MENU
Historisch-Philosophische Studie über einen endgültigen Frieden in Osteuropa

Historisch-Philosophische Studie über einen endgültigen Frieden in Osteuropa

 

*

Historisch-philosophische Studie 
über einen endgültigen

Frieden in Osteuropa

*

Dieser erste Teil unserer philosophischen Plattform ist traditionell auf die zentrale Frage ausgerichtet, mit der die Menschheit heute konfrontiert ist. Im Moment ist es eindeutig der Krieg in der Ukraine, obwohl die Umweltfrage eigentlich Vorrang haben sollte. Die Lage in der Ukraine ist jedoch so ernst, dass auch die Umweltfrage derzeit in den Hintergrund gerät. 

Wir hielten es daher für sinnvoll, im großen Meer des Internets einen Raum zu schaffen, in dem wir eine Reihe bedeutender Beiträge verschiedener Wissenschaftler zu den aktuellen Kriegsereignissen bündeln und damit leicht auffindbar und konsultierbar machen können, die den Leser zu einer korrekten Interpretation der Ereignisse aus historischer und philosophischer, also wissenschaftlicher Sicht anleiten können. Zu diesem Internetbereich gelangen Sie über die letzte Sektion am Ende dieser Homepage oder indem Sie hier klicken.

Wir veröffentlichen hier einen eigenen Beitrag, nämlich die Philosophische Studie für einen endgültigen Frieden in Osteuropa, in der Hoffnung, dass es damit geholfen werden kann, einen Ausweg aus der Stituation zu finden.

Die Studie besteht aus 15 Punkten, die das Thema aus einem streng historisch-philosophischen Blickwinkel heraus behandeln. Insbesondere wird ein Vergleich zwischen der heutigen explosiven Situation in Osteuropa und der ebenso explosiven Situation in Westeuropa vor einem Jahrhundert angestellt, als sich Staaten wie England, Frankreich, Deutschland und Italien gegenseitig hassten, zwei Kriege führten, die später zu Weltkriegen wurden und durch einen starken Nationalismus angeheizt wurden. Unsere These ist, dass die gleiche Situation heute in Osteuropa entsteht, mit dem Unterschied, dass der Entwicklungsstand und die militärische Macht der in den Krieg verwickelten Staaten noch höher ist als die bereits tödliche Situation vor einem Jahrhundert. Ausgehend von diesem Grundgedanken werden wir versuchen zu verstehen, wie es uns vor hundert Jahren gelungen ist, einen Ausweg aus dem Nationalismus zu finden, und ob dieser historische Präzedenzfall bei der Überwindung der heutigen Situation hilfreich sein kann.

 

*
Zusammenfassung
(Abstract)

*
In Osteuropa, insbesondere zwischen der Ukraine und Russland, kann ein vorübergehender Waffenstillstand nicht ausreichen, sondern wir müssen einen endgültigen Frieden anstreben. Der Schlüsselbegriff für einen endgültigen Frieden ist die Anerkennung. Es handelt sich um einen der grundlegenden Begriffe der philosophischen Ethik. Es geht um die Anerkennung der Menschlichkeit des anderen, des Feindes. 
Es war genau diese Anerkennung, die es den westeuropäischen Nationen nach 1945 ermöglichte, trotz allem, was geschehen war, den Weg zum Frieden durch den Einigungsprozess einzuschlagen. Dies war nach dem Ersten Weltkrieg nicht der Fall, als die enormen Reparationskosten, die Deutschland auferlegt wurden, um es für immer auf einem niedrigen Lebensstandard zu halten, den Grundstein dafür legten, dass das deutsche Volk Vergeltung übte und nach wenigen Jahren wieder für einen neuen Krieg aufrüstete. 
Die Verleugnung der Menschlichkeit der besiegten Deutschen schuf die Voraussetzungen für einen neuen Krieg. Nach 1945 wurde kein solcher philosophischer Fehler begangen, und dank der Anerkennung der Menschlichkeit der Besiegten haben wir in Europa viele Jahrzehnte des Friedens erlebt. 
Die Ausdehnung der Europäischen Union auf Länder, die ihr zuvor nicht angehörten, konfrontiert uns nun mit neuen Situationen der Aberkennung und des nationalistischen Hasses, die eine neue Anstrengung der Anerkennung unsererseits erfordern, wenn wir in Osteuropa einen endgültigen Frieden haben wollen, wie wir ihn in Westeuropa hatten.
Die vorliegende Studie geht dieser Frage nach, indem sie die historischen Modalitäten der Anerkennung in Westeuropa und, darauf aufbauend, die philosophisch-politischen Modalitäten der Anerkennung in Osteuropa als einzig möglichen Ausweg aus der gegenwärtigen Krise aufzeigt.  
 
*
 
1. An der Grenze zu Russland brauchen wir einen endgültigen Frieden, keinen vorübergehenden Waffenstillstand

Diese Studie schlägt eine endgültige Lösung und nicht nur einen vorübergehenden Waffenstillstand für den gegenwärtigen Krieg zwischen Russland und der Ukraine vor. Die vorübergehende Lösung eines Waffenstillstands würde das Problem tatsächlich nicht lösen, sondern nur auf die Dauer verschieben. 
Nur die Philosophie kann helfen, eine endgültige Lösung zu finden, da sie die radikale Denkweise ist, das heißt, sie geht an die Wurzel der Probleme, daher arbeitet sie tief und löst sie ein für alle Mal. Es ist Weisheit, und wenn sich extreme Situationen eines schrecklichen Krieges abzeichnen, kann es der Weisheit nur helfen. Aus diesem Grund kann auch als ein „Philosophisches Manifest für den Frieden“ angesehen werden.

 

2. Der historische Präzedenzfall der europäischen Einigung, gefördert durch die Philosophie, ist die historische Demonstration der Philosophie als unabdingbare Voraussetzung für den Frieden

Den Beweis für das eben Gesagte liefert der Prozess der europäischen Einigung, der den nationalistischen Hass, der in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts unter den europäischen Ländern bestand und der die Ursache für die beiden Weltkriege war, radikal beseitigte. Dieser noch andauernde Einigungsprozess hat Länder und Völker immer näher zusammengebracht, so dass heute ein innereuropäischer Krieg zwischen diesen Nationen undenkbar ist. Der Einigungsprozess wurde von Politik und Wirtschaft nicht , wie irrtümlich angenommen, 1951 mit dem Kohle- und Stahlabkommen zwischen Deutschland und Frankreich ( EGKS ), sondern 1941 durch das Ventoten-Manifest eingeleitetund in dem einige italienische Intellektuelle, die von Mussolini in die Haft verbannt wurden, ein Projekt der europäischen Einigung ausarbeiteten, mit dem Ziel, den Krieg für immer aus Europa zu verbannen. Die Philosophie geht immer den Fortschritten der Politik voraus, die nichts anderes tut, als sie auszuführen, wenn sie dazu in der Lage ist.

Tatsächlich hat die Politik nach Kriegsende nichts anderes getan, als die in diesem Manifest enthaltenen Ideen anzuwenden , das somit die eigentliche Inspirationsquelle für den europäischen Einigungsprozess war. Altiero Spinelli  (siehe Foto) war auch ein aktiver Politiker und Mitglied des Europäischen Parlaments und setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg für die Umsetzung der Ideen des Manifests ein. Er verfasste das Manifest zusammen mit zwei anderen Intellektuellen, die sich ebenfalls im Exil auf der Insel Ventotene befanden, Edoardo Colorni und Ernesto Rossi, zu denen sich ganz wesentlich auch Colornis deutsche Frau Ursula Hirschmann gesellte. Spinelli überlebte seine beiden Gefährten, die leider zu früh starben. Er war es also, der sich politisch für die Ideen des Manifests einsetzte. 
 

3. Die philosophischen Grundlagen des Ventotene-Manifests und der europäische Einigungsprozess

Die Lektüre des Ventotene-Manifests zeigt, dass es voller philosophischer Ideen ist, und obwohl es eine eminent politische Schrift ist, wäre es ohne die philosophischen Ideen, die es beleben, niemals möglich gewesen. Hauptquelle dieser Schrift ist insbesondere die kantische Konzeption des ewigen Friedens, die der große deutsche Philosoph 1795 in seiner gleichnamigen Schrift „ Über den ewigen Frieden “ darlegte. Darin Kant (siehe Porträt) bringt den Grundgedanken zum Ausdruck, dass die Menschheit niemals einen endgültigen Frieden erreichen wird, bis es ihr gelingt, eine Art Weltrepublik, einen Weltbund von Staaten, zu schaffen, das heißt, sie wird die Nationalstaaten nicht irgendwie zu einer übergeordneten Einheit vereinen, die umfasst Sie. Spinelli und seine Weggefährten wandten diese kantische Konzeption auf die europäische Situation an und erarbeiteten so die Idee der Vereinigten Staaten von Europa, deren Gründungsprozess in den 1950er Jahren begann und bis heute andauert. Ein weiterer Grundgedanke des Ventotene-Manifests, offensichtlich immer philosophischen Ursprungs, ist der sozialistische Ansatzdie die Vereinigten Staaten von Europa hätten haben sollen. In dieser Vision beabsichtigten die Autoren des Manifests nicht die Einrichtung der Diktatur des Proletariats, sondern einen Staat, der das „Soziale“ an die erste Stelle setzt, also die europäischen Völker in ihrer Gesamtheit, nicht nur einige soziale Klassen. 


4. Philosophische Präzedenzfälle des Ventotene-Manifests

Die  Tatsache, dass die klassische Philosophie die Grundlage des Friedens ist, den wir nach 1945 dank des Einigungsprozesses in Europa erreicht haben, zeigen auch zwei andere philosophische Werke, die vor dem Ventotene-Manifest ausgearbeitet wurden und immer von der Idee beseelt waren, Vereinigte Staaten von Amerika zu schaffen Europa dem gequälten Kontinent Frieden zu bringen, die aber zu ihrer Zeit leider nicht ausreichend ernst genommen wurden. Dies sind das 1872 in Paris erschienene Buch „Les États Unis d’Europe“ („Die Vereinigten Staaten von Europa“) von Charles Lemonnier und „ Paneuropa “ ( pdf. der französischen Übersetzung ) von Richard Coudenhove Kalergi  (v. Foto unten), erschienen 1923 in Wien und Leipzig. 

 

Beide Texte arbeiten, wenn auch auf unterschiedliche Weise, Ideen mit dem gleichen Ziel aus, nämlich Europa endgültigen Frieden zu bringen. Sie sind Schriften über auf die Politik angewandte Philosophie und haben immer die Philosophie Kants als Hintergrund, insbesondere die Philosophie Lemonniers. Coudenhove-Kalergi gründete auch die gleichnamige politische Bewegung „ Paneuropa “.„die in der Zeit zwischen den beiden Kriegen ebenfalls eine bemerkenswerte Anhängerschaft hatte und heute noch existiert, wenn auch in viel geringerem Umfang als früher. Wenn die Politik den Anweisungen dieser Denker gefolgt wäre, hätten wir auch den Ersten und Zweiten Weltkrieg vermeiden können. Nach dem zweiten musste die Politik angesichts der durch den Krieg nun erreichten atomaren Ebene dieses Mal zwangsläufig auf die Philosophie hören, und so hatte das „Ventotene-Manifest“ den Erfolg, den die beiden anderen Texte nicht hatten. Dies zeigt, dass die radikale Lösung des politischen Problems des Krieges in Europa dank der Verwendung der philosophischen Ideen des Ventotene-Manifests möglich war, das selbst offensichtlich das Erbe jener Denker sammelte, die mindestens seit Kant Ideen hervorgebracht hatten und pazifistische und proeuropäische Texte.


5. Wir sollen uns die Frage nach den Grenzen des europäischen Einigungsprozesses stellen.

Auf der Grundlage dieser philosophie- und politikgeschichtlichen Überlegungen können wir heute nicht daran denken, das Problem von Krieg und Frieden in der Ukraine zu lösen, ohne erneut auf diesen Schatz hinzuweisen. des philosophisch-politischen Denkens, das das Ventotene-Manifest inspiriert und auf dieses Werk von Kant sowie auf die anderen erwähnten europäistischen Schriften zurückgeht. Insbesondere müssen wir uns fragen, ob der fortschreitende Aufbau Europas, der von den ersten sechs Mitgliedstaaten von 1957 ( Römische Verträge) bis heute siebenundzwanzig, wird abgeschlossen oder kann abgeschlossen werden durch die Einbeziehung anderer Staaten, die jetzt an den derzeitigen Grenzen der EU liegen, z. Ukraine selbst, oder es endet nicht so, sondern bleibt ein prinzipiell offener Prozess für andere Staaten, z. auch in die Russische Föderation. Kurz gesagt, das theoretische Problem, das wir uns stellen müssen, ist das der Grenzen der Europäischen Union und damit des Prozesses ihrer Schaffung und Erweiterung. Gibt es vorgegebene Grenzen oder ist der Prozess offen? Um eine Antwort zu erhalten, müssen wir das „Ventotene-Manifest“ in Frage stellen, das, wie erwähnt, die inspirierende Grundidee der Vereinigten Staaten von Europa, also des Endziels des Einigungsprozesses, enthält.

 

6. Die Philosophie des Kosmopolitismus und der Prozess der europäischen Einigung als erster Schritt einer weltweiten kosmopolitischen Einigung, also ohne Grenzen und ohne Schranken

Die Lektüre des Manifests von Ventotene lehrt uns, dass der Prozess der europäischen Einigung ein offener Prozess ist, d.h. es gibt keine vorgegebenen Grenzen. Schließlich war Kants Projekt des ewigen Friedens, auf dem das Manifest basiert, ein weltweites Projekt, das auf dem philosophischen Prinzip des Kosmopolitismus (Weltbürgertums) beruht. Dieses Prinzip ist noch viel älter als Kant und geht sogar mindestens auf die Philosophie der Stoiker, also auf die griechische Philosophie vor zweitausend und mehr Jahren zurück. Das bedeutet, dass es sich um einen grundlegenden Gedanken der Philosophie handelt, um eine Konstante in der Geschichte der Philosophie, nicht nur um einen Gedanken eines so wichtigen Autors wie Kant. Wir können sie im Wesentlichen als eine wichtige Errungenschaft der weltphilosophischen Reflexion, der gesamten Geschichte der Philosophie betrachten.

Das "Manifest von Ventotene" selbst spricht zwar ausdrücklich von der europäischen Einigung und bezieht sich damit auf den begrenzten geografischen Raum unseres Kontinents, doch enthält es einen Satz, in dem die Autoren deutlich schreiben, dass die europäische Einigung als ein erster Schritt der Welteinigung zu sehen ist, so wie es die Stoiker und Kant gedacht und geschrieben hatten.

 

„Und wenn man über den Horizont des alten Kontinents hinausgeht und alle Völker, aus denen die Menschheit besteht, in eine Gesamtschau einbezieht, muss man auch erkennen, dass die europäische Föderation die einzige denkbare Garantie dafür ist, dass die Beziehungen zu den asiatischen und amerikanischen Völkern auf der Grundlage friedlicher Zusammenarbeit stattfinden können, im Vorgriff auf eine fernere Zukunft, in der die politische Einheit des gesamten Erdballs möglich wird.“


Hintergrund des europäischen Einigungsprozesses ist daher das kantische Weltföderations- und Weltfriedensprojekt, dem wiederum die kosmopolitische Konzeption des Stoizismus zugrunde liegt.
 


7. Die Europäische Union stellt dann den ersten Schritt in der historischen Verwirklichung der Philosophie des Kosmopolitismus dar.
Ausgehend von diesem kosmopolitischen Grundprinzip würde es keinen Sinn machen zu behaupten, dass der Prozess der europäischen Einigung seither Grenzen und Grenzen gesetzt hat es ist in Wirklichkeit die erste historische Verwirklichung des Prinzips des Kosmopolitismus. Das bedeutet, dass dieser Prozess tatsächlich nicht nur auf die Konstituierung der Vereinigten Staaten von Europa als Kontinentalstaat abzielt, die dann irgendwann aufhört, sondern auf die Konstituierung eines viel umfassenderen Staates, den wir als Weltstaat betrachten können Weltbund der Staaten. Von diesem Weltstaat sind die Vereinigten Staaten von Europa nur das erste Stück oder, in chronologischem Sinne, die erste Stufe, wie Spinelli und seine Exilanten schrieben. 


8. Daher sollten auch die Russische Föderation sowie die Ukraine und die anderen Nachbarstaaten in den Prozess der weiteren Erweiterung der europäischen Einigung eingebunden werden

Dies ist eine sehr wichtige Schlussfolgerung für unser Ziel, eine endgültige und radikale Lösung des Problems des Krieges in der Ukraine zu finden. Wenn der europäische Einigungsprozess tatsächlich dazu bestimmt ist, sich grenzenlos und offensichtlich friedlich auszudehnen, dann nicht im Sinne eines gewaltsamen Demokratieexports, sondern eines spontanen Beitritts von Ländern, die sich im Grunde anerkennen Wert des Friedens, der letztendlich der einzig unverzichtbare und wirklich grundlegende Wert des Einigungsprozesses ist, muss man verstehen, dass das grundlegende Problem der Reibung an den Grenzen zwischen der Ukraine und Russland oder allgemeiner an den Grenzen zwischen Russland und Russland entstanden ist die verschiedenen Länder, die Teil der EU sind oder eine künftige Mitgliedschaft anstreben, und Russland, das stattdessen von diesem Prozess ausgeschlossen ist, liegt gerade daran, dass Fälschlicherweise wird die Russische Föderation als staatliches Gebilde betrachtet, das zwangsläufig außerhalb des Einigungsprozesses bleiben muss und nicht in diesen integriert werden kann. Dies ist der grundlegende Grund für die Reibung: Während einerseits für den endgültigen Frieden, den wir brauchen, wie uns die Stoiker lehren, Kant und die anderen Gelehrten bis hin zu Spinelli und den nachfolgenden Theoretikern Europas (insbesondere Mario Albertini ) einer Überwindung „jeder“ Grenze, andererseits gilt diese Grenze als „unüberwindbar“, die Russische Föderation als „nicht integrierbar“, als unüberwindbare Grenze des Einigungsprozesses. Dies ist jedoch ein theoretischer Fehler und auch ein logischer Widerspruch, denn wie wir gesehen haben, hat der Prozess der europäischen Einigung keine vorgezeichneten Grenzen und kann sie nicht einmal haben, weil für den Frieden, das philosophische Fundament der EU, das einzige ist Mögliche Perspektive ist die Welt, also die Überwindung aller Grenzen und die Integration aller Länder in den Einigungsprozess. Deshalb kann man an keiner Grenze Halt machen, schon gar nicht an der russischen, sondern muss an jeder Grenze, auf die man trifft, immer integrieren, d.h. einen Beitritts- und Vereinigungsprozess einleiten.


9. Die eigentliche und tiefgreifende Ursache des andauernden Krieges ist der logische Widerspruch, nur die Ukraine und nicht die Russische Föderation in den Prozess der europäischen Einigung integrieren zu wollen

Dies erklärt daher sehr gut, warum wir heute mit dieser sehr ernsten Krise konfrontiert sind, die uns plötzlich ins Jahr 1945 zurückkehren lässt, wodurch alle Fortschritte des europäischen Einigungsprozesses zurückgeworfen und paradoxerweise fast annulliert werden, was auch erklärt, warum die Europäische Union an an dieser Stelle schweigen oder sklavisch wiederholen, was die USA sagen: Niemand in der EU hat den Mut, das Einzige zu sagen, was gesagt werden muss, nämlich dass auch die Ukraine und die Russische Föderation in den Einigungsprozess integriert werden sollten wie die anderen Interessenten angeben, die noch nicht Teil dieses Prozesses sind. Nur mit dem Mut der Philosophie, radikal über die Probleme nachzudenken und sie dann an der Wurzel zu lösen, können wir den 1951 begonnenen und durch das Manifest von 1941 belebten Friedensprozess fortsetzen. Wir können nicht an der russischen Grenze Halt machen, weil der europäische Einigungsprozess in Wahrheit ein Welteinigungsprozess ist und sich daher nicht nur auf den europäischen Kontinent bezieht. Angesichts dieser Integration der Ukraine und der Russischen Föderation in den Prozess der europäischen Einigung, der natürlich nicht über Nacht geschehen kann, sondern ein Prozess sein muss, würden alle Probleme in Bezug auf die umstrittenen Regionen des Donbass sofort gelöst: Sie könnten einfach Teil Europas sein, so dass sie letztlich weder zur Ukraine noch zu Russland gehören würden, es sei denn, sie würden in einem Referendum, das natürlich von einer dritten Instanz überwacht wird, ihren Wunsch äußern, einem der beiden Staaten anzugehören.Sie könnten einfach Teil Europas sein, so dass sie letztlich weder zur Ukraine noch zu Russland gehören würden, es sei denn, sie würden in einem Referendum, das natürlich von einer dritten Instanz überwacht wird, ihren Wunsch äußern, einem der beiden Staaten anzugehören.

Innerhalb des entstehenden Europas sind die Binnengrenzen tatsächlich nicht so starr, sie sind fließend, und die Zugehörigkeit zu einem Volk ist nicht so starr: die Bürger von Donbass wären nicht länger an der hamletischen Wahl beteiligt, Ukrainer oder Russen zu sein, mit all den Folgen des Hasses, die wir gut kennen, weil sie beide von vornherein „europäisch“ wären. Die Zugehörigkeit zu dieser neuen geopolitischen Dimension würde eine neue Identität verleihen, die die vorherige nicht aufheben, sondern relativieren würde, wie es in West- und Südeuropa geschehen ist: Die Italiener, die Deutschen, die Franzosen existieren offensichtlich noch, aber sie sind nicht mehr starre, sondern flüssige Identitäten, wie der Schengen-Vertrag, der Grenzen beseitigt, ohne die Nationen zu beseitigen, die diese Grenzen zuvor trennten, während sie sie jetzt vereinen. So wäre es mit den Ukrainern und den Russen. Selbst diejenigen, die im Donbass leben und sich diesen geografischen Raum teilen, würden nicht mehr starr gegeneinander stehen, sondern vereint durch die Tatsache, Europäer zu sein. „Europäer“ zu sein, diese neue vereinheitlichende Identität würde es als kleinster gemeinsamer Nenner fungieren, genau wie es im übrigen Europa bereits geschehen ist. 

Die Frage der Identität ist von zentraler Bedeutung für die Lösung des Konflikts zwischen der Ukraine und Russland, wie auch für jeden anderen Konflikt, der durch Nationalismus motiviert sei. Eine solche enorme Belastung in den Beziehungen zwischen den Völkern kann nur durch eine höhere Identität gemildert werden, die die Völker, die sich aufgrund des Nationalismus bekämpfen, vereint. Die nationale Identität darf nicht beseitigt werden, sondern muss durch eine höhere Identität aufgelockert werden. Dies war im Laufe der Geschichte immer der Fall, deren Fortschritt gerade auf der Überwindung von Lokalpatriotismus, Provinzialismus, Regionalismus und Nationalismen sowie der Schaffung immer größerer und vereinheitlichender politischer Einheiten beruhte. Die übergeordnete Identität eliminiert nicht die untergeordnete und vorangegangene, sondern integriert sie in eine breitere Dimension, macht sie weniger totalisierend, relativiert sie, ohne sie jedoch auszulöschen. Auf unserer philosophischen Plattform haben wir eine kurze Studie einer sehr guten Studentin aus der deutschen Südtiroler Gemeinschaft in Italien veröffentlicht, der dieses Konzept wissenschaftlich, überzeugend und umfassend dargelegt und argumentiert hat (siehe hier). Hätte die Menschheit nicht solche Fortschritte im Identitätsbewusstsein gemacht, wäre sie heute noch in Myriaden von prähistorischen Stämmen gespalten.


10. Die Lösung des Konflikts kann daher nur erreicht werden, indem der Prozess der europäischen Einigung auch auf die Russische Föderation sowie natürlich auch auf die Ukraine und andere Nachbarstaaten ausgedehnt wird, die ihr noch nicht angehören.

Eine erste Schlussfolgerung ist, dass der endgültige Frieden in dieser Region nur dann erreicht werden kann, wenn dort das wiederholt wird, was in West- und Südeuropa nach 1945 geschehen ist, d.h. ein Einigungsprozess eingeleitet wird. Die Europäische Union muss den Mut haben, wirklich sie selbst zu sein, d.h. die befriedende und einigende Kraft, die in der Lage ist, die philosophische Botschaft des Kosmopolitismus, des Kantismus und des Manifests von Ventotene zu verwirklichen. 
Wenn sie auf diese einigende Funktion verzichten wird, wird sie vor allem immer mit der Gefahr eines Krieges an ihren Grenzen leben, der früher oder später auch nuklear werden wird, denn leider gibt es keinen Grund, optimistisch anzunehmen, dass Vernunft und Ruhe immer die Oberhand gewinnen werden, denn früher oder später könnten auf der einen oder anderen Seite dieser Grenze die Bedingungen herrschen könnten, beides zu verlieren. 
Vor allem aber würde die Europäische Union ihre eigentliche Identität aufgeben, den Grund ihrer Entstehung, den Sinn ihres Daseins, der darin besteht, immer und überall Frieden zu stiften und sich niemals der Fatalität des Krieges hinzugeben. Die Europäische Union verkörpert in sich die Philosophie, die den Mut der Weisheit verkörpert, selbst um den Preis des höchsten Opfers, wie Sokrates und Giordano Bruno lehrten. Man darf niemals auf das eigenen Lebensideal verzichten, es gibt Zeiten, in denen den Mut der Idee über alles gestellt soll und man mit der ganzen Welt in Konflikt geraten muss, weil man weiß, dass man Recht hat und das Gute tut. 
Die Europäische Union muss sowohl die Ukraine als auch Russland in einen Diskurs der Einigung und des Friedens einbinden, denn dies ist der gute, der einzige Weg, um den künftigen Generationen eine Zukunft zu sichern, die Europas wahrhaft würdig ist, nämlich eine auf Frieden gegründete Gemeinschaft. Wenn die Europäische Union den Mut hat, diesen weiteren Einigungsprozess einzuleiten, würden alle anderen Probleme, die heute in ihrem östlichen Teil zu Hass und Krieg führen, mit einem Schlag an der Wurzel gelöst werden, so wie alle Probleme nach 1945 gelöst wurden, die gestern in ihrem westlichen Teil zu Hass und Krieg geführt hatten. 


11. Russland muss die historische Anerkennung erhalten, die es verdient.

Daher sind ernsthafte, also philosophische Friedensverhandlungen erforderlich. Sie erfordern selbstverständlich die Bereitschaft der Streitenden, auf etwas zu verzichten und dafür etwas anderes zu bekommen. Im Falle der Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine besteht die größte Schwierigkeit darin, zu verstehen, was der Westen, der hinter der Ukraine steht, Russland anbieten kann. Bislang gibt es nur Forderungen seitens der Ukraine und des Westens, nämlich dass Russland seine annektierten Gebiete aufgibt und sich zurückzieht, aber kein Angebot. Auf dieser Grundlage sind Verhandlungen eindeutig sinnlos. Wir wollen deshalb hier aufzeigen, was der Westen Russland anbieten kann, um eine Friedensverhandlung sinnvoll zu gestalten. 
In materieller Hinsicht kann der Westen nichts anbieten, denn was Russland will, nimmt es sich mit Gewalt, ja es hat es sich bereits genommen. Wenn man daran denkt, es mit Gewalt zurückzuerobern, geht man offensichtlich in die von allen gefürchtete Richtung eines dritten Weltkrieges, denn es ist undenkbar, dass Putin aufgibt, was er unter enormen menschlichen Opfern seines Volkes erobert hat. Das wäre sein Ende. Wir müssen also davon ausgehen, dass wir die Situation nicht auf der materiellen Ebene, d.h. mit Krieg, sondern auf der geistigen Ebene lösen müssen. 
Die weitere Frage, die wir uns stellen, lautet daher: Was kann der Westen Russland aus geistiger Sicht anbieten, um eine sinnvolle Verhandlung und damit eine mögliche Lösung herbeizuführen?
Was Russland dem Westen immer vorgeworfen hat, ist, dass es trotz der Tatsache, dass es die kommunistische Diktatur aufgegeben, die Sowjetunion aufgelöst und einen neuen, demokratischen, vielleicht noch lahmen, aber sicher nicht mehr diktatorischen Weg eingeschlagen hat, keine historische Anerkennung erfahren hat. Ganz im Gegenteil wurde Russland in den letzten Jahrzehnten als eine Macht behandelt, mit der man Geschäfte machen kann - zumindest bis zum 24. Februar -, aber nicht in den Prozess der europäischen Einigung und der NATO integriert werden darf. Alle verbliebenen ehemaligen Sowjetrepubliken bis hin zur Ukraine sind dagegen integriert worden oder wird es beabsichtigt, sie in Zukunft zu integrieren, Russland ist dagegen aus dieser Integration ausgeschlossen bzw. es wurde nichts unternommen, um eine gegenseitige Annäherung anzustoßen. Das war der fatale Fehler der letzten Jahrzehnte, der zur heutigen Situation geführt hat. 
Es ist daher eine klare Ausgrenzung des Westens gegenüber Russland festzustellen, obwohl Putin in der Vergangenheit wiederholt seinen Wunsch geäußert hat, sowohl dem europäischen Einigungsprozess als auch der NATO beizutreten. Warum diese Ächtung, deren schreckliche Folgen wir heute alle vor Augen haben?
Eine solche historische Anerkennung wäre nicht etwas Unverdientes für Russland, sagen wir, ein Geschenk des Westens, im Gegenteil! Russland war immer ein integraler Bestandteil Europas, die Geschichte Europas ist ohne den Beitrag dieser großen Nation nicht zu verstehen. Es gibt mindestens drei grundlegende Beiträge, die Russland allein im letzten Jahrhundert zur Geschichte der Menschheit geleistet hat, ohne auf seine ältere und äußerst reiche Geschichte näher einzugehen. 
Der erste Beitrag war zweifelsohne die Schaffung zum ersten Mal in der Geschichte eines kommunistischen Staates. Wichtig ist in diesem Zusammenhang nicht, wie wir den Kommunismus heute sehen, sondern was er damals und im Laufe der Zeit bedeutete. Es handelt sich um eine Form der politischen Organisation der Menschheit, die in erster Linie auf die westliche Philosophie zurückgeht, nämlich auf das Denken von Karl Marx, das wiederum auf der Philosophie von Hegel basiert. Es ist die dialektische Betrachtung von Natur und Geschichte. Für Marx und Engels hat die Dialektik, d.h. der Prozess der Bildung von Natur und menschlicher Gesellschaft im Laufe der Zeit, eine materialistische Grundlage, für Hegel eine idealistische. Abgesehen von diesem - wenn auch grundlegenden – Unterschied, handelt es sich bei der Dialektik um eine Vision, die damals, aber auch heute noch für viele Denker als den Höhepunkt der europäischen philosophischen Reflexion ansehen. Die Dialektik hatte ihren Ursprung in Griechenland und erreichte im 19. Jahrhundert in Deutschland ihren Höhepunkt eben mit Hegel und Marx.
Russland hat also nichts anderes als die europäische Philosophie oder zumindest eine grundlegende Denkrichtung derselben umgesetzt. Die Dialektik geht in der Tat auf Heraklit und Platon zurück; sie ist kein russisches, sondern ein griechisches Kulturprodukt, ebenso wie der Begriff der Demokratie, der im Westen so hoch gepriesen wird. Was wir damit meinen, ist, dass sowohl dem Westen als auch Russland die gleiche philosophische Tradition, die von Griechenland ausging, zugrunde liegt. Der Westen und Russland sind unter einer philosophischen Perspektive viel näher als sie meinen. 
Die Situation der Bauern in Russland und der Arbeiter in den europäischen Industriestaaten wie England, Belgien, Frankreich und Deutschland war damals von großer Not geprägt, da sie von ihren Arbeitgebern, d. h. den Grundbesitzern und Industriellen, so weit wie möglich ausgebeutet wurden. Die Idee von Marx, die Hegelsche Dialektik auf die Welt der Gesellschaft, also der Politik und der Wirtschaft, anzuwenden, war genau von der Absicht motiviert, diesen Teil der Menschheit, das Proletariat, aus den Bedingungen schrecklicher Armut und Unterwerfung, in denen es sich befand, zu befreien. Mark verwendete das philosophische Wissen und insbesondere die Dialektik, um gegen die Ausbeutung des Menschen durch Menschen vorzugehen. Diese Grundidee wurde von Lenin in die russische Revolution umgesetzt. Wenn 1948 die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ veröffentlicht wurde, ein Dokument, dass die Philosophie vor allem des Westens ausdrückt, war man damit nicht so weit von dem ursprünglichen Ziel der russischen Revolution. Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ist in der Tat eindeutig gegen die Menschenrechtsidee. 
Aus diesem Grund war die kommunistische Revolution von großer historischer Bedeutung, denn sie zeigte zum ersten Mal, dass Philosophie nicht nur etwas Theoretisches und Abstraktes ist, sondern auf die Politik angewandt werden kann, um die Lebensbedingungen von Millionen von Menschen zu verbessern, was auch tatsächlich geschah, denn das kommunistische Russland verschaffte dem russischen Volk zweifellos einen besseren Lebensstandard als seine früheren materiellen Existenzbedingungen. Natürlich hat sich die spätere Geschichte der Revolution von ihrem ursprünglichen Sinn entfernt, aber die Motivationen, die ihr zugrunde lagen, waren gar nicht im Widerspruch mit dem späteren Denkeinstellung des Westens, die sich aufgrund der grausamen Taten während des zweiten Weltkrieges nach 1945 durchsetzen musste. 
Dazu kommt,  dass die russische Revolution in den folgenden Jahrzehnten für viele Völker, die vom kapitalistischen Kolonialismus unterjocht wurden, zum  Vorbild wurde und ihnen die Zuversicht vermittelt, dass sie sich von dieser Unterjochung befreien können. Das ist auch im Sinne der Menschenrechte. 
Schließlich hat die kommunistische Revolution und die Errichtung des Kommunismus in der Sowjetunion nicht nur die unbestreitbaren Vorzüge, sondern auch die ebenso unbestreitbaren Grenzen der marxistischen dialektischen Gesellschaftstheorie aufgezeigt, insbesondere ihren Dogmatismus und die Tatsache, dass sie in eine Parteidiktatur umschlägt. Auch wenn dies ein sehr offensichtlicher Fehler ist, so ist es doch aus historischer Sicht ein Fortschritt, denn wir wissen heute, dass die Alternative zum Kapitalismus, der für Millionen bzw. sogar Milliarden von Menschen immer noch das zu erreichende politische Ziel ist, nicht dem Kommunismus, d.h. der Weltanschauung des historischen Materialismus überlassen werden kann. Allein dieses Wissen stellt einen enormen historischen Fortschritt dar, den die Menschheit dank Russland gemacht hat.
 Der zweite große Beitrag Russlands zur Geschichte der Menschheit im letzten Jahrhundert war die grundlegende und entscheidende Rolle, die das russisch-sowjetische Opfer von nicht weniger als 25 Millionen Menschen beim Sieg gegen den Nationalsozialismus gespielt hat. Wir hätten dieses Europa heute nicht ohne den Beitrag, den Russland im letzten Jahrhundert zum Krieg gegen Faschismus und Nazismus geleistet hat, und die Vereinigten Staaten selbst hätten ohne den entscheidenden Beitrag der Sowjetunion und damit vor allem des russischen Volkes niemals über den Nazifaschismus siegen können. Wenn wir heute die EU haben und wenn die USA, Großbritannien und Frankreich den Krieg mit gewinnen konnten, so war dies nur durch die enormen russischen und sowjetischen Opfer möglich! Dies nicht anzuerkennen, ist ein unmoralischer Akt von beispielloser Oberflächlichkeit seitens des Westens, der vom russischen Opfer immens profitiert hat.
Der dritte grundlegende Beitrag Russlands zur Geschichte war schließlich die Auflösung der Sowjetunion und des Warschauer Paktes sowie die Abkehr vom Kommunismus als Staatsform, als man im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts erkannte, dass dieses System den Bedürfnissen der Menschen nicht mehr entsprach. Russland war das erste Land, das das Jalta-System der Aufteilung der Welt in zwei Blöcke aufgab und es den Staaten des Warschauer Paktes ermöglichte, in den Folgejahren unabhängige Staaten zu werden und der EU beizutreten.

Auch hier zeigt sich die Weitsicht der russischen Nation, die, so wie es zu Beginn des 20. Jahrhunderts erkannt hatte, dass Marx (und die von ihm damals vertretene Philosophie) ernst genommen werden musste, in etwa 20 Jahre später erkannte, dass Hitler um jeden Preis besiegt werden musste, und noch später, gegen Ende des Jahrhunderts, erkannte, dass die Zeit für die Entspannung mit dem Westen und dem Kapitalismus gekommen war und seinen politischen Kurs klugerweise in eine neue Richtung lenkte. Diese Richtung ist sicherlich kein reiner Kapitalismus, nicht einmal mehr Kommunismus, und im Moment ist noch nicht bekannt, welche Art von Gesellschaft aus dieser neuen Transformation Russlands hervorgehen wird. Sie ist sicherlich auf dem Weg zu einer demokratischen Form im Vergleich zur früheren Parteidiktatur, aber wir wissen noch nicht, welche Art von Demokratie es sein wird. Russland hat also den richtigen historischer Schritt immer erkannt und mutig umgesetzt. Sein Beitrag zur Weltgeschichte ist dementsprechend immens. 
Ausgehend von diesen Prämissen, d.h. von mindestens drei absolut grundlegenden Beiträgen Russlands zur Geschichte Europas und der Menschheit im Allgemeinen, wäre es ungerecht, nicht in Erwägung zu ziehen, gerade den Staat, der es ermöglicht hat, in den europäischen Einigungsprozess zu integrieren. Es muss Schluss sein mit einer Ausgrenzung Russlands, die antihistorisch, ungerecht und auch zutiefst unmoralisch ist. Russland ist ein Land, das voll und ganz in die europäische Geschichte eingebunden ist, das entscheidend dazu beigetragen hat, eine friedliche Lösung der innereuropäischen Konflikte zwischen den verschiedenen Nationalstaaten durch die EU herbeizuführen,  und deshalb kann es nicht aus dieser Union ausgeschlossen werden. Ohne den entscheidenden Beitrag Russlands gäbe es die EU heute nicht. Die EU muss sich daher gegenüber Russland öffnen und ihm die Möglichkeit bieten, in einen Diskurs der gegenseitigen Annäherung und zukünftigen Vereinigung einzutreten.
Natürlich ist Russland kein kleiner Staat, der leicht zu integrieren ist, sondern eine große Atommacht, so dass die EU und Russland wahrscheinlich mehr als nur eine erweiterte EU schaffen müssen, auch weil ein Teil Russlands asiatische Komponenten hat. Es ist gerade die Rede von einem eurasischen Raum. Hier ist nicht der richtige Ort, um auf solche Überlegungen einzugehen, das muss später geschehen. Im Moment ist es notwendig, in Europa den Wunsch nach einer friedlichen Koexistenz mit Russland zu wecken und einen Prozess der Annäherung einzuleiten, der in Zukunft auf eine mögliche Vereinigung in Osteuropa abzielt, so wie es in Westeuropa geschah. Dies sollte das historische Ziel sein, das wir in den kommenden Jahrzehnten anstreben sollen, wenn wir eine friedliche Zukunft auf europäischem Boden aufbauen wollen. Wir haben keine andere Wahl als diese.
Daraus ist zu schließen, dass die Ukraine, vor allem die EU, aber auch die USA, die letztlich die Fäden in der Hand halten, Russland am Verhandlungstisch die volle historische Anerkennung und den Beginn eines Annäherungsprozesses mit dem Ziel der Wiedervereinigung anbieten müssen. Auf dieser spirituellen und philosophischen Ebene kann daher ein kleinster gemeinsamer Nenner zwischen dem Westen und Russland gefunden werden, um ernsthaft und ausgewogen einen endgültigen Frieden auszuhandeln. 

 

12. Obsoleszenz der Teilung der Welt in zwei gegensätzliche Blöcke (Jalta) sowie jener Länder, die weiterhin in der Jalta-Logik denken, die nicht die Logik der Europäischen Union sein sollte.
Ausgehend von dieser logischen Schlussfolgerung eines geschichtsphilosophischen Weges, der mindestens zweieinhalb Jahrtausende gedauert hat und im Prozess der europäischen Einigung schließlich seine erste historische Errungenschaft hatte, wenn auch noch in einem Keimstadium, stellt sich folgende Frage: Angenommen, die europäischen Nationalstaaten, die bereits der Europäischen Union angehören, leiten klugerweise einen Erweiterungsprozess sowohl gegenüber der Ukraine als auch gegenüber der Russischen Föderation ein, um die Möglichkeit eines künftigen Atomkriegs auf ihrem eigenen Territorium radikal auszuschließen, was ist dann mit den USA und der NATO? Leider sind sowohl die USA als auch die NATO derzeit das größte Hindernis dafür, dass der europäische Einigungsprozess seinen natürlichen Ausgang nach Osten findet, indem er die Ukraine, Russland und die anderen noch nicht integrierten Staaten integriert. Denn während Russland aus der Logik von Jalta, d.h. der Teilung der Welt in zwei gegensätzliche Blöcke, herausgetreten ist und dank der politischen Arbeit von Gorbatschow einen neuen Weg eingeschlagen hat, halten die USA dagegen weiterhin an den europäischen Nationalstaaten fest, die das Ergebnis dieser Teilung sind, praktisch als Kolonien. 
Die Logik von Jalta ist inzwischen weitgehend überholt, denn, da Russland kein kommunistischer Staat mehr ist, gibt es eigentlich auch keinen logischen Grund für einen so ausgeprägten Gegensatz zu den westlichen Staaten. Ein Beweis dafür ist, dass sich in den letzten 20 Jahren nach dem Ende der Sowjetunion die Handelsbeziehungen zwischen den europäischen Nationalstaaten und Russland fast genauso gut entwickelt haben wie die innerhalb der EU. Das von den USA angeführte Argument der Autokratie, d.h. dass Russland keine Demokratie sei, ist kein stichhaltiges Argument, da es auch autokratische Staaten gibt, mit denen sowohl die USA als auch die EU dennoch friedliche Handels- und andere Beziehungen unterhalten, z.B. die Türkei. Diese amerikanisch-russische Konfrontation kann also nur darauf zurückzuführen sein, dass die USA anachronistisch in der Logik von Jalta verankert geblieben sind, die sie sogar noch verstärkt haben, indem sie die ehemaligen Staaten des Warschauer Paktes, die ehemaligen Satelliten Russlands, in die NATO integriert haben, während letztere mit Gorbatschow den Mut hatten, sich der neuen Welt zu öffnen, der gleichen Welt wie die EU, d.h. der Welt, die die Logik der zwei gegensätzlichen Blöcke ablehnt. 
Die USA, da sie die immer noch in der Logik von Jalta verankert sind, stecken in der Logik des 20. Jahrhunderts fest und sind ein Hindernis für die Bildung der neuen Welt, der neuen geopolitischen und sogar geophilosophischen Realität, die von der Europäischen Union dagegen vertreten ist. In der Tat beruht Europa auf einer kosmopolitischen Philosophie und auf der Ablehnung von Nationalismus und Militarismus beruht, während die USA Nationalismus und Militarismus zu ihren Schlagworten machen.


13. Obsoleszenz der NATO in Abwesenheit einer echten kommunistischen Gefahr
Was die NATO betrifft, so ist auch sie inzwischen eine völlig überholte Institution, da sie ein Verteidigungsbündnis gegen die Ausbreitung des Kommunismus in Westeuropa sein sollte, es aber in Europa keinen Kommunismus mehr gibt, der sich ausbreiten will. Die NATO ist daher auch ein historisches Relikt, das sich nicht für die neue Logik eignet, die eine Logik der Zusammenarbeit, der gegenseitigen Öffnung der Länder füreinander, des freien Eintritts oder des freien Austritts aus der Europäischen Union ist, wie sich in den letzten Jahrzehnten gezeigt hat, in denen einige Staaten beitreten und andere austreten wollten. Das ist die neue Logik der Welt und der Geschichte, nicht der Export oder das Aufzwingen der Demokratie, sondern das spontane Festhalten an einem gemeinsamen Prozess der schrittweisen Annäherung der Staaten aneinander und an das Modell eines wahrhaft demokratischen und kosmopolitischen Staates, wie es von der Philosophie Kants und den ähnlichen Philosophien, die ihr vorausgingen oder folgten, vorgegeben wurde. 


14. Obsoleszenz Chinas und der anderen kommunistischen Staaten
Das Gleiche gilt für China und die anderen noch kommunistischen Staaten, auch sie sind historische Relikte, sie leben und handeln in der Jalta-Perspektive des zwanzigsten Jahrhunderts, die aber nicht mehr die heutige ist. Früher oder später wird der friedliche europäische Einigungsprozess auch dort ankommen, obwohl es jetzt natürlich noch sehr früh ist, darüber zu sprechen, und wir uns auf die nächste Phase konzentrieren müssen, nämlich auf  die Integration der Ukraine und Russlands in den europäischen Einigungsprozess. 

 

15. Historische Anerkennung des Wertes der USA, des Staates, der den Kapitalismus symbolisiert, und Chinas, des Staates, der den Kommunismus symbolisiert


Obwohl es sich sowohl bei den USA als auch bei China eindeutig um historische Relikte handelt, die nach Kategorien denken und handeln, die von der Geschichte überholt wurden, gilt auch für diese Länder das Prinzip der historischen Anerkennung, d. h. der Wert, den die Kulturen dieser Länder in der Geschichte repräsentiert haben, wie für andere, die denselben Prinzipien folgen. 
In Bezug auf die USA und die Staaten, die auf der Ideologie des liberalen Kapitalismus beruhen, scheinen zwei Grundprinzipien nach wie vor gültig und in der Lage zu sein, einen historischen Fortschritt für die Menschheit zu bewirken: die Idee der individuellen Freiheit und die globale Dimension der Gesellschaft, die der liberale Kapitalismus fördert. 
Der Gedanke der Freiheit ist von grundlegender Bedeutung, auch wenn er im klassischen Liberalismus und somit im Wirtschaftsliberalismus in seinem reduziertesten Sinne als freier Wille verstanden wird, also als rein individuelle Freiheit und nicht verbunden mit der sozialen Pflicht, aktiv am Leben und am Wohlergehen der Gemeinschaft teilzunehmen, kann er nicht anders als ein unveräußerliches Prinzip jeder menschlichen Gesellschaftsordnung angesehen werden. Die individuelle Freiheit ist das eigentliche Wesen des Menschen, die Tatsache seiner Rationalität hat die Freiheit als ihre praktische und ethische Konsequenz. Gewiss muss die subjektive individualistische Freiheit des Liberalismus in einer globalen kosmopolitischen Gesellschaft, die auf Kooperation und nicht auf Konkurrenz beruht, durch eine soziale oder substanzielle Freiheit ergänzt (aufgehoben) werden, die auf Selbstverwirklichung durch das Gute, das man für die Gemeinschaft tut, und nicht durch egoistischen Profit abzielt. In diesem Sinne ist die Freiheit des politischen und wirtschaftlichen Liberalismus ein Trugschluss, weil sie einen Zweck, den individuellen Gewinn, identifiziert, der als solcher unethisch ist, d.h. nicht auf der Anerkennung des anderen Menschen als Zweck unseres Handelns beruht, wie es der zweite kantische kategorische Imperativ überzeugend vorschlägt:

 

„Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ 

(Grundlegung zur Metaphysik der Sitten 1785, in: I. Kant: Akademie Ausgabe, Bd. IV, S. 429).
 

Nur eine Freiheit, die darauf abzielt, den anderen Menschen als Zweck und nicht als Mittel zu unserem individuellen Profit zu betrachten, kann eine volle, objektive, soziale und substantielle Freiheit sein, während die liberale und liberalistische Freiheit, also die Freiheit des Profits, nur leer, subjektiv, individuell und formal ist. Das Geld als solches ist nur ein Mittel, es anzuhäufen in einem Leben, das ohnehin zu Ende ist, macht keinen Sinn, es muss dann ausgegeben werden, und das erzeugt Konsumismus, der den Menschen nicht frei macht, sondern eher zum Sklaven, er macht ihn nicht glücklich, sondern immer unzufrieden und es fehlt ihm etwas. 
Das Leben für die Gesellschaft hingegen verwirklicht unsere volle Freiheit, da wir von den anderen abhängig sind, so wie die anderen von uns abhängig sind, weshalb der einzige wahre Sinn des Lebens, der Wert, der es lebenswert machen kann, immer und nur die Menschlichkeit ist, die Anerkennung der anderen als Subjekte und als Ziel unseres Handelns. 
Diese kann jedoch nicht mit Gewalt von außen aufgezwungen werden, sondern muss das Ergebnis der freien individuellen Entscheidung des Subjekts sein. Deshalb ist die individuelle formale Freiheit die Grundlage der sozialen substantiellen Freiheit.
Die gesellschaftliche Freiheit, deren Förderung in den Individuen das Ziel des Staates sein muss, ist also ohne individuelle Freiheit nicht denkbar. Kurzum: Es ist undenkbar, das Gut der Kooperation mit einer Diktatur durchzusetzen, indem man den Individuen ihre individuellen Freiheiten nimmt.
Die globale Dimension der US-Politik und des marktwirtschaftlichen Kapitalismus, auch wenn sie offensichtlich von egoistischen und marktwirtschaftlichen Interessen und nicht von der Philosophie des Kosmopolitismus geleitet wird, stellt dennoch die richtige Dimension dar, in der sich die Gesellschaft der Zukunft unweigerlich bewegen wird, da sie nun in einem Netzwerk verbunden ist, dem sich kein Staat entziehen kann.
Die Staaten, die das Prinzip des liberalen Kapitalismus vertreten, müssen daher für ihren historischen Wert anerkannt werden, der darin besteht, dass sie stets die individuelle Freiheit und die globale Dimension der Politik hochgehalten haben.
Andererseits muss man China als dem wichtigsten Staat, der den Kommunismus repräsentiert, natürlich in einer im Vergleich zum letzten Jahrhundert veränderten Form, aber immer noch auf der Grundlage der marxistischen Theorie, einen doppelten historischen Wert zuerkennen: erstens die Tatsache, dass es ihm gelungen ist, ein Volk von enormer Größe und aus verschiedenen ethnischen Gruppen zusammengesetzt nach den Grundsätzen der Gleichheit und Gerechtigkeit zu regieren und es von einer anfänglichen Situation großer Armut zu seinem heutigen Status als wirtschaftliche Supermacht des Planeten zu führen.
Zweitens ist es auch Chinas Verdienst, dass es nicht aus dem Wunsch nach politischer und militärischer Hegemonie über den Rest der Menschheit Tausende von Kilometern entfernte Nationen mit militärischer Gewalt unterwerfen wollte. China ist also kein Hegemonialstaat, der auf Unipolarität abzielt.
Solche historischen Verdienste sind den beiden Supermächten und anderen Staaten zuzuschreiben, die durch ähnliche Ideologien gegründet wurden.  Es wäre falsch zu glauben, dass in diesen Zivilisationen nur das Böse lauert, wie es die hegemoniale Haltung der Vereinigten Staaten in der Welt und die chinesische Diktatur nahelegen würden.  Diese Staaten tragen auch einen Teil des Guten in sich, auch wenn die Form ihrer Existenz heute nicht mehr zur Entwicklung der kosmopolitischen Weltgesellschaft passt, und außerdem koexistiert das Gute mit vielen Aspekten des Bösen, die es stark verdecken.
 
Schlussfolgerung
Es genügt, in diesen 15 Punkten zumindest die Kriterien und Prinzipien aufgezeigt zu haben, nach denen ein endgültiger und radikaler Frieden zwischen der Europäischen Union, den Nationalstaaten, die ihr noch nicht angehören, aber beitreten wollen, und der Russischen Föderation geschaffen werden kann und muss, und zwar in einem weltweiten Rahmen, der die globale Zukunft der Menschheit nicht mehr auf der kapitalistisch-kommunistischen Dichotomie gründet, sondern auf einer neuen philosophischen und nicht mehr ideologischen Staatstheorie, in der Kooperation an die Stelle von Konkurrenz tritt.
Die Probleme, mit denen die Menschheit in Zukunft konfrontiert sein wird, wie Umwelt, katastrophale Kriege, Armut, nukleare und biologische Unfälle und verschiedene Pandemien, werden so makroskopisch sein, dass die Menschen sie nur dann erfolgreich bewältigen können, wenn sie dies gemeinsam tun, ohne unnötige geistige und materielle Energie in vermeidbare Bruderkriege zu stecken. Je eher dies verstanden wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Probleme zum Wohle aller erfolgreich gelöst werden können.

 

Marco de Angelis 
(
15. Oktober 2022 in erster Fassung, 6. März 2023 in zweiter Fassung für den §15 und die Schlussfolgerung) 

*

 

Your comments

This page has no comments yet

Submit your comment

This blog encourages comments, and if you have thoughts or questions about any of the posts here, I hope you will add your comments.
In order to prevent spam and inappropriate content, all comments are moderated by the blog Administrator.

Access your Dashboard

Did you forget your password?

Did you forget your password? Ask for it!  Click here

Create an account

Not yet registered? Sign up now!  Click here

 
3003 Ansichten