinen und ihre Existenz zu sinnlicher Äußerlichkeit und damit weiterhin zur Unterdrückung der Freiheit des Geistes und zur Verkehrtheit des politischen Lebens verdorben werden. Aber das Prinzip enthält die unendliche Elastizität der absoluten Form, dies Verderben ihrer Formbestimmungen und des Inhalts durch dieselben zu überwinden und die Versöhnung des Geistes in ihm selbst zu bewirken. So wird zuletzt das Prinzip des religiösen und des sittlichen Gewissens ein und dasselbe in dem protestantischen Gewissen, – der freie Geist in seiner Vernünftigkeit und Wahrheit sich wissend. Die Verfassung und Gesetzgebung wie deren Betätigungen haben zu ihrem Inhalt das Prinzip und die Entwicklung der Sittlichkeit, welche aus der zu ihrem ursprünglichen Prinzip hergestellten und damit erst als solcher wirklichen Wahrheit der Religion hervorgeht und daraus allein hervorgehen kann. Die Sittlichkeit des Staates und die religiöse Geistigkeit des Staates sind sich so die gegenseitigen festen Garantien.
(Anmerkung von mir über Hegel und seine Anmerkungen)

 

25. Hintergründe dieser persönlichen Stellungsnahme Hegels in der Enzyklopädie 1830

Das problematische Verhältnis zwischen Philosophie und Religion hat eine enorme Auswirkung auf Hegels Auffassung der Weltgeschichte. Hegel bleibt auch in Berlin der Meinung, dass Ziel der Weltgeschichte die Freiheit für alle ist, obwohl er dieses Ziel in dem ‚germanischen Reich‘ verwirklicht sieht, was auch aus der systematischen Prämisse, dass sich idealistische Philosophie und protestantische Religion gegenseitig unterstützen sollen, verständlich ist. 

Seine Auffassung der Entwiklung der Geschichte bis zu diesem Ziel hin ist in diesem berühmten Gedanke aus den !Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte! enthalten:

 

Quelle Nr. 41: Über die Phasen der Weltgeschichte

 

"Mit dem, was ich im allgemeinen über den Unterschied des Wissens von der Freiheit gesagt habe, und zwar zunächst in der Form, daß die Orientalen nur gewußt haben, daß Einer frei, die griechische und römische Welt aber, daß einige frei sind, daß wir aber wissen, alle Menschen an sich, das heißt der Mensch als Mensch sei frei, ist auch zugleich die Einteilung der Weltgeschichte und die Art, in der wir sie abhandeln werden, angegeben. Dies ist jedoch nur im Vorbeigehen vorläufig bemerkt; wir haben vorher noch einige Begriffe zu explizieren. 
Es ist also, als die Bestimmung der geistigen Welt, und indem diese die substantielle Welt ist und die physische ihr untergeordnet bleibt, oder im spekulativen Ausdruck, keine Wahrheit gegen die erste hat, – als der Endzweck der Welt, das Bewußtsein des Geistes von seiner Freiheit und ebendamit die Wirklichkeit seiner Freiheit überhaupt angegeben worden." 

(Im Internet hier, Suhrkampausgabe Bd. 12, 1970, S. 32)

 

und

 

"Die Weltgeschichte ist die Zucht von der Unbändigkeit des natürlichen Willens zum Allgemeinen und zur subjektiven Freiheit. Der Orient wußte und weiß nur, daß einer frei ist, die griechische und römische Welt, daß einige frei seien, die germanische Welt weiß, daß alle frei sind. Die erste Form, die wir daher in der Weltgeschichte sehen, ist der Despotismus, die zweite ist die Demokratie und Aristokratie, und die dritte die Monarchie."

(Im Internet hier, Suhrkampausgabe Bd. 12, 1970, S. 134)

 

Wenn wir diese politische Entwicklung der Freiheit mit der von Hegel in Jena beschriebenen und durch die Pyramide dargestellten religiösen Entwicklung vergleichen (siehe oben), stellen wir einen wesentlichen Unterschied fest: In der philosophisch-religiösen Pyramide (Jena) nimmt die monotheistisch-christliche Welt als Negation des Polytheismus die zweite Position ein, während in den Berliner "Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte" das Christentum zur Negation der Negation geworden ist, also zur dritten Phase und damit zur Synthese, zur Vollendung der Entwicklung. 

Auch Hegels politische Auffassung über die verschiedenen Regierungsformen, wie er sie in Jena nennt, ist komplett anders geworden: In Jenaer "System der Sittlichkeit" (1802-03) drückt sich der Philosoph in Bezug auf die Monarchie sehr abwertend. Er spricht sich für die Demokratie aus, allerdings meint er darunter nicht die liberale, erst entstehende Demokratie, die seiner Meinung nach zur Ochlokratie (so etwas wie Anarchie) führt, sondern für eine echte Demokratie, die  mit einer neuen rein ethischen Religion verbunden sei, über die er aber noch nicht verfügte. Dabei soll es sich um eine Vernunftreligion, die nur die Philosophie sein kann, wie wir aus dem von Rosenkranz überlieferten Manuskript über die sogenannte „Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit“ (1805?) wissen. Diese Texte aus der Jenaer Zeit habe ich hier (System der Sittlichkeit) und hier („Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit“) zitiert und kommentiert.

