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2023C: HEGEL, PHILOSOPHIE ALS WISSENSCHAFT: METAPHYSISCHE BEGRÜNDUNG UND POLITISCHE AUFGABE

2023C: HEGEL, PHILOSOPHIE ALS WISSENSCHAFT: METAPHYSISCHE BEGRÜNDUNG UND POLITISCHE AUFGABE

 

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2023 C

(Juni)

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Das Selbstverständnis der Philosophie 
und ihr Verhältnis zu den (anderen) Wissenschaften
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Hegel-Kongress
Stuttgart 2023

(vollständiges Programm hier)

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Hegel, Philosophie als Wissenschaft:
metaphysische Begründung und politische Aufgabe

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von
Marco de Angelis
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Einleitung


Philosophie ist für Hegel Wissenschaft. Es gibt keine "Wissenschaften" im Plural, es sei denn als Teile der Philosophie, denn "das Wahre ist das Ganze", aber, wenn das Wahre das Ganze ist, dann kann die Suche des Menschen nach dem Wahren, d.h. die Wissenschaft, nur auf das Ganze gerichtet sein. Diese Suche nach der Wahrheit des Ganzen, das als organische Einheit verstanden wird, also das System der Wissenschaft oder, wenn man so will, der Wissenschaften im Plural, ist eben nach Hegel die Philosophie. 
 Es gibt kein Werk Hegels, das nicht in seinem Titel oder zumindest im Untertitel den Begriff und das Wort "Wissenschaft" trägt: 


• die Phänomenologie des Geistes ist der erste Teil des Systems der Wissenschaft; 
• die Logik-Metaphysik ist die Wissenschaft der Logik; 
• das komplette System ist die Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften; 
• die Grundlinien der Philosophie des Rechts werden von ihm im Untertitel als „Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse“ bezeichnet. 


Wenn wir uns die Frage stellen, warum der Philosoph das Bedürfnis hatte, den Begriff und das Wort "Wissenschaft" in jedem Titel oder Untertitel seiner Hauptwerke einzubauen, gibt es nur eine Antwort: Weil für Hegel Philosophie und Wissenschaft zusammenfallen! 
 Die Philosophie ist die wissenschaftliche Form der Seinserkenntnis, und zwar sowohl in ihrer Gesamtheit, dem enzyklopädischen System der Philosophie, als auch in ihren Einzelteilen, Phänomenologie, Logik, Naturphilosophie, Geistesphilosophie einschließlich der Wissensgebiete, von denen wir nur seine Vorlesungen haben (Weltgeschichte, Kunst, Religion und die philosophische Geschichte der Philosophie).
 Es gibt eine Stelle in seinen Werken, an der Hegel diese  wissenschaftliche Einstellung zur Philosophie sehr deutlich als "Wissenschaft der Wissenschaften" oder "System der Wissenschaften" oder noch sogar "Enzyklopädie der Wissenschaften" - den Ausdruck, den er später für die Veröffentlichung der systematischen Fassung seines Denkens wählte – bewusst zum Ausdruck bringt; die Stelle findet sich in der Phänomenologie des Geistes und lautet wie folgt:

 

“Die wahre Gestalt, in welcher die Wahrheit existirt, kann allein das wissenschaftliche System derselben seyn. Daran mitzuarbeiten, daß die Philosophie der Form der Wissenschaft näher komme, – dem Ziele, ihren Nahmen der Liebe zum Wissen ablegen zu können und wirkliches Wissen zu seyn –, ist es, was ich mir vorgesetzt.“ (GW 9, S. 11).

 

Hegel verkündete der deutschsprachigen Geisteswelt seiner Zeit, dass er sich zum Ziel gesetzt habe, im Laufe seines Lebens die Philosophie als begründetes Wissen, also als Wissenschaft, zu erarbeiten und zu präsentieren. 
 Zu der Zeit, als er diesen Gedanken schrieb, das ist 1807, hatte er bereits das System in der Schublade, und zwar sein erstes System, das er in Jena zwischen 1804 und 1806 ausgearbeitet hatte, das bereits in allen seinen Teilen vollständig, wenngleich noch nicht im Detail ausgearbeitet war. 

In unserem Referat wollen wir:


•  Erstens die Frage beantworten, ob es dem Stuttgarter Philosophen zu seinen Lebzeiten gelungen sei, dieses sehr ehrgeizige Lebensprogramm umzusetzen, das er im Alter von 37 Jahren formulierte, „nel mezzo del cammin di nostra vita“ ("in der Mitte unseres Lebensweges", wie Dante Alighieri sagen würde), in jenem Alter also, das zwischen der Jugend- und der Reifezeit des geistigen Lebens eines Philosophen liegt.


•  Zweitens, wollen wir verstehen, ob die heute in der akademischen Welt vorherrschende klare Trennung zwischen den Einzelwissenschaften und der Philosophie, die fast nie als ‚Wissenschaft‘ betrachtet wird, theoretisch gerechtfertigt sowie positiv für die Entwicklung der Gesellschaft ist, oder ob sie nicht vielmehr ein theoretischer Irrtum ist und damit letztlich einen negativen Einfluss auf das individuelle und soziale Leben der Menschen hat.

 

Ist es Hegel dann doch gelungen, die Weisheit in Wissenschaft zu transponieren?


Die Antwort auf die erste Frage ist eindeutig positiv: Hegel ist es im Laufe seines geistigen Lebens tatsächlich gelungen, diese Frage zu lösen, d.h. die Philosophie als Wissenschaft zu konzipieren und zu begründen.  
 Der Grundbegriff, auf den der Philosoph diese Schlussfolgerung stützt, ist die Dialektik, d.h. die notwendige Beziehung, die den Übergang von einer vorherigen Kategorie zur folgenden bindet.  Insofern diese Beziehung logisch notwendig ist, ist sie nicht subjektiv und hängt somit nicht vom Denken des Philosophen ab, sondern objektiv, d.h. sie hängt von der immanenten Entwicklung der Sache selbst ab. So Hegel in der Wissenschaft der Logik:

 

„Auf diesem sich selbst construirenden Wege allein, behaupte ich, ist die Philosophie fähig, objective, demonstrirte Wissenschaft zu seyn.“  (GW 21, 8, 19-21).

 

Diese Notwendigkeit in der Entwicklung der logischen Kategorien - wie dann auch der anderen begrifflichen Bestimmungen, die die Struktur der Naturphilosophie und der Philosophie des Geistes ausmachen - ist die Grundlage der Wissenschaftlichkeit der Philosophie.  
  Wissenschaftlichkeit bedeutet nämlich Objektivität, immanente und selbstständige Entwicklung der Sache selbst, d.h. die Tatsache, dass eine Wahrheit nicht vom Subjekt, das sie formuliert, abhängig ist, sondern in sich selbst eine Erklärung und Begründung hat.  Dies wird gerade durch das dialektische Verfahren ermöglicht.
 Dabei ist zu bedenken, dass die Dialektik keine formale Methode ist, die außerhalb des vom Subjekt gewählten Inhalts liegt, denn sonst würden wir in den Diskurs über die Subjektivität der Wahrheit zurückfallen und damit gerade den grundlegenden Aspekt der Philosophie als objektive Wissenschaft aus den Augen verlieren. Vielmehr ist die Dialektik der Sache selbst inhärent, den Kategorien selbst, die in sich selbst Trägerinnen ihres eigenen Gegenteils sind. Dadurch entsteht eine autonome, logische und begriffliche Entwicklung, die durch die drei Momente der Affirmation, der Negation und der Negation der Negation gekennzeichnet ist. Das Hauptgesetz dieser logischen Entwicklung ist die Aufhebung.  
 Die Dialektik ist also die Struktur der Denkbarkeit des Seins aber gleichzeitig die Logik des Seins selbst, wobei es keinen Grund gibt, zwischen beiden zu unterscheiden. Alles, was ist, entwickelt sich logisch und dialektisch, das Denken selbstverständlich auch.
 Diese Haupteigenschaft der Philosophie als objektive Wissenschaft schmälert natürlich nicht ihre andere, sehr wichtige Aufgabe, die darin besteht, Liebe zur und Suche nach Wissen zu sein. Die Philosophie ist zwar eine objektive Wissenschaft, die authentisches und notwendiges Wissen hervorbringt, das für die Menschen verbindlich ist, doch interpretiert sie dieses Wissen nicht als ein für alle Mal festgelegt, sondern als einen Prozess der ständigen Erneuerung. 
 In der Tat wäre es für die Dialektik selbst, die eine kontinuierliche logische Entwicklung ist, ein Widerspruch, wenn diese kontinuierliche logische Entwicklung irgendwann enden und die Philosophie eine absolut endgültige und geschlossene Form annehmen würde. Damit wäre sie gleichsam nicht mehr einer Entwicklung unterworfen und das ist offensichtlich nicht denkbar. 
 Die Philosophie ist nach wie vor die Suche nach Wissen, gleichzeitig aber auch Besitz von Wissen, beides zusammen ist kein Widerspruch. Wissen besitzt der dialektische Philosoph in dem Sinne, dass er die logische Struktur des Seins verstanden hat, was aber nichts daran ändert, dass die Weiterentwicklung des Denkens zu einer Verfeinerung, zu einer Verbesserung dieses Wissens führen kann und auch soll. Damit wird das überlieferte Wissen eigentlich nicht widerlegt, sondern verbessert und weitergeführt, zum Beispiel durch neue Gedanken und neue Begriffe ergänzt.
 Die beiden Aspekte der Philosophie als Besitz von wissenschaftlichem Wissen und als Liebe und Streben nach Wissen widersprechen sich also nicht, im Gegenteil, sie ergänzen sich, denn das Wissen ist bereits vorhanden, es ist bereits besessen, daher kennen wir Philosophen dank der Dialektik bereits die logische Struktur des Seins, die in der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften derzeit noch am besten zum Ausdruck kommt. Das verhindert jedoch nicht, dass wir immer im Sinne Hegels und damit der Dialektik arbeiten und so unklare Aspekte des Hegelschen Systems selbst herausfinden können, die verbessert und weitergeführt werden sollen. 
  Hier folgen einige Beispiele davon. Der Teil, der die dialektische Naturphilosophie betrifft, muss zum Beispiel verbessert und weitergeführt werden, da die Naturwissenschaft in den letzten etwa 190 Jahren seit Hegels Tod große Entwicklungen erfahren hat; die dialektische Geschichtsphilosophie auch, es gibt offensichtlich fast 200 Jahre mehr Geschichte als zu Hegels Zeit, die dialektisch ausgearbeitet werden sollen; und dasselbe gilt zu machen für die anderen philosophischen Wissenschaften.
Zusammenfassend lässt sich also sagen:

 
• Erstens, dass wir Philosophen zwar bereits über sehr tiefe und ausgeprägte wissenschaftliche Erkenntnisse verfügen, die auf 2500 Jahren Geschichte des Fachs beruhen und in denen die Menschheit bereits zu objektiven Wahrheiten und Schlussfolgerungen gelangt ist.


• Zweitens, dass wir diese objektiven Wahrheiten jedoch durch neue Studien ergänzen sollen, vorausgesetzt, dass diese Studien immer im Gefolge dieser dialektischen Erkenntnisse aus 2500 Jahren Geschichte der Metaphysik stehen, also auf der Bahn der Philosophie Hegels als zurzeit noch letzter Vertreterin der systematischen Philosophie. 

 

Über den negativen Einfluss der leider vorherrschenden Leugnung der Philosophie als Wissenschaft auf die heutige Gesellschaft


Über diesen grundlegenden theoretischen Aspekt hinaus gibt es noch den anderen Aspekt, der die Wirklichkeit betrifft, nämlich die Frage, ob die heutige Welt eine starke Philosophie, eine wissenschaftliche Philosophie im Sinne Hegels, braucht oder nicht. 
Was uns allen bevorsteht, die Umweltkatastrophe zum Beispiel, aber auch die Gefahr eines neuen Weltkrieges, zeigt uns, dass die Menschheit noch immer mit Problemen leider kämpft, die sogar ihr Überleben bedrohen, weil es an absoluten Werten fehlt. Zum Beispiel der absolute Wert des Friedens oder der absolute Wert der Umwelt, diese Werte sollten niemals infrage gestellt werden, sie sollten als absolute Verbote für alles gelten, was gegen sie verstößt. 
In Abwesenheit solcher absoluten Werte, die natürlich eine starke Philosophie erfordern, eine Philosophie, die objektive Wissenschaft und nicht subjektive Meinung ist, ist es offensichtlich, dass die Menschheit dann im Dunkeln tappt. Wo es kein starkes Wissen gibt, tritt die Wirtschaft an ihre Stelle, d.h. der Stärkere regiert, also nicht die Wahrheit, die Werte, sondern die Macht, d.h. das Geld. 
Wir leben heute in einer Weltgesellschaft, die von Ideologien (liberal-kapitalistisch, sozial-kommunistisch usw. sowie religiösen Ideologien wie dem Islam, der sehr stark ist) und nicht von Wissen beherrscht wird. Ideologien sind subjektives Wissen, das die Interessen einer Klasse verteidigt, wie Marx deutlich gemacht hat, und wenn es an einem gemeinsamen, allgemein anerkannten Weltwissen mangelt, wie es heute der Fall ist, setzt sich natürlich ein partielles, ideologisches und subjektives Wissen durch, das um die Weltherrschaft kämpft. Wir erleben heute einen ‚globalen Kampf der Ideologien‘, weil es an einer weltweit allgemein anerkannten Philosophie fehlt.
 Das Ergebnis kann offensichtlich nur sein, dass die Menschheit in sich selbst zerrissen ist, im Dunkeln tappt und in dieser Dunkelheit einerseits nichts gegen die drohende Umweltkatastrophe unternimmt sowie sogar Kriege fördert, als ob sie nichts aus den Kriegen des letzten Jahrhunderts gelernt hätte. Das Problem ist in Wirklichkeit aber nicht, dass die Menschheit nichts gelernt hat, denn dann hätten wir schon längst einen atomaren Weltkrieg gehabt; sie hat gelernt, zu versuchen, einen totalen katastrophalen Krieg zu vermeiden, aber sie besitzt nicht die Werte, um einen gemeinsamen planetarischen Weltfrieden zu fördern.
 Daraus ist zu schließen, dass wir heute dringend eine starke Philosophie brauchen, die objektive Werte aufstellt, die der Menschheit eine Orientierung für ihr Verhalten, also auch für die Politik, geben kann und die daher in der Lage ist, die Ethik als objektive Wissenschaft zu begründen. Diese objektiven Werte sollen für jedes Volk und jede Zivilisation universell gültig und verbindlich sein.  Ethik soll nicht mehr als etwas Subjektives angesehen werden, das von der Subjektivität eines Volkes, einer politischen Gruppe oder einer Ideologie abhängt, sondern als eine objektive Wissenschaft, die deshalb für alle Menschen verbindlich gilt, sowohl durch Gesetze als auch durch das Wertesystem. 
 Die Ethik ist eine objektive Wissenschaft, weil sie eine eigene logische Grundlage hat, das System der Wissenschaft mit einer eigenen, stringent argumentierten logischen Struktur. Es ist Aufgabe der Menschheit, "die Anstrengung des Begriffs auf sich zu nehmen", wie Hegel in der Phänomenologie schreibt. Nur so kann die Menschheit ein planetarisches Leben führen, das in der Logik der Wissenschaft und damit in einer gemeinsamen Ethik begründet ist. Die Teilhabe an einer Weltethik ist nur auf der Ebene der Vernunft und der Logik möglich, nicht auf anderen Ebenen. 


Schlussfolgerung
Wir brauchen also heute unbedingt eine idealistische Philosophie, die die Welt genau so regiert, wie es Platon vor 2.500 Jahren gesagt hat. Auch hier widerspricht die Hegelsche Philosophie nicht dem früheren Denken, sondern führt es weiter.  Solange die Menschheit und die Weltpolitik nicht von der Philosophie im stärksten Sinne, d.h. vom Idealismus, beherrscht werden, wird die Welt leider immer unter Umwelt- und Kriegsproblemen leiden. In der Tat fallen bekanntlich für Hegel Philosophie und Idealismus zusammen, da der Idealismus nichts anderes ist als die in Ideen, in Gedanken begriffene Welt (Idealismus ist also keine philosophische Strömung, sondern alle Philosophie, alle Wissenschaft und sogar auch die Religion sind in ihrem Kern Idealismus), 
 In einer nunmehr globalen Welt mit einer Weltgesellschaft, die völlig unvorbereitet ist, die Herausforderungen des neuen Jahrtausends zu bewältigen und zu verwalten, sind wir Idealisten und insbesondere Hegelianer, also Dialektiker, heute aufgerufen, der Menschheit in dieser äußerst schwierigen Zeit ihres geschichtlichen Weges zu helfen. Die Menschheit braucht heute mehr denn je starke Denker, die Philosophie und Ethik als Wissenschaften praktizieren und daher in der Lage sind, den Weg nach vorne zu weisen. Die heutige Menschheit, in der der Idealismus und vor allem der Hegelismus auf eine Nischenbewegung akademischer Spezialisierung reduziert sind, ohne jeden Einfluss auf die Wirklichkeit, weiß nicht, welchen Weg sie einschlagen soll, um Umweltkatastrophen und Atomkriege zu vermeiden. Es ist unsere Aufgabe, ihr diesen Weg, den Weg der absoluten Sittlichkeit zu zeigen.

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