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1999: PRINZIPIEN DER AKTUALISIERUNG VON HEGELS PHILOSOPHIE

1999: PRINZIPIEN DER AKTUALISIERUNG VON HEGELS PHILOSOPHIE

 

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1999

(Februar)

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Sinn, Methode und philosophischer Hauptinhalt
der Aktualisierung von Hegels System der Philosophie

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Vortrag bei einem Philosophiekongress
(Universität Wien)

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Audio-Videoaufnahme: nein

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Papierveröffentlichung: nein

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Digitale Veröffentlichung: ja, hier 
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1. Sinn der Aktualisierung von Hegels System der Philosophie

Hegels Philosophie zu aktualisieren, bedeutet, sie in einer neuen, den heutigen Zeiten ange-passten Form auszudrücken. Diese Form soll den Hauptinhalt dieser Philosophie beibehalten, die sprachliche Form sowie auch der übrige philosophische Inhalt sollen dagegen aktualisierend geändert werden (z.B. neue Ergebnisse der Einzelwissenschaften sowie neue sozio-politische Inhalte sollen in das philosophische System integriert werden).
Daraus ergibt sich als erste Schwierigkeit, zwischen Hauptinhalt und Nicht-Hauptinhalt von Hegels Philosophie klar und streng zu unterscheiden. Es soll also rein wissenschaftlich defi-nierbar sein, welche Begriffe zur Grundstruktur von Hegels Idealismus gehören, ohne die also sein System nicht ohne Widerspruch zu denken ist, und welche dagegen zu dieser Grundstruktur nicht unbedingt gehören und deswegen problemlos beseitigt bzw. ersetzt werden können, ohne dass der philosophische Kern von Hegels absolutem Idealismus deswegen verloren geht.
Wir sollen uns deshalb in erster Linie mit der Problematik der Methode beschäftigen. Diese kann wie folgt formuliert werden: Durch welchen wissenschaftlichen Weg und welche Me-thode kann der Hauptinhalt von Hegels Philosophie von dem Nicht-Hauptinhalt unterschieden werden?
Erst die Antwort auf diese Frage kann uns dann in die Bedingung stellen, zu beurteilen, ob dieser Hauptinhalt heutzutage noch gültig ist und deswegen dessen Aktualisierung sinnvoll wäre.


2. Methode der Aktualisierung von Hegels System der Philosophie
In der Theorie der Interpretation philosophischer Systeme regiert heutzutage die totale Anar-chie. Jeder Interpret kann mehr oder weniger alles behaupten, was er will, niemand wird be-weisen können, dass dieser Recht bzw. Unrecht hat. Es hat aber keinen Sinn, dass Hunderte von Interpreten Hunderte von verschiedenen Meinungen und Interpretationen vorschlagen und vertreten, wie es nicht nur bei Hegel, sondern praktisch auch bei der Interpretation von jedem anderen Philosophen der Fall ist. Es wäre besser, wenn man sich vorher über eine ‚Interpretationsmethode‘ einigen könnte, die von allen bzw. von den meisten Interpreten als die beste Methode anerkannt wird und an die man sich dann bei der Interpretation wirklich hält.
Genau ein solches, wissenschaftlich fundiertes ‚Abkommen‘ unter den Fachleuten hat es den Naturwissenschaften ermöglicht, allgemeingültige, nachprüfbare Ergebnisse und deshalb auch gesellschaftliche Akzeptanz, Anerkennung und Autorität zu erreichen. Dies sollte auch im Falle der Behandlung der Geschichte der Philosophie bzw. der Philosophie überhaupt ernsthaft angestrebt werden.
Die Verschiedenheit der Meinungen produziert nur Konfusion und Mangel an Autorität, wenn sie zu keinem Allgemeinkonsens führt. Wir brauchen also eine wissenschaftliche Methode, die uns die Grundlinien einer objektiven, der Sache selbst treuen Interpretation einer Philosophie der Vergangenheit liefert. In meiner Arbeit Hegels Philosophie als Weisheitslehre habe ich mich bemüht, die Richtlinien einer solchen Methode zu erarbeiten. Ich werde hier die Hauptergebnisse, zu denen ich gekommen bin, kurz zusammenfassen. Eine vollständige, objektive Interpretation einer Philosophie der Vergangenheit soll in drei Schritten durchgeführt werden:
Erster Schritt: Durch die entwicklungsgeschichtliche Rekonstruktion der Entstehung dieser Philosophie wird untersucht, welche Bedeutung sie für ihren Begründer gehabt hat, d. h. welchen Zweck der Philosoph durch sie erreichen wollte. Diese Bedeutung soll in wenigen Hauptbegriffen enthalten und umgesetzt sein. Diese Begriffe werden die Grundstruktur des philosophischen Systems bilden. Diesbezüglich ist zu präzisieren, dass unter dem Begriff ‚Entwicklungsgeschichte‘ nicht die bloße historische Erzählung von biographischen Fakten, sondern die allmähliche Entwicklung des inneren geistigen Lebens des Philosophen verstanden werden soll.
Zweiter Schritt: Durch die Überprüfung der immanenten Gedankenstruktur des Systems wird nachgeprüft, ob die Hauptprinzipien des Systems, die diese Bedeutung beinhalten, in sich begründet sind und ob die von ihnen abgeleiteten Schlüsse lückenlos und stringent aufeinan-der folgen. Dabei soll darauf geachtet werden, dass zwischen den Grundbegriffen, die die Hauptbedeutung des Systems zum Ausdruck bringen, und den übrigen Begriffen streng unterschieden wird.
Dritter Schritt: Durch eine Umschreibung bzw. Neuschreibung des Systems werden die even-tuell beanstandeten Lücken geschlossen sowie die fehlerhaften bzw. nur historisch erklärbaren Schlüsse beseitigt und durch richtige Schlüsse ersetzt. Das auf diese Weise erneuerte System wird außerdem mit den neuesten, sicheren Ergebnissen der Einzelwissenschaften verglichen, um seine Standfestigkeit gegenüber diesen zu prüfen. Neue wissenschaftliche und sozio-politische Inhalte sollen in das System integriert werden. 
Wenn wir uns nun wieder der Ausgangsfrage der Festlegung der Kriterien einer objektiven, wissenschaftlich begründeten Interpretation eines philosophischen Systems der Vergangenheit zuwenden, können wir folgende doppelte Antwort geben:


- Erstens: Allein eine Interpretation, die aus den oben aufgeführten Schritten besteht, ist imstande, die echte, ursprüngliche Bedeutung einer Philosophie zu erkennen.