An dieser Stelle stellt sich also die berechtigte Frage: Handelt es sich wirklich um eine philosophische Entwicklung Hegels oder um einen notwendigen Kompromiss mit dem soziopolitischen Kontext, in dem er als Rektor der Universität Berlin eine so zentrale und wichtige Rolle spielte?
Wir können nicht beweisen, dass es sich um einen Kompromiss handelt, um eine Anpassung, eine ’Akkommodation’ nach Marx, aber wir können zeigen, dass Hegel auch im Haupttext des Berliner Systems betont, dass nur die Philosophie der geeignete Ort für die Manifestation des Absoluten, d. h. für sein Selbstbewusstsein, ist, nicht die Religion, auch nicht die christliche, die er als absolute Religion bezeichnet. Sie bleibt jedoch in der Vorstellung gefangen und kann nicht zum Begriff gelangen. Aber nur der Begriff ist dem Logos gewachsen, nur aus dem selbstbewussten Begriff kann wahre Freiheit hervortreten. 

 

26. Philosophie als der einzig mögliche Weg für die Erhebung des Menschen zum Absoluten

Hegel konnte aber doch nicht, die Wahrheit und das System über einen bestimmten Punkt hinaus beugen. Dieser Punkt wird durch die unmissverständliche Tatsache dargestellt, dass im Fortschreiten des absoluten Geistes das Dritte, also das Wahre, die Philosophie und nicht die Religion ist. Indem die ganze Sphäre des absoluten Geistes Religion ist, ist die Philosophie deshalb die einzig wahre Religion eben als Vernunftreligion, wie es dem jungen Hegel Kant folgend schon deutlich war. Es gibt eine sehr lange Anmerkung zu §573, in der Hegel mit enormer dialektischer Kraft zu beweisen versucht, dass die spekulative Philosophie, d. h. seine Philosophie oder allgemein die Metaphysik, und die Religion denselben Inhalt haben, und erklärt, warum aus seiner Philosophie kein Atheismus folgt. Im folgenden Absatz muss er jedoch anerkennen, dass nur die Philosophie das Resultat des Systems ist und daher die absolute und endgültige Wahrheit darstellt.

 

Quelle Nr. 42: Hegel über die Philosophie als Resultat (aus der Enzyklopädie 1830)

 

§ 574
Dieser Begriff der Philosophie ist die sich denkende Idee, die wissende Wahrheit (§ 236), das Logische mit der Bedeutung, daß es die im konkreten Inhalte als in seiner Wirklichkeit bewährte Allgemeinheit ist. Die Wissenschaft ist auf diese Weise in ihren Anfang zurückgegangen und das Logische so ihr Resultat als das Geistige, daß es aus dem voraussetzenden Urteilen, worin der Begriff nur an sich und der Anfang ein Unmittelbares war, hiermit aus der Erscheinung, die es darin an ihm hatte, in sein reines Prinzip zugleich als in sein Element sich erhoben hat.“

 

In der geoffenbarten Religion hat sich der Begriff also nicht ganz in sein Element erhoben. Diese Erhebung geschieht nur in der Philosophie, also in der Vernunftreligion, vollständig. Hegel durfte damals das nicht explizite sagen, es war wie auch allen anderen Forschern und Dozenten nach den Kalrsbader Beschlüssen schlicht weg verboten. Es ist aber auch für den Berliner wie für den Jenaer Hegel eigentlich klar, dass nur die Philosophie der Ort der Wahrheit sein kann, obwohl die Religion, insbesondere die protestantische, für die Mehrheit der Menschen immer noch ihre Wichtigkeit zumindest damals haben konnte. Der Ort der vollständigen Erhebung des Menschen zum Absoluten ist aber Hegels Auffassung nach definitiv allein die Philosophie.
Es ist aber auch eindeutig, dass Hegel in Berlin nicht mehr denkt, dass es eine neue Epoche entstehen wird, in der die Philosophie die Aufklärung der gemeinen Menschen möglich machen wird. Er denkt aber auch nicht, dass die Religion ohne Philosophie auskommen kann, weil er weiß, dass die Religion ohne Philosophie zum Dogmatismus führt. Er denkt eher an einer Zusammenarbeit von Metaphysik bzw. spekulativer Philosophie und evangelischer Religion zur Untermauerung der Versöhnung des Menschen mit der Wirklichkeit. Seine Absicht ist klar, er will die Einheit der Gesellschaft bewahren, will die gesellschaftliche Ordnung durch die Religion absichern und die Religion mit der Philosophie, also mit der Wissenschaft befestigen. Es war eine gute Absicht, die er in den gerade gelesenen Anmerkungen ausspricht, um die Leser, seine Verwandte und seine Arbeitsgeber mit Sicherheit mehr als sich selbst zu überzeugen. Er wusste, dass nur die Philosophie die volle Begründung der Wahrheit enthält und für ihn, für seine innere Überzeugung und Beruhigung war das genug. Es ist in der Tat so, dass es auf Grund des Fortschritts der Dialektik die Religion in die Philosophie aufgehoben wird und in diese, ob es den damaligen Menschen gefiel oder nicht, verschwindet. Die einzige wahre Religion ist nicht die evangelische, sondern die Philosophie als Vernunftreligion, sowie in Jena von Hegel selbst klar ausgedrückt. Das ist, was wir aus Hegels Werken, auch aus den Berliner Werken, ableiten können und auch sollten, wenn wir seine persönlichen Anmerkungen mit dem Haupttext vergleichen.

