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ZWEITE PHASE  Die  ‚Geschichtlichkeit‘ Jesu und das ‚positive‘ Schicksal seiner Botschaft

ZWEITE PHASE Die  ‚Geschichtlichkeit‘ Jesu und das ‚positive‘ Schicksal seiner Botschaft

 

 

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ZWEITE PHASE

Die  ‚Geschichtlichkeit‘ Jesu
und das ‚positive‘ Schicksal seiner Botschaft

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Zeitlicher Rahmen: 1795-1796
Quellen: Texte zur Positivität der christlichen Religion

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Um zu verstehen, ob das Ethikideal Jesu natürlich ist oder nicht, vergleicht Hegel es mit seinem eigenen Ideal einer natürlichen Moralität. Was die Popularität des religiösen Prinzips betrifft, so scheint der junge Hegel niemals daran gezweifelt zu haben, dass die ursprüngliche Lehre Jesu populär sei und deshalb in der Lage, Religion des gemeinen Menschen zu werden. Zur Frage der Vernünftigkeit der Religion Jesu vergleicht Hegel schließlich das religiöse Prinzip dieser Lehre mit dem entsprechenden philosophisch-religiösen Kantischen Prinzip. Diese Gegenüberstellung beginnt etwa in der zweiten Hälfte des Jahres 1795. Das unmittelbare Ergebnis sind die Berner Texte 40-48(Anfang) von GW 2, verfasst zwischen Mitte 1795 und Ende 1796 und überarbeitet dann später in Frankfurt (1).
Die Frage der Vernünftigkeit der Originalbotschaft Jesu stellt sich Hegel explizit als Frage nach dem Ursprung der ‘Positivität’ dieser Religion. Mit dem Terminus der ‘Positivität’ einer Lehre nimmt der junge Denker  Bezug auf die Tatsache, dass sich ihre Autorität nicht auf ideelle und rationale Argumentationen, sondern auf materielle und reale Fakten stützt.
Die Existenz der christlichen Kirche z.B. mit ihrer klar definierten Struktur, den verschiedenen, bereits in ein System von Erklärungen aller Ereignisse eingefügten Prinzipien, darunter auch jenen, die sich durch völlig freies, logisches Nachdenken nicht erklären lassen - wie z.B. Wunder - stellt an und für sich keine Wahrheit dar, die man einer freien Diskussion unterziehen und eventuell leugnen könnte. Vielmehr handelt es sich um eine Reihe von materiellen Fakten - so z.B. die Vater-Sohn-Beziehung zwischen Gott und Jesu, die Auferstehung Jesu, usw. -, um strikte Moralprinzipien und die entsprechenden, vorgeschriebenen  und geregelten Verhaltensweisen, die nur aufgenommen, akzeptiert und ausgeführt (oder natürlich abgelehnt), aber nicht mit dem freien Verfahren des logischen Denkens offen diskutiert werden können. Es ist diese Art von Autorität, die letztlich nur auf der Macht der Tradition und der Institution basiert, die Hegel geringschätzig als ‘Positivität’ bezeichnet (2).
Wenn aber der natürliche und populäre Inhalt des ursprünglichen Predigens Jesu nicht die positive und daher autoritäre Form zu rechtfertigen scheint, die diese Religion im Laufe der Jahrhunderte langsam verdorben hat, welches war das Element, das zu dieser Positivität führte? Es handelt sich also um die Frage, ob die christliche Religion von ihrer Entstehung an durch einen möglichen Sturz in die Positivität verdorben war oder ob dieser Aspekt im Laufe ihrer Geschichte zufällig hinzugefügt wurde.
Wie Hegel in den Texten dieses Stadiums darzulegen versucht, besteht sein Grundgedanke darin, dass die Positivität des Christentums genau mit der Entstehung dieser Religion verwoben ist, insbesondere mit einigen historischen Umständen, die jedoch nicht deren Wesen ausmachen, sondern nur  unwesentliche Aspekte dieser Religion sind. Diese Umstände, die vor allem auf den jüdischen Ursprung der christlichen Religion zurückzuführen sind, haben Hegels Meinung nach im Laufe der Geschichte die Überlagerung des Vorstellungsaspekts der Originalbotschaft Jesu über den begrifflichen Aspekt bewirkt (3).)
Nach Ansicht des jungen Denkers hat Jesus nämlich den Inhalt seiner ethisch-religiösen -ewig wahren, weil natürlichen- Intuition in der für den Geist seines Volkes und seiner Zeit geeigneten Form zum Ausdruck gebracht, und zwar in der Form der Vorstellung. Er hat Vergleiche angestellt, Symbole verwendet usw. Bei seinem Tod verwandten seine Jünger, die jüdischer Herkunft waren, für ihre eigene Interpretation der Botschaft Jesu eher die Ausdrucksform als den Inhalt selbst. So entstand und verbreitete sich nach und nach die auf Vorstellungen basierte, institutionelle und daher ‚positive‘ Form, in der die einst natürliche Botschaft Jesu im Laufe der Jahrhunderte, und auch noch zur Zeit Hegels, überliefert wurde (und in dieser Form wird sie alles in allem auch heute noch überliefert!).
Nun können wir also endlich verstehen, welche Antwort Hegel schon in diesen ersten Jahren seiner philosophisch-religiösen Überlegungen auf die Frage nach der Vernünftigkeit der Religion Jesu gab. Die Beantwortung dieser Frage führte ihn zum ersten Mal in seinen Gedanken zur Formulierung der äußerst wichtigen Unterscheidung zwischen der vorstellenden und begrifflichen Form der Erkenntnis, welche später die Grundlage seiner Philosophie bilden sollte, vor allem in erkenntnistheoretischer Hinsicht (4).)
Der Grundgedanke dieser Unterscheidung lautet wie folgt: Sowohl die Vorstellung als auch der Begriff sind zwei Formen von Erkenntnis und daher gleichzeitig zwei Formen von erkenntnistheoretischer Beziehung zwischen Subjekt und Objekt. Die Vorstellung erkennt das Objekt durch die Vermischung von Merkmalen, die nicht das Wesen, sondern nur zufällige Aspekte  und sogar subjektive Phantasien des Subjekts darstellen, mit anderen Merkmalen, die das Wesen des Objektes zum Ausdruck bringen. Dem Begriff hingegen gelingt es, das reine Wesen des Objekts an-und für-sich zum Vorschein zu bringen und dadurch den subjektiven und den objektiven Aspekt der Erkenntnis vollständig miteinander zu vereinen. Der Vorstellung gelingt es im Gegenteil niemals Subjekt und Objekt miteinander zu verschmelzen und genau dies ist eben das ‚Schicksal‘ jeder Form von religiöser Erkenntnis (5).
Abschließend lässt sich sagen, dass die ethisch-religiöse Lehre Jesu nur im Sinne der für die Vorstellung typischen Vernünftigkeit rational ist, oder wie Hegel sich später ausdrücken wird, im Sinne der zweiten Stufe der Erkenntnis.
Aus diesem mangelhaften rationalen Aspekt der ursprünglichen Religionslehre Jesu -mangelhaft im Bezug auf die Ausdrucksform und nicht auf den wesentlichen Inhalt- erwächst daher im Geist des jungen Philosophen das Bedürfnis, diesen im wesentlichen wahren Inhalt richtig zu verstehen und ihn in der geeigneten begrifflichen Form auszudrücken.

 

ENDNOTEN

1) Zur exakten Chronologie vgl. Schüler Zur Chronologie..., S. 143-145 sowie den Anhang zu GW 2, S. 631 ff.

2) Der Begriff der ‚Negativität‘ stellt natürlich den Gegensatz zu diesem Begriff dar, der sich zwar  nicht in den Jugendschriften findet, der aber nicht zufällig in der reifen dialektischen Auffassung Hegels einen der Hauptbegriffe darstellen wird (vgl. z.B. GW 21, S. 38).
3) Auf diese Weise hatte Hegel die Frage des Verhältnisses zwischen der Geschichtlichkeit und der Göttlichkeit Jesu um vieles früher beantwortet als sein Anhänger David Strauss.
4) Man vergleiche z.B. die Gliederung der Erkenntnisstufen in der Phänomenologie des Geistes und im Abschnitt Der absolute Geist in der Philosophie des Geistes der Enzyklopädie.

5)Die reife und definitive Formulierung dieser Unterscheidung findet man nämlich in der bereits erwähnten Philosophie des Geistes und zwar am Beginn des Abschnittes C. Die Philosophie in der Sektion Der absolute Geist (die vorstellende Form ist typisch für die zweite Erkenntnisstufe, die religiöse Erkenntnis, und die begriffliche Form für die dritte Stufe, die philosophische Erkenntnis – vgl. Enzyklopädie §572).

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