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2016c:  PHILOSOPHIE FÜR ALLE - MANIFEST FÜR DIE PHILOSOPHISCHE IDENTITÄT DES EUROPÄISCHEN VOLKES

2016c: PHILOSOPHIE FÜR ALLE - MANIFEST FÜR DIE PHILOSOPHISCHE IDENTITÄT DES EUROPÄISCHEN VOLKES

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2016

(Dezember)

*

Philosophie für alle
Manifest für die philosophische Identität 
des europäischen Volkes

(1.0) 

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Papierveröffentlichung: Ja, hier

*

Digitale Veröffentlichung: Ja, unten

*


Titel |Philosophie für alle – Manifest für die philosophische Identität des europäischen Volkes(1.0) 
Autor | Marco de Angelis
Ins Deutsche übersetzt von Anja Unkels
Isbn | 

Alle Rechte vorbehalten
©PHILEUROPA 2016

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. 

Phileuropa – Zentrum für Europäische Philosophie
Im Grünen Winkel, 10
59519 Möhnesee (Deutschland)
www.phileuropa.de
info@phileuropa.de

 

 

 

Meinem geliebten Sohn Mervin, 
mit dem Wunsch, er wird die Vorzüge eines philosophischen, 
der Wahrheit gewidmeten Lebens genießen dürfen.


„Diese [gemeint: die Philosophie] bezieht alles auf Weisheit, 
aber durch den Weg der Wissenschaft, den einzigen, der, 
wenn er einmal gebahnt ist, niemals verwaechst, 
und keine Verirrungen verstattet.“

Immanuel Kant

 

Widmung und Danksagung

Dieses Buch widme ich meinem Sohn Mervin. Er war nicht nur dessen erster Leser, sondern auch der Freund, mit dem ich jeden Einzelbegriff diskutieren konnte. Trotz seines jungen Alters konnte mir Mervin wertvolle Ratschläge geben und auch zusätzliche Ideen mit mir zusammen entwickeln. Vor allem hat er mir die Beschäftigung mit dem Text weniger einsam gemacht. Es war schön, jemanden zu haben, mit dem ich darüber reden konnte und der es für wichtig hielt, mir zuzuhören und auch die existentielle Problematik mit mir zu teilen, die stets hinter einem philosophischen Text steht. 
Ihm wünsche ich vom Herzen, dass er sein Leben im kontinuierlichen Dialog mit sich selbst auf der Suche nach der philosophischen Wahrheit verbringen dürfen wird. Aus dieser Höhe verlieren viele menschliche Belange ihre angebliche Wichtigkeit und der Mensch kommt ins Gespräch direkt mit dem echten Absoluten. Dadurch gewinnt man innere Ruhe und Zufriedenheit, und diese sind die Voraussetzungen der Weisheit.

Ich möchte außerdem meiner Gruppe von treuen Studenten und Zuhörern der Universität Lüneburg meine liebevolle Anerkennung aussprechen. Sie haben mit lobenswerter Sorgfalt und lebhaftem Interesse mein Seminar über die philosophische Identität Europas im Sommersemester 2015/16 besucht. Insbesondere möchte ich mich bei Ihnen dafür bedanken, dass sie sich geduldig angestrengt haben, mein ‚italienisches‘ Deutsch zu verstehen. Was allerdings dank ihnen immer gut geklappt hat! Das war ein gutes Zeichen für Europa, denn es bedeutet, dass wir innerhalb Europa kein Englisch brauchen, oder?
 
Die lebhaften Gespräche in unseren Seminarsitzungen und die beständige philosophische Debatte waren von grundlegender Bedeutung für mich, um meinen Ansatz zu bestätigen, dass der Weg der populären Verbreitung  der großen klassischen systematischen Philosophie es sicherlich verdient, gegangen zu werden, und dass somit die eingeschlagene Richtung die richtige war. 

Die Person, die dies möglich gemacht hat und die somit das Fundament bildet, auf dem das gesamte Projekt steht, ist Prof. Dr. Christoph Jamme. Er hat daran geglaubt, es gefördert und mir so die Möglichkeit gegeben, es deutschen Studenten nahezubringen. Mir war es sehr wichtig, eine Auseinandersetzung darüber auch in Deutschland zu haben, wie ich sie zuvor schon in Italien an der Universität Urbino hatte. Schließlich handelt es sich um ein europäisches Projekt und so sollte es die Prüfung mindestens in zwei europäischen Ländern bestehen.

 

Prolog

Diese erste Version der Philosophie für alle trägt den Zusatz 1.0, was ein Hinweis darauf sein soll, dass der Autor vorhat, in Zukunft auch eine Version 2.0 und so weiter zu verfassen. In der Tat hat uns die Entwicklung von Programmen für die Informatik in den letzten Jahrzehnten an deren schrittweise Weiterentwicklung mit kontinuierlichen Verbesserungen gewöhnt, die am Ende nicht zu einem neuen Programm, sondern zu einem besseren Originalprogramm führen.