Wie kann in der Tat Freiheit für alle aus der christlichen Religion hervorgehen, wenn diese sich noch immer im Bereich der Vorstellungskraft bewegt und die Vorstellungskraft etwas ist, das geografisch und historisch an ein Dogma, an eine bestimmte Offenbarung, an einen Volksgeist und nicht an den Weltgeist gebunden ist? 
Es scheint hier also einen Widerspruch zu geben zwischen dem Haupttext des Enzyklopädie-Systems, der im Wesentlichen die Position Jenas widerspiegelt, wonach die Religion in der Entwicklung der Geschichte an zweiter und nicht an dritter Stelle steht, und Hegels Anmerkung dazu, die etwas anderes aussagt, mit dem klaren Ziel, die Menschen in seiner Umgebung zu beruhigen. Es handelt sich vor allem um den Kulturminister von Altenstein, der ihn sehr schätzte und seine Karriere in Berlin förderte, und um seine Frau, die eine sehr gläubige Protestantin war, die er sehr liebte und mit der er eine glückliche Familie mit zwei Kindern hatte. 
Hegel wollte in Harmonie mit diesem „sittlichen” Umfeld leben, er lebte schon als erster Mensch nach den Prinzipien der absoluten Sittlichkeit, und nach diesen Prinzipien sind Familie, Arbeit und Staat die absoluten Werte. Wie hätte Hegel gegen seine Frau und damit gegen seine Familie sowie gegen seinen Arbeitgeber vorgehen können, indem er sich gegen den Protestantismus und für eine neue, rein philosophische Staatsform ausgesprochen hätte?
Hinzu kommt, dass nach 1819 mit den Karlsbader Beschlüssen Professoren überwacht wurden und Zensur herrschte, sodass auch ihm die Hände gebunden waren. Dennoch änderte Hegel den Haupttext seines Systems nicht, da dieser Text Wissenschaft ist und sich nicht an persönliche und historische Situationen anpassen kann. Klugerweise hatte er Anmerkungen geschrieben, die nicht Teil des Haupttextes sind und seine persönlichen Überlegungen enthalten. Diese Anmerlungen stellen also keine objektive und dialektische Wissenschaft dar, sondern sind nur die subjektive und persönliche Meinung Hegels. Das war das Maximum, das er tun konnte, ohne seine Frau zu verletzen und zu riskieren, seinen Status als Philosophieprofessor in Berlin zu verlieren, den er mit so viel Mühe erreicht hatte. Ob er wirklich glaubte, dass die christlich-evangelische Religion dieselbe Wahrheit verkündete wie der absolute Idealismus und dass die Freiheit für alle im Germanischen Reich verwirklicht war, soll eine unbeantwortete Frage bleiben. Sicher ist, dass diese beiden Schlussfolgerungen nicht aus seinem System hervorgehen, daher nicht zum Kern des absoluten Idealismus gehören.

Tatsächlich steht Hegels Beobachtung in krassem Gegensatz zum Prinzip der Freiheit für alle als Ziel der Weltgeschichte. Freiheit für alle setzt Anerkennung voraus. Es handelt sich um eine „allgemeine Anerkennung”, also eine Anerkennung, die alle Menschen in derselben Situation verbindet. Im Falle der Geschichte und der Freiheit für alle als ihrer Zeit sind die betroffenen Menschen alle Menschen, die den Planeten Erde bewohnen. Aus rein logischer Sicht ist es daher nicht möglich, dass ein Nationalstaat, welcher auch immer, und eine Volksreligion, welche auch immer, der Sitz der Freiheit für alle sein können. Dies kann nur ein Weltstaat und eine Weltreligion sein. „Das Wahre ist das Ganze” ist das Prinzip der Philosophie Hegels, aber das Ganze in der Politik ist der Weltstaat, nicht der Nationalstaat. Der Weltstaat ist also auch das Wahre, wenn er das Ganze ist. Dasselbe gilt für die Religion. Die Weltreligion kann jedoch nur die Philosophie als Vernunfteligion sein, denn nur diese ist logisch und mit der Vernunft begründbar, also unabhängig von jeder geografisch und historisch begrenzten Offenbarung (Dogma). In der Tat ist die Vernunft allen Menschen gemeinsam, während Dogmen unterschiedlich sind und die Menschen in Gruppen spalten. Nur die Vernunft kann sie zu gemeinsamen Schlussfolgerungen führen, wie in der Wissenschaft und natürlich in der Philosophie und Religion, die für Hegel Wissenschaften sind (vgl. auch Niethammers Aufsatz von 1795 „Religion als Wissenschaft” und alle Titel von Hegels Werken sowie meinen Aufsatz zu diesem Thema). Aber das ist genau die Meinung von Hegel in Jena!

Wie wir wissen, hatte Hegel in Jena von einer „neuen Epoche“ gesprochen, in der Freiheit für alle im Sinne absoluter Sittlichkeit verwirklicht werden würde. Es ist wirklich schwer zu verstehen, wie Freiheit für alle mit dem „germanischen Reich“ vereinbar sein soll, selbst wenn wir darunter nicht Deutschland, sondern den Westen oder Europa im Allgemeinen verstehen. Hegel meinte damit die aufgeklärte Welt seiner Zeit, lehnte aber die liberalen Demokratien ab, sodass am Ende nur Preußen und das damalige Deutschland übrig blieben! Aber wenn alle frei werden sollen und dies das Ziel der Geschichte ist, wie kann das geschehen, ohne dass alle nicht nur Philosophen, sondern auch Protestanten werden? Natürlich dachte Hegel nicht, dass alle Menschen Protestanten werden sollten, aber er dachte sicherlich, dass es eine allgemeine Erhebung des Menschen an sich und damit grundsätzlich aller Menschen zur Philosophie geben müsse. Nur die Erhebung zur Philosophie kann das Ziel der Geschichte bis zur Gründung einer Gesellschaftsform sein, in der alle Menschen wirklich frei sind (im philosophischen Sinne).

Wir können daher zu folgendem Schluss kommen: Zwischen dem Berliner System und dem ersten Jenaer System besteht kein wirklicher Unterschied hinsichtlich des Aspekts der Philosophie als objektive Wissenschaft und logische Abfolge von Begriffen. Im Laufe der Jahre, insbesondere nach der Heirat mit seiner streng protestantischen Frau und der Ernennung zum Professor in Berlin, musste Hegel auch wegen der Karlsbader Beschlüssen den revolutionären Ton seiner Philosophie abschwächen, auch weil die damaligen liberalen Revolutionen Freiheit nicht als substantielle Freiheit, sondern eher als Willkür verstanden. Er fügte daher dem wissenschaftlichen Text persönliche Anmerkungen hinzu, um sein familiäres, berufliches und staatliches Umfeld zu beruhigen, und überließ es der Nachwelt, einen wirklich sittlichen Staat von weltweiter Dimension zu schaffen, der auf absoluter und dialektischer Philosophie basiert. Könnte das unsere heutige Aufgabe sein? 

 

27. Weltgeschichte als Geschichte der Versöhnung

Zwischen der Jenaer und der Berliner Zeit Hegels gibt es einen eindeutigen gemeinsamen Nenner: das Thema der ‚Versöhnung‘. Es geht dabei um das Verhältnis zwischen dem individuellen Geist und dem universellen Logos, der in ihm steckt. Es ist der Kernpunkt der gesamten Frage der Weltgeschichte. Dieses Verhältnis muss in der Identifikation des ersten mit dem zweiten und in der entsprechenden Versöhnung gipfeln. Auch in Jena war dies für Hegel der grundlegende Aspekt der Geschichte. Die Weltgeschichte ist eine Geschichte der Versöhnung. Sie durchläuft verschiedene Phasen, in denen die Individuen durch Religionen und Philosophie immer mehr mit dem Universellen versöhnt werden, bis hin zum germanischen Reich, in dem diese Versöhnung ihre volle Verwirklichung findet. Das Individuum versteht, dass der Logos keine äußere, materielle oder göttliche Einheit ist, sondern die absolute Vernunft, die auch sein Wesen ausmacht. Dieses Verständnis ist also Identifikation und damit Versöhnung. Der Einzelne ist mit der Welt versöhnt, weil er durch das System ihre Struktur verstanden hat und erkannt hat, dass er der Zweck, der Sinn der Entwicklung des Ganzen ist, nicht als einzelnes Individuum, sondern als universelles Individuum, als Menschheit in ihm. So schließt sich der Kreis, der Sinn der Geschichte, aber auch der Sinn der Welt, ist das Leben des reinen Logos, und dieses Leben verwirklicht sich vollständig im Leben des Menschen, in der Sittlichkeit. 
In seinen unveröffentlichten Vorlesungen betont Hegel, dass zwischen Religion und Philosophie, Kirche und Staat zunächst Feindschaft und Konflikt herrschen, dann aber im Laufe der Zeit der Staat das Geistige, das Religiöse in sich aufnimmt, und dies sei die wahre Versöhnung. Die Kirche wird also vom Staat absorbiert, das Göttliche existiert nicht mehr als etwas „Anderes”, sondern es ist derselbe Geist, derselbe Staat, die nun vergöttlicht wurden. In den „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ schreibt Hegel: „Das Recht ist etwas Heiliges”. Genau das meint er damit. 

 

Quelle Nr. 43: Über das Recht als eztwas Heiliges

 

§30

"Das Recht ist etwas Heiliges überhaupt, allein weil es das Dasein des absoluten Begriffes, der selbstbewußten Freiheit ist." 

 

(Aus den "Grundlinien über die Philosophie des Rechts", im Internet hier).


Es ist offensichtlich, dass für Hegel das Germanische Reich nicht den Höhepunkt der Versöhnung darstellt, sondern ihren Anfang. Die Versöhnung beginnt mit diesem Reich, muss sich aber im Laufe der Zeit auf die gesamte Menschheit ausweiten. Hegel kann nur so gedacht haben, auch wenn er sich dazu nicht explizite äußert (implizite aber ja, siehe den Schlussteil der „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“).

 