- Zweitens: Allein auf diese Weise können die Begriffe, in denen sich diese Bedeutung niederschlägt, von den anderen Begriffen getrennt werden, die mit dieser ursprünglichen echten Bedeutung in keinem logischen Verhältnis stehen.
Bei der ersten Gruppe von Begriffen handelt es sich deshalb um ‚Hauptprinzipien‘ des Systems. Dies bedeutet, dass das untersuchte System seine Bedeutung, seinen Sinn verliert, wenn wir diese Begriffe aus dem System ausmerzen. Diese Hauptprinzipien befinden sich also in einer notwendigen Beziehung zum System und zu dessen Bedeutung, die sich in ihnen vollzieht. Sie bilden das Wesen und den Kern des Systems und sind von ihm nicht abzutrennen, ohne das System zu denaturieren.
Bei der zweiten Gruppe von Begriffen handelt es sich wohl auch um Begriffe des Systems, aber um keine ‚Hauptprinzipien‘. Dies bedeutet, dass kein logisch notwendiges Verhältnis zwischen diesen Begriffen und der ursprünglichen echten Bedeutung des Systems festgestellt werden kann. Diese Begriffe sind von dem Philosophen irgendwann im Laufe seiner Entwicklung und aus irgendwelchen historischen Gründen dem ursprünglichen harten Kern hinzugefügt worden, gehören aber nicht zu diesem harten Kern, zum echten Sinn seiner Philosophie. Eine solche vollständige Interpretation habe ich ‚Globalinterpretation‘ genannt. Es scheint mir, dass sie einige Richtlinien für die Interpretation einer Philosophie der Vergangenheit vorschlägt, die wissenschaftlich fundiert sind.
Durch die Unterscheidung zwischen Hauptprinzipien, die den Kern einer Philosophie ausmachen, und sonstigen Begriffen, die nur deren Schale bilden, wird eine feste Grundlage gebaut, worauf die Aktualisierung einer Philosophie der Vergangenheit vollzogen werden kann.
Durch die Aktualisierung kann das untersuchte philosophische System wiederbelebt und tauglich für den Einsatz in der Gegenwart gemacht werden. Dies bedeutet, dass dessen immanente Gedankenfolge nun imstande sein müsste, die Bedeutung, den Sinn des Systems, auf eine begründete, logisch stringente und sich im Einklang mit dem neuesten Stand der Natur- und Geisteswissenschaften befindende Weise umzusetzen.


3. Philosophischer Hauptinhalt der Aktualisierung von Hegels System der Philosophie
Auf der Grundlage der ersten zwei Schritte der Globalinterpretation ist es möglich, die Hauptbedeutung und folglich den philosophischen Hauptinhalt einer Philosophie der Vergangenheit zu begreifen. Diese Schritte (also die Entwicklungsgeschichte und die Überprüfung der immanenten Gedankenstruktur des Systems) habe ich in Bezug auf Hegels Philosophie in einer mehrjährigen Arbeit durchgeführt, die erst kürzlich abgeschlossen wurde. Das entsprechende Buch wird im Frühling in italienischer Sprache erscheinen, kurz danach wird dann die deutsche Fassung zur Verfügung stehen.
Hier werde ich die Hauptergebnisse dieser Studie kurz zusammenfassen.


3.1 Die Grundbedeutung von Hegels Philosophie (Hauptergebnis der Entwicklungsgeschichte)
Aus der entwicklungsgeschichtlichen Rekonstruktion von Hegels System der Philosophie hat sich ergeben, dass Hegel durch sein philosophisches System eine neue Religion im Sinne von Kants ‚Vernunftreligion‘ der Menschheit zur Verfügung stellen wollte. Diese neue Religion soll seiner Meinung nach die dritte und letzte große Phase der Geschichte der Menschheit eröffnen und begründen, nach der ersten Phase, der Phase des Polytheismus, und der zweiten Phase, der Phase des Monotheismus. Die dritte und letzte Phase der Geschichte der Menschheit soll die Phase des Idealismus bzw. der Philosophie sein, da nach Hegels Meinung, wie bekannt, Philosophie und Idealismus zusammenfallen. 
Die Geschichte der Menschheit gliedert sich also nach der echten Bedeutung von Hegels Philosophie in diese drei Hauptphasen:


1. Phase – Polytheismus: Sie ist gekennzeichnet durch die unbewusste Einheit von Mensch und Natur. Der Mensch erkennt zwar das Absolute, aber in materieller Form, in der Natur und deren verschiedenen Kräften (die Götter). Psychologisch betrachtet, lebt der Mensch in Einheit mit der Natur, es handelt sich dabei aber um eine ‚unbewusste‘ Einheit, in der er also nicht imstande ist, sich als Geist von der übrigen nicht-geistigen, bloß materiellen Natur zu unterscheiden. Dem Menschen fehlt also das Bewusstsein seiner selbst.


2. Phase – Monotheismus: Sie ist gekennzeichnet durch die Trennung zwischen Mensch und Natur. Der Mensch erkennt das Absolute in der richtigen, geistigen und einheitlichen Form, aber als völlig getrennt von der Natur (als persönlichen, einzigen Gott). Das Absolute wird also nicht bzw. nur bedingt als etwas angesehen, das in der Natur und in dem Menschen tätig ist. Die notwendige Folge davon ist, dass die ursprüngliche, unbewusste Einheit von Mensch und Natur verlorengeht und anstatt dessen eine scharfe Trennung zwischen der ‚Welt der Materie und des Relativen‘ (Erde) und der  ‚Welt des Geistigen und des Absoluten‘ (Himmel) entsteht.
Dieser scharfen, äußeren Trennung zwischen Mensch und Natur entspricht auch eine Tren-nung im Inneren des Menschen zwischen sich selbst, seinem natürlichen Bedürfnis nach Glückseligkeit ‚jetzt und hier‘ und seiner negativen Beurteilung des Lebens auf Erden. Der Mensch ist in sich gespalten, er lebt nicht (mehr) in Harmonie mit sich selbst.


3. Phase – Idealismus bzw. Philosophie: Sie ist gekennzeichnet durch die bewusste Einheit von Mensch und Natur. Der Mensch erkennt das Absolute in der richtigen, geistigen und einheitlichen Form, jetzt aber als etwas Innerliches, das sowohl in der Natur als auch in ihm tätig ist. Es handelt sich um die kreative, vernünftige Kraft (in Hegels Sprache: die absolute Idee bzw. Vernunft), die in der Natur – auf unbewusste und notwendige Art – und in dem Menschen – auf bewusste und freie Art – tätig ist. Die ursprüngliche, unbewusste Einheit von Mensch und Natur wird wieder erreicht, aber auf eine bewusste Art. Die scharfe Trennung zwischen Erde und Himmel, zwischen dem Menschen und seinem, sich auf Erden entwickelnden Leben wird abgeschafft. Der Mensch versöhnt sich mit dem inneren und äußeren Leben, er begreift und akzeptiert seine wirkliche Stellung in der Welt, die Möglichkeiten und die Grenzen, die damit verbunden sind.


Es gibt mehrere Texte, in denen Hegel diese Auffassung äußert, am deutlichsten ist mit Si-cherheit das von Rosenkranz überlieferte Fragment Fortsetzung des ‚Systems der Sittlichkeit‘, das Rosenkranz noch besaß und von dem er zum Teil berichtet und dessen Text er zum Teil treu wiedergibt. Nachdem Rosenkranz Hegels Jenaer Auffassung der Religionsgeschichte dargestellt hat, berichtet er Folgendes über Hegels damalige Stellung zur Religionsproblematik: 
„Obwohl nun Hegel damals [...] den Protestantismus für eine eben so endliche Form des Christentums hielt, als den Katholicismus, so ging er deswegen doch nicht, wie Viele seiner Zeitgenossen, zum Katholicismus über, sondern glaubte, dass aus dem Christentum durch die Vermittelung der Philosophie eine dritte Form der Religion sich hervorbilden werde“ (S. 140).
Seinen Bericht belegt Rosenkranz durch ein langes Zitat aus dem Manuskript. Darin ist ein Gedanke Hegels zu lesen, der in Bezug auf diese Problematik sehr aufschlussreich ist:


„Nachdem nun der Protestantismus die fremde Weihe ausgezogen, kann der Geist sich als Geist in eigener Gestalt zu heiligen und die ursprüngliche Versöhnung mit sich in einer neuen Religion herzustellen wagen, in welcher der unendliche Schmerz und die ganze Schwere seines Gegensatzes aufgenommen, aber ungetrübt und rein sich auflöst, wenn es nämlich ein freies Volk geben und die Vernunft ihre Realität als einen sittlichen Geist wiedergeboren haben wird, der die Kühnheit haben kann, auf eigenem Boden und aus eigener Majestät sich seine reine Gestalt zu nehmen. [...] Diese Erkenntnis, die ganze Energie des Leidens und des Gegensatzes, der ein paar tausend Jahre die Welt und alle Formen ihrer Ausbildung beherrscht hat, zugleich in sich zu schließen und sich über ihn zu erheben, diese Erkenntnis vermag nur Philosophie zu geben.“ (S. 140-141)


In diesem Text erscheint besser als in allen anderen Texten Hegels die Absicht, die seinem Philosophieren zugrunde lag: Hegel hatte durch seine historischen und philosophischen Studien der Jugendjahre, in denen er sich vor allem mit dem Christentum und der religionsphilosophischen Theorie Kants befasst hatte, verstanden, dass eine neue Epoche der Geschichte der Menschheit am Entstehen war. Diese Epoche war (bzw. ist noch heute) gekennzeichnet durch eine Überwindung der Religion im traditionellen Sinne des Wortes, also des konfessionellen Glaubens, und durch deren Ersetzung durch die Philosophie. Dabei soll es sich selbstverständlich um eine Philosophie handeln, die zur Erkenntnis des Absoluten führt, also um eine Metaphysik im starken, traditionellen Sinn des Wortes.
In seinem philosophischen System hat Hegel sein Jugendideal der Stiftung einer neuen, ver-nünftigen Religion und damit gleichzeitig auch Kants Programm einer Vernunftreligion ver-wirklicht. Die Philosophie des absoluten Idealismus soll die neue ‚Religion der Menschheit‘ sein! Die Absicht, eine solche neue absolute, philosophische Vernunftreligion durch sein System zu liefern, bildet also den Hintergrund und die Grundbedeutung von Hegels System der Philosophie, und zwar sowohl systematisch und logisch als auch historisch und chronologisch.
Das Verständnis der Grundbedeutung von Hegels Philosophie macht es nun möglich, zwi-schen Hauptinhalt und Nicht-Hauptinhalt seines Systems des absoluten Idealismus zu unter-scheiden.


3.2 Der Hauptinhalt von Hegels System der Philosophie (Hauptergebnis der Überprüfung der immanenten Struktur des Systems)


3.2.1 Hegels System der Philosophie als neue Religion
Hegels System der Philosophie, die Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, er-scheint als die letzte (weil vernünftig begründete) Religion der Menschheit. Hegel unterscheidet in seiner Philosophie des absoluten Geistes zwischen Religion im engen und im weiten Sinne des Wortes. Religion im engen Sinne ist jede der verschiedenen Glaubensformen, deren gemeinsames Hauptmerkmal ist, sich auf ein Dogma als Grundlage zu berufen; Religion im weiten Sinne des Wortes ist dagegen die gesamte Sphäre des absoluten Geistes, d. h. sie ist die drei menschlichen geistigen Tätigkeiten (Kunst, Religion und Philosophie), mit denen der Mensch beabsichtigt, sich dem Absoluten anzunähern.
So drückt sich der Philosoph z. B. in einem der einleitenden Paragraphen (§ 554) zur Sektion über den absoluten Geist in der Enzyklopädie (1830) aus: 


„Die Religion, wie diese höchste Sphäre im Allgemeinen bezeichnet werden kann [...]“. 


Hegels System ist ‚Religion‘ nicht im engen Sinne, ist also kein dogmatischer Glaube, son-dern im weiten Sinne die wissenschaftlich begründete Antwort auf die typisch religiösen Fragen.
Die typischen Fragen der Religion teilen sich hauptsächlich in zwei Gruppen: Es gibt theoretische und praktische Fragen.
Die theoretischen Fragen betreffen die Weltauffassung, die jede Religion den Gläubigen zu liefern hat. Darin wird die Grundfrage nach der Stellung des Menschen im Universum bzw. im Sein gestellt. Der einzelne Mensch braucht die Antwort auf diese Frage, um sich seiner Stellung als Individuum im Ganzen bewusst zu werden. Diese Antwort ist Voraussetzung dafür, dass der Mensch sich auch seiner selbst, seines geistigen Wesens, das ihn von den anderen Seienden unterscheidet, bewusst wird.
Wenn es dem Menschen einmal gelungen ist, sich durch die theoretische Fragestellung und die entsprechenden Antworten ein Bild von seiner Stellung im Universum und seinem Wesen zu machen, ist er auch in der Lage, auf die praktischen Fragen eine begründete Antwort zu geben. Diese praktischen Fragen beziehen sich auf den Sinn des Lebens, d. h. sie versuchen zu begreifen, was der Mensch mit der Zeit, die ihm zur Verfügung steht, am besten machen kann bzw. soll. Eine sinnvolle Benutzung der zur Verfügung stehenden Zeit ist in der Tat die notwendige Voraussetzung dafür, dass der Mensch sowohl streckenweise als vorläufige Bi-lanz wie auch am Ende seines Lebens als Abschlussbilanz zurückblickend behaupten kann, dass sein Leben doch nicht umsonst gewesen ist, dass es einen Sinn gehabt hat, das eigene Leben trotz aller Schmerzen und Niederlagen gelebt zu haben. Um diese Gewissheit haben zu können, ist es notwendig, sich vorher im Klaren zu sein, was für einen Sinn das Leben haben soll, ansonsten wird man die Zeit, die zur Verfügung steht, vergeuden und am Ende mit leeren Händen dastehen.
Diese Grundstruktur jeder Religion bildet auch die Grundstruktur von Hegels philosophischem System. Die theoretischen Fragen werden in dem grundlegenden Teil des Systems, also hauptsächlich in der Wissenschaft der Logik, behandelt, während die praktischen Fragen ihren Ort in der Philosophie des Geistes finden.


3.2.2 Die Wissenschaft der Logik als neue Theologie
Die Wissenschaft der Logik erscheint als die neue Theologie, also die Sektion der neuen Religion, die zur Erkenntnis des Absoluten führt und deshalb das ganze System begründet. Wie jede Theologie hat sie die Aufgabe, in erster Linie das Absolute zu erkennen, damit dann auf der Grundlage dieser Erkenntnis eine gesamte Weltauffassung erarbeitet werden kann. Diese Weltauffassung soll die Erkenntnis der Natur sowie des Wesens des Menschen beinhalten und somit auf die Frage nach der Stellung des Menschen im Universum eine begründete Antwort geben.
Das Absolute ist nach der Theologie Hegels die absolute Idee, d. h. die vernünftige und kreative Kraft, die dem Sein zugrunde liegt und alles schöpft, was dann existiert. Diese Kraft besteht aus Kategorien bzw. Denkbestimmungen, die über eine immanente, selbstgesteuerte Entwicklung verfügen. Diese Entwicklung erklärt die Kreativität, die immanente Schöpfer-kraft des Seins. Diese Schöpferkraft ist logisch und intelligent strukturiert, d. h. der Natur und dem Geist liegt eine Gesetzmäßigkeit zugrunde.
Die absolute, kreative Kraft entwickelt sich allmählich zuerst in nicht-bewusster, mechanischnotwendiger Weise durch die physische, chemische und biologische Natur hindurch, bis sie dann im menschlichen Geist zur bewussten, freien Existenz kommt. Diese bewusste und freie Existenz des Absoluten im Geiste macht das Wesen des Absoluten aus. Sie entspricht dem ideellen Wesen der Kategorien. Aus diesem Grund bildet der Geist den Abschluss der Entwicklung des Absoluten: Da die Kategorien selbstgesteuert sind und diese Selbststeuerung ihr Hauptmerkmal bildet, und da sie außerdem in der Natur in einer nicht-selbstgesteuerten Form tätig sind, finden sie ihre geeignete Existenzform erst in einem selbstgesteuerten Wesen. Ein solches ist der Mensch (selbstverständlich als Geist und nicht als Körper).
Eine weitere selbständige Entwicklung der Kategorien, d. h. die Kreation eines Wesens im Universum, das noch freier, also noch selbstgesteuerter, als der menschliche Geist sei, kommt nicht in Frage, da das Absolute im Geiste so erscheint, wie es ist, also in kategorialer Form. Da nun das Absolute endlich existiert, wird die weitere Schöpfung im Universum nicht mehr in dem Prozess der Erscheinung des Absoluten bestehen, weil dieser Prozess nun abgeschlossen ist, sondern in der weiteren selbstgesteuerten Schöpfung durch den menschlichen Geist, d. h. durch das schon erschienene Absolute.
In der Tat ist die Tätigkeit des menschlichen Geistes, wenn dieser selbstgesteuert und kreativ agiert und sich diese Selbststeuerung nicht von fremden Gemütszuständen (Leidenschaften usw.) nehmen lässt, nichts anderes als die Tätigkeit des Absoluten: Der kreative, selbstgesteuerte, freie Mensch ist das hier und jetzt existierende Absolute!
Was nun nach dem Erscheinen des Absoluten im Universum zu schöpfen ist, wird vom Abso-luten selbst entschieden, also von dem Menschen, der sich bewusst ist, Verkörperung bzw. Erscheinung des Absoluten zu sein.
Das Wesen des Menschen ist nach Hegels Theologie also der Geist als Verkörperung des Absoluten, als freie, intelligente, selbstgesteuerte, kreative Kraft. Die Stellung des Menschen im Universum ist dementsprechend die folgende: Der Mensch ist als Geist der Abschluss des Prozesses der Erscheinung des Absoluten.
Unter dieser Perspektive bildet der Mensch den Sinn, das Telos der Entwicklung des Seins. Dieses Hauptmerkmal unterscheidet ihn von den anderen Seienden, die nur Stufen auf dem Weg der Erscheinung des Geistes sind. 
Dass der Mensch als Geist das Absolute ist, bedeutet: Wenn ein Mensch bewusst kreativ tätig ist, dann sind seine Taten nicht mehr die Taten eines Einzelnen, sondern die Taten des Absoluten. Das Absolute agiert durch das kreative Agieren des bewussten und selbstgesteuerten Menschen.
Es handelt sich also um eine neue Perspektive in der Betrachtung des Menschen. Der Mensch wird erhoben in seiner Stellung im Universum und bekommt eine Stellung, die ihm gleichzeitig die maximale Würde, aber auch die maximale Verantwortung zuschreibt.
Was soll der Mensch als Verkörperung des Absoluten schöpfen? Das ist die Frage praktischer Natur, die aus Hegels Theologie unmittelbar hervorgeht und die zweite Seite seines Systems als ‚neue Religion‘ bildet. Diese Frage wird von dem Philosophen in seiner Geistesphilosophie behandelt und beantwortet.


3.2.3 Die Philosophie des Geistes als neue Ethik
Die Philosophie des Geistes erscheint als die neue Ethik der Menschheit, die zur Festlegung der ethischen Werte und des Sinnes des menschlichen Lebens auf Erden führt. Sie liefert auf der Grundlage der Begründung durch die neue Theologie die Antwort auf die praktische Fra-gestellung, und zwar in Form von absoluten ethischen Werten (genau wie bei jeder anderen Religion). Diese Werte werden von Hegel in dem zentralen Teil seiner Geistesphilosophie, also in der Philosophie der Sittlichkeit, dargestellt. 
Der Sinn des menschlichen Lebens auf Erden besteht darin, den Geist, der die höchste Ver-körperung der absoluten, kreativen Kraft bildet, auszuleben bzw. zu verwirklichen. Dies kann aus Gründen, die Hegel in der Theorie der Anerkennung angibt, allein innerhalb zwischenmenschlicher Gestalten geschehen. Diese Gestalten sind Familie, bürgerliche Gesellschaft (als Arbeitswelt) und Staat. Bevor wir uns mit der neuen Ethik beschäftigen, ist es also notwendig, etwas über deren Grundlage zu sagen, also über die zwischenmenschliche Anerkennung.


3.2.3.1 Die zwischenmenschliche Anerkennung als Grundlage von Hegels neuer Ethik
Der Mensch besteht auf der einen Seite aus materieller Natur (Körper, Triebe usw.), auf der anderen Seite aus geistiger Natur (Geist, Ideale usw.).
Die materiellen Grundkräfte, die im Menschen tätig sind, sind die Triebe zur Fortpflanzung (von Hegel behandelt als ‚Gattungsprozeß‘ in der Enzyklopädie, §§ 367 ff.) und zur Assimilation (§§ 357 ff.). Die erste Art von Trieben ermöglicht das Überleben der Art ‚Mensch‘, die zweite das Überleben des einzelnen Menschen. 
Die geistigen Grundkräfte, die im Menschen tätig sind, sind, wie oben geschildert, die Kate-gorien, also das Absolute, der Drang zur kreativen Selbstentfaltung, zur Schöpfung, zur Frei-heit im Sinne des selbstgesteuerten Lebens.
Zwischen diesen zwei Arten von Kräften im Menschen gibt es einen Gegensatz, der gelöst werden soll, um die Selbstverwirklichung und somit die Glückseligkeit des Menschen (das Glück im Sinne von ‚felicitas‘) zu ermöglichen. 
Die materiellen Kräfte ketten den Menschen an die Natur, machen ihn zum Knecht. Der Mensch ‚muß‘ assimilieren, ansonsten stirbt er (als Individuum); der Mensch ‚muß‘ sich fortpflanzen, ansonsten stirbt er (als Art). Die materiellen Kräfte stehen also im Gegensatz zu seinem Drang zur Freiheit, zur Selbstentfaltung.
Diese Bindung, diese Ankettung betrifft alle Menschen, und zwar auf gegenseitige Weise. Jeder Mensch hängt für die Befriedigung seiner materiellen Bedürfnisse von anderen Men-schen ab. Diese Abhängigkeit ist also gegenseitig. Dies trifft nicht nur auf den Trieb zur Fortpflanzung zu, bei dem die Abhängigkeit der Geschlechter voneinander eindeutig ist, sondern auch auf den Trieb zur Assimilation. ‚Assimilieren‘ heißt, sich alle Güter zu beschaffen, die zum Überleben streng nötig sind (Essen, Trinken, warme Kleidung usw.). Um diese Güter zu besorgen, muss der Mensch die Natur (z. B. die Tiere) beherrschen. Ein einzelner Mensch schafft es nicht, deswegen sind menschliche Gemeinschaften (Dörfer, Städte usw.) entstanden. Die Einheit der Menschen steigert ihre Chancen, die Natur zu beherrschen.
Der Zusammenschluss von Menschen zum Zweck der Beherrschung der Natur gründet sich auf Arbeitsteilung. In der Arbeitsteilung wird nicht mehr für sich, sondern für andere Men-schen gearbeitet, die aber ihrerseits für uns arbeiten. Dadurch wird es ermöglicht, dass sich jeder einer einzigen Aufgabe widmet und diese besser bewältigen kann. Somit werden die Beherrschung der Natur und die Beschaffung der zum Leben notwendigen Mittel erfolgrei-cher. Aus diesem Grund stehen die Menschen auch in Bezug auf die Befriedigung des Triebes zur Assimilation in gegenseitiger Abhängigkeit.
Vor dieser Ausgangssituation, die durch den Gegensatz Geist – Körper gekennzeichnet ist, gibt es zwei Lösungen:


- Die erste besteht darin, dass einige Menschen sich gegenüber anderen durchsetzen und sie dazu zwingen, die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen (dadurch entsteht eine Herr-Knecht-Beziehung; s. Enz. §§ 430-435). 


- Die zweite besteht darin, dass im Bewusstsein der gegenseitigen Abhängigkeit eine geistige Beziehung entsteht, in der beide Menschen sich nicht als Mittel zur Befriedigung, sondern als Zweck füreinander anerkennen und als solche behandeln (entsteht eine Beziehung, die sich auf dem ‚allgemeinen Selbstbewußtsein‘ gründet – s. Enz. § 436). 


In der ersten Art von Beziehung ist weder der Herr noch der Knecht frei und glücklich, und zwar der Knecht nicht, weil er dem Herrn unterjocht ist und deshalb weder frei noch kreativ leben darf, und der Herr nicht, weil er den eigenen materiellen Trieben, also den immer wie-derkehrenden Bedürfnissen, unterjocht ist. Zwar befriedigt er die Bedürfnisse dank des Wer-kes des Knechtes, jedoch entsteht das Bedürfnis wieder nach kurzer Zeit und muss erneut befriedigt werden. Der Herr rennt also von Befriedigung zu Befriedigung, scheint frei zu sein, ist aber in der Tat Knecht dieser Befriedigung und dieses Kreislaufs ständig wiederkehrender Bedürfnisse. 
Um wahre, tiefe Glückseligkeit zu erreichen, was wohl als Zweck des einzelnen Menschen angesehen werden soll, sollen sich die Menschen also für die zweite Lösung entscheiden, d. h. für die Bildung dauerhafter zwischenmenschlichen Bindungen. Der Grund dafür liegt auf logischer Ebene in der kategorialen Struktur des menschlichen Lebens.
Den materiellen Trieben liegt die Kategorie der ‚schlechten Unendlichkeit‘ zugrunde (§ 94 der Logik in der Enzyklopädie). Diese besteht aus immer wiederkehrenden Bedürfnissen, so dass der Zweck – die Befriedigung – in Wirklichkeit nie erreicht wird. Auch das vorüberge-hende Erreichen der Befriedigung kann also den Menschen keine Glückseligkeit sichern, da diese in der kreativen Selbstentfaltung besteht. Die kategoriale Struktur, die den materiellen Bedürfnissen zugrunde liegt, ist die ‚falsche bzw. schlechte Unendlichkeit‘. Diese besteht darin, dass der Zweck nie endgültig erreicht wird, da es kein Ende des Prozesses gibt. Es ist die mathematische Unendlichkeit, bei der, wie bekannt, unendlich gezählt werden kann. Sie ist also ungeeignet, den Menschen stabile, andauernde, wahre Glückseligkeit zu sichern. 
Um Glückseligkeit zu erreichen, sollen die Menschen also die materiellen Triebe, deren Be-friedigung wohl zum Überleben nötig ist, auf eine derartige Weise stillen, dass gleichzeitig dadurch die geistigen Kräfte, also die Kreativität, verwirklicht werden. Der Verwirklichung der Kreativität liegt in der Tat die kategoriale Struktur der ‚wahrhaften Unendlichkeit‘ zu-grunde (§ 95 der Logik der Enzyklopädie). Diese besteht darin, dass ein Zweck erreicht wird, der nicht immer wieder entsteht, sondern stabil, dauerhaft ist. 
Es entsteht also die Frage, welche die zwischenmenschlichen Bindungen sind, die den Men-schen ermöglichen, die eigenen notwendigen Bedürfnisse auf kreative und dauerhafte Weise zu befriedigen.
Die Antwort auf diese Frage befindet sich in dem eigentlich ethischen Teil von Hegels Sys-tem, und zwar im Kapitel über die Sittlichkeit.


3.2.3.2 Familie und Arbeit als Hauptinhalt von Hegels Ethik
Die Menschen sollen Gebilde gründen, in denen sie die materiellen Bedürfnisse befriedigen lassen, aber gleichzeitig auch ihr geistiger Wunsch nach Kreativität gelebt wird. In solchen zwischenmenschlichen Beziehungen soll die Ebene der mechanischen Befriedigung der Trie-be in eine geistige Hülle eingebunden werden. Diese Hülle soll in einer zwischenmenschli-chen Beziehung bestehen, in der jeder Mensch den Partner als Zweck (und nicht als Mittel) hat. 
Diese Gebilde sind die Familie und die Arbeitswelt (bei Hegel: bürgerliche Gesellschaft). Der Trieb zur Fortpflanzung wird in der Familie, der Trieb zur Assimilation wird durch die Arbeit befriedigt. Beide haben etwas gemeinsam: Sowohl die Fortpflanzung als auch die Assimilation erfolgen nicht auf materielle, sondern auf geistige Weise. Die Fortpflanzung geschieht als Ergebnis einer Liebesbeziehung, in der der Einzelne nicht als ‚Mittel zum Zweck‘, sondern als Zweck für sich selbst betrachtet und als solcher betrachtet wird. Die Assimilation geschieht in der Arbeitswelt nach dem gleichen Muster, d. h. der Einzelne betrachtet die Mitmenschen, auf die sein Dienst gerichtet ist, als Zweck und ebenso als Zweck wird er von ihnen betrachtet.
Somit ist ein Wunder geschehen: Was rein materieller Natur war und die Menschen gegenseitig zu Knechten hätte machen können, hat sie dagegen zu freien, kreativen Wesen gemacht.
Der Familie bzw. der Arbeit liegt in der Tat die Kategorie der ‚wahrhaften Unendlichkeit‘ zugrunde, d. h. der Zweck (Kinder, das Produkt der Arbeit usw.) wird erreicht und das dies-bezügliche Bedürfnis bekommt somit seine Befriedigung, dies geschieht aber innerhalb eines kreativen Prozesses. Was der Einzelne innerhalb dieser Gebilde bezweckt, ist nicht in erster Linie die Befriedigung des eigenen aufkommenden Bedürfnisses, sondern das Ideal zu errei-chen, das ihm Glückseligkeit verspricht (einen Partner zu lieben und mit ihm eine harmoni-sche Familie zu gründen, eine erfüllende Arbeit zu haben).
Wenn dann im Idealfall dieser erste Zweck erreicht worden ist und somit eine Familie ge-gründet wurde bzw. eine erfüllende Arbeit angenommen werden durfte, bekommen auch die entsprechenden materiellen Kräfte ihre Befriedigung, und zwar nicht auf materielle, sondern auf geistige Weise: Der Trieb zur Fortpflanzung hat sich in eine Familie umgewandelt und wird innerhalb dieser gelebt; der Trieb zur Assimilation hat sich in eine erfüllende Arbeit umgewandelt und wird durch die materielle Belohnung der Arbeit befriedigt.
Auf logischer Ebene ist Folgendes passiert: Die Kategorie der ‚falschen bzw. schlechten Unendlichkeit‘ ist in die Kategorie der ‚wahrhaften Unendlichkeit‘ eingeschlossen, in Hegels Sprache ‚aufgehoben‘ worden (für den Begriff ‚Aufhebung‘ s. den Zusatz zu dem § 96 der Enzyklopädie bzw. die Anmerkung Der Ausdruck: Aufheben in der Lehre vom Sein der Wissenschaft der Logik von 1831). 
Diese Aufhebung der Kategorie der ‚falschen bzw. schlechten Unendlichkeit‘ in die der ‚wahrhaften Unendlichkeit‘, die die eigentliche Struktur des Absoluten und deshalb des Geistes bildet, wird von der zwischenmenschlichen Anerkennung im Sinne des ‚allgemeinen Selbstbewußtseins‘ ermöglicht. Erst das ‚allgemeine Selbstbewußtsein‘, also die Tatsache, dass man von einem anderen Menschen anerkannt wird, ermöglicht dem Menschen ein geistiges, kreatives und deshalb glückliches Leben. Außerhalb dieser Anerkennung sind die Menschen unterjocht, und zwar entweder der materiellen Natur oder anderen Menschen. In beiden Fällen erreichen sie – logisch betrachtet – bestenfalls nur eine ‚schlechte Unendlichkeit‘, also eine temporäre, vorübergehende Befriedigung der materiellen Bedürfnisse, nie aber eine ‚wahrhafte Unendlichkeit‘, also einen echt sinnvollen Zweck in ihrem Leben. 


3.2.3.3 Der Staat als Grundlage von Familie und Arbeit
Nach der Darstellung der Begriffe ‚Familie‘ und ‚Arbeit‘ als Hauptinhalt von Hegels neuer Ethik soll nur noch der Begriff ‚Staat‘ als dritte Gestalt dieser Ethik dargestellt werden.
Die Umwandlung von Fortpflanzung und Assimilation in Familie und Arbeit sowie die zwi-schenmenschliche Anerkennung, die diesen Gebilden zugrunde liegt, geschehen nicht von selbst, sondern bedürfen eines Bewusstseins von ihrer Wichtigkeit im menschlichen Leben. Sie bilden in der Tat die unentbehrliche Voraussetzung für die Glückseligkeit. Dieses Be-wusstsein geht aus der Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst bezüglich der Fra-gestellung nach dem eigenen Wesen, nach dem Sinn des Lebens usw. hervor. Diese Fragestellung gehört – wie oben geschildert – zur Religion im weiten Sinne des Wortes. Der Prozess der Anerkennung hängt also vom Prozess der Religion, also des menschlichen Selbstbewusstseins ab: Umso mehr der Mensch sich selbst und sein echtes Wesen als Absolutes begreift, umso selbstbewusster er wird, desto kreativer und deshalb ethischer wird sein Leben, da er seine Bedürfnisse dementsprechend mehr in geistiger Form zu befriedigen versuchen wird.
Infolge des Prozesses der Entwicklung der Religion, der die tragende Achse der Menschengeschichte ist, bilden sich ‚Anerkennungsgruppen‘, d. h. Gemeinden, in denen die Menschen auf Grund eines ähnlichen religiösen Selbstbewusstseins ebenso auf ähnliche Weise die materiellen Bedürfnisse miteinander befriedigen. Der philosophische Begriff, der diesen Gemeinden zugrunde liegt, ist der Begriff vom ‚Staat‘.
Staaten sind die Hüllen der Anerkennung, also die Gebilde, in denen die materiellen Grund-bedürfnisse als Familie und Arbeit und nicht mehr als reine Fortpflanzung und Assimilation gelebt werden. Die Gesetze (insbesondere die Verfassung) bilden dafür die nötige rechtliche Grundlage. Die echte, unentbehrliche Grundlage dafür ist aber die Religion, also die Welt- und Menschenauffassung, die die Individuen einer Gemeinschaft teilen sollen, um im dauer-haften Frieden miteinander zu leben. 
Die Darstellung von Hegels neuer Ethik kann nun mit den folgenden Worten beendet und zusammengefasst werden: Die Menschen sollen für die Werte leben, die den Gestalten der Sittlichkeit zugrunde liegen, wenn sie glücklich leben wollen, d. h. wenn sie ihr kreatives geistiges Wesen verwirklichen wollen. Dabei handelt es sich um die Werte der Liebe (Grundlage der Familie), der Arbeit (Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft) und der Menschheit (Grundlage des Staates). Allein ein solches Leben ist für den Menschen philosophisch akzeptabel, weil es vernünftig begründet ist, und kann ihn zum Glück führen, weil er dabei nach seinem echten Wesen lebt.


3.3 Vorgeschmack auf die Aktualisierung von Hegels System der Philosophie
Wie oben gesagt, bilden die eben dargestellten Ergebnisse das Resultat einer langen For-schungsarbeit, die erst vor kurzem abgeschlossen wurde. Es handelt sich um die ersten zwei Schritte der Globalinterpretation von Hegels Philosophie. Was den dritten Schritt betrifft – also die eigentliche Aktualisierung –, wird sie den Inhalt meiner künftigen Forschungen bil-den. Aus diesem Grund kann ich hier darüber noch keine festen und sicheren Ergebnisse prä-sentieren.
Allerdings, um diesen Aufsatz nicht unvollständig zu lassen, möchte ich hier zumindest einen Einblick in die Aktualisierung von Hegels Philosophie nach den Prinzipien der Globalinterpretation geben. Dies werde ich in Bezug auf den Begriff ‚Staat‘ machen, der, wie bekannt, in der Hegel-Forschung die größten Interpretationsprobleme bereitet hat. Ich hoffe, dass es dadurch ersichtlich wird, wie auch die Interpretation eines derart problematischen Begriffes einfacher und deutlicher wird, wenn man sich für einen ‚globalen‘ Zugang zum System entscheidet.
Bezüglich des Begriffs ‚Staat‘ entsteht die Frage, welche Staatsform unter der Perspektive des absoluten Idealismus, d. h. in der dritten Phase der Geschichte der Menschheit, die passende sei.
Mit dem Ausdruck ‚passende Form des Staates‘ ist die Staatsform gemeint, die der wahren Religion entspricht und deshalb die richtige zwischenmenschliche Anerkennung unter den Menschen fördern kann. Da die wahre Religion die Philosophie des absoluten Idealismus ist und diese Philosophie, da sie auf Vernunft und Wissenschaft beruht, als allgemeine Philoso-phie für alle Menschen gelten kann und soll, ist daraus zu schließen, dass die Anerkennung, die sie fordert, eine ebenso allgemeine, grenzenlose sein soll.
Wie oben geschildert, sollen sich die Menschen gegenseitig als Zweck und nicht als Mittel betrachten. Von diesem höheren Standpunkt aus gesehen, kann der Staat, der von der Philo-sophie des absoluten Idealismus gefordert wird, nichts anderes als ein Weltstaat sein. Die Menschen werden, nachdem sie sich als Absolute einzeln anerkannt haben, die Art von Ge-meinde gründen, die dieser Anerkennung entspricht. Der absoluten, allgemeinen Anerken-nung entspricht eine absolute, allgemeine Gemeinde, also ein Weltstaat.
Hegel ist sicherlich nicht konsequent gewesen, d. h. er hat nicht den Mut gehabt, diesen Schluss aus seiner Philosophie zu ziehen (obwohl er – wohl gemerkt – diesen Begriff in der Jenaer Zeit seiner Entwicklung erreicht hatte). Die Gründe dafür sind psychologischer sowie historischer Natur und zum Teil von Karl Heinz Ilting in seinen Arbeiten erörtert worden.
Unabhängig von Hegels eigener, offizieller Stellungnahme am Schluss der Philosophie des objektiven Geistes der Enzyklopädie (1830) scheint mir logisch zwingend zu sein, dass die Staatsform, die von der Philosophie des absoluten Idealismus begründet wird, allein der Weltstaat sein kann. Und umgekehrt sieht es so aus, dass die wahre Religion, die die Grundlage des Weltstaates sein kann, allein die Philosophie und insbesondere die des absoluten Idealismus sein kann. FN
Die Aktualität dieses Gedankens und deshalb den Sinn der Aktualisierung der entsprechenden Sektion von Hegels Philosophie möchte ich durch einen Vergleich zwischen dieser Philosophie und der Geschichtswissenschaft zeigen.
Diesen Vergleich möchte ich anhand einiger tiefsinniger Bemerkungen von Arnold Toynbee, der unumstritten für einen der größten Historiker gehalten wird, anstellen.
So drückt sich Toynbee in seiner Arbeit Menschheit und Mutter Erde aus: 


„Seit der Morgendämmerung der Zivilisationen gibt es eine Diskrepanz zwischen dem technologischen Fortschritt des Menschen und seinem gesellschaftlichen Verhalten. Der technologische Fortschritt hat besonders in den letzten zweihundert Jahren Macht und Reichtum des Menschen gewaltig vermehrt, während die Kluft zwischen der physischen Möglichkeit, Böses zu tun, und der geistig-sittlichen Fähigkeit, diese Kräfte zu meistern, so klaffend weit geworden ist wie die mythischen Schlünde der Hölle“ (Menschheit und Mutter Erde. Die Geschichte der großen Zivilisationen, S. 500).


Die neue Zivilisation soll als ihre Hauptaufgabe die Beseitigung der aktuellen Diskrepanz zwischen technologischem und geistigem Fortschritt der Menschheit haben. Da es weder wünschenswert noch möglich ist, den technologischen Fortschritt zurückzuführen, ist der einzige Weg zur Beseitigung dieser Diskrepanz ein weiterer, starker, geistiger Fortschritt der Menschheit. Das kann in keiner anderen Form geschehen als in der einer tiefen geistigen Revolution im Sinne der Bildung von neuen, allgemeinen, absoluten ethischen Werten.
Wie Toynbee in seinem Werk gezeigt hat, befindet sich heutzutage die Menschheit an einem Scheideweg:
- Auf der einen Seite geht der Weg in die Richtung der Beherrschung der Technik über den Geist, der Naturwissenschaften über die Philosophie, des Nihilismus bzw. Fanatismus über die gesunde, weil logisch begründete Vernunftreligion.
Am Ende dieses Weges, wenn er nicht verlassen wird, könnten auf die Menschheit katastro-phale Folgen warten, die wir heute wahrscheinlich gar nicht ahnen können und über deren Ausmaß wir uns möglicherweise naiv täuschen (wollen?);
- Auf der anderen Seite geht der Weg in die gegensätzliche Richtung, also in die Richtung der Beherrschung des Geistes über die Technik, der Philosophie über die Naturwissenschaften, der gesunden Vernunftreligion über den Nihilismus und den Fanatismus.
Der Sinn einer Aktualisierung von Hegels System der Philosophie scheint mir schließlich dies zu sein, die unentbehrliche philosophische Grundlage für das Einschlagen des zweiten Weges zur Verfügung zu stellen, d. h. des Weges der Gewinnung einer neuen, bewussten Einheit von Mensch und Natur und folglich der Eröffnung der dritten und letzten Phase der philosophisch-religiösen Geschichte der Menschheit.
Diese neue Einheit kann allein in Form der Erarbeitung einer Vernunftreligion geschehen, die absolute und deshalb universelle Werte unter den Menschen verbreiten und folglich eine neue, universelle Zivilisation begründen könnte. Diese neue Zivilisation soll eine universelle Zivilisation sein, eine Weltzivilisation, auch in Form eines Weltstaates, der der schon existierenden Weltgesellschaft entsprechen soll.
Auch in Bezug darauf hat sich Toynbee vorausblickend geäußert:


„Seit den Anfängen der Zivilisation sind die wichtigsten Institutionen des Menschen die Staaten gewesen. Immer bestand eine Vielzahl von Staaten nebeneinander, doch im Gegensatz zu den altsteinzeitlichen Gruppen und den jungsteinzeitlichen Dorfgemeinschaften waren die Staaten des Zeitalters der Zivilisation nicht voneinander isoliert; sie grenzten aneinander, und dies führte zu Kriegen, die zu einer der schlimmsten Krankheiten der zivilisierten Menschheit wurden. [...] Die gegenwärtigen unabhängigen Regionalstaaten sind weder imstande, den Frieden zu bewahren noch die Biosphäre vor der Verunreinigung durch den Menschen zu schützen oder ihre unersetzlichen Rohstoffquellen zu erhalten. Diese politische Anarchie darf nicht länger andauern in einer Ökumene, die längst auf technischem und wirtschaftlichem Gebiet eine Einheit geworden ist. Was seit fünftausend Jahren nötig ist – und sich in der Technologie seit hundert Jahren als durchführbar erwiesen hat –, ist eine weltumfassende politische Organisation, bestehend aus einzelnen Zellen von den Ausmaßen der neolithischen Dorfgemeinschaften – so klein und überschaubar, dass jedes Mitglied das andere kennt und doch ein Bürger des Weltstaates ist“ (S. 501).


Für die Gründung der neuen Weltzivilisation hat Hegel die notwendigen philosophischen Grundlagen zur Verfügung gestellt. Uns als Nachkommen bleibt die Aufgabe, diese Grundla-gen theoretisch weiter zu entwickeln und praktisch mutig umzusetzen.
Diese scheint mir eine interessante, inhaltsvolle, herausfordernde, wenngleich sicherlich nicht anspruchslose Aufgabe für die Philosophie zu Beginn des dritten Jahrtausends. 

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