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ZWEITE PHASE  Die Entfaltung des  impliziten gedanklichen Inhalts des  religiös-metaphysischen Prinz

ZWEITE PHASE Die Entfaltung des  impliziten gedanklichen Inhalts des  religiös-metaphysischen Prinz

 

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ZWEITE PHASE

Die Entfaltung des  impliziten gedanklichen Inhalts
des  religiös-metaphysischen Prinzips des Absoluten:
die Entstehung der Logik-Metaphysik als der absoluten Religion

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Zeitlicher Rahmen: 1803-1805
Hauptquellen: Natur- und Geistesphilosophie 1803/04, 
Logik_Metafisik 1804/05, Fortsetzung des System der Sittlichkeit,

Vorstudien zur Phänomenologie des Geistes,

Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie  

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Nach der Fertigstellung des Systems der Sittlichkeit, also ca. in der ersten Hälfte des Jahres 1803, begibt sich Hegel auf die Suche nach der absoluten Religion. Natürlich handelt es sich dabei um keine leichte Aufgabe, aber er hatte in den vorhergehenden Jahren bereits eine Reihe von Studien und Überlegungen durchgeführt, so z.B. am Ende des Aufenthaltes in Frankfurt, zur Beziehung zwischen endlichem und unendlichem Leben bzw. zur Erhebung des Ersteren zum Zweiten, die ihm nun eine große Hilfe leisten können.
Die Grundproblematik bei der Suche nach einer absoluten Religion stellt sich ihm in der Form der noch eher allgemeinen Frage nach der Erkennbarkeit des Absoluten. Wenn nämlich das Absolute nicht erkennbar ist, dann wird es auch keine absolute Religion geben, sondern es werden nur relative Religionen möglich sein.
Hegel beschäftigt sich mit dieser Problematik in einem Zeitraum, der ca. von der zweiten Hälfte des Jahres 1803 bis zur zweiten Hälfte des Jahres 1805 reicht. Die sozusagen ‚offizielle‘ Lösung dieser Frage findet sich in dem berühmten Werk Phänomenologie des Geistes, publiziert im Jahre 1807, erarbeitet wurde es jedoch schon, wenn auch nur in fragmentarischer Form, in den vorangegangenen Jahren. Um vieles interessanter für uns sind jedoch die „inoffiziellen“ Antworten, in fragmentarischer und nicht publizierter Form, die in mehr oder weniger direkten Vorarbeiten zur Phänomenologie enthalten sind, also in der sogenannten ‚Werkstatt‘ Hegels, d.h. in jener Sammlung an Manuskripten, Fragmenten, Entwürfen usw., die der Philosoph aus verschiedenen Gründen nicht veröffentlichte, jedoch bei den vielen Umzügen seines Leben immer mitnahm.  Im Gegensatz zu den Publikationen enthalten diese Texte die Fortschritte seiner langsamen, aber kontinuierlichen Gedankenentwicklung in einer „ursprünglicheren“ und ‚frischeren‘ Form.
Es gibt in diesem Zusammenhang ein Text von besonderer Bedeutung, weil es eine Skizze der religiösen Geschichte der Menschheit enthält. Darin rekonstruiert Hegel diese Geschichte, indem er einen Fortschritt in der Geschichte der Religion von relativen und historischen Entwicklungstufen bis zu ihrer absoluten und universalen Form sieht. Diese Form, mit der nach Ansicht des schwäbischen Denkers diese religiöse Entwicklung der Menschheit endet, wird von der Philosophie dargestellt, die somit mit der absoluten Religion zusammenfällt (1).Dieses Fragment wurde richtigerweise von Karl Rosenkranz unter dem Titel Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit überliefert. Darüber haben wir schon am Ende des zweiten Stadiums berichtet. Was seine Datierung betrifft, so ist es nicht möglich, durch ein graphologisches Gutachten den genauen chronologischen Moment seiner Verfassung zu bestimmen, da das Manuskript als verlorengegangen gilt. Aufgrund des Inhaltes ist es auf jeden Fall in die Zeit zwischen 1802 und 1805 einzuordnen (2). Genau in diesen Zeitraum - in Wirklichkeit verschiebt es sich etwa um ein Jahr, also von 1803 bis 1806 - fällt nämlich die vollständige Ausarbeitung der Hegelschen Philosophie in ihrer begrifflichen, beinahe definitiven Form statt, und zwar durch die Verfassung der Logik/Metaphysik, der Phänomenologie des Geistes, die ihre Propädeutik bzw. Einführung darstellt, sowie der Naturphilosophie und Philosophie des Geistes, die die ‚realen‘ Teile des Systems der Wissenschaft darstellen.
Dieser Text bietet eine sehr präzise Antwort auf die in der Suche nach einer absoluten Religion enthaltenen Problematik, die bei der Fertigstellung des Manuskriptes System der Sittlichkeit von 1802/03 ungelöst geblieben war, und nimmt gleichzeitig die Ergebnisse der Konstruktion des Systems vorweg bzw. setzt diese voraus, und zwar insbesondere den Begriff der Philosophie als Wissenschaft, der sowohl für die Logik/Metaphysik als auch für die Phänomenologie charakteristisch ist. 
Die Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit kann also, je nachdem, ob man es unter dem Aspekt der Vorwegnahme oder der Voraussetzung dieser Resultate aus betrachtet, unmittelbar vor den erwähnten Manuskripten verfasst worden sein (d.h. zwischen der Fertigstellung des Systems der Sittlichkeit und dieser Verfassung) oder danach. Im ersten Fall müsste man den Zeitpunkt in die zweite Hälfte des Jahres 1803 legen, im zweiten Fall gegen 1805/06. Natürlich ist auch eine dritte Lösung möglich, und zwar dass dieses Fragment von Hegel während seiner Arbeit an den verschiedenen systematischen Jenenser Manuskripten verfasst wurde, also zwischen 1803 und 1806, auch wenn diese Hypothese unter logischen und immanenten Gesichtspunkten wenig relevant ist, weil die Problematik der Vorwegnahme oder Voraussetzung der Ergebnisses des Systems auf jeden Fall offen und zu beantworten bliebe.
Eines jedoch ist sicher: Der Text gehört zu jener Gruppe von kurzen Texten und Fragmenten, die sich alle mehr oder weniger direkt auf das zukünftige Thema des absoluten Geistes beziehen, bzw. auf die Formen (Kunst, Religion, Philosophie) und die Stufen (Polytheismus, Monotheismus, Idealismus) der Manifestation bzw. Präsentation des Absoluten an das menschliche Bewusstsein (3). Dies ist eindeutig die Hauptproblematik, mit der sich Hegel in der Zeit zwischen 1803 und 1806 auseinandersetzte, wobei deren praktisch definitive Ergebnisse im Schlusskapitel der Philosophie des Geistes aus dem Jahr 1806 enthalten sind, das eben dem absoluten Geist gewidmet ist.
In der vorliegenden Arbeit wird die Hypothese vertreten, dass die Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit nach den Hegelschen Manuskripten von 1803-05 verfasst wurde, d.h. man ist der Meinung, dass dieser Text die Ergebnisse des Stuttgarter Philosophen aus dem fraglichen Zeitraum bereits voraussetzt. Der Grund hierfür liegt darin, dass viele Begriffe aus diesem Text im System der Sittlichkeit nicht vorhanden sind, in erster Linie der Hauptbegriff der Philosophie als absolute Religion, aber auch z.B. die bereits eindeutig dialektische Struktur, mit der die historische Entwicklung der Religion von der Form der ursprünglichen Identität zu jener der finalen Versöhnung, durch den zentralen Moment des Opposition und der Entzweiung, präsentiert wird. Diese Begriffe scheinen eindeutig einige von Hegels Ergebnissen aus dem Zeitraum von 1803-05 vorauszusetzen (so z.B. die Grundmomente der logischen dialektischen Entwicklung, die klare und von Hegel nicht mehr mehr bezweifelte Überlegenheit der Philosophie über die Religion usw.).
Vergleicht man diesen Text mit den anderen, die zur oben erwähnten Gruppe gehören, so z.B. mit dem Text....es ist nur die Form (1803/04) oder  Vom göttlichen Dreieck (1804), so kann man ganz eindeutig erkennen, dass darin noch viele Fragen offen sind, z.B. Hegel sucht noch nach einer Antwort auf die Frage nach der absoluten Religion. Im Text Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit, wie übrigens auch in C. Die Wissenschaft zeigt er sich hingegen absolut kategorisch und sicher, dass die Philosophie bzw. die ‚Wissenschaft‘ im spekulativen Sinne der dialektischen Philosophie die absolute Religion sei,  nicht eine der historischen Religionen und schon gar nicht die Kunst.
1804 scheint Hegel also zumindest noch nicht klar und explizit zu dem Schluss gekommen zu sein, dass die Philosophie, seine Philosophie, die Erkenntnis des Absoluten sei, nachdem die Philosophie des Geistes von 1803/04 noch nicht das Schlusskapitel über den absoluten Geist enthält, in dem diese Auffassung ab 1805-06 dargelegt werden wird. Sie enthält zwar einen Hinweis darauf im Text....es ist nur die Form, der unmissverständlich zeigt, wie Hegel sich der definitiven Schlussfolgerung näherte, die Philosophie sei die geeignete Erkenntnis des Absoluten, auch wenn er sie noch nicht vollständig und explizit erreicht hatte. Erst in der Fassung von 1805/06 enthält die Philosophie des Geistes nämlich das Kapitel über den absoluten Geist in der praktisch definitiven Form. Das zeigt uns, dass Hegel in der Zwischenzeit zu dieser Schlussfolgerung gelangt war, also zum Verständnis, dass die wahre und definitive Erkenntnis des Absoluten nur durch das spekulative und philosophische Denken erreicht werden kann, und hatte diese Auffassung an ihren definitiven Platz innerhalb des Systems gesetzt, also in das Kapitels über den absoluten Geist, und zwar in den dritten, der Philosophie gewidmeten Paragraphen. Hegel muss also um 1805/06 zur definitiven Schlussfolgerung gelangt sein,  es sei die spekulative Philosophie, die uns zur Erkenntnis des Absoluten führt. Deshalb erscheint für den Text Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit die Datierung im Jahr 1805 am wahrscheinlichsten und auch am logischsten.
Angesichts dieser Interpretation sollte also die Verfassung des diskutierten Fragments und somit die definitive Antwort Hegels auf das Problem der Suche nach einer absoluten Religion eher in die Periode gelegt werden, in der auch das Fragment C. Die Wissenschaft (1805) und das Kapitel über den absoluten Geist der Philosophie des Geistes von 1805/06 verfasst wurden, und nicht in die Periode der Verfassung der beiden anderen Fragmente.
Man kann also mit der Feststellung schließen, dass die verschiedenen Texte, die Hegel in der zweiten Hälfte seines Aufenthaltes in Jena verfasst hat, den Weg zur Bildung seiner Auffassung von Philosophie als einzige mögliche Form von authentischer und deshalb wissenschaftlicher Erkenntnis des Absoluten bilden. Diese Auffassung kommt im Fragment Fortsetzung des ‘Systems der Sittlichkeit’ am explizitesten zum Ausdruck, und zwar historisch gesehen, während im Kapitel über den absoluten Geist der Philosophie des Geistes (1805/06) dies unter einem systematischen Gesichtspunkt geschieht. Die Phänomenologie des Geistes (1807) wird dann versuchen, diese beiden Perspektiven zu vereinen, die jedoch im reifen und definitiven philosophischen System Hegels getrennt bleiben werden: Die systematische Perspektive wird nämlich in der Enzyklopädie im Kapitel über den absoluten Geist in angemessener Form ausgedruckt werden, während die Formulierung der historischen Perspektive in den Vorlesungen über die philosophische Geschichte der verschiedenen Formen des absoluten Geistes, also Kunst, Religion und Philosophie, zu finden ist. 
In der Folge wird untersucht werden, welchen Beitrag die wichtigsten dieser Texte für den Entwicklungsfortschritt des Hegelschen Denkens geleistet haben. Einstweilen soll nur vorweggenommen werden, dass sie Etappen auf dem Weg Hegels bilden von seiner Frankfurter Auffassung, die Philosophie müsse mit der Religion enden, explizit formuliert im Text 63 aus dem Jahr 1799 bzw. 1800, zur definitiven Auffassung, die Religion müsse mit dem absoluten Wissen, also mit der Philosophie, enden, was der Philosoph in der Philosophie des Geistes von 1805-06 in einer zum privaten Gebrauch bestimmten Form und in der Phänomenologie des Geistes (1807) in einer für den öffentlichen Gebrauch bestimmten Form formulierte.

 

ERSTES STADIUM
(1803/04)

Das Absolute ist nicht Substanz, sondern Subjekt:
die Entstehung des philosophischen Systems Hegels
als ‚System der spekulativen Philosophie‘

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Hegel ist in seiner immanenten Gedankenentwicklung gegen Mitte 1803 zur Überzeugung gelangt, dass es notwendig sei, für die Begründung einer absoluten Religion, die wiederum die Basis für die absolute Sittlichkeit darstellen soll, das Absolute in Gedanken zu erfassen. Durch die neue Struktur seines Denkens, die nicht mehr religiös und auf Vorstellungen basierte ist wie noch 1799-1800 in den Texten 63 und 64, sondern eindeutig schon philosophisch und begrifflich, typisch für die damalige idealistische Philosophie und insbesondere für seinen Universitätskollegen Schelling, kann er nun ein solches Vorhaben realisieren,.
Der erste Schritt Hegels in Richtung einer Ausarbeitung der Philosophie als absoluter Religion besteht nämlich in der Überwindung der noch immer Schellingschen Position der Philosophie der Identität, von der aus Hegel von 1801 bis zu diesem Moment das Problem der Erkenntnis des Absoluten betrachtet hatte. Tatsächlich zeigen seine Jenenser Schriften bis ca. 1803 die für die Philosophie Schellings charakteristische logische Grundstruktur. Diese Philosophie besagt, dass das Absolute die Identität von Subjekt-Objekt ist, die sich in subjektives und objektives Subjekt-Objekt aufspaltet. Die erste Form der Identität bringt die Philosophie der Intelligenz hervor, während die zweite die Naturphilosophie begründet. Vom Absoluten an-sich, also nicht in seinen besonderen Manifestationen, gibt es laut Schelling nur Intuition, aber kein Wissen. Diese Intuition findet ganz besonders in der Kunst statt, einem Phänomen, bei dem der Mensch die Einheit zwischen Subjektivität und Objektivität, zwischen Unbewusstem und Bewusstem erlebt, d.h. er gelangt an den Punkt der Indifferenz, der das perfekte Gleichgewicht zwischen subjektivem und objektivem Aspekt der Realität kennzeichnet, aus dem eben das Absolute besteht. 
Diese Schellingsche Auffassung kann von Hegel gegen die zweite Hälfte des Jahres 1803 nicht mehr akzeptiert werden, weil die Schlussfolgerungen, zu denen er in den Jahren 1802/03 insbesondere durch die Theorie der absoluten Sittlichkeit gelangt ist, dazu in Widerspruch stehen. Die absolute Sittlichkeit setzt nämlich eine Übereinstimmung zwischen individuellem und universalem Handeln voraus, und das bedeutet, dass das Absolute sich im menschlichen Leben nicht nur als intuitiver, ästhetischer Faktor, in der Ekstase der Schöpfung oder im künstlerischen Genuss, sondern als begrifflicher Faktor im Wissen manifestiert, d.h. in der Aktivität, an der prinzipiell jeder Mensch teilhaben kann, vorausgesetzt, er sei dazu bereit, die „Anstrengung des Begriffs“ an sich zu nehmen, wie der Philosoph sich in der späteren Phänomenologie des Geistes treffend ausdrückt (GW9, 41,24-25).
Falls es nämlich nicht so wäre, d.h. wenn die Offenbarung des Absoluten nur in der künstlerischen Erfahrung geschehen würde, so bliebe sie ein Privileg weniger Auserwählter und der überwiegenden Mehrheit der Menschheit verwehrt. Der ästhetische Moment der Schöpfung und des künstlerischen Genusses liegt nämlich außerhalb der Logik, außerhalb des individuellen Bewusstseins. Er ist nicht von einem Willensakt und daher von einem Akt der Freiheit abhängig, an dem jeder Mensch teilhaben kann, unabhängig von Rasse, Nationalität, sozialem Status, usw. Wenn also die Offenbarung des Absoluten, also des Universalen, im Menschen, im Individuum, wirklich am Punkt der Indifferenz zwischen Bewusstem und Unbewusstem, Natur und Geist, stattfindet, in der Nacht, in der „alle Kühe schwarz sind“, um einen weiteren berühmten Ausdruck Hegels zu diesem Thema zu verwenden 9, 17,27-29), dann bliebe die Übereinstimmung zwischen individuellem und universalem Handeln dem Zufall und der künstlerischen Inspiration des Augenblicks überlassen und es würde sich dabei nicht um einen Akt von Freiheit handeln, der nur vom Menschen abhängig ist. Diese Übereinstimmung wird aber von der absoluten Sittlichkeit vorausgesetzt, die jedoch die Freiheit, die Unabhängigkeit und Autonomie des Menschen, seine Verantwortlichkeit voraussetzt, und kann daher in keinem Fall auf einem mehr oder weniger zufälligen Akt begründet sein, vor allem dann, wenn es sich um eine absolute Ethik handelt, die prinzipiell für alle Menschen gültig sein soll. 
Wenn die absolute Sittlichkeit wirklich absolut sein soll, so muss sich das Absolute prinzipiell jedem Menschen präsentieren können und es soll nur sein Willen entscheiden können, ob er diese Präsentation zulassen und das Absolute durch die „Anstrengung des Begriffs“ in sich aufnehmen will, ob er also dazu bereit ist, es zu begreifen.
Ab dem Jahr 1803 soll Hegel sich also mit diesem Widerspruch zwischen seiner eigenen ethischen Philosophie, begründet auf dem Begriff der absoluten Sittlichkeit, und der theoretischen Philosophie Schellings, bis zu diesem Moment Grundlage seines Philosophierens, auseinandergesetzt haben. 
Er findet die Lösung dieses Problems in der Schwachstelle der philosophischen Auffassung seines ehemaligen Studienfreundes und jetzigen Universitätskollegen und hebt diesen mit einer neuen idealistischen Auffassung auf. Die Kritik Hegels basiert auf der Überlegung, dass die Philosophie Schellings auf einem Punkt verharrt, der dem Absoluten gegenüber ‚äußerlich‘ ist, d.h. sie stellt das Absolute zwar durch seine subjektiven und objektiven Manifestationen dar, aber es gelingt ihr nicht, es als das wahrzunehmen, was es in sich ist. Das Absolute wird in diesem Fall nicht auf spekulative, sondern auf reflexive Art und Weise betrachtet, nicht auf innere, sondern auf äußerliche, nicht auf immanente, sondern transzendente Weise.
Durch die langsame, schrittweise Erstellung seines philosophischen Systems als ‚Selbstdarstellung des Absoluten‘ und nicht als dessen Auslegung durch das reflektierende und philosophierende Subjekt, entwickelt Hegel ab dem Jahre 1803 diese Auffassung. Der junge Dozent hatte also verstanden, dass, will man zu einer vollständig beweisbaren Erkenntnis des Absoluten gelangen, die wahre Wissenschaft werden soll, die verschiedenen Begriffe der Struktur des Absoluten nicht durch das philosophierende Subjekt erklärt werden, sondern sich selbst auslegen sollen, einer soll sich aus dem anderen fast automatisch ergeben.
Nur auf diese Weise wird das Ergebnis, also die Erkenntnis des Absoluten, objektive Wissenschaft und für alle Menschen verständlich sein, vorausgesetzt, sie sind dazu bereit, die „Anstrengung des Begriffs“ auf sich zu nehmen, eine unverzichtbare Bedingung der Wissenschaft.
Die logische und notwendige Erkennbarkeit des Absoluten ist nämlich die Voraussetzung für die Absolutheit der Sittlichkeit, also auch für ihre Erreichbarkeit im Prinzip durch jeden Menschen, und daher letzen Endes für die wahre Demokratie, wie Hegel sich im Nachsatz zum System der Sittlichkeit ausdrückt. Nur von einem solchen ‚höheren Standpunkt‘ aus, der nicht subjektiv, sondern objektiv, nicht reflexiv, sondern spekulativ ist, kann man ein wahres Wissen des Absoluten aufbauen, man kann also zum Verständnis des Fundaments der absoluten Sittlichkeit gelangen, bzw. zur Übereinstimmung zwischen individuellem und universalem Handeln.(4) 
Ist der Mensch nämlich zu diesem wahren Verständnis des Absoluten gelangt, so wird er sich auf diese Weise von seinem endlichen Sein zum unendlichen Sein, von seinem subjektiven  und empirischen Charakter zur Absolutheit erhoben haben, weil er „eins“ mit dem Absoluten geworden ist, und zwar der Auffassung folgend, die Hegel bereits am Ende seines Aufenthaltes in Frankfurt erarbeitet hatte. 
‚Das Absolute zu erkennen‘ nach der Auffassung der Philosophie als Wissenschaft bedeutet nämlich ‚das Absolutes zu sein‘, da das Absolute laut Definition kein besonderes Wesen sein kann, muss es – wie nach der Etymologie des Terminus ‚absolut‘ – ‚gelöst‘, ‚frei‘ sein, etwas, das zwar von den besonderen Seienden getrennt ist, aber trotzdem in ihnen vorhanden ist und wirkt (sonst wäre kein Absolutes). In dem Moment, in dem die subjektive Vernunft das Absolute wissenschaftlich erfasst, also eine immanente sich-selbst-beweisende Logik verfolgt, gibt sie alles Empirische, Subjektive usw. auf und lässt in sich dieses freie, gelöste Etwas auftreten, das in allen Wesen vorhanden ist. Dadurch stellt sie nicht mehr die Vernunft des individuellen Menschen dar, sondern das Absolute an-sich, das nun im subjektiven Geist des Individuums vorhanden ist. Somit hat das Individuum das Universelle in sich aufgenommen bzw. es hat sich zum Allgemeinen erhoben. Auch sein Handeln, ebenso wie sein Wissen, wird ab diesem Moment nicht mehr das Handeln eines bestimmten empirischen Wesens darstellen, sondern das Handeln des Absoluten selbst sein, und dieses Handeln wird all jenen Individuen zu eigen sein, die zu dieser Form der Erhebung gelangt sind. 
Auf diese Weise hat Hegel mit der Auffassung der Philosophie als Wissenschaft die absolute Sittlichkeit begründet.
Für die Grundstruktur des philosophischen Systems des Idealismus und die des Seins hat dies folgende Bedeutung:

- Erstens, das Absolute ist neben Natur und Geist nicht als dritter Aspekt zu sehen, es ist kein Seiendes unter Seienden.

- Zweitens, das Absolute ist mehr oder weniger bewusst und mehr oder weniger notwendig oder frei in beiden Natur und Geist vorhanden.

- Drittens, das Absolute ist die Substanz, die von sich selbst ausgeht, sich aus sich selbst entwickelt, sich eine äußerliche Existenz als Natur gibt und als Geist in sich selbst zurückkehrt. Da es sich um das ‚Absolute‘ handelt, muss es von Natur und Geist vorausgesetzt werden, und daher in diesem Sinne auch vor beiden kommen (in logischer und nicht in chronologischer Bedeutung), was Hegel in der Wissenschaft der Logik klar zum Ausdruck bringt, als er deren Inhalt so definiert:  

„[...] die Darstellung Gottes, wie er in seinem ewigen Wesen vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist.“ (GW21,S. 34,9-11)

Weil sich das Absolute dem Menschen in der Philosophie präsentiert, kehrt es, nachdem es in der Natur und in dem Geist Form genommen hat, zu seiner ursprünglichen Gestalt zurück, die nicht materiell und damit nicht Zeit und Raum unterworfen sein kann, weil sie in diesem Fall nicht ‚frei‘, ‚gelöst‘, sondern ein Wesen wäre. Sie muss hingegen die ideelle Gestalt des Begriffs, des Denkens sein. Nur wenn das Absolute auf diese Weise begriffen wird, ist es kein drittes Wesen neben Natur und Geist, sondern stellt ihre Einheit dar, verleiht ihnen erst das Dasein, indem es ihnen den besonderen Charakter verleiht, die Entäußerung  (die Natur) oder Rückkehr-in-sich (der Geist) ein und derselben Substanz zu sein. 
So erfasst, ist das Absolute nicht mehr als ‚Substanz‘ zu betrachten, als etwas Statisches im Sinne der Auffassung Spinozas bzw. Schellings von der Philosophie der Identität, sondern als ‚Subjekt‘, ein Ausdruck, der in der Sprache Hegels etwas Dynamisches, sich-selbst-Enwickelndes beschreibt.
Diese Grundauffassung wird vorausgesetzt, als Hegel zum ersten Mal im Sommersemester 1803 eine Vorlesung über die gesamte Philosophie ankündigt, und zwar als System der spekulativen Philosophie und nicht mehr, wie bisher, nur über die beiden Teile Logik/Metaphysik und Philosophie der Sittlichkeit (es handelt sich in diesem zweiten Fall um Vorlesungen zum Naturrecht) (5).

Die Fragmente der Philosophie des Geistes von 1803/04, die die Grundlage für die angekündigten Vorlesungen Hegels bilden, werden nämlich von der römischen Zahl III. eingeleitet, und diesin Übereinstimmung mit der Ankündigung für die Vorlesungen im Winter 1803/04 bedeutet, dass die Philosophie des Geistes den dritten Teil des Systems darstellen musste.“

Da das Fragment, auf das sich Cantillo bezieht, aus dem Winter 1803/04 stammt(6), muss man zu dem Schluss kommen, dass Hegel spätestens in dieser Periode bereits die Hauptstruktur seines eigenen philosophischen Systems konzipiert  hat, und zwar in seiner triadischen und auch definitiven Form. Kimmerle meint in seiner Studie über die Chronologie der Jenenser Schriften Hegels zu diesem Thema:

„Wesentlich ist ferner, daß in diesem Stück eine ‘Philosophie des Geistes’ entworfen wird, die Hegel zum erstenmal für das Wintersemester 1803/04 angekündigt hatte, so daß wir hier die Entstehung der ‘Trias von Idee, Natur und Geist’ im Hegelschen System der Philosophie vor uns haben.“ (S. 158)

Diese beiden Schlussfolgerungen, zu denen uns die beiden aufmerksamen Hegelforscher führen, lassen den weiteren Schluss zu, dass Hegel in dieser Periode zumindest die Grundlinien seiner Auffassung vom Absoluten bereits formuliert haben musste und sich somit schon definitiv von der Schellingschen Auffassung der Identitätsphilosophie distanziert hatte. Denn sonst hätte er nicht seine eigene Auffassung von der Entwicklung des Absoluten als Subjekt durch die Natur und den Geist ausgearbeitet. Diese Auffassung wird jedoch in den erhalten gebliebenen Fragmenten der Naturphilosophie und der Philosophie des Geistes sowie in den verschiedenen Ankündigungen der Vorlesungen, die er in diesen Jahren an der Universität Jena hielt, vorausgesetzt (7). 
Fassen wir zusammen: im Herbst 1803 führt Hegel eine äußerst wichtige begriffliche Operation durch, auch in Übereinstimmung mit der Ankündigung einer Vorlesung über Philosophiae universae delineationem im Sommersemster und einer anderen über Philosophiae speculativae Systema (complectens Logicam et Metaphyscam, philosophiam naturae et philosophiam mentis) im darauffolgenden Wintersemester: Er versteht die Einheit zwischen Welt des Menschen und Welt der Natur und vereinigt die Fragmente der Philosophie des Geistes (das ehemalige System der Sittlichkeit) und der Naturphilosophie in einem einzigen System der spekulativen Philosophie, das die angemessene Form der Erklärung und Erkenntnis des Absoluten enthält.
An diesem Punkt der Ausarbeitung seines philosophischen Systems hat Hegel also folgendes schon formuliert:

-  Die begriffliche Struktur der natürlichen Welt in dem Manuskript zur Naturphilosophie von 1803, indem er die ursprüngliche Auffassung der Natur als „Organismus“ weiterentwickelte (siehe die systematischen Texten 63-64 aus dem Jahre 1799-1800);

-  Die begriffliche Struktur der Welt des Menschen in dem Manuskript zur Philosophie des Geistes von 1803/04, indem er den ursprünglichen Begriff der absoluten Sittlichkeit ausarbeitete, der zum ersten Mal in der Abhandlung Über die verschiedenen Behandlungsarten des Naturrechts (1802) sowie im System der Sittlichkeit von 1802/03 formuliert wurde.

Was ihm jetzt noch zu tun bleibt, ist das Absolute selbst auszuarbeiten und sich daher aufgrund der eben erzielten neuen Ergebnisse aufs Neue mit der Problematik der Erhebung des Menschen vom endlichen (oder relativen) zum unendlichen (oder absoluten) Bewusstsein auseinanderzusetzen, und zwar aufgrund der präzisen Definition der Frage der Erkennbarkeit des Absoluten, die von ihm schon in den systematischen Texten von 1799-1800 erahnt wurde. 

 

ZWEITES STADIUM
(1804/05)

Die phänomenologische Frage nach der geeigneten Erscheinungsform
des Absoluten im menschlichen Bewusstsein

 

Nachdem Hegel den impliziten gedanklichen Inhalt im ethischen Moralideal der absoluten Sittlichkeit entwickelt und dadurch praktisch schon den realen Teil seines philosophischen Systems erstellt hatte, stieß er ca. um 1804/05 wieder auf die schon 1803 ungelöste Frage nach der Begründung der absoluten Sittlichkeit durch die absolute Religion. Der erste Versuch einer Erstellung des Systems der Philosophie als Selbstdarstellung des Absoluten bricht nämlich wieder an diesem entscheidenden Punkt ab, und zwar dort, wo Hegel den Begriff der Begründung der absoluten Sittlichkeit formulieren muss, also beim Abschluss der Fragmente, die später die Themen der Philosophie des objektiven Geistes bilden werden (1). Glücklicherweise ist uns ein Fragment erhalten geblieben, von Hegel im Wintersemester 1803/04 verfasst, laut Kimmerle gegen Ende 1803/Anfang 1804 (2), in dem der Philosoph das Thema der Beziehung zwischen dem Bewusstsein des Einzelnen und dem absoluten Bewusstsein behandelt, und zwar vor allem im Hinblick auf die Frage, wie das absolute Bewusstsein im einzelnen Bewusstsein präsent werden kann. Es handelt sie hierbei um das Fragment...es ist nur die Form (3).Hegel stellt sich selbst die Frage, welches denn die geeignete Form sei, um das Erscheinen des Absoluten im Bewusstsein des Einzelnen zu gewährleisten und es dadurch auch zum absoluten Bewusstsein zu erheben. Er untersucht verschiedene Möglichkeiten, im Bereich Religion wie auch Kunst. Was die Religion und ihre Fähigkeit angeht, das Bewusstsein des Einzelnen zu absoluten Bewusstsein zu erheben, so kommt der schwäbische Denker zu folgendem Schluss:

„(...) die Gestalten aber, worin diese lebendigen Einzelnen sich als absolutes Bewußtseyn anschauen, die Stiffter der Religionen sind wesentlich wirkliche in der Geschichte existirende, nicht absolut freye Gestalten.“ (GW 6, S. 330,10-12).

Die Religion kann also wegen ihrer unauslöschlichen Verankerung im historischen Leben, weil sie also auf die Geschichte bezogen und nicht absolut ist, das Erscheinen des Absoluten als solches im Bewusstsein des Einzelnen nicht gewährleisten und es daher nicht zu absoluten Bewusstsein erheben
Auch bei der Kunst gelangt Hegel zu einem negativen Urteil:

„Die Kunst, welche jener Liebe, jenen romantischen Thaten, und diesen geschichtlichen Gestalten und diesem Vernichten des Bewußtseyns Gegenwart gibt, kann solchem Innhalt sein wesentliches, daß er keine Gegenwart hat, sondern nur absolute Sehnsucht nicht durch die Form benehmen.“ (GW 6, S. 331, 13-16).

Es muss also eine andere Möglichkeit gefunden werden, die es dem Absoluten ermöglicht, sich dem Bewusstsein des Einzelnen in reiner Form zu präsentieren, also ohne die der Kunst und Religion eigenen empirischen Elemente. Hegel begreift somit, dass man die ‚Erscheinungsform‘ des Absoluten im Bewusstsein des Einzelnen an die ‚Rezeptionsform‘ des Absoluten durch das Bewusstsein des Einzelnen anpassen muss.
Die Erscheinungsform des Absoluten im Bewusstsein des Einzelnen muss der Form der Allgemeinheit bzw. der Reinheit und der Absolutheit entsprechen, da das Absolute der Weltgeist ist. Daher muss auch die Rezeptionsform des Absoluten der reinen Form der Allgemeinheit und Absolutheit entsprechen.
Hegel drückt sich zu dieser Problematik in den letzten noch erhalten gebliebenen Zeilen - da das Fragment leider unvollständig überliefert wurde (ohne Beginn und ohne Ende) - folgendermaßen aus:

„Der Innhalt in dem das absolute Bewußtseyn erscheint, muß sich von seiner Sehnsucht, von seiner Einzelnheit die ein Jenseits der Vergangenheit und der Zukunft hat befreyen, und der Weltgeist nach der Form der Allgemeinheit ringen; der blosse Begriff des absoluten Selbstgenusses muß aus der Realität in die er sich als Begriff versenkt hat, erhoben [werden], und indem er sich selbst die Form des Begriffes, reconstruirt er die Realität seiner Existenz und wird absolute Allgemeinheit.“ (GW 6, S. 331,16-22).

Das sind die letzten Worte des Fragments. Die zumindest provisorische Schlussfolgerung, zu der Hegel gelangt, ist offensichtlich: Wenn die Allgemeinheit die Erscheinungsform ist, da dies die Form des Weltgeistes ist, so muss die Allgemeinheit auch die Rezeptionsform des Absoluten durch das Bewusstsein des Einzelnen sein.
Kurz und gut, das Bewusstsein des Einzelnen muss also das Absolute in der Form der Allgemeinheit rezipieren. Nur auf diese Art und Weise ist es möglich, dass das Absolute dem Bewusstsein des Einzelnen erscheint und sich dieses daher zu absolutem Bewusstsein erhebt.
Es ist also klar, dass Hegel mit diesen Überlegungen der Lösung des Grundproblems, das eine Fertigstellung des Systems der Sittlichkeit verhinderte, schon sehr nahe kam. Es handelt sich hierbei um das Problem der Begründung der absoluten Sittlichkeit, insbesondere um die Frage, wie man den empirischen Menschen dazu bringen könne, sich zum Absoluten zu erheben und schließlich eins mit ihm zu werden, sodass sein Handeln nicht mehr das Handeln des empirischen Individuums ist, sondern zum Handeln des Absoluten selbst wird.
Um dieses Ziel zu verwirklichen, muss man die Wissensform des Absoluten mit der Seinsform des Absoluten übereinstimmen. Diese Form entspricht dann der Form der Allgemeinheit, der Form des Begriffs, wie Hegel sich im eben zitierten Abschnitt ausdrückt.
Leider können wir nicht wissen und werden vielleicht auch nie erfahren, ob Hegel bei der Fortsetzung dieses verlorengegangenen Fragments mit seinen Überlegungen weitere Fortschritte erzielte und so zur Überzeugung gelangte, dass diese Form nichts anderes als die Philosophie sein kann.
Wenn dies der Fall wäre, so hätten wir schon mit diesen Fragmenten aus den Jahren 1803/04 das erste komplette philosophische System Hegels. Denn darin wäre sicherlich die Auffassung der Philosophie als einzige Rezeptionsform des Absoluten enthalten, dazu geeignet, durch das begriffliche Verständnis der universellen Form des Absoluten, die Erhebung des einzelnen Bewusstseins zu absolutem Bewusstsein zu verwirklichen.
Eine solche Annahme wird sicher durch die Tatsache gerechtfertigt, dass Hegel sich im letzten erhaltenen Satz des Fragmentes schon in diesem Sinne ausdrückt, auch wenn er noch nicht das Wort ‚Philosophie‘ gebraucht, als er von der geeigneten Präsentationsform des Absoluten im Bewusstsein des Einzelnen spricht. Somit bleibt es dem Leser Hegels überlassen, für sich eine Entscheidung zu treffen.

 

DRITTES STADIUM
(1805)

Die Philosophie ist die absolute Religion

 

Die Fortschritte aus den Jahren 1803-05 erlauben Hegel nun, das Problem der Ausarbeitung einer absoluten Religion, die der absoluten Sittlichkeit zugrundeliegt, definitiv zu lösen. Diese Lösung findet sich in expliziter Form im Fragment Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit, welches den Abschluss des Systems der Sittlichkeit darstellt, also seine Fortsetzung nach der Unterbrechung, die durch die oben angesprochene Frage hervorgerufen wurde.
In diesem von Rosenkranz überlieferten Fragment (1) zeichnet Hegel den Weg nach, den die Menschheit bei der Erhebung von der Sichtweise der ursprünglichen, allerdings unbewussten Identität des Geistes mit sich selbst, zunächst zur Sichtweise der Entzweiung und schließlich zu jener der definitiven und bewussten Versöhnung gegangen ist (2).)
In diesem Weg liegt der wesentliche Sinn der religiösen Geschichte der Menschheit, den Hegel in die folgenden drei Phasen unterteilt: Naturreligion (erste Phase), christliche Religion (zweite Phase) und schließlich die Philosophie (dritte Phase).
Der geistige Inhalt der dritten Phase besteht aus dem letzten Stadium des religiösen Vorgangs, der Erhebung des endlichen zum unendlichen Bewusstseins, in dem die Menschheit also den Übergang von der Sichtweise des empirischen und subjektiven Bewusstseins zu jener des reinen und absoluten Bewusstseins vollzieht. Hegel definiert diese Sichtweise mit folgenden Worten:

“Nachdem nun der Protestantismus die fremde Weihe ausgezogen, kann der Geist sich als Geist in eigener Gestalt zu heiligen und die ursprüngliche Versöhnung mit sich in einer neuen Religion herzustellen wagen, in welche der unendliche Schmerz und die ganze Schwere seines Gegensatzes aufgenommen, aber ungetrübt und rein sich auflöst, wenn es nämlich ein freies Volk geben und die Vernunft ihre Realität als einen sittlichen Geist wiedergeboren haben wird, der die Kühnheit haben kann, auf eigenem Boden, und aus eigener Majestät sich seine reine Gestalt zu nehmen. – Jeder Einzelne ist ein blindes Glied in der Kette der absoluten Nothwendigkeit, an der sich die Welt fortbildet. Jeder Einzelne kann sich zur Herrschaft über eine größere Lände dieser Kette allein erheben, wenn er erkennt, wohin die große Nothwendigkeit will und aus dieser Erkenntniß die Zauberworte aussprechen lernt, die ihre Gestalt hervorrufen. Diese Erkenntniß, die ganze Energie des Leidens und des Gegensatzes, der ein paar tausend Jahre die Welt und alle Formen ihrer Ausbildung beherrscht hat, zugleich in sich zu schließen und sich über ihn zu erheben, diese Erkenntniß vermag nur Philosophie zu geben.“ (GW 5, S. 465, 1-17). 

Der Philosoph  stellt also in diesem Absatz klar, dass die „dritte Religionsform“ der Menschheit die Philosophie sein muss, da sie die der Vernunft eigene Form ist, oder, anders gesagt, auf dem Wissen beruht und daher die absolute Religionsform ist (daher drittes und letztes religiöses Stadium der Menschheit, nach der Naturreligion oder Polytheismus und der übernatürlichen oder Monotheismus) (3).)
Rosenkranz schreibt zu dieser Thematik folgendes und kommentiert dabei den Text, den er noch besaß:

“Obwohl nun Hegel damals, wie aus den vorstehenden Mittheilungen zur Genüge hervorgeht, den Protestantismus für eine eben so endlicher Form des Christenthums hielt, als den Katholizismus, so ging er deswegen doch nicht, wie Viele seiner Zeitgenossen, zum Katholizismus über, sondern glaubte, daß aus dem Christenthum durch die Vermittelung der Philosophie der Philosophie eine dritte Form der Religion sich hervorbilden werde.“ (GW 5, S. 464,20-24) 

Die beginnende Rolle der Philosophie als religiöses Leitbild der Menschheit stellt die Erreichung des höchsten Grades der Erhebung des endlichen zum unendlichen Leben dar, d.h. den Grad der Identifikation des endlichen Lebens mit dem unendlichen Leben, des Menschen mit Gott, des individuellen Geistes, der dem Menschen innewohnt, mit dem absoluten Geist, der im gesamten Universum vorhanden ist.
Auf diese Weise löst Hegel die Problematik, auf die er bei der Fertigstellung des Systems der Sittlichkeit gestoßen war, und die einem Abschluss der ersten Version seiner ethischen Philosophie im Wege gestanden hatte. Diese Problematik bestand nämlich in der Notwendigkeit, das Prinzip der Identität zwischen individuellem und universellem Handeln in der absoluten Sittlichkeit, das vom schwäbischen Philosophen zum ersten Mal 1802 in seiner Abhandlung Über die verschiedenen wissenschaftlichen Behandlungsarten des Naturrechts formuliert wurde, mit dem zweiten Prinzip in Einklang zu bringen, das zum ersten Mal 1803 in der Schrift System der Sittlichkeit aufgestellt wurde, und zwar mit der Auffassung, dass für eine Begründung der absoluten Sittlichkeit die absolute Religion notwendig sei.
Die Frage, die sich Hegel nun stellte, betraf vor allem die Entwicklung eines begrifflichen Zusammenhangs, implizit vorhanden in der Kombination dieser beiden Prinzipien. Dieser Zusammenhang besteht aus folgender logischen Verkettung:

-  Wenn das individuelle Handeln gleichzeitig auch das absolute Handeln sein soll, bedeutet das, dass sich das Absolute in der Welt manifestieren muss. Das Absolute, dass von der Welt getrennt bleibt, oder sich nicht vollkommen im Menschen und damit im individuellen Handeln offenbart, auch wenn es in der Welt vorhanden ist, kann dem Prinzip der absoluten Sittlichkeit nicht gerecht werden, das ja die einzige Form der wahren Sittlichkeit darstellt.

-  Die Begründung der Sittlichkeit durch die absolute Religion bedeutet übrigens, dass dem Menschen diese Erhebung vom endlichen zum unendlichen Leben, die Hegel schon in den systematischen Fragmenten von 1799-1800 als etwas Notwendiges und als Wesen der Religion angesehen hat, glückt.

Im Schlussteil des Textes Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit wird dieses Problem dahingehend gelöst, dass die Philosophie als absolute Religion auf der einen Seite die Erhebungsform des endlichen Menschen zum unendlichen Leben, dem Absoluten, durch die Erhebung des empirischen zum reinen Bewusstsein darstellt, während auf der anderen Seite diese Erhebung den empirischen Menschen zu einer Identifizierung mit dem Absoluten führt. Deshalb wird auch sein Handeln nicht mehr rein individuell sein, sondern absolut, ein ethisches Handeln.
Die Tatsache, dass dieser Text den Namen Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit trägt, ist also kein Zufall, da er tatsächlich die Wiederaufnahme und den Abschluss der Originalversion der Hegelschen Philosophie vom objektiven Geist, also des Systems der Sittlichkeit, darstellt. Es entspricht aus historischer Sicht dem Teil, der im System von der Philosophie des absoluten Geistes gebildet wird, d.h. der systematischen Begründung der Absolutheit der Sittlichkeit.
Dies ist jedoch nicht der einzige Text, das diesen weiteren logischen Schritt Hegels dokumentiert. Es gibt noch andere, wie z.B. alle Fragmente, Studien, Vorlesungen usw., die später von Hegel zur Verfassung seiner Phänomenologie des Geistes verwendet und darin integriert werden. Und es ist eben genau das phänomenologische Thema, also der Weg, den der individuelle Mensch (Bewusstsein des Einzelnen) und die Menschheit im Allgemeinen (universelles Bewusstsein) vom empirischen zum absoluten Wissen zurücklegt, das die Antwort Hegels auf die Frage von 1803 nach der Begründung der absoluten Sittlichkeit durch eine ebenso absolute Religion enthält.

 

ENDNOTEN ’Einführente Betrachtungen’

1) Selbstverständlich bezieht sich Hegel in diesem Fragment schon auf die eigene Philosophie, die genau in jenen Jahren entstand. Es ist also die wahre Philosophie, d.h. die Philosophie als nach dem Untertitel der Phänomenologie des Geistes, die mit der absoluten Religion zusammenfällt - bzw. um sich besser auszudrücken, die die absolute Religion ist -,  und nicht irgendein historisches philosophisches System. In der Tat rekonstruiert Hegel in dieser zweiten Jenaer Hälfte und zum ersten Mal in seiner Denkentwicklung auch die Geschichte der Philosophie, und zwar schon nach der endgültigen Auffassung der dialektischen und deshalb notwendigen Reihenfolge der philosophischen Systeme.
2) Vgl. die erste Chronologie von Kimmerle, Nummer 45 (S. 141 und 151-152).
3) Es handelt sich um die folgenden Texte:
-  Der Nachsatz zum System der Sittlichkeit (1803);
-  Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit (1803-06);
-  ... es ist nur die Form (1803/04);
-  Vom göttlichen Dreieck (Frühling 1804);
-  C. Die Wissenschaft (1805)
-  Der absolute Geist (Schlusskapitel zur Philosophie des Geistes von 1805/06).

4) Zum Ausdruck ‚höherer Standpunkt‘, typisch für die spekulative Auffassung Hegels, vgl. die  Differenzschrift, GW 4,  S. 68 und 75.

ENDNOTEN (1. Stadium)
5) Vgl. Kimmerle Zur Chronologie..., S. 159 und die Einführung von Cantillo zu Hegel. Filosofia dello spirito jenese.
6) Es handelt sich um die Nummer 63 der ersten Chronologie von Kimmerle (S. 143 und  160).
7) Diese Ankündigungen der verschiedenen Kurse wurden von Kimmerle in den Dokumenten zu Hegels Jenaers Dozententätigkeit (1801-1807) publiziert und kommentiert. Kimmerle hat auch eine eigene Rekonstruktion der Entwicklung des Hegelschen Denkens in Jena vorgeschlagen, und zwar in der Abhandlung Zur Entwicklung des Hegelschen Denkens in Jena.

ENDNOTEN (2. Stadium)

 1) Es handelt sich um die Fragmente 21 und 22, die die Familie bzw. das Volk behandeln (GW 6, S. 301 ff).
2) Vgl. seine erste Chronologie auf S. 160.
3) GW 6, S. 330-331

ENDNOTEN (3. Stadium)

1) Vgl. S. 135-141 seines Hegels Leben.
2) Zur Darstellung und zum Kommentar des Inhaltes des fraglichen Fragments siehe meinen Aufsatz La Religionsschrift di Kant ed il giovane Hegel, S. 107-109, und, was den Einfluss der religiösen Phänomenologie Kants auf die Hegelsche Auffassung der dialektischen Entwicklung der Religion betrifft, insbesondere S. 115-117.
3) In zitierten Aufsatz habe ich für die folgenden religiösen Phasen der Menschheit aus der Sicht des Hegelschen Idealismus diese Unterscheidung vorgeschlagen: Polytheismus, Monotheismus, Idealismus (vgl. S. 116). Sie ist präziser als jene von Hegel selbst, weil bei ihm die Definition der ‘christlichen Religion’ für das zweite Stadium einen zu einschränkten Begriff übernommen hat, da er sich ausschließlich auf die westliche Religionserfahrung bezieht. Meine  Unterscheidungsvorschläge scheinen mir hingegen etwas allgemeiner und deshalb auch auf die gesamte Religionserfahrung der Menschheit anwendbar zu sein. Sie stellen nämlich abstrakte Religionskategorien dar, dazu geeignet, in ihrem Inneren jene zahlreichen Religionsformen verschiedenen Geschichtsepochen und geographischen Gemeinschaften aufzunehmen, durch die sie hervorgebracht wurden.

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