28. Hegels schwerwiegender Denkfehler ?

Hier scheint Hegel troz allem doch einen logischen Fehler begangen zu haben. Wenn nämlich nicht der innere Staat, der Nationalstaat, der wahre Protagonist der Geschichte ist, sondern der Logos als Weltgeist, der die Geister der Völker zu einer bestimmten historischen Entwicklung bewegt und leitet, warum sollte dann der einzelne Mensch seine Erhebung zum Geist des Volkes verhindern und sich nicht vielmehr mit dem Weltgeist, mit dem wahren Absoluten, mit dem Logos an sich identifizieren?
Es ist auch nicht wahr, dass der Weltgeist keinen wesentlichen und kulturellen Inhalt hat, der die Individuen zu einer Idealität erzieht, die über die der nationalen Kulturen hinausgeht. Dieser Inhalt ist gerade die Freiheit für alle als Ziel der Geschichte, d. h. Idealismus, Humanismus, Philosophie! 
Es scheint also, dass Hegel diesen letzten logischen Schritt nicht geschafft hat und es ihm nicht gelungen ist, seine Theorie des absoluten Geistes (die Philosophie als höchste Form der Erkenntnis des Absoluten, die über die Form der Religion hinausgeht), seine Geschichtsphilosophie (der Weltgeist als unmittelbar dem Logos untergeordnete Ebene und seine tatsächliche Existenz als treibende Kraft der Geschichte) die Idee des Volksgeistes und des inneren Staates, in dem er Ausdruck findet, und schließlich die Theorie der Anerkennung nahtlos miteinander zu verbinden. 
Der Nationalstaat hat, wie Hegel behauptet, keine Wahrheit an sich, sondern ist dazu bestimmt, zu entstehen und zu vergehen, er bewegt sich im Bereich des Relativen und Endlichen, während nur der Weltgeist, der die sichtbare Seite des absoluten Logos ist, weder entsteht noch vergeht, sondern immer die Geschichte der Menschen bestimmt hat und immer bestimmen wird, trotz des ständigen Entstehens und Vergehens der Staaten.
Hegel hätte hier zumindest in kantischen föderativen Begriffen argumentieren müssen, also der Konföderation der Nationalstaaten für einen ewigen Frieden, oder sogar in Begriffen eines Weltstaates, der die Geschichte abschließt und die Ankunft des Weltgeistes darstellt, der es nach vielen historischen Wechselfällen schafft, die Menschheit endgültig zu vereinen und damit tatsächlich echte Freiheit für alle auf planetarischer Ebene zu garantieren.

Unsere Pyramide zeigt, dass der Gang der Weltgeschichte nicht nur mit einer Entwicklung des Selbstbewusstseins vorgeht, sondern auch  mit einer progressiven Reduktion der staatlichen Einheiten auf Erden fortgeht bis zu einer einzigen Einheit des Weltstaates. Diese Einheit, die Spitze der Pyramide, ist das eigentliche Ziel der Geschichte. Nur im philosophischen Weltstaat, der die Verwirklichung des Weltgeistes darstellt, können wirklich alle Menschen zum absoluten Selbstbewusstsein und zur wahren Freiheit gelangen. Nur im Weltstaat ist die ‚allgemeine Anerkennung‘ verwirklicht, die Hegel in der Sektion über die „Phänomenologie des Geistes“ darstellt und die Grundlage des äußeren Staatsrechts, also der Geschichte, bildet, wie er selber im bezüglichen Paragrafen erklärt.  
So wie der Volksgeist im nationalen Staat seine passende Verwirklichung findet, kann der Weltgeist seine eigene passende Verwirklichung nur in einem Weltstaat finden. Es ist nicht zu begreifen und nicht zu begründen, wieso der Volksgeist eine Umsetzung bzw. Verwirklichung im nationalen Staat finden darf, während sich der Weltgeist durch unzählige Kriege hindurch quälen muss. Beides ist Geist, also die Verbindung der Individualitäten, die Kommunikation, die Gemeinschaftlichkeit, in einem Wort die Anerkennung. Es ist nicht zu verstehen, wieso der Prozess der Überwindung der Unterschiede in Sprache, Werte, Traditionen usw., der die Aufhebung der Souveränität von Dörfern, Kommunen, der Städten, Regionen mit sich bringt, bei Nationalstaat aufhören und sich kristallisieren soll. Auch der Nationalstaat wird dasselbe Schicksal wie die anderen vorübergehendem Kristallisationen erfahren, d.h. er wird seine Autonomie und Souveränität verlieren. Natürlich muss nicht alles aufgeben, es kann unproblematisch Bereiche des gesellschaftlichen Lebens geben, die unter dem Bereich der nationalen Regierung, wie heutzutage z.B. die Landesregierungen, die Gemeinden usw. einige Bereiche des gesellschaftlichen Lebens für sich beanspruchen. Wann und wo eine neue Schule in Deutschland gebaut wird, wird wohl nicht von einer Weltregierung entschieden; welche ethische in dieser Schule unterrichtet werden, z.B. die Gleichberechtigung der Geschlechter sowie die Grundrechter der Arbeiter, soll zentral auf Weltregierungsebene entschieden werden und für alle Menschen auf Erden gleich sein. Es ist nicht der richtige Ort, um die Verteilung der Zuständigkeiten zu besprechen, es wird aber verschiedene Ebenen der Zuständigkeiten geben, genauso wie heute im Nationalstaat. Es wird ‚nur‘ die oberste Ebene ergänzt, die Weltebene, die heute fehlt und das Chaos im internationalen Recht verursacht, wie Hegel verstanden aber nicht gelöst hatte. 
Wir müssen uns die Frage stellen, warum Hegel diese Schlussfolgerung nicht gezogen hat, die auf der Grundlage seiner Prämissen die einzig wirklich logische ist und zu seiner Zeit auch nicht utopisch war, weil z.B. Kant sie schon 1795 formuliert hatte, obwohl auf einer anderen Grundlage als Hegels Auffassung der Geschichte. 


29. Hegels Engpass: Welcher ist der Ort der Versöhnung?
Der Grund dafür hat mit dem Begriff der Versöhnung zu tun, den wir bereits in den Schriften von Jena begegnet sind, insbesondere in der Sichtweise der philosophischen Geschichte der Religion und der Philosophie vom Polytheismus zum Idealismus. Für Hegel ist das Endziel der Geschichte, wie gesagt, die Freiheit für alle, und dies ist die Versöhnung zwischen dem einzelnen Individuum, den anderen Individuen der Gemeinschaft und der Natur. Der Mensch versöhnt sich mit der Welt im Nationalstaat, in dem er einen den verschiedenen Traditionen entsprechenden geistigen Inhalt erhält. Außerhalb dieses Bereichs, der dem Individuum menschliche Wärme verleiht, sieht Hegel nur die Kälte der internationalen Beziehungen, die vom Rhythmus der Kriege bestimmt werden, die entscheiden, welche Völker jeweils die dominierenden sein werden und somit die Menschheit zum nächsten historischen Fortschritt führen.
Es ist anzunehmen, dass die germanische Welt seiner Meinung nach nur die erste Staatsgebilde ist, die diese Freiheit für alle erreicht, dann werden die anderen folgen, die sich damals auf einer niedrigeren Stufe der Geschichte befanden. In der germanischen Welt ist die Philosophie mit der protestantischen Religion verbündet, was seiner Meinung nach die höchstmögliche Versöhnung darstellt. Das ist seine Sichtweise der letzten etwa zehn Jahre, seit er nach Berlin berufen wurde, um dort zu lehren. 
Wir wissen jedoch, dass er in Jena eine andere Sichtweise hatte, nämlich dass die Philosophie, die im Sinne der Aufhebung die konfessionelle Religion aufhebt, die Aufgabe hat, eine neue Epoche zu stiften, die von wahrer Versöhnung geprägt war, nämlich der des Geistes, der sich selbst als Träger des Absoluten und damit als höchst und absolut würdig anerkennt, ganz unabhängig vom geografischen Ort.
Die Frage, die wir uns hier stellen müssen, lautet: Warum hat Hegel seine neue Sichtweise, die er in seinen letzten Jahren in Jena (1805-06) entwickelt hatte, nicht weiterverfolgt und die Grundzüge einer neuen Epoche und philosophischen Zivilisation selbst ausgearbeitet? Warum hat er eine Kehrwende vollzogen und darauf beharrt, das Unendliche, die Versöhnung des individuellen Geistes und des universellen Logos, in etwas Endlichem, nämlich im Nationalstaat, zu suchen?
In seinen verschiedenen reifen Werken, die sich mit dem Begriff des äußeren Staates befassen, zeigt Hegel deutlich die Bewegung zwischen diesen beiden Begriffen: einerseits die Theorie der Dialektik des Krieges als unvermeidliche Form des historischen Fortschritts (die der Geschichte innewohnende Negation), andererseits aber auch das Bewusstsein, das sich immer am Ende von Konflikten oder durch deren Verhinderung bildet, sodass Krieg keine Option mehr ist oder nicht mehr als solche betrachtet wird. 
Hegel löst oder thematisiert diese Dialektik zwischen Krieg und Bewusstsein nicht und überlässt die Versöhnung daher der nationalen Ebene, da er nicht in der Lage ist zu verstehen, wie eine solche Versöhnung auf internationaler Ebene stattfinden kann. Er sieht aus internationaler Ebene nur vorübergehende Friedensabkommen, sieht er aber nicht, dass es eine ständige Erweiterung des ‚inneren Staates‘ das Ergebnis der Friedensabkommen ist und dass diese ständige Erweiterung solange dauern wird, bis das Endziel der Geschichte im Weltstaat (im ‚Ganzen‘) erreicht wird. 
Wenn wir über die ständige Erweiterung der Staatlichkeit von den Urstämmen der Urmenschheit bis zu den Großmächten von heute tiefer überlegen, müssen wir zum Schluss kommen, dass es doch auch eine Erweiterung der Anerkennung stattgefunden hat. Heute identifizieren wir uns sicherlich nicht nur mit unseren Landsleuten, sondern mit allen ernsten, ehrlichen und anständigen Menschen, egal aus welchem Land sie kommen. Oft haben wir sogar mehr gute Bekannten und Freunde in anderen Ländern als in unserem eigenen. Vor allem unter jungen Menschen entwickelt sich diese Internationalisierung von Freundschaften (und auch Liebesbeziehungen) immer mehr. Das bedeutet, dass sich die Anerkennung ausbreitet und das ist ganz wichtig, weil es dadurch zu einem Sieg über den Krieg kommt: Wo es echte Anerkennung stattgefunden hat, ist Krieg nicht mehr möglich! Hegel hat diese Erweiterung der Anerkennung in der Weltgeschichte einfach nicht verstanden. Er hat den Vollgsgeist und der Nationalstaat als ewig gehalten und nicht deren logischen Status tiefer untersucht, obwohl er natürlich wusste, da es sich dabei um endliche Institutionen handelt, die entstehen und irgendwann auch vergehen.

Interessanterweise gibt es auch heute noch einen weit verbreiteten Irrtum: Oft wird gesagt, dass Grenzen nicht verletzt werden dürfen, aber die Grenzen zwischen den Nationen sind etwas Vorübergehendes, etwas Historisches und nicht etwas Natürliches. Auch in Zukunft werden Grenzen sicherlich verändert oder sogar aufgehoben werden, denn der Protagonist der Weltgeschichte ist der Weltgeist und nicht der Volksgeist. Wenn der Weltgeist beschließt, dass ein Staat verschwinden soll oder dass sein Territorium verkleinert oder vergrössert werden muss, kann keine menschliche Kraft dies verhindern, denn der Weltgeist verwirklicht das Absolute, den Logos, und wird daher immer stärker sein als jeder Mensch und jedes Volk.


30. Der nicht mehr erweiterbare Weltstaat als Endziel der Geschichte und geeigneter Ort für die Verwirklichung der absoluten Sittlichkeit 
Der philosophische Weltstaat ist der maximale Ausdruck des inneren Staates, die keinen äußeren Staat mehr zulässt (es sei denn außerirdische Staaten, von den denen wir aber noch nichts wissen) kann nicht mehr erweitert werden und bildet somit das Endziel der Weltgeschichte, in der die Freiheit für alle in einem Weltstaat zugesichert wird. Das ist selbstverständlich nicht Hegels eigener Schluss, sondern der Schluss, den wir heute als Dialektiker zu ziehen haben. Es ist aber auch kein ‚Hegelfremder‘ Schluss, da Hegels Äußerungen in Jena in diese Richtung gingen, obwohl er in Berlin teilweise zu anderen Äusserungen kam (in den Anmerkungen). 
Dieser Weltstaat kann nur ein philosophischer sein, da es im Weltstaat die Religion durch die Philosophie bzw. die Metaphysik abgelöst bzw. aufgehoben wird. Auch die Ideologien, die Hegel nicht vorgesehen hatte (s. Pyramide) werden abgelöst und aufgehoben in der Philosophie, da sie ebenso dogmatisch wie die Religionen sind. Es herrscht am Ende nur noch die Philosophie, insbesondere die Metaphysik als Vernunftreligion. 
Diese ist die von Hegels selbst nicht ausgesprochene Wahrheit, die Hegels Philosophie doch in sich behält. Wenn wir die Philosophie des dialektischen Idealismus wirklich bis zum logischen Ende denken, müssen wir zu diesem Ergebnis kommen. Das Wahre ist das Ganze, das Ganze ist aber nie ein Nationalstaat, sondern nur ein Weltstaat! Wenn sich ein Nationalstaat anmutet, sich als Weltstaat in der internationalen Politik zu verhalten, haben wir mit sehr gefährlichen, oft als Demokratie versteckten  Diktaturen, die Abertausende von Toten verursachen. 
Allerdings sind Anfänge des Weltstaates schon zu merken. Die EU, was Europa betrifft, ist ein solcher Prozess von Erweiterung der Staatlichkeit von National- zur übernationalem Staat, wie es selbst in ihrem Gründungsmanifest, dem Manifest von Ventotene, zu lesen ist. 

 

Quelle Nr. 44: über die Ausdehnung der politischen Einheit an allen Völker der Erde

(Aus: E.Colorni-E.Rossi-A.Spinelli: "Das Manifest von Ventotene" Rom 1941, im Internet hierS.3)

 

"Blickt man über den alten Erdteil hinweg auf alle Völker der Menschheit, muss man zugeben, dass die Europäische Föderation die einzig denkbare Garantie bietet, um die Beziehungen mit den asiatischen und amerikanischen Völkern auf eine Basis friedlicher Zusammenarbeit zu stellen, bis es so weit ist, dass die politische Einheit aller Völker des Erdballs erreicht werden kann."


Auch die UNO hat darin sogar den Sinn ihrer Existenz, die Menschheit irgendwie zu vereinen. In Afrika gibt es eine Panafrikanische Bewegung (im Internet hier) und die BRICS (Brasilien Russland, Indien, China, Südafrika) vereinigen die Interessen von Milliarden von Menschen (im Internet hier). 
Die Weltgeschichte geht also eindeutig in diese globale Richtung, ob es uns gefällt oder nicht. Es ist heute nur die Frage, ob der Weltstaat vor oder nach einem Weltkrieg entstehen wird. Wir können einen dritten Weltkrieg zwischen den Ideologien vermeiden, indem wir uns philosophisch für den Weltstaat einsetzen. Wir können aber auch warten, dass sich die Ideologien bis zum bitteren Ende bekriegen werden und dass die Überlebende danach zwangsläufig den Weltstaat gründen werden. Diese zwei Optionen sind auf dem Tisch. Hegel gibt uns die Idee, wie wir uns zu entscheiden haben. Die Entscheidung liegt nicht bei jedem von uns als Einzelperson, sondern bei jedem von uns als Logos. 
Wenn wir uns mit dem Logos identifizieren und richtig logisch-dialektisch denken, sollen wir uns die Frage stellen: Wie würde der Logos, also das Absolute, entscheiden? Würde der Logos einen weiteren Krieg zwischen Menschen empfehlen, damit diese nach unendlichem Schmerz in einer kaputtgemachten Natur alles wieder aufbauen und irgendwann nach Jahrhunderten bzw. Jahrtausenden vielleicht zu einer Einheit sowieso kommen müssen, um einen vierten Weltkrieg zu vermeiden, oder würde der Logos sagen, verbreitet so schnell wie möglich in der ganzen Welt die Philosophie als Vernunftreligion, bildet die Menschen im Sinne einer sittlichen zweiten Natur, werdet zu einer richtig aufgeklärten, humanistisch orientierten, sich gegenseitig anerkennenden Gesamtmenschheit?
De Weltstaat ist der allumfassende, ewige innere Staat, der die Völker zu einem gemeinsamen Gesamtvolk vereinigt, die Menschen miteinander, mit dem Logos und mit der Natur versöhnt. Er ist das Ziel der Weltgeschichte, das die Menschen noch zu erreichen haben und, einmal erreicht, am Leben erhalten sollen, die jungen Generationen im Sinne der sittlichen zweiten Natur dementsprechend philosophisch bilden und vorbereiten, damit sie nie wieder in ein engstirniges, nationalistisches, ideologisches und dogmatisches Denken zurückfallen.  
Wie kann es jemals eine Versöhnung des Menschen mit der Welt geben, wenn Krieg immer eine Möglichkeit ist, die um die Ecke lauert? Wie kann Freiheit für alle verwirklicht werden, wenn die Völker früher oder später dazu bestimmt sind, militärisch aufeinanderzuprallen? Hegel erkennt diese theoretische Begrifflichkeit leider nicht und geht daher auch nicht darauf ein, sondern bleibt beim Begriff des Nationalstaates als Ort der Versöhnung stehen, der jedoch eine solche Versöhnung nicht endgültig garantieren kann, da es sich um eine endliche Einrichtung handelt, die daher zum Untergang bestimmt ist. Die heutigen Staaten sind irgendwann entstanden und werden irgendwann vergehen, wie Sein und Nichts am Anfang der Logik. Er gibt uns aber trotzdem die volle Begrifflichkeit, um seine Philosophie der Geschichte und die damit verbunden Philosophie der Politik weiterzudenken. 


31. Dialektische Umstrukturierung der Sektion über den Staat in der Enzyklopädie
Aus diesem Grund soll sie dritte Sektion der Philosophie der Sittlichkeit  folgendermaßen umstrukturiert werden: Die Kapitel, die er dem äußeren Staat widmet, sind in der Tat der lückenhafteste Teil seines Systems, sowohl hinsichtlich der Anzahl der gewidmeten Seiten (bzw. sogar Zeilen) als auch hinsichtlich der Argumentation. Hegel zeigt dabei, dass er die Dynamik der Geschichte verstanden hat, nicht aber die der internationalen Beziehungen und damit die Überwindung der Dialektik des Krieges in einer versöhnlichen Einigung der Völker als ‚anerkennenden allgemeinen Selbstbewusstsein‘ und somit Ziel der Weltgeschichte. 
Er macht aber den Fehler, die Weltgeschichte und der Weltgeist als der dritte der Triade und nicht der zweite zu betrachten. Aus diesem Grund ist die zweite Sektion über den äußeren Staat so leer an Gedanken und Begriffen. Hegel schreibt darin nur, dass sich im internationalen Bereich ein Wechsel von Krieg und Frieden (Anerkennung gibt), mehr nicht. Das ist aber genau die Entwicklung des Weltgeistes und der Weltgeschichte!  Deswegen hätte eigentlich der ganze Inhalt der dritten Sektion über die Weltgeschichte eigentlich in die zweite Sektion einpassen sollen. Die dritte Sektion der Philosophie der Sittlichkeit soll also folgendermaßen umstrukturiert werden:


a.  Affirmation: der innere Staat (Begriff des Staates als sittlicher Staat, der Volksgeist, der aber auch die ganze Menschheit als Volks sein kann) 

b.  1. Negation: Äußeres Staatsrecht und Weltgeschichte (Krieg und vorübergehende Anerkennung durch Friedensabschlüsse, Wirklichkeit des Staates in der Zeit, die Weltgeschichte und der Weltgeist)

c.  2. Negation bzw. Negation der Negation: Weltstaat (definitive allgemeine Anerkennung, Ende des Krieges und Verwirklichung des Begriffs des Staates, des Weltgeistes sowie des Ziels der Weltgeschichte – Freiheit für alle), Ort der absoluten Sittlichkeit und der Versöhnung der Menschen untereinander, mit der Natur und mit dem Logos (Hegels Ideal im Jena, das immer im Hintergrund seiner Philosophie geblieben ist: die neue Epoche). 


Die 2. Negation bzw. Negation der Negation oder, anders gesagt, die Synthese, kann nur der Weltstaat sein. Das Moment des Negativen ist dagegen die Weltgeschichte, in der der Weltgeist die Nationalstaaten negiert, diese gegeneinandersetzt, damit immer größere Staaten bis eben zum Weltstaat entstehen. Wie leben heute immer noch in diesem zweiten Momenten des Negativen und deshalb ist Krieg immer noch möglich. 

Die Affirmation ist der Begriff des Staates, die nur im philosophischen Weltstaat seine Wirklichkeit finden kann. Nur im philosophischen Weltstaat wirkt die Anerkennung zwischen den Menschen und findet das ‚allgemeine, anerkennende Selbstbewusstsein‘ weltweit statt. Nur im philosophischen Weltstaat können deshalb die Menschen wirklich frei und glücklich sein. Nur im philosophischen Weltstaat kann das Ziel der Weltgeschichte, die Freiheit für alle, Wirklichkeit werden. Die Geschichte davor ist eigentlich Vorgeschichte, Vorbereitung des Weltstaates. Erst im philosophischen Weltstaat beginnt die echte Geschichte der vereinigten Menschheit. Bis zur Gründung des Weltstaates sind die Menschen noch in der Vorgeschichte. 

In Hauptteil dieser philosophischen Plattform ist ansatzweise geschildert, wie der philosophische, idealistische und dialektische Weltstaat der Zukunft aussehen soll. Diese Plattform ist interaktiv, d.h. dass es möglich ist, wie z.B. auf einer Plattform wie facebook, Instagram usw. miteinander in Kommunikation zu treten. Ihr Ziel ist es, gemeinsam an einem aktuellen philosophischen System der Wahrheit auf der Grundlage von Hegels Enzyklopädie zu arbeiten.

Ich hoffe, wir kommen in Austausch in Zukunft hier wieder!

(Marco de Angelis, Deutschland-Italien, 17. Februar 2026)


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