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2022b:  DIE PHILOSOPHIE DES ABSOLUTEN UND DIALEKTISCHEN IDEALISMUS ALS VOLLENDUNG DER GESCHICHTE DER

2022b: DIE PHILOSOPHIE DES ABSOLUTEN UND DIALEKTISCHEN IDEALISMUS ALS VOLLENDUNG DER GESCHICHTE DER

 

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2022b

(Juli)

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Die Philosophie des absoluten und dialektischen Idealismus
als Vollendung der Geschichte der Philosophie

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Vortrag
(Fern-Universität Hagen, 21. Juli 2022)

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Papierveröffentlichung: Nein

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Digitale Veröfffentlichung: Ja, hier unten 

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Einführung in die Problematik

Eine der umstrittensten und am meisten missverstandenen Theorien der Philosophie Hegels ist die vom Ende der Geschichte, das als Ende der Kunst, der Religion und schließlich auch der Geschichte der Philosophie auf verschiedene Weise interpretiert wird. 
Als eklatantestes  Beispiel kann die Interpretation von Francis Fukuyama gelten, der nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 das Ende der Geschichte mit dem Triumph des Liberalismus und der westlichen Demokratien in seinem 1992 erschienenen Buch The End of History and the Last Man auf der Grundlage der Phänomenologie des Geistes Hegels  – identifizierte. Die liberalen Demokratien, wie jeder Hegelinterpret eigentlich wissen sollte, repräsentieren aber sicherlich nicht den Freiheitsbegriff Hegels, sondern was Hegel ‚Willkür‘ nennt, die ein Produkt des Verstandes und nicht der Vernunft ist. Obwohl dieses Buch ein eindeutiger Interpretationsfehler von Hegels Philosophie ist, übte und übt immer noch einen enormen Einfluss auf die nordamerikanische Politik, da diese Theorie den Westen als die Verwirklichung des Ziels der Geschichte in allen seinen auch kriegerischen Unternehmungen legimitiert. 
Wenn man also mit dem Begriff ‚Ende der Geschichte‘ umgeht, soll man dabei immer denken, dass es sich um einen sehr problematischen und auch heiklen Begriff handelt, der mit Sorgfalt behandelt werden soll.

Das weitverbreitete Bewusstsein zwischen 18. und 19. Jahrhundert von der Entstehung einer neuen Welt
Allerdings ist auch zu sagen, dass die Idee, den Abschluss eines bestimmten historischen Weges der Menschheit zu konstituieren, ist dem Denken Hegels inhärent. Dies ist ganz allgemein in die historische Periode der Aufklärung eingebettet, die den Austritt des Menschen aus dem Zustand der Unmündigkeit markiert und somit nach Kant einen Anfang darstellt, aber da es einen neuen Anfang gibt, „die Epoche der Mündigkeit“, geht offensichtlich alles, was vor diesem Neuanfang kam, "zu Ende", also „die Epoche der Unmündigkeit“ (s. den berühmten Aufsatz Kants Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung, erschienen in der Berlinische Monatsschrift im Dezember 1784).
Auch was nach Hegel gesagt wurde z.B. über den Tod Gottes (Nietzsche) oder von Marx über das notwendige Ende des Kapitalismus und das Entstehen einer gerechten Gesellschaft im Sozialismus durch die Revolution als „Vollendung der Geschichte der Menschheit“, setzt immer voraus, dass eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte bevorsteht und das, was vorher kam, zu Ende geht. 
So ist die Idee, gleichzeitig das Ende einer Epoche und den Anfang einer anderen darzustellen, ja den Anfang der wirklichen und echten Menschheitsgeschichte zu konstituieren, als wäre alle vorangegangene Zeit nicht "Geschichte", sondern eh Vorgeschichte gewesen, der Denkbewegung von Kant bis Hegel inhärent. Man braucht nur am Fragment Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus  zu denken, das deutlich das Ende der alten und den Beginn der neuen Welt ankündigt, um dies zu erkennen (dieser Text kann nur sehr schwer an Hegel zugeschrieben werden, es war eh eine Ausarbeitung Schellings in etwa in der Zeit 1797-1799). Aber auch Hegels Phänomenologie des Geistes (1807) beruht ja gerade auf der Ankündigung der neuen Welt, der neuen Zivilisationsform, die an die Stelle der alten tritt und die in politischer Hinsicht durch Napoleon repräsentiert zu sein schien.
Es war also ein allgemein verbreitetes Bewusstsein zwischen Ende des 18. und dem  19. Jahrhundert da, nach dem die alte Welt zu Ende ging und die neue am Beginnen war. Kurz gesagt, die Tatsache, dass die Menschen damals in einer besonderen Zeit lebten, die einen Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit eindeutig markierte, war ein Gefühl und ein Gedanke, die in der Intellektualität der Zeit weit verbreitet waren, zumindest in Deutschland (aber auch bei Rousseau finden wir die Idee, dass sich die Menschheit von diesem Moment an auf die Natur stützen soll und daher die traditionelle Lebensweise, die er als "unnatürlich" beurteilt, verlassen müsste. Auch bei ihm haben wir die Idee einer neuen Welt, einer neuen Organisationsform der Menschheit, die die alte ersetzen soll).

Hegels genauer Begriff vom Ende als Vollendung


Bei Hegel haben wir jedoch mehr, viel mehr. Wenn wir in seinen Texten in der Tat deutlich diese Idee des Neubeginns finden, so finden wir bei Hegel das Bewusstsein, dass dieser Neubeginn zugleich kein Ende, sondern eh die Vollendung des Prozesses der Geschichte ist. Sein Begriff des Endes, das offensichtlich mit den Überlegungen über das Endliche und Unendliche im ersten Buch Die Lehre vom Sein (1812, 1. Edition, und 1831, 2. Edition) der Wissenschaft der Logik zusammenhängt, ist viel komplexer, nicht nur in Bezug auf die Zeit, sondern vor allem in Bezug auf die Logik der Zeit.  
Aus der Sicht der Logik der Zeit ist das Ende von einem Prozess eh als die Vollendung und Erfüllung seines immanenten Sinnes, seiner innerlichen tiefen Bedeutung anzusehen. Natürlich kann es auch ein Ende geben, das keine Vollendung ist, wenn ein Prozess plötzlich unterbrochen wird, bevor er zu seinem Ziel führen konnte, zum Beispiel der Tod eines jungen Lebens, und das ist der tragische Aspekt des Lebens. Das Ende als solches ist dem Leben aber inhärent, alles, was beginnt, muss ein Ende haben, das aber, wenn es eine Vollendung, eine Erfüllung ist, dem Leben selbst, dem Lauf der Zeit, einen Sinn gibt und daher seinen eigenen Wert, seinen eigenen Sinn verwirklicht. Es ist nicht der Tod, sondern das Leben selbst, das sein eigenes Ende, sein eigenes Ziel erreicht, also etwas Positives, Gutes, nicht Böses.
Das Unendliche verwirklicht sich in der Endlichkeit, die damit aufhört, reine Endlichkeit zu sein, und sich zur Unendlichkeit erhebt: Es handelt sich um eine der Hauptlehren der dialektischen Logik Hegels über das logische Verhältnis zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit. Es kann also keine Endlichkeit, kein Leben ohne ein Ende geben. Nur das Ende macht die Vollendung möglich und somit gibt dem Sein, der Endlichkeit einen Sinn. 
Interessanterweise verwendet die italienische Sprache denselben Ausdruck "fine" sowohl für das zeitliche Ende (im Femininum "la fine") als auch für die logische Erfüllung (im Maskulinum "il fine"). „Il fine“ ist das Ziel und „la fine“ ist das Ende. Hegel hat in seinen eigenen Werken, insbesondere in der Logik, oft darauf hingewiesen, dass die deutsche Sprache einen Vorteil gegenüber anderen Sprachen hat, weil sie spekulativ, dialektisch in sich selbst ist und daher den Inhalt des Wahren, das dialektisch und spekulativ ist, besser ausdrücken kann. 
So Hegel:


„Es ist der Vortheil einer Sprache, wenn sie einen Reichthum an logischen Ausdrücken, nemlich eigenthümlichen und abgesonderten, für die Denkbestimmungen selbst besitzt; […] die deutsche Sprache hat darin viele Vorzüge vor den anderen modernen Sprachen; sogar sind manche ihrer Wörter von der weitern Eigenheit, verschiedene Bedeutungen nicht nur, sondern entgegengesetzte zu haben, so daß darin selbst ein spekulativer Geist der Sprache nicht zu verkennen ist; […].“ (GW21, 11, 4-19).


Ich würde hier dazu ergänzen, dass die italienische Sprache, die direkt vom Lateinischen und damit von der klassischen Welt entstanden ist, ebenfalls dialektisch und spekulativ ist und daher ebenfalls besonders gut geeignet ist, das Dialektische und Spekulative auszudrücken. 
In unseren Überlegungen sind wir zu einem ersten Ergebnis gekommen: Wenn wir im Bereich des dialektischen und spekulativen Denkens vom ‚Ende‘ reden, meinen wir nie nur den zeitlichen Aspekt, sondern immer und vornehmlich den logischen Aspekt, also die Vollendung: Das Ende von einem Seienden ist seine Vollendung und Erfüllung. 
In den heutigen Überlegungen werden wir uns mit dem Ende als Vollendung im Kontext der Geschichte der Philosophie befassen, lassen wir also die anderen Aspekte dieses Themas beiseite, also das Ende der allgemeinen Geschichte, der Kunst und der Religion. 
Unsere Frage lautet also: Was bedeutet es vom hegelianischen und absolut-idealistischen Standpunkt aus, dass ein philosophisches System die Vollendung der Geschichte der Philosophie darstellt? Hat die Geschichte der Philosophie also ein intrinsisches, immanentes Ziel zu erreichen? 
Dies ist natürlich eine philosophische Frage und keine historische, wir beschäftigen uns hier mit der ‚Philosophie der Geschichte der Philosophie‘, sozusagen.
Um diese Frage zu beantworten, ist es notwendig, über den Begriff der "Vollendung" nachzudenken.

 

Der Begriff ‚Vollendung‘


Das Wort "Vollendung" enthält im Deutschen zwei Bedeutungen: Das Adjektiv "voll", was auf Fülle, Vollständigkeit hinweist, und das Substantiv "Ende", was den Abschluss von einem Prozess, der irgendwann begonnen hat, bezeichnet. Hier zeigt sich das spekulative Element der deutschen Sprache, das von Hegel betont wurde. Die beiden Bedeutungen sind vereint: Das zeitliche Ende ist zugleich der logische Zweck, d.h. das Erreichen des eigenen Ziels, das Ende und das Ziel, „la fine“ und „il fine“ fallen also zusammen. Dies ist die Vollendung in ihrer ursprünglichen Bedeutung (Quelle, Duden: mittelhochdeutsch volenden, eigentlich = zu vollem Ende bringen, https://www.duden.de/rechtschreibung/vollenden).  
Wir müssen uns also fragen: Was konnte Hegel zu einem vollen Ende bringen, zu einem Ende also, das nicht nur zeitlich, sondern auch logisch war?
Die Antwort fällt eigentlich leicht: Die Philosophie, Hegel brachte die Philosophie zu ihrem vollen Ende. Was ist aber die Philosophie, die Hegel zum Ende brachte? In der Phänomenologie des Geistes mahnt Hegel, dass das Bekannte, genau weil es bekannt, oft nicht erkannt ist. Diese sind seine Worte:


„Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“ (GW9, 26, 21)


Es könnte sich also lohnen, einige tiefere Überlegungen über den Begriff ‚Philosophie‘ hier anzustellen. 

 

Was ist eigentlich ‚Philosophie‘?


Um einen Begriff zu verstehen, ist es notwendig, wie der neapolitanische Denker Giambattista Vico in seinem Hauptwerk „La Scienza nuova“ („Die neue Wissenschaft“) in der Degnità  XIV im Abschnitt II „Degli Elementi“ 1744 schrieb, seine Entstehung zu rekonstruieren, da


„Die Natur der Dinge ist nichts anderes als ihre Entstehung zu bestimmten Zeiten und auf bestimmte Weise; immer dann, wenn diese so sind, entstehen die Dinge daraus so und nicht anders“ 
(dt. Übersetzung von Vittorio Hösle und Christoph Jermann, Hamburg 1990, S. 94; ital. Original: „Natura di cose altro non è che nascimento di esse in certi tempi e con certe guise, le quali sempre che sono tali, indi tali e non altre nascon le cose”).


Auch hier merken wir die spekulative und dialektische Seite der Sprache, „Natura“ der Dinge ist gleichzeitig das Wesen („natura“ als „essentia“, Wesen) sowie deren Entstehung (‚natura‘ als ‚nascimento‘, Geburt, Entstehung). Die Entstehung und das Wesen von etwas fallen also zusammen genauso wie das Ende und der Zweck. Das Logische und das Zeitliche sind sowohl am Anfang als auch am Ende eines Lebensprozesses unzertrennlich verbunden sowohl nach Vico als auch nach Hegel, mit dem Unterschied, dass Vico mehr Wert auf Entstehung und Wesen legt, Hegel mehr auf Ergebnis und Begriff.
Das heißt, um das Wesen der Philosophie zu verstehen, müssen wir - Vico folgend -über die Art ihrer Entstehung nachdenken. Warum entstand die Philosophie überhaupt und mit welchem Zweck?

 

Wesen  und Entstehung der Philosophie


Das Werk Leben und Meinungen berühmter Philosophen von Diogenes Laertius ist eine der wichtigsten Quellen über den Ursprung der Philosophie. Diogenes erzählt uns in seinem Text über das Leben der frühen Philosophen etwas sehr Interessantes. Insbesondere sagt er uns, dass die Philosophie als ‚Liebe zur Weisheit‘ entstand, weil in diesen sehr frühen Stadien der menschlichen Reflexion die volle, entwickelte Weisheit den Göttern zugeschrieben wurde. Deshalb konnten die sterblichen Menschen nur nach Weisheit streben (σοφ α, Sophia), sie lieben (φιλε ν, phileîn) und schätzen, sie aber nie ganz erreichen. Sie konnten also φιλ σοφοι (philosophoi), ‚Weisheitsfreunde‘, aber nicht σοφ ι (sophoi), ‚Weise‘ werden.
Nur sieben Menschen wurden als fähig anerkannt, eine solche Weisheit zu erlangen, eben die sieben Weisen, unter denen Thales die Doppelrolle des Weisen und des ersten Philosophen spielte, d.h. er war der Einzige, der nicht nur nach Weisheit strebte, sondern sie auch erreicht hatte. Dies hat aber mehr mit Mythos und Legende als mit Wissen zu tun, gibt uns jedoch sehr aufschlussreiche Hinweise zur Geburt und gleichzeitig zum Wesen der Philosophie. Diese Überlegungen bringen uns ein wenig die polytheistische und griechische Mentalität näher, von der das philosophische Denken seinen Ausgang nahm. 
Abgesehen von Thales, der offensichtlich eine Ausnahme darstellte, war nach Meinung der Altgriechen die Menschheit also dazu bestimmt, nur nach Weisheit zu streben, d.h. Philosophie zu betreiben, ohne sie jemals erreichen zu können. Wir könnten also sagen, ohne die Hoffnung, den Weg der Suche nach Weisheit erfolgreich abzuschließen, ohne ihn zu Ende bringen zu können, ohne Vollendung. Die Geschichte der Philosophie beginnt also mit einer bestimmten Aussichtslosigkeit. 
Ganz im Gegenteil betont Hegel wieder in seiner Phänomenologie des Geistes, dass seine historische Aufgabe gerade darin besteht, die Philosophie zur Vollendung zu bringen, d.h. dafür zu sorgen, dass sie sich von der ‚Liebe zur Weisheit‘ in echtes Wissen, in wahre Weisheit verwandelt. 


„Die wahre Gestalt, in welcher die Wahrheit existirt, kann allein das wissenschafftliche System derselben seyn. Daran mitzuarbeiten, daß die Philosophie der Form der Wissenschaft näher komme –dem Ziele, ihren Nahmen der Liebe zum Wissen ablegen zu können und wirkliches Wissen zu seyn–, ist es, was ich mir vorgesetzt.“ (GW9, 11, 24-28)


Kurzum, Hegel ist sich bewusst - zu Recht oder zu Unrecht, das werden wir später bestimmen -, dass er derjenige ist, der den historischen Prozess der Philosophie zur Vollendung bringt, indem er sie vom Streben und Suchen nach Weisheit (Wissen) in vollendete Weisheit (Wissen) verwandelt. Er knüpft also genau an die griechischen Ursprünge der Disziplin an und bestätigt damit indirekt, was Diogenes Laertius schrieb. Er benutzt zwar das Wort ‚Wissen‘ und nicht ‚Weisheit‘, da er wahrscheinlich die theoretische Seite der ‚Sophia‘ (σοφ α) hervorheben wollte. In der altgriechischen Sprache ‚Sophia‘ bedeutet aber mehr als nur theoretisches Wissen, bedeutet eben ‚Sapientia‘, was eine Einheit von Wissen und Weisheit ist. Selbstverständlich wusste Hegel von der tieferen Bedeutung des Wortes ‚Sophia‘. 
Die weitere Frage, die wir uns nun stellen wollen, ist folgende: Auf welcher logischer Grundlage behauptet Hegel, dass die Philosophie in seinem philosophischen System zur Vollendung kommt, also dass sie aufhört, Philosophie zu sein und wirkliches Wissen, wirkliche Weisheit wird? 
Es wäre in der Tat ein Fehler zu glauben, dass dieser Satz, der 1807 veröffentlicht wurde, nur eine Absicht enthält, die möglicherweise in Hegels Leben nicht verwirklicht wurde. Im Jahr 1807 hatte Hegel sein philosophisches System bereits ausgearbeitet, wenn auch in einer noch nicht vollständigen Form. Aber die Grundstruktur war bereits vorhanden (siehe die Entwürfe des Jenaer Systems).

 

Das philosophische System als Wissenschaft der Weisheit


Die Antwort auf diese Frage ist in dem zu finden, was das Grundprinzip des gesamten Hegelschen Denkens ist, nämlich dass das philosophische System ‚Wissenschaft‘ ist, objektives und nicht bloß subjektives Wissen des Philosophen, echte Episteme ( πιστ μη) und nicht bloße Doxa (δ ξα), gemäß der grundlegenden Unterscheidung des griechisch-süditalienischen Philosophen Parmenides. 
Ein Blick auf die Titel von Hegels Hauptwerken zeigt etwas Interessantes. Die Phänomenologie des Geistes (1807) hat in der Tat die Aufgabe, als erster Teil in das "System der Wissenschaft" einzuführen; das philosophische System Hegels ist die Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften (1817, 1827, 1830); die Logik-Metaphysik bekommt den Titel Wissenschaft der Logik (1812-16), und zum Schluss die Rechtsphilosophie (1821) ist Staatswissenschaft (Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse). Kurzum, der Begriff ‚Wissenschaft‘ taucht in allen Titeln der grundlegenden Werke Hegels auf, gerade um diesen objektiven Aspekt des objektiven Wissens und der erreichten Erkenntnis, und nicht nur der Suche danach zu betonen. Philosophische Wissenschaft ist vollendete, verwirklichte Philosophie, die aus dem Streben inzwischen vollendete Wirklichkeit geworden ist. 
An diesem Punkt müssen wir uns eine weitere Frage stellen: Versündigt sich Hegel der Hybris ( βρις), also der Selbstüberschätzung bzw. der Realitätsverlust, indem er für den Menschen das beansprucht, was eigentlich nur den Göttern zusteht, also die Weisheit? Denn wir haben es hier offensichtlich nicht nur mit einem Mann zu tun, Hegel, der zugleich Philosoph und Weiser ist, wie im Fall von Thales, sondern mit viel mehr: Philosophie als Wissenschaft kann erforscht, gelehrt und erlernt werden, sodass jeder, sofern er „die Anstrengung des Begriffs auf sich nimmt“, nicht nur Philosoph, sondern Weiser werden kann, d.h. jeder kann den Weg eines Philosophen beginnen, nach Weisheit streben, sich dann aber, nachdem er das Hegelsche oder im Allgemeinen das idealistisch-absolute philosophische System angeeignet hat, als Weiser, ‚sapiens‘, im richtigen Sinn des lateinischen Wortes ‚Sapientia‘ (bzw. des griechischen σοφ α), bezeichnen. 
So schreibt Hegel:


„Worauf es deswegen bey dem Studium der Wissenschaft ankommt, ist, die Anstrengung des Begriffs auf sich zu nehmen.“ (GW9, 41, 24-25)


Kurzum, bei Hegel hört die Weisheit auf, etwas Göttliches zu sein, das nur Thales und einigen wenigen anderen unten den Menschen vorbehalten war, sondern kann jedermanns Sache werden, sofern er bzw. sie die Anstrengung des Begriffs auf sich nimmt. Hegel macht das Wissen, aber auch die Weisheit, die ‚Sapientia‘ für jeden Menschen zugänglich, erlernbar und lehrbar, sozusagen ‚demokratisch‘. (Erlauben Sie mir, an dieser Stelle auf mein Büchlein Philosophie für alle (2016) zu verweisen, in dem ich versuche herauszufinden, welche grundlegenden Begriffe sich aus der Geschichte der Philosophie für eine heutige Theorie der ‚Sapientia‘ ableiten lassen).
In diesem Zusammenhang ist es sehr interessant festzustellen, dass bereits Kant die Philosophie als "Wissenschaft der Weisheit" bezeichnet hatte. 


„Diese [gemeint: die Philosophie] bezieht alles auf Weisheit, aber durch den Weg der Wissenschaft, den einzigen, der, wenn er einmal gebahnt ist, niemals verwaechst, und keine Verirrungen verstattet“

(Quelle: Kritik der reinen Vernunft, 1787, II. Transzendentale Methodenlehre, Drittes Hauptstueck, Die Architektonik der reinen Vernunft, Akademie-Ausgabe, Band 3, S. 549).

 

Es gibt jedoch einen wesentlichen Unterschied zwischen Kant und Hegel, dessen Vertiefung uns hilft, den nächsten logischen Schritt in unseren Überlegungen zu tun, nämlich die Frage zu beantworten: Wie kann Hegel die Philosophie als Wissenschaft und damit als Weisheit, als gesichertes Wissen und nicht mehr als bloßes Streben danach begründen? 

 

Vom Ding an sich zur Sache selbst: Der richtige Blickwinkel, der die Philosophie zu einer wahren ‚Wissenschaft der Weisheit‘ werden lässt (Monismus statt Dualismus)


Wie der junge Schelling in einem Brief an Hegel am 6. Januar 1795 schrieb:


„Ich lebe und webe gegenwärtig in der Philosophie. Die Philosophie ist noch nicht am Ende. Kant hat die Resultate gegeben; die Prämissen fehlen noch. Und wer kann Resultate verstehen ohne Prämissen?“ (Quelle: Briefe von und an Hegel, Hamburg1952, Bd. 1, S. 14)


Kant hatte also schon alles verstanden, er hat die Ergebnisse gegeben, aber wie können diese Resultate ohne Voraussetzungen verstanden werden? Die jungen Stiftler machen sich ab etwa 1793-94 zur Aufgabe, die Prämissen von Kants Ergebnissen zu verstehen. 
Als Hegel später, um 1800, den Kontakt zu seinem ehemaligen Freund und Studienkollegen wieder aufnahm, weil er nach seiner Erhebung in die Höhen des Systems in den Frankfurter Texten wieder in das Leben der Menschen zurückkehren wollte, wie es im berühmten Brief vom 2. November 1800 heißt, konnte er von der Arbeit seines Freundes profitieren, dem es inzwischen gelungen war, die Prämissen von Kants Resultaten auszuarbeiten. 
Die Ergebnisse von Hegels Aneignung von Schellings früheren philosophischen Errungenschaften finden sich im Aufsatz Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems der Philosophie (1801).
In diesem Aufsatz ergreift Hegel offen Partei für seinen Freund in der damals andauernden Kontroverse über den angemessenen Standpunkt zum Verständnis der Wahrheit. Er argumentiert für die Überlegenheit des Standpunkts der Indifferenz zwischen Subjekt und Objekt, also des Standpunkts des Absoluten, gegenüber dem Standpunkt des Subjekts, der der Philosophie von Fichte, aber auch der von Kant eigen ist. Für Schelling und damit auch für Hegel macht ein solcher subjektiver Standpunkt das Verstehen der Wahrheit nicht möglich, da man immer an eine Grenze außerhalb des Subjekts stößt, an Kants Ding an sich oder Fichtes Nicht-Ich. Dabei handelt es sich jedoch nicht um etwas wirklich Vorhandenes, sondern um einen Irrtum in der Perspektive der Wahrheitsbetrachtung.
Kant und Fichte bewegen sich noch im Rahmen einer dualistischen Position, nach der das Sein dem Subjekt vorgelagert ist, ihm gegenübersteht und das Subjekt es irgendwie erkennen muss. Von diesem subjektiven Standpunkt der äußeren Reflexion aus können wir das Ding an sich nie vollständig kennen (Kant) oder, im Gegenteil, das Ding an sich existiert gar nicht, es ist ein Produkt unseres Ichs (Fichte). 
Beide Positionen verstehen das wahre Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt nicht, sie heben das Subjekt zugunsten des Objekts (Kant) oder das Objekt zugunsten des Subjekts (Fichte) auf, aber sie erfassen nicht die Einheit und das richtige Verhältnis zwischen beiden.
Nach Hegel, der Schelling interpretiert und verteidigt, ist es stattdessen notwendig, von der dualistischen zur monistischen Sichtweise überzugehen: Subjekt und Objekt sind eine Einheit, sie sind beide Teil des Seienden als seine verschiedenen Dimensionen, Natur und Intelligenz, die aber dennoch dieselbe absolute Identität ausdrücken, die die Einheit von Objekt und Subjekt, Natur und Mensch, Materie und Geist ist. 


„[…] der höhere Standpunkt, der die Einseitigkeit beyder Wissenschaften in Wahrheit aufhebt, ist derjenige, der in beyden ebendasselbe Absolute erkennt.“ (GW4, 68, 1-3) 


Später, etwa um 1803, wendet sich Hegel von Schellings Position ab, wie er später in der Vorrede zur Phänomenologie schreiben wird, da sie den Unterschied, der dennoch zwischen Natur und Geist, Objekt und Subjekt besteht, nicht angemessen erfasst, aber er wird den monistischen Standpunkt, den sein Freund vertrat und den er von ihm gelernt hatte, nie aufgeben. Hegel wird immer ein Schellingianer, ein Spinozist, ein Monist bleiben, auch wenn sein Monismus zu einem dialektischen Monismus wird.
Versuchen wir nun, das grundlegende Argument zu verstehen, das es Hegel ermöglichte, diese einheitliche, monistische Sichtweise wissenschaftlich zu begründen.

 

Der Monismus als geeigneter Standpunkt der Wissenschaft: vom subjektiven Standpunkt der Reflexion zum objektiven Standpunkt der Spekulation. 

 

Das Ding an sich ist bei Hegel die Sache selbst. Das Subjekt ist schon immer im Absoluten, von dem es das Bewusstsein ist. Das Absolute ist für das Subjekt kein Objekt, auch die Natur ist kein Objekt, sondern es ist das Absolute selbst, das sich in der Natur unbewusst, und im Geist bewusst ausdrückt und präsentiert. 


„Mit dieser Einführung des Inhalts in die logische Betrachtung sind es nicht die Dinge, sondern die Sache, der Begriff der Dinge, welcher Gegenstand wird.“
(GW21, 17, 13-15)


Hegel verwandelt in seinen Überlegungen, die er in den Jenaer Zeit entwickelt und später in seinen reifen Werken systematisieren wird, die kantische Auffassung vom ‚Ding an sich‘ in die ‚Sache selbst‘. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass der Mensch das Ding an sich nicht verstehen kann, denn dann müsste er ja auch verstehen, warum er es nicht verstehen kann, was offensichtlich widersprüchlich ist. Der etwas skeptische Standpunkt, der in der theoretischen Philosophie Kants immer noch besteht, kann nicht rigoros vertreten werden. Wenn Subjekt und Objekt eine Einheit sind, der Monos, dann gibt es dagegen keinen Grund zu meinen, dass das Subjekt das Objekt nicht kennen kann, da beide aus demselben Stoff bestehen; einerseits sind sie aus Materie, sodass das Subjekt ganz in die Natur eingebettet ist und von seinem eigenen Leben lebt, selbst ganz Natur in seinem eigenen Körper ist; andererseits ist es aber auch wahr, dass der Natur, wie Schelling z.B. in den Ideen zu einer Philosophie der Natur (1797) darstellt, Logik und Intelligenz zugrunde liegt, die also nicht nur eine menschliche Eigenschaft ist: So wie der Mensch die Materie der Natur in sich selbst hat, so hat die Natur Intelligenz, Logik in sich selbst. Nur der Grad des Bewusstseins dieser Intelligenz im Menschen und in der Natur ist unterschiedlich, aber dass es einen Logos (λ γος, lógos) in der Natur gibt, ist ein grundlegendes Prinzip der Philosophie Schellings und Hegels. Denn wenn es in der Natur keinen Logos gäbe, wie könnten wir dann jemals eine Wissenschaft von der Natur hervorbringen, die eben der Logos der Natur ist? Wenn aber eine Naturwissenschaft möglich ist, was auch durch verschiedene Experimente bewiesen wird, dann bedeutet dies, dass es einen Logos, eine Intelligenz in der Natur gibt.
Kurz gesagt, es gibt einen gemeinsamen Logos für die Natur und den Menschen, der in beiden vorhanden ist, in der Natur auf unbewusste und notwendige Weise, im Menschen auf bewusste und freie Weise, aber beide sind in ihrem Kern Logos.
Ausgehend von dieser prinzipiellen Überlegung, die Hegel vor allem in der Jenaer Logik-Metaphysik (1804-05) und dann insbesondere in der Nürnberger Wissenschaft der Logik (1812-16) entwickelt, kommt ‚der Philosoph Hegel‘ bzw. nun eigentlich schon ‚der Weise Hegel‘ zu dem Schluss, dass der grundsätzliche Ansatz des Philosophen – selbstverständlich im Sinne des Wissenschaftlers - darin bestehen soll, die Sache selbst, die ihre eigene Rationalität, ihren  eigenen Logos hat, sprechen zu lassen. Wenn er sich der Logik des Objekts hingibt, versteht er seine Rationalität, seinen Logos und damit seine Wahrheit. Wichtig ist, dass der Philosoph dem Objekt nicht seine eigene Wunschlogik aufzwingt, sondern sich in das Objekt selbst hineinversetzt, denn das Subjekt und das Objekt dieselbe Logik sind, sie sind der absolute Logos in seinen beiden verschiedenen Existenzformen, Natur und Geist.
Hegel hat diese methodische Besonderheit der Logik sehr gut durch die Formulierung „ein auf sich selbst construirender Weg“ ausgedrückt:

 

„In diesem Wege hat sich das System der Begriffe überhaupt zu bilden, - und in unaufhaltsamem, reinem, von Aussen nichts hereinnehmendem Gange, sich zu vollenden.“ (GW 21, S. 38,14-16)

 

In diesem Gedanken haben wir den Begriff der ‚Vollendung‘, die sich, wie Hegel sehr präzise ausdrückt, rein immanent, ohne Eingriff von außen vollzieht. Dies wird für die Rekonstruktion der Logik der Geschichte der Philosophie sehr wichtig sein. 
Dieser Übergang vom Ding an sich zur Sache selbst, vom subjektiven Standpunkt der Reflexion zum objektiven Standpunkt der Spekulation, ist also von entscheidender Bedeutung für die Umwandlung der Philosophie von der Suche nach Wissen in authentisches Wissen, in Wissenschaft der Weisheit. Sehen wir uns den nächsten logischen Schritt an, den Hegel unternimmt, um dies zu erreichen. 

 

Von der Reflexion zur Spekulation: die Dialektik


Der primäre Gegenstand der philosophischen Reflexion muss dann der Logos sein, das, was dem Objekt, der Natur, und dem Subjekt, dem Geist, gemeinsam ist. Indem wir den Logos, seine Strukturen und Gesetze begreifen, werden wir im Besitz des geeigneten Schlüssels, um die Schatztruhe des Seins zu öffnen, um die Welt zu verstehen. Die Wissenschaft vom Logos, die Logik, ist somit natürlich auch Metaphysik, die Wissenschaft vom ersten Prinzip des Seins, von der Arch ( ρχ ), und auch Theologie, denn der Logos als das Absolute das ist, was Gott in der Religion ist. 
Das Grundprinzip der Logik ist die Dialektik, d.h. die Selbstentfaltung der Kategorien. Diese Selbstentfaltung, die nicht vom philosophischen Subjekt abhängt, sondern ihren eigenen Weg geht, den der Philosoph nur ausdrückt, ihm eine Stimme verleiht, aber nicht erschafft. Die Dialektik artikuliert sich bekanntlich in   Affirmation, erste Negation und zweite Negation, die somit die grundlegenden Prinzipien sind, die alles Seiende bestimmen.
Wenn der Philosoph durch die Dialektik den Logos kennt bzw. der Logos kennt sich selbst durch den Philosophen, da dieser ebenso Logos ist, dann kann er alles verstehen, die Natur, den Geist, die Geschichte, das Leben, alle anderen Wissenschaften. Der Philosoph hat damit aufgehört, ein Philosoph zu sein, also jemand, der nach Wahrheit strebt, sondern ist er ‚Weise‘ (sophos, sapiens) geworden, er (bzw. sie, die Philosophin) ist jetzt im Besitz des Wissens, der Wahrheit, der ‚sapientia‘. 
Das Verstehen des Logos ist die Voraussetzung dafür, sich von einem Philosophen, einem Weisheitssuchenden, in einen Weisen zu verwandeln.. Das kann jeder lernen, solange er die Anstrengung des Begriffs auf sich nimmt. Die Beschäftigung mit der Wissenschaft der Logik ist das eigentliche Studium, das jeder Mensch machen sollte, um die Welt verstehen zu können. Es ist die Mathematik der Welt, ein propädeutisches Studium des Lebens selbst, das Fach, das in der Schule vom ersten bis zum letzten Jahr gelernt werden sollte, so wie es einst mit der Religion gemacht wurde und bis zu einem gewissen Grad immer noch gemacht wird. Sie ist in der Tat die universelle Vernunftreligion, von ihr ist alles Wissen aber auch Handeln abhängig. Nicht umsonst sind sowohl Schelling als auch Hegel von Kants Religionsschrift gestartet, in der es um eine Vernunftreligion geht, also um eine Religion für die aufgeklärten Zeiten und für alle aufgeklärte Menschen und Völker. Die Wissenschaft der Logik als Logik-Metaphysik-Theologie ist genau eine solche Vernunftreligion, wie Hegel in den zwei Vorreden ausführlich betont. Sie ist natürlich Wissen und nicht Glauben, wie es im Jenaer Aufsatz von 1802 ausführlich erklärt wird, aber als Weisheit ist sie viel mehr als nur reines Wissen, sie ist das Selbstbewusstsein des Absoluten im Menschen und das ist eben der Kern jeder Religion. Der Mensch, der sich dank der Anstrengung des Studiums der Dialektik zum Absoluten erhoben hat, ist die Verkörperung Gottes, ist Gott auf Erden. 
Stellen wir uns nun die letzte Frage, oder besser gesagt, kehren wir zu der ersten Frage zurück, die wir gestellt hatten: Was bedeutet es, dass die Philosophie Hegels, oder besser gesagt, das philosophische System des absoluten die Vollendung der Geschichte der Philosophie ist? 

 

Hegels Wissenschaft der Logik und allgemein die Philosophie des absoluten Idealismus als Vollendung der Geschichte der Philosophie 


Kommen wir noch einmal auf den Begriff der Vollendung zurück. Wir haben hier die beiden Begriffe ‚voll‘ und ‚Ende‘. Der Begriff ‚voll‘ bezieht sich auf den Begriff des Ganzen, der die Dimension ist, in der der Logos als Monos (μ νος, monos) zu denken ist, d.h. die Einheit von Subjekt und Objekt, Natur und Mensch. Hegel macht dies in der Vorrede zur Phänomenologie, die seine programmatische Schrift ist, in mehrfacher Hinsicht deutlich.

 
„Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen. Es ist von dem Absoluten zu sagen, daß es wesentlich Resultat, daß es erst am Ende das ist, was es in Wahrheit ist; und hierin eben besteht seine Natur, Wirkliches, Subjekt oder Sichselbstwerden zu sein.“

(GW4, 19, 12-14)


Das Ganze ist aber, wie Hegel an dieser wie auch an vielen anderen Stellen deutlich macht, eine Entwicklung, die auf ein Ergebnis, auf ein Resultat hinstrebt, das allein das Ganze, d.h. den kompletten Weg, erklärt.
Dieser Prozess des Entstehens des Resultates ist der Begriff jeder Existenz. Das Ganze ist ein Prozess, der ein Resultat hat, und dieses Resultat ist eben die Vollendung des Ganzen, die im Resultat zur erfüllten Existenz kommt.
Dieser Prozess des Entstehens von Resultaten aus der Entwicklung ist der Begriff allen Seins.  Es gibt nichts im Sein, das diesem Hauptgesetz entgeht.
Im Falle der Philosophiegeschichte haben wir es also mit dem Begriff der Philosophie zu tun, deren Weg wir rekonstruieren. Die Philosophie als Streben nach Weisheit tendiert dazu, diese zu erreichen. Weisheit als Wissen um die Arch, d.h. um das erste Prinzip der Welt, wird erlangt, wenn man dieses Prinzip verstanden hat. Dieses Prinzip ist der Logos, das logische Absolute, das allem Seienden zugrunde liegt. Der Logos selbst besteht aus Kategorien (wie bei Kant, in der aristotelischen und in der logischen Tradition überhaupt). Solche Kategorien sind die Strukturen des Denkens und der Welt zugleich (z.B. Werden, Endlichkeit, Unendlichkeit, Ursache, Substanz, Identität, Grund usw.).
Die Erkenntnis des Logos als Absolutes erfolgt in verschiedenen Stadien einer Entwicklung, wie jeder dialektische Weg und Prozess. Diese Stadien sind die verschiedenen Philosophen, die zur Geschichte der Philosophie gehören, aber auch die Gliederung der Logik. Jeder Philosoph in der Geschichte hat eine Kategorie verstanden und somit die Arbeit für den letzten Philosophen vorbereitet, der den letzten Ziegel auf das Dach des Hauses legt, aber sicher nicht das ganze Haus gebaut hat. Hegels Worte, die von Michelet in der Geschichte der Philosophie überliefert sind, sind sehr deutlich:


"Nach dieser Idee behaupte ich nun, daß die Aufeinanderfolge der Systeme der Philosophie in der Geschichte dieselbe ist als die Aufeinanderfolge in der logischen Ableitung der Begriffsbestimmungen der Idee. Ich behaupte, daß, wenn man die Grundbegriffe der in der Geschichte der Philosophie erschienenen Systeme rein dessen entkleidet, was ihre äußerliche Gestaltung, ihre Anwendung auf das Besondere und dergleichen betrifft, so erhält man die verschiedenen Stufen der Bestimmung der Idee selbst in ihrem logischen Begriffe. Umgekehrt, den logischen Fortgang für sich genommen, so hat man darin nach seinen Hauptmomenten den Fortgang der geschichtlichen Erscheinungen;  – aber man muß freilich diese reinen Begriffe in dem zu erkennen wissen, was die geschichtliche Gestalt enthält.“ (W18, 49).


Natürlich entspricht die logische Reihenfolge nicht immer der chronologischen, Hegel ist sich dessen bewusst, wie die Fortsetzung dieser Stelle zeigt:


„Ferner unterscheidet sich allerdings auch nach einer Seite die Folge als Zeitfolge der Geschichte von der Folge in der Ordnung der Begriffe. Wo diese Seite liegt, dies näher zu zeigen, würde uns aber von unserem Zwecke zu weit abführen.“


In der Realität gibt es Elemente des Zufalls, die nicht der begrifflichen Notwendigkeit folgen, das immanente Ziel setzt sich aber in der Zeit durch, die Realität wird durch den Begriff geprägt und zur Wirklichkeit. Das Wahre muss erscheinen und wird die Realität so biegen, bis es heraustritt. 
Die Geschichte der Philosophie ist also der Prozess der Umwandlung von Philosophie als Liebe zur Weisheit in echte Weisheit. Sie endet, d.h. kommt zur Vollendung in dem Moment, in dem die Menschen erkennen, dass das Absolute, der Logos, ihr Wesen ist, das, was sie zu Menschen macht, die sich von allem, was existiert, unterscheiden. Dies geschieht in der Aufklärung und dann am Ende der Aufklärung in der Philosophie des klassischen Idealismus, in ausgeprägter Form bei Hegel, weil er sehr geduldig akzeptiert hat, der ‚letzte Maurer‘ zu sein und auf einen schnellen Erfolg ‚à la Schelling‘ verzichtet hat. Dafür hat er aber den ewigen Erfolg gewonnen. In Hegel haben wir das System der Wissenschaft der Weisheit, die schon Kant ins Visier genommen hatte, aber nicht zu Ende führen konnte, da er die Welt noch aus einem dualistischen Standpunkt aus betrachtete. Aus dem Grund hatte der junge Schelling gesagt, Kant habe die Resultate ohne aber die Prämisse geben können. Die Prämisse wäre der Monismus gewesen! Diese Prämisse haben Schelling und vor allem Hegel gegeben.

 

Philosophie, Wissenschaft, Weisheit und Wissenschaft der Weisheit heute


Heute verfügen wir über diesen Schatz, aber wir sind uns dessen nicht bewusst. Bis auf wenige Weisen, die Hegel gelesen und verstanden haben, sind alle anderen immer noch reine ‚Philosophen‘, d.h. nach 2500 Jahre Philosophiegeschichte streben sie immer noch nach Weisheit. 
Leider hat die posthegelianische Welt die Weisheit nicht verstanden, sie hat sich der Torheit der Unwissenheit hingegeben, die Folgen (Weltkriege, Umweltkatastrophen, Pandemien in Zeiten sehr gut entwickelter medizinischer Wissenschaft) sind die ersten Folgen dieser Abkehr von Hegel, also Abkehr von der Wissenschaft der Weisheit zugunsten der Unwissenheit, der Wirtschaft, der Macht, kurz gesagt der Subjektivität gegen das Absolute und der Willkür gegen die wahre Freiheit. 
Um die immensen Probleme unserer Zeit zu lösen, müssen wir zur Weisheit zurückfinden, wir müssen zu Hegel zurückkehren, wir müssen vom 14. November 1831 wieder beginnen, von dem Tag seines  Todes, der, wie wir uns erinnern sollten, keine komplette Vollendung seines Lebens war, weil er plötzlich eintrat. Hegel starb nach nur vier Tagen Krankheit und war nicht mehr in der Lage, sein irdisches Werk zu vollenden. Er war 61 Jahre alt, er hatte noch vieles vor. Sein Ende war also keine vollständige Vollendung, war ein tragisches Ende. Außerdem waren die damaligen politischen Bedingungen nach der Karlsbader Beschlüssen, die die Universitätsprofessoren unter starker Kontrolle setzten, nicht die besten, um Hegel in die Lage zu versetzen, sein Lebenswerk in Ruhe zu vollenden. 
Dies ist meiner Meinung nach die Hauptaufgabe der Philosophie als Wissenschaft heute: die Vollendung des absoluten Idealismus Hegels und damit die komplette Vollendung der Geschichte der Philosophie als ‚Wissenschaft der Weisheit‘. 

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