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ZWEITES STADIUM (1804): Entstehung der Frage nach der adäquaten Erscheinungsform   des Absoluten im

ZWEITES STADIUM (1804): Entstehung der Frage nach der adäquaten Erscheinungsform  des Absoluten im

 

 

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ZWEITES STADIUM
(1804
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Entstehung der Frage nach der adäquaten Erscheinungsform 

des Absoluten im menschlichen Bewusstsein

Hauptquelle: "...es ist nur die Form..."

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Nachdem Hegel den realen Teil seines philosophischen Systems erstellt hatte, stieß er ca. um 1804 wieder auf die schon 1803 ungelöste Frage nach der Begründung der absoluten Sittlichkeit durch die absolute Religion. Der erste Versuch einer Erstellung des Systems der Philosophie als Selbstdarstellung des Absoluten bricht nämlich wieder an diesem entscheidenden Punkt ab, und zwar dort, wo Hegel den Begriff der Begründung der absoluten Sittlichkeit formulieren muss, also beim Übergang von der "Philosophie des objektiven Geistes" zur "Philosophie des absoluten Geistes".(1) Glücklicherweise ist uns ein Text erhalten geblieben, von Hegel im Wintersemester 1803/04 verfasst, laut Kimmerle gegen Ende 1803/Anfang 1804,(2) in dem der Philosoph das Thema der Beziehung zwischen dem individuellen und dem absoluten Bewusstsein behandelt, und zwar vor allem im Hinblick auf die Frage, wie das absolute Bewusstsein im einzelnen Bewusstsein präsent werden kann. Es handelt sie hierbei um den Text "...es ist nur die Form".(3)

Hegel stellt sich selbst die Frage, welches denn die geeignete Form sei, um das Erscheinen des Absoluten im Bewusstsein des Einzelnen zu gewährleisten und es dadurch auch zum absoluten Bewusstsein zu erheben. Er untersucht verschiedene Möglichkeiten, im Bereich Religion wie auch Kunst. Was die Religion und ihre Fähigkeit angeht, das Bewusstsein des Einzelnen zu absoluten Bewusstsein zu erheben, so kommt der schwäbische Denker zu folgendem Schluss:

„(...) die Gestalten aber, worin diese lebendigen Einzelnen sich als absolutes Bewußtseyn anschauen, die Stiffter der Religionen sind wesentlich wirkliche in der Geschichte existirende, nicht absolut freye Gestalten.“ (GW 6, S. 330,10-12).

Die Religion kann also wegen ihrer unauslöschlichen Verankerung im historischen Leben, weil sie also auf die Geschichte bezogen und nicht absolut ist, das Erscheinen des Absoluten als solches im Bewusstsein des Einzelnen nicht gewährleisten und es daher nicht zu absoluten Bewusstsein erheben
Auch bei der Kunst gelangt Hegel zu einem negativen Urteil:

„Die Kunst, welche jener Liebe, jenen romantischen Thaten, und diesen geschichtlichen Gestalten und diesem Vernichten des Bewußtseyns Gegenwart gibt, kann solchem Innhalt sein wesentliches, daß er keine Gegenwart hat, sondern nur absolute Sehnsucht nicht durch die Form benehmen.“

(GW 6, S. 331, 13-16).

Es muss also eine andere Möglichkeit gefunden werden, die es dem Absoluten ermöglicht, sich dem Bewusstsein des Einzelnen in reiner Form zu präsentieren, also ohne die der Kunst und Religion eigenen empirischen Elemente. Hegel begreift somit, dass man die ‚Erscheinungsform‘ des Absoluten im Bewusstsein des Einzelnen an die ‚Rezeptionsform‘ des Absoluten durch das Bewusstsein des Einzelnen anpassen muss.
Die Erscheinungsform des Absoluten im Bewusstsein des Einzelnen muss der Form der Allgemeinheit bzw. der Reinheit und der Absolutheit entsprechen, da das Absolute der Weltgeist ist. Daher muss auch die Rezeptionsform des Absoluten der reinen Form der Allgemeinheit und Absolutheit entsprechen.
Hegel drückt sich zu dieser Problematik in den letzten noch erhalten gebliebenen Zeilen - da das Fragment leider unvollständig überliefert wurde (ohne Beginn und ohne Ende) - folgendermaßen aus:

„Der Innhalt in dem das absolute Bewußtseyn erscheint, muß sich von seiner Sehnsucht, von seiner Einzelnheit die ein Jenseits der Vergangenheit und der Zukunft hat befreyen, und der Weltgeist nach der Form der Allgemeinheit ringen; der blosse Begriff des absoluten Selbstgenusses muß aus der Realität in die er sich als Begriff versenkt hat, erhoben [werden], und indem er sich selbst die Form des Begriffes, reconstruirt er die Realität seiner Existenz und wird absolute Allgemeinheit.“ (GW 6, S. 331,16-22).

Das sind die letzten Worte des Textes. Die zumindest provisorische Schlussfolgerung, zu der Hegel gelangt, ist offensichtlich: Wenn die Allgemeinheit die Erscheinungsform ist, da dies die Form des Weltgeistes ist, so muss die Allgemeinheit auch die Rezeptionsform des Absoluten durch das Bewusstsein des Einzelnen sein.
Kurz und gut, das Bewusstsein des Einzelnen muss also das Absolute in der Form der Allgemeinheit rezipieren. Nur auf diese Art und Weise ist es möglich, dass das Absolute dem Bewusstsein des Einzelnen erscheint und sich dieses daher zu absolutem Bewusstsein erhebt.
Es ist also klar, dass Hegel mit diesen Überlegungen der Lösung des Grundproblems, das eine Fertigstellung des Systems der Sittlichkeit verhinderte, schon sehr nahekam. Es handelt sich hierbei um das Problem der Begründung der absoluten Sittlichkeit, insbesondere um die Frage, wie man den empirischen Menschen dazu bringen könne, sich zum Absoluten zu erheben und schließlich eins mit ihm zu werden, sodass sein Handeln nicht mehr das Handeln des empirischen Individuums ist, sondern zum Handeln des Absoluten selbst wird.
Um dieses Ziel zu verwirklichen, muss man die Wissensform des Absoluten mit der Seinsform des Absoluten übereinstimmen. Diese Form entspricht dann der Form der Allgemeinheit, der Form des Begriffs, wie Hegel sich im eben zitierten Abschnitt ausdrückt.
Leider können wir nicht wissen und werden vielleicht auch nie erfahren, ob Hegel bei der verlorengegangenen Fortsetzung dieses Textes mit seinen Überlegungen weitere Fortschritte erzielte und so zur Überzeugung gelangte, dass diese Form nichts anderes als die Philosophie sein kann.
Wenn dies der Fall wäre, so hätten wir schon mit diesen Fragmenten aus den Jahren 1803/04 das erste komplette philosophische System Hegels. Denn darin wäre sicherlich die Auffassung der Philosophie als einzige Rezeptionsform des Absoluten enthalten, dazu geeignet, durch das begriffliche Verständnis der universellen Form des Absoluten, die Erhebung des einzelnen Bewusstseins zu absolutem Bewusstsein zu verwirklichen.
Eine solche Annahme wird sicher durch die Tatsache gerechtfertigt, dass Hegel sich im letzten erhaltenen Satz des Fragmentes schon in diesem Sinne ausdrückt, auch wenn er noch nicht das Wort ‚Philosophie‘ gebraucht, als er von der geeigneten Präsentationsform des Absoluten im Bewusstsein des Einzelnen spricht. 

Somit bleibt es dem Leser Hegels überlassen, für sich eine Entscheidung zu treffen.

 

ENDNOTEN 


1) Es handelt sich um die Texte 21 und 22, die die Familie bzw. das Volk behandeln (GW 6, S. 301 ff).
2) Vgl. seine erste Chronologie auf S. 160.
3) GW 6, S. 330-331

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