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1.3.1: ERSTES STADIUM: Hegels Position zum Problem der  Religionsrettung bei einem aufgeklärten Volk

1.3.1: ERSTES STADIUM: Hegels Position zum Problem der  Religionsrettung bei einem aufgeklärten Volk

 

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1.3.1 ERSTES STADIUM

 

Hegels Stellungnahme im Stift für
die ‚Rettung‘ der Religion als ‚Volksreligion‘


Zeitraum: August 1792 - Frühjahr 1793

Hauptquelle: Text 12

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Die erste klare Position Hegels in der Auseinandersetzung mit der damaligen Diskussion im Stift besteht in  seiner Stellungnahme gegen die Auffassung derjenigen, die meinten,  dass die Religion keine theoretische Gültigkeit besitze. Den genauen Zeitpunkt der Entstehung dieser Stellungnahme können wir auf Grund des Mangels an Manuskripten aus den  ersten vier Tübinger Jahren leider nicht bestimmen. Mit Sicherheit kann  sie nicht vor dem 10. Januar 1792 erfolgt sein, da von diesem Tag eine  Predigt üüberliefert ist, in der Hegel die Meinung äußert, dass die Funktion  der Religion im Leben des Menschen nicht unentbehrlich ist und dass die  Begründung der Moral genauso gut durch die Stimme des Gewissens erfolgen kann. Dies ist offensichtlich eine Position à la Rousseau(1).
Hegels Stellungnahme zugunsten der Religion kann man frühestens mit dem Text 12 belegen. Dieser Text ist in der Zeit zwischen Ende August 1792 und dem Frühling 1793 verfasst worden. Hegels Stellungnahme zu der Diskussion  im Stift ist also spätestens in diesem Zeitraum anzusetzen. Hier befindet sich der Anfang von Hegels Auseinandersetzung mit der religiösen Problematik, wie diese dann in den folgenden Texten  entwickelt wird und in den letzten Bögen von Text 16 eine erste vollständige Systematisierung erhält. 
Die Grundfrage, die in diesem Text behandelt  wird, ist die von der  Rettung der Religion in einer aufgeklärten Nation, wie man an diesen Worten erkennen kann: 

 

"Opfer (137) und die Begriffe auf die [sie] sich gründen, lassen sich bei einem Volk nimmer einführen, das einen gewissen Grad von Aufklärung hat - [...] - wie können sie, wenn sie einmal da sind, bei einer aufgeklärten Nation sich halten.“ (GW 1, 75, 7-11).

 

Diese Fragestellung  verfolgend, wird er sich weiter fragen, wie eine Religion aussehen soll,  die die Kritik des Verstandes überstehen kann und gleichzeitig die sinnlichen Merkmale enthält, wodurch sie Einfluss auf das gemeine Volk nehmen kann. Die Antwort auf diese Frage ist der Leitfaden aller  Texte dieser Jahre, bis zu denen des Winterhalbjahres 1793/94, die  schon in Bern niedergeschrieben worden sind. In den ersten Zeilen dieses  Textes kommt also die Grundfrage zum Ausdruck, die der Denkentwicklung Hegels in den nachfolgenden Monaten zugrunde liegen wird. In diesem wichtigen Text befinden sich aber außer der Grundfrage  nach der Rettung der Religion bei einem aufgeklärten Volk auch einige  Überlegungen, die schon den weiteren Schritt der Festsetzung der Hauptmerkmale dieser Religion betreffen. Es handelt sich um die Fragen,  ob eine Religion als subjektive oder objektive und als private oder  öffentliche Angelegenheit vorzuziehen ist.

Gleich zu Beginn des Textes geht Hegel gleich auf die Unterscheidung zwischen subjektiver und objektiver Religion ein:

 

"... wiefern ist Religion zu schäzen als subjektive oder als objektive?" (GW 1, 75, 3).

 

Diese Frage wird  von ihm ausdrücklich in Bezug auf Fichte behandelt und ist deshalb auf  seine Beschäftigung mit der Offenbarungsschrift zurückzuführen(2). Da er sich selbst ausdrücklich fragt, ob die eine oder die andere Form von Religion richtig ist, was für ihn in den anderen Fragmenten schon klar sein wird(3), zeigt es sich schon allein aus diesem inhaltlichen Grund, dass  dieser Text vor den anderen Texten verfasst wurde. Die Fortsetzung des  Textes setzt zu der Lektüre von Fichte auch die von Mendelssohns  Jerusalem voraus(4). Durch die Lektüre dieses Textes hat Hegel vor allem  den Unterschied zwischen öffentlicher bzw. Volksreligion und  Privatreligion rezipiert(5). Diese Begriffe kommen in dem Text mehrmals  vor(6). Hegel nimmt Stellung für die Volksreligion und gegen die Privatreligion. Der Zweck der Volksreligion wird von ihm so festgesetzt:

Der Zweck der Volksreligion wird von ihm folgendermaßen ausgedrückt:

 

„[...] den Charakter der Nation im Großen zu bilden “ (GW 1, 76,4).

 

Die beiden Begriffspaare subjektiv-objektiv und öffentlich-privat,  beide in Bezug auf die Religion, spielen in den unmittelbar folgenden  Texten eine zentrale Rolle. Aus diesem Grund ist also Text 12 große Wichtigkeit zuzuschreiben, da wir durch ihn rekonstruieren können, wie die  Problematik entstanden ist, die den folgenden Texten zugrunde liegt und schließlich in das Ideal der Stiftung einer neuen Religion in den Berner  Texten münden wird. Diese Problematik kann man auf folgende Weise  zusammenfassen:

 
- Hegels Hauptziel ist die Rettung der Religion für ein aufgeklärtes Volk; 
- Hauptfrage ist, wie diese Religion aussehen soll; 
- Hauptmerkmale dieser Religion, die Hegel gerade festzusetzen versucht,  sind bislang: die Subjektivität und die Öffentlichkeit.  

 

Es ist noch zu fragen, weshalb Hegel die Religion überhaupt retten  wollte, also welcher der Hauptgrund seines Interesses für Religion war.   Aus den anderen Texten wissen wir, dass Hegel in der Religion die Möglichkeit der ’Beförderung der Moralität’ sah, da sie die ’Triebfedern’ bzw.  ’Beweggründe’ zum moralischen Handeln liefert(7). Diese Auffassung kommt in diesem Text explizit nicht vor, aber die Begriffe, worauf sie sich gründet,  sind vorhanden(8) Da sie in der moralischen Philosophie Kants durch die  Theorie der Postulate begründet ist und diese Theorie von Fichte in  seiner Offenbarungsschrift übernommen wurde, könnte Hegel sie unschwer durch Fichte rezipiert haben(9). Der Einfluss von Flatts Unterricht und Rapps Aufsatz "Über die moralischen Triebfedern, besonders der christlichen Religion" ist so gut wie sicher, weil die auch wörtliche Übereinstimmungen enorm sind(10).

Es kann auf jeden Fall geschlossen werden, dass der Hauptgrund,  weshalb Hegel die Religion retten wollte, in der Zeit der Fassung dieses  Textes schon feststand. Im Text 12 kommt also Hegels Stellungnahme zur Diskussion im Stift  klar zur Sprache: Er ist der Meinung, dass die Religion zu retten sei, und das soll in Form einer Volksreligion geschehen.  Der nächste Schritt, den  Hegel zu machen hatte, war die Lösung der Hauptfrage, wie diese  Volksreligion aussehen soll, d.h. er musste ihre Hauptmerkmale festsetzen. Das wird er in den unmittelbar nachfolgenden Monaten erledigen, wie der Text 16 reichlich belegt. Der Hauptgrund sowie das Hauptziel seiner Überlegungen blieben aber immer im Hintergrund seiner  geistigen Tätigkeit.

 

ANMERKUNGEN

1) Vgl. GW 1, S. 469-471.
2) Vgl. GW 1, S. 557, Anm. zu 75,4.

3) Vgl. z.B. Text 16, Lage c, GW 1, S. 87 ff.

4) GW1, Editorischer Bericht, S.470: "Der erste Teil ist offensichtlich während einer Beschäftigung mit dem Buch Jerusalem oder über religiöse Macht und Ju¬dentum von Moses Mendelssohn."

5) Vgl. Jamme, 1983, S. 50: "Die Unterscheidung zwischen Volks- und Privatreligion [...] erfuhr Hegel durch den von Kant hochgeschätzten Denker Moses Mendelssohn und dessen 1783 erschienenes Werk Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum".
6) Es handelt sich um die folgenden Textstellen in GW 1: 76,5-6; 76,8; 77,13; 77,15-16; 77,19; 77,26.

7) GW1, S. 76,4

8) Vgl. Stelle 77,5 ff. von GW 1, wo dieser Ausdruck zu lesen ist: "- die ganze Reihe von Triebfedern und Beweggründen, womit man dise jene Tugend motivirt". Hier wird deutlich, wie die Begriffe "Triebfeder" und "Bewegungsgrund" bereits zur Zeit der Abfassung von Text 12 zu Hegels begrifflichem Rüstzeug gehörten.

9) Vgl. die Stelle. 77.16-18 von GW 1, in der sich der Bezug zu Fichte hinsichtlich des Verhältnisses von Religion und Moral deutlich nachweisen lässt (bei Fichte, S. 23.18-19 der Offenbarungsschrift).

10) Im Folgenden werden wir die Problematik der Religion als Beförderung der Moralität und die damit verbundenen, aus Kants praktischer Philosophie stammenden Begriffe sowie die Auffassung der Religion als ’Sache des Herzens’ vor allem auf den Einfluss von Fichtes Offenbarungsschrift auf Hegel zurückführen. Die Debatte im Stift und darunter insbesondere die Positionen von Flatt und Rapp haben jedoch mit Sicherheit den Hintergrund gebildet, auf dem Hegel diese gesamte Problematik und die diesbezügliche Terminologie rezipiert hat.

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