Paradoxerweise entwickelt sich die Philosophie nicht anders. Wenn wir Hegel als Beispiel nehmen, den Denker also, dem wir hauptsächlich folgen, hat er sein eigenes philosophisches System im Laufe seines Lebens mehrmals überarbeitet. Es gibt davon in der Tat mehrere Fassungen. 
     Die erste entstand in den Jahren 1804 bis 1806 in Jena. Sie wurde nicht veröffentlicht, jedoch enthält sie, wenn auch in einer weder überarbeiteten noch vollendeten Form, alle Hauptteile und Hauptbegriffe des fertigen philosophischen Systems. Sie kann daher als die  Version 1.0 von Hegels philosophischem System betrachtet werden.

In den Folgejahren vertiefte und veröffentlichte der Philosoph zunächst verschiedene Einzelteile des Systems (die Phänomenologie des Geistes im Jahr 1807, dann die Wissenschaft der Logik in drei Bänden von 1812 bis 1816), um im Jahre 1817 zum ersten Mal das gesamte philosophische System oder auch die Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften zu publizieren. Diese Enzyklopädie enthält die Grundsätze aller philosophischen Disziplinen und entspricht auf quantitativ sehr viel detailliertere, aber qualitativ identische Weise dem philosophischen System von 18041806. Diese Version kann somit als die 2.0Version angesehen werden. 

Im Jahre 1827, also 10 Jahre später, und nach der Einzelpublikation eines weiteren wichtigen Teils des Systems, den Grundlinien der Philosophie des Rechts (1821), veröffentlichte Hegel eine neue Version der Enzyklopädie, die wir als 3.0-Version betrachten können. Im Jahre 1830 erschien schließlich eine noch neuere, letzte Version der Enzyklopädie, welche somit der Version 4.0 entspräche. 

Aber auch während seiner Lehrtätigkeit am Nürnberger Egidiengymnasium erarbeitete Hegel Versionen des Systems, die man heute zwischen den besagten Versionen 1.0 und 2.0 ansiedeln und daher als Zwischenversionen betrachten kann. 

Es ist wichtig, die Tatsache zu unterstreichen, dass es sich um dasselbe Werk mit demselben Inhalt handelt. Manche Absätze sind verschoben, andere gestrichen, wieder andere hinzugefügt. Es handelt sich also um Vertiefungen und Verbesserungen, die aber nicht so maßgeblich sind, dass sie den Aufbau der ersten, in Jena entstandenen Version wesentlich veränderten.

Wir können sagen, dass Hegel sogar die zukünftigen Entwicklungen der Informatik antizipiert hat und dass er verstanden hat, wie wichtig es ist, immer aktualisierte und vollständigere Versionen der eigenen Werke zu entwickeln, vor allem, wenn es sich um ein philosophisches System handelt. Ein solches System muss nämlich in der Hauptsache das gesamte Bild des menschlichen Wissens umfassen, weil – wie wir sehen werden – dies eine der ureigenen Eigenschaften der Philosophie darstellt. Man darf also nicht annehmen, dass in der ersten Version bereits der gesamte Inhalt im Detail vorhanden ist.  Dieser wird zu Anfang in den Grundideen vorhanden sein und wird später dank neuer Versionen des Werks aktualisiert, erweitert, vertieft usw. Letzten Endes ist der Philosoph ein Mensch wie jeder andere, der Zeit für seine Studien benötigt, um neue Erkenntnisse zu gewinnen und diese ins systematische Bild einzufügen, welches er auf der Basis der von ihm erlernten Grundsätze zu erarbeiten in der Lage ist. Auf diese Weise liefert er zunächst sich selbst, dann auch seinen Lesern einen geordneten, systematischen und logischen Einblick in sein Wissen. 

In diesem Sinne stellt unsere vorliegende Philosophie für alle die Version 1.0 dar, und wir behalten uns vor, in nächster Zukunft eine erweiterte und vertiefende Version vorzustellen, ohne dabei ihre ursprüngliche Eigenschaft zu verändern, die darin besteht, ein auf allgemeinverständliche Weise ausgedrücktes philosophisches System sein zu wollen.  

Diese Form der Publikation ist sowohl für ihren Verfasser als auch für ihren Leser von Vorteil; der Denker kann beginnen, sein eigenes vollständiges philosophisches System einer Öffentlichkeit zu präsentieren – auch wenn es noch nicht in allen Teilen vollständig ausgearbeitet ist. Er muss nicht auf ein “Ende der Arbeit” warten, zu dem man ohnehin nie gelangt, weil der Prozess der Wissensassimilation und der Einfügung dieses Wissens in ein systematisches Bild im theoretischen Sinne unendlich ist. Man kann einem System in der Tat immer noch etwas Neues hinzufügen, da sein Untersuchungsgegenstand in den Inhalten der Welt und des menschlichen Lebens besteht und somit grenzenlos ist. Auch der Leser zieht einen klaren Vorteil aus diesem Vorgehen, weil er sich zunächst mit den Grundsätzen des philosophischen Systems vertraut machen kann, die selbstverständlich bereits in der ersten, einfachsten Version präsent sind. So kann er sich anschließend der zweiten Version leichter nähern, die komplexer und daher auch schwieriger sein wird, weil er mit Text und Methode des Verfassers bereits vertraut ist. 

Eine Politik der kleinen Schritte kann also für beide, Autor und Leser, nur nützlich sein.

Eine letzte Betrachtung bezieht sich auf die Herstellung einer FacebookSeite als Schnittstelle zwischen dem Autor und den Lesern dieses Buches. Sie ermöglicht den Lesern, die Erklärungen über  wichtige aber schwere Begriffe brauchen, danach zu fragen und eine schnelle Antwort durch den Autor selbst zu erhalten.  Nur auf diese Weise kann dieses Büchlein, wie jedes anderes Werk, das den Anspruch hat, allgemein verständlich zu sein, wirklich ‚für alle‘ sein. Es ist in der Tat durchaus möglich, dass ein echter philosophischer Text, wie unser sicherlich ist, obwohl er allgemein verständlich geschrieben wurde, jedoch immer noch logische Schwierigkeiten aufweist, die allein der Autor auf eine treffende Weise erklären kann. 

Somit kann jede Schwierigkeit dank moderner Technik im Prinzip  überwunden werden und die Philosophie vollständig zur Verfügung all denjenigen gestellt werden, für die sie letztendlich da ist, d.h. für alle Menschen, unabhängig von ihrer akademischen Vorbereitung.

Die FacebookAdresse der Seite ist:

https://www.facebook.com/philosophiefueralle.de

 

Inhaltsverzeichnis  
 
Vorrede: Über den Sinn und den heutigen Bedarf nach einem richtigen Handbuch der Philosophie
 
Lektion 1: Die Philosophie als “Wissenschaft der Weisheit”
 
Lektion 2: Die Beziehung der Philosophie zu Religion und Wissenschaft 
 
Lektion 3: Das Wissen als geordnetes System von Begriffen 
 
Lektion 4: Die Theorie des ’ich verstehe’: 1. Die Objektivität des Wissens als faktische und logische Wahrheit
 
Lektion 5: Die Theorie des ’ich verstehe’: 2. Die Vernunft als Einheit von Mensch und Natur, Subjekt und Objekt  
 
Lektion 6: Die Theorie des ’ich verstehe’: 3. Der logische Monismus
 
Lektion 7: Die Grundstruktur der absoluten Vernunft (Logos)                                                                 
 
Lektion 8: Der Begriff des ‚absoluten Geistes’ und der Mensch in seiner Universalität als ‚Absolutes’
 
Lektion 9: Der absolute Geist als Vernunftreligion
 
Lektion 10: Grundzüge der neuen idealistischen Zivilisation
 
Lektion 11: Die logische Struktur der Ethik: die intersubjektive Anerkennung
 
Lektion 12: Ethische Werte der philosophisch-idealistischen Zivilisation: 1. Menschheit und Weltstaat
 
Lektion 13: Ethische Werte der philosophisch-idealistischen Zivilisation: 2. Arbeit und bürgerliche Gesellschaft

 

Lektion 14: Ethische Werte der philosophisch-idealistischen Zivilisation: 3. Liebe und Familie
 
Lektion 15: Die Ethik als Glück und Selbstverwirklichung des Menschen
 
Schluss: Die philosophisch-idealistische Wahrheit und die heutige Welt     

 

*

Vorrede

Über den Sinn und den heutigen Bedarf 
nach einem richtigen Handbuch der Philosophie

*

Der vorliegende Band stellt ein populärwissenschaftliches Handbuch der Philosophie dar. In ihm wird eine Auffassung der Welt und des Sinns menschlicher Existenz dargelegt, wie sie aus den Werken der großen Philosophen hervorgehen, die man zu Recht für die „Klassiker“ hält. Das Handbuch gründet vor allem aber auf dem philosophischen System Hegels, der sicher als letzter Denker gilt, den man noch als „klassisch“ definieren kann. Die anderen, ihm nachfolgenden Denker sind von weniger spekulativer Bedeutung zu betrachten, da sie erstens nicht das gesamte philosophische Wissen berücksichtigten, wie es für Hegel und die ihm vorangehenden Klassiker der Fall war, und zweitens auch noch nicht über Jahrhunderte hinweg von Bedeutung gewesen sind, weswegen man sie als „Klassiker“ definieren könne.

Das heißt natürlich nicht, dass das philosophische System Hegels als die absolute und letzte Wahrheit erachtet wird. Im Gegenteil: In diesem Handbuch wird es überarbeitet und so im dialektischen und hegelianischen Sinne „aufgehoben“. Der deutsche Philosoph hat nämlich gut erklärt, dass sich die Geschichte der Philosophie, wie auch die Geschichte eines jeden Wissensbereiches, auf den Fortschritt der Erkenntnisse stützt, weshalb eine neue philosophische Theorie immer auch die Hauptgedanken der ihr vorangehenden Auffassung enthält, während sie diese gleichzeitig überholt. In der Geschichte der Philosophie gibt es also ein Wissenswachstum, weshalb wir sicher sein können, auf dieser Schiene des progressiven Wachstums des philosophischen Wissens zu fahren, wenn wir von dieser letzten ernsthaft großen klassischen Philosophie ausgehen und sie weiterentwickeln. 

Natürlich verbietet es unsere Anerkennung des philosophischen Systems Hegels als der letzten großen klassischen Philosophie nicht, sie darzulegen und weiterzuentwickeln und dabei auch denjenigen Denkern Rechnung zu tragen, die auf Hegel gefolgt sind und noch nicht zu den „Klassikern“ gehören, aber in jedem Falle interessante und wichtige Einzelideen gehabt haben. Deshalb wird unsere Darstellung des hegelianischen Gedankens als Ergebnis der Geschichte der Philosophie gleichzeitig eine Neufassung dieses Gedankens auch unter Berücksichtigung der nach ihm gekommenen Denker sein. 
Daher hat die vorliegende Arbeit drei Ziele: 

 

•  Erstens, soll darin eine wissenschaftlich fundierte und objektive Philosophie erarbeitet werden, die demnach einen absoluten Wert hat, unabhängig von dem Subjekt, das sie erarbeitet; 

•  Zweitens, soll sie diese Philosophie in einfacher Sprache darstellen, also auch für eine durchschnittlich gebildete, aber interessierte Leserschaft verständlich; 

•  Drittens, veranschaulicht die in diesem Handbuch erläuterte Philosophie die rationale Welt und Lebensauffassung der europäischen Völker, bzw. derjenigen Völker, welche an der Entwicklung der Geschichte der Philosophie als rationaler Suche nach der Wahrheit maßgeblich beteiligt waren, aber auch die all derjenigen, die – auch wenn sie nicht zu jenen europäischen Völkern gehören – dennoch ihre Denk und Handlungsweise philosophisch ausrichten. 

 

Entstanden in Griechenland um das VI. Jahrhundert v. Chr. herum, erreichte die Philosophie im 19. Jahrhundert in Deutschland mit Hegel ihre Hochphase, nachdem sie sich seit ihrer Gründung in verschiedenen europäischen Staaten entwickelt und deren rationales, freies und demokratisches Bewusstsein geprägt hatte, wie wir es heute auf politischer Ebene in den Ländern der Europäischen Union wiederfinden. 

Andere Staaten, die sich nach dem philosophischen Bewusstsein Europas auf verschiedene Arten gebildet haben, wie z.B. die Vereinigten Staaten von Amerika, die südamerikanischen Staaten, Russland und die Staaten, die bis vor wenigen Jahrzehnten zur Sowjetunion gehörten, sind ebenfalls Teil dieser Geschichte, aber auf externe, sekundäre, nicht auf interne, primäre und ursprüngliche Weise. Die europäischen Staaten sind hingegen als die wahre Heimat der Philosophie anzusehen, als der Ort, an dem sich das Absolute, die rationale Wahrheit auf unserem schönen Planeten offenbart hat. 

 

1. Der heutige Bedarf nach einer wissenschaftlich begründeten Philosophie, die einen objektiven Wahrheitswert habe. 

Das Hauptziel dieser Arbeit ist also vor allem die Ausarbeitung einer objektiven Philosophie, d.h. einer Philosophie, die in sich Gültigkeit besitzt, weil sie auf sich selbst basiert, auf dem Fundament des letzten großen philosophischen Systems, das die Menschheit hervorgebracht hat: dem System Hegels. Der Stuttgarter hat in seinen Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie erläutert, dass die Geschichte der Philosophie keineswegs eine Folge von subjektiven Meinungen der verschiedenen Denker ist, aus denen der Leser sich ebenfalls subjektiv eine aussuchen und sich zu eigen machen kann, sondern eine echte und wahre logische Folge von philosophischen Systemen, die sich aufeinander gründen und jeweils einen Erkenntnisfortschritt einläuten. Hegel hat mit passenden logischen Argumenten zu zeigen gewusst, dass das Prinzip der Geschichte der Philosophie ein klarer wissenschaftlicher Fortschritt ist, den man mit dem der empirischen Naturwissenschaften vergleichen könnte.

Die empirischen Wissenschaften können sowohl wissenschaftliche als auch populärwissenschaftliche Handbücher bzw. Texte ausarbeiten, welche dann die Kernergebnisse einer bestimmten Disziplin (Physik, Chemie usw.) zusammenfassen, weil sie sich auf allgemeingültige Wahrheiten des wissenschaftlichexperimentellen Fortschritts stützen. Die Philosophie kann hingegen, abgesehen von den Handbüchern zur Geschichte der Philosophie und von chronologischen Sammlungen subjektiver Meinungen derjenigen, die man traditionell als Philosophen bezeichnet, derzeit auf kein Handbuch zurückgreifen, weil sich die hegelianische Auffassung des wissenschaftlichdeduktiven Fortschritts bis heute nicht durchsetzen konnte. 

Die Konsequenz dessen wiegt schwer. Obwohl sich unsere westliche Gesellschaft augenscheinlich auf die Philosophie stützt die Begriffe von Demokratie, Freiheit, Rationalität und der Würde des Menschen sind philosophische Begriffe vornehmlich aus der Aufklärung, scheint sie momentan nicht in der Lage zu sein, jene Prinzipien auf wissenschaftliche und objektive Weise zu begründen. Infolgedessen vermag sie es weder diese Prinzipien den jungen Menschen nahezulegen noch jene mit überzeugenden philosophischen Argumentationen abzuwehren, die diese Prinzipien infrage stellen oder sogar angreifen. Die diktatorischen Ausbrüche der Demokratie des 20. Jahrhunderts sind unter anderem Folge der Tatsache, dass die jungen Demokratien nicht auf einer festen philosophischen Grundlage gegründet und daher auch nicht in der Lage waren, sich argumentativ energisch gegen die diktatorischen Auffassungen des Faschismus und Nazismus wie auch des Kommunismus aufzulehnen, welche hingegen äußerst vehement und argumentativ waren (wenn auch irreführend und ideologisch und nicht wissenschaftlich). 

Diese Gefahr schwebt immer wie ein Damoklesschwert über den Demokratien, da sie noch heute nicht wissenschaftlich und somit unumstößlich begründet sind. Das Einzige, was uns vor populistischen und diktatorischen Tendenzen bewahrt, ist die Erinnerung an das, was diese im 20. Jahrhundert angerichtet haben. Diese Erinnerung wird mit der Zeit jedoch allmählich verwischen, da die Generationen, welche die Gräuel des Ersten und dann hauptsächlich des Zweiten Weltkrieges direkt oder indirekt durch die Erzählungen von Verwandten miterlebt haben, langsam aussterben. 

Auf der Grundlage dieser Ausführungen kommt man deswegen zu folgendem Schluss: Es ist absolut grundlegend und unaufschiebbar, die Philosophie heute als Wissenschaft aufzubauen, indem man die hegelianische Sichtweise der Geschichte der Philosophie ernstnimmt und somit das letzte große philosophische System, eben das von Hegel, als bisherigen Endpunkt jener Disziplin ansieht. Von diesem vorläufigen Endpunkt aus muss man heute beginnen, ein zeitgenössisches Handbuch der Philosophie zu verfassen, das genau auf jenem philosophischen System basiert und es als das wissenschaftliche Resultat des Fortschritts der vorherigen Philosophie betrachtet. Wenn man die 200 Jahre bedenkt, die seit dem Tod des deutschen Denkers vergangen sind, bedarf sein System sicherlich einiger Modifikationen. Man sollte es zudem sowohl nach heutigen Kriterien, d.h. unter den heutigen historischen Bedingungen, als auch kritisch betrachten, indem man auch die Studien zu Hegels Philosophie berücksichtigt, die innerhalb des bereits genannten langen Zeitraum durchgeführt wurden. 

Das philosophische System Hegels wird also aktualisiert bzw. mit den Augen dessen gelesen, der im Heute lebt und mit den aktuellen Problemen vertraut ist, die selbstverständlich andere sind als zu Zeiten Hegels. Außerdem wird der moderne Leser auch die Kritiken, die seinerzeit zu Recht an den deutschen Philosophen gerichtet wurden, kennen. Nichtsdestoweniger muss man trotz dieser problematischen Aspekte, wegen derer man die Philosophie Hegels auch mit kritischem Blick sehen sollte, anerkennen, dass es das letzte wahre philosophische System der Menschheit ist, also die letzte auf rigorose, ernsthafte und wissenschaftliche Weise erarbeitete Philosophie. Nach ihm waren die verschiedenen aufeinanderfolgenden Denker entweder reine Philosophiehistoriker, die das eine oder das andere vergangene philosophische System wiederaufgegriffen haben, oder erleuchtete Schreiber und Denker, die brillante Ideen in Form von eigenen subjektiven Meinungen hatten, die sie jedoch nicht systematisch und wissenschaftlich dargestellt und begründet haben.

Daher muss man bei Hegel wiederansetzen, sein System aktualisieren, die Fehler, die der Philosoph begangen hat, ermitteln und sie im Rahmen einer neuen Version seines philosophischen Systems korrigieren. Diese neue Version des absoluten Idealismus Hegels wird genau das PhilosophieHandbuch unserer Epoche darstellen, das für den Bereich der Philosophie den sogenannten „wissenschaftlichen“ Handbüchern der empirischen Wissenschaften entspricht. Die Philosophie ist eben auch eine wissenschaftliche Erkenntnisform, obwohl ihre Wissenschaftlichkeit anders ist als die der empirischen Wissenschaften, und einem entsprechenden Handbuch darf man keinen geringeren Wahrheitswert zuerkennen wie denen der Physik, der Chemie, Astronomie usw. 

So erhalten sowohl die politischen Werte (Staat, Freiheit, Demokratie) als auch die ethischen Werte (Rationalität, Menschenwürde, Familie, Arbeit) auf strikte und ernsthafte Weise ein wissenschaftliches Fundament, das den jungen Menschen und unserer demokratischen Zivilisation gelehrt werden kann, einer von Philosophie tief durchdrungenen Zivilisation, die sich dessen häufig nicht bewusst ist. Dieses Handbuch soll die heutigen Demokratien davon bewusst machen und dabei klarstellen, dass ihre eigene Denk und Handelsweise eine philosophische Struktur besitzt. 

 

2. Die allgemeinverständliche Form, in der die objektive, ernsthafte und wissenschaftliche Philosophie dargestellt werden soll 

Eben weil es für die Grundlagen unserer Gesellschaft von entscheidender Bedeutung ist, soll dieses Handbuch der Philosophie in einer allen Menschen zugänglichen Form verfasst werden und darf nicht den Gelehrten seiner Disziplin vorbehalten sein. Die Leserschaft, an die es sich wendet, ist das große Publikum all derer, die eine durchschnittliche Schulbildung sowie kulturelles und somit allgemein philosophisches Interesse besitzen und die auf der Suche nach der Wahrheit sind. Es richtet sich außerdem insbesondere an diejenigen, die sich von der traditionellen Religion abgewendet haben und sie nicht mit etwas Vergleichbarem, jedoch Rationalem ersetzen konnten, mit dem sie sich die Welt und das menschliche Leben hätten erklären können. Dabei handelt es sich um ein heutzutage enorm starkes und verbreitetes Bedürfnis nach einer rationalen ‚Weltanschauung‘ bzw. einer religiösen Philosophie, d.h. nach einer Philosophie, die nicht als akademische Disziplin, sondern als Orientierungshilfe für das Leben verstanden wird, nach einer undogmatischen Religion sozusagen, die mit der Vernunft konform geht. 

Die Philosophen in der Zeit von Kant bis Hegel beschäftigten sich vor etwa 200250 Jahren in Deutschland genau mit dieser Problematik und sahen so auf bemerkenswerte Weise unsere Zeiten voraus. Das, was sie als intellektuelle und philosophische Avantgarde fühlten und lebten, ist nunmehr Bedürfnis all jener, die auf der Suche nach einer rationalen und objektiven Wahrheit sind, weil sie sich zwar von der traditionellen Religion abgewendet haben, aber die bloße atheistische Negation aller objektiven Werte nicht akzeptieren. Auf diese Suche gibt es derzeit noch keine ernsthafte und auf philosophisch allgemeinverständlicher Ebene gültige Antwort. Die vorliegende Publikation soll diese große Lücke im Bildungsangebot füllen. 

 

3. Die europäische Identität als philosophische Identität 

Was den Bezug zum gegenwärtigen Zeitgeschehen betrifft, so möchte dieses Büchlein als philosophische Unterstützung zum Prozess der europäischen Einigung beitragen. Denn heute gibt es einen Bedarf an mehr, nicht an weniger Europa. Man benötigt aber ein wahres Europa, nämlich endlich die ‚Vereinigten Staaten von Europa‘. Diese sollten auf gewissen ethischen Werten gegründet werden, auf dem Ergebnis der Geschichte der Philosophie, die eben grundsätzlich, wie bereits gesagt, ein europäisches Phänomen darstellt. Durch diese Geschichte wurde das europäische Volk geprägt, das seine Gedanken und sein Verhalten an rationalen Werten wie Freiheit, Demokratie und sozialer Gerechtigkeit orientiert.

Aber es gibt vor allem einen Hauptwert, den die Vereinigten Staaten von Europa in der Welt vertreten: den des Friedens. Länder, die sich bis vor nur 70 Jahren Jahrhunderte und Jahrtausende lang gegenseitig bekämpft und zerstört haben, haben verstanden, dass dies der falsche Weg ist, und haben sich in gegenseitigem Einverständnis zu einem kontinentalen Gefüge vereint, innerhalb dessen es heute absolut undenkbar wäre, dass ein Krieg ausbräche. Dies ist für die ganze Welt ein großes Beispiel von Brüderlichkeit, Frieden, ethischem Ernstes und Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen! Es ist die Erlangung der ‚europäischen philosophischen Identität‘ als Volk und als Staat, der von der Geschichte definitiv dazu bestimmt ist, zuerst in seinem Inneren und dann in der ganzen Welt Frieden zu stiften. Das ist die historische und philosophische Bedeutung Europas. 

Es liegt an uns, diese Bedeutung zu verstehen, sie wirklich zu wollen und in unserem alltäglichen Leben zu verwirklichen. Wir sollten stolz darauf sein, Europäer zu sein, und wir sollten uns in unserem Herzen als Träger einer rationalen Botschaft weltweiten Friedens fühlen. Das ist unsere historische Aufgabe, unsere ethische und politische Pflicht. 

Auch wenn wir derzeit in Europa eine kritische Phase durchmachen und uns die in Brüssel getroffenen Entscheidungen nicht immer überzeugen, wie uns die Entscheidungen jeglicher, auch nationaler Regierung manchmal nicht überzeugen können, darf uns dies niemals die ethische und politische Bedeutung der Vereinigten Staaten von Europa vergessen lassen. Wenn wir endlich von der Währungs und Wirtschaftseinheit zur politischen Einheit übergehen werden und es einen echten und wirklichen europäischen Staat geben wird, wird sich das politische Spielfeld der Welt ändern. Europa wird auch gegenüber den USA und den anderen Weltmächten die Stimme erheben können und dabei in der Lage zu verlangen sein, dass die Friedensbotschaft, die es in seinem Innern geltend gemacht hat, auch außerhalb seiner Grenzen, also auf der gesamten Welt, Geltung bekommt. Die Welt braucht diese große Friedensmacht. Wir alle sollten hoffen, dass dies zeitnah geschehen kann, und wir alle sollten uns bemühen, dies zu ermöglichen, für das Wohl unserer Kinder und der gesamten Menschheit.

Die Zeiten der europäischen Nationalstaaten sind vorbei. So wie aus Dörfern Städte wurden, aus Städten Regionen und aus Regionen Nationalstaaten, ist jetzt der Moment gekommen, in dem die Nationalstaaten zu einem europäischen Kontinentalstaat verschmelzen. Das ist der politische Schritt, der in den kommenden Jahrzehnten in Europa getan werden soll. Das ist der Sinn der europäischen Geschichte.

Dieses kleine Büchlein soll zeigen, was es bedeutet, “Europäer” zu sein bzw. das eigene Leben nach der Philosophie und – was den Staat betrifft das politische Leben nach dem absoluten Gut des Friedens auszurichten, ohne den es weder Freiheit noch Gerechtigkeit noch Wohlergehen noch irgendeinen menschlichen Wert geben kann. 

Jenseits der nationalen Unstimmigkeiten zwischen den europäischen Völkern, die es durchaus noch gibt, die aber von Jahr zu Jahr unbedeutender werden, gibt es eine gemeinsame europäische Mentalität. Genau diese gemeinsame Mentalität ist es, die dieses Büchlein ans Licht bringen und hervorheben möchte. Die europäischen Völker sollen über sie bewusst werden, über etwas, das  eigentlich schon Tatsache ist: ihre Wertegemeinschaft. Sind sie sich einmal über sie bewusst, werden sie sicher und klar beurteilen können, welche die wirklichen Werte sind, die sie verbinden, und so werden sie verstehen, dass diese das Resultat ihrer Geschichte und somit der Geschichte der Philosophie sind.

Echte und radikale Differenzen über die ethischen Werte und somit über die richtige Lebensweise gibt es nämlich zwischen den europäischen Ländern mittlerweile nicht mehr. Daher ist die Zeit reif, von der Währungs und Wirtschaftseinheit zu einer ethischen und politischen Einheit überzugehen. Das europäische Volk ist gerade dabei, geboren zu werden, und hat das Recht, wie jedes andere Volk auch, einen echten eigenen Staat zu haben, der es vertritt: eben die Vereinigten Staaten von Europa. 

Wir sollen alle hoffen, dass dies passiert, und uns darum bemühen, dass es auf bestmögliche Weise und bald geschieht! Dieses Büchlein soll einen wichtigen Beitrag zur Gründung der Vereinigten Staaten von Europa liefern, indem es theoretisch erläutert, was es bedeutet, „Europäer“ zu sein. Aus diesem Grund trägt es einerseits den Titel Philosophie für alle, weil es sich an all die richtet, die das Leben und die Ethik aus einer rein rationalen Perspektive verstehen wollen; Andererseits trägt es den Untertitel Manifest für die philosophische Identität Europas, da es die fundamentalen Werte nachzeichnet, auf die sich die Vereinigten Staaten von Europa stützen sollen, weil sie bereits die Mentalität des Großteils der europäischen Bürger prägen. 

 

Lektion 1

Die Philosophie als “Wissenschaft der Weisheit”

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Die Philosophie ist keine Wissenschaft, die demjenigen, der sie studiert oder lehrt, lediglich äußerlich vorliegt, sie verschmilzt mit der Persönlichkeit, die sich mit ihr beschäftigt. Sie ist kein Büro, das zu einer bestimmten Uhrzeit seine Pforten öffnet oder schließt, und auch keine Arbeit, die man zu ausschließlich finanziellen Zwecken verrichten kann, schließlich auch keine Wissenschaft mit objektiven Daten, die etwa messbar, experimentell und unabhängig von der Person des Wissenschaftlers sind. Nein, sie hängt maßgeblich vom Geiste desjenigen, der sie ausübt, ab. 

Diese faszinierende Disziplin birgt zwei Kernaspekte: Der erste ist theoretischer Natur: das Wissen, die Kenntnis der Welt, in der wir als vollendete Wesen leben; Der zweite Aspekt ist eher praktischer Natur und behandelt das menschliche Handeln, den Sinn, den wir unserer eigenen Existenz in dieser Welt geben, und die Werte, die unser Handeln steuern. 

Der erste kann als den wissenschaftlichen Aspekt definiert werden, also die Philosophie als Wissenschaft im wörtlichen Sinne. Dieses Wissen, d.h. diese Gesamtheit von Kenntnissen, welche die ersten Prinzipien der Wissenschaften und nicht ihre Spezialisierungen betreffen, braucht der Philosoph, um davon die Hinweise für den zweiten, den praktischen Aspekt abzuleiten. 

Den zweiten Aspekt kann man als “Weisheit” bezeichnen bzw. als die Fähigkeit, bestimmten Situationen angemessene Entscheidungen im Leben zu treffen, die es ermöglichen, das Leben in der jeweiligen konkreten Situation auf die bestmögliche Weise zu leben. 

Die Aufgabe der Philosophie ist es nämlich, auf der Basis der Weltkenntnis zunächst sich selbst, aber dann auch anderen, Hinweise zu liefern, die nützlich sind, um ein weises und ausgeglichenes Leben zu führen. Unter diesem Gesichtspunkt drückt der Begriff “Philosophie”, der im Griechischen “Liebe zur Weisheit” bedeutet, genau diese echte existenzielle Eigenschaft der Philosophie aus, die ganz eng an das Leben desjenigen gebunden ist, der sich mit ihr beschäftigt. Der Philosoph ist nämlich derjenige, der die Wissenschaft, das Wissen liebt, weil es ihm hilft, die Welt, in der er lebt, zu verstehen. Aber er liebt die Wissenschaft und das Wissen nicht nur um ein theoretisches und rein objektives Ziel willen, sondern vor allem wegen des starken praktischen Nutzens, aus den Kenntnissen Hinweise zu gewinnen, um sich im täglichen Leben auf richtige Weise bewegen zu können.
Da ist es, warum es für jemanden, der diese Disziplin als Berufung und nicht (nur) als Beruf lebt, nur möglich ist, jemand anderen in die Philosophie einzuführen, indem er ihm einen Blick in seine innere Welt gewährt, in seine temporäre, nach Jahren der Überlegungen, des Lernens, des auch aus Fehlern bestehenden ethischen Lebens, des Überdenkens und des Sich Korrigierens erreichte Stadium seiner Gedanken. 

Diese innere Welt des echten Philosophen wird natürlich auch die “inneren Welten” anderer, früherer Philosophen in sich tragen, die man selbstverständlich nicht vernachlässigen kann, wenn man an seiner eigenen Philosophie arbeitet. Aber so sehr sich ein echter Denker auch mit früheren Gedanken beschäftigen und sich auf diese stützen kann, so unvermeidbar ist es, dass diese durch seine eigene einmalige Persönlichkeit, seine eigenen einmaligen Überlegungen und ethischen Verwirklichungen gefiltert wird. Daher wird seine innere Welt tatsächlich seine eigene und ‚nur‘ seine eigene sein.

Zusammenfassend, ist also die Philosophie ein von der Liebe zur Weisheit und zur Wissenschaft geprägtes Verhalten, welches das Ziel hat, einen eigenen, auf Vernunft fundierten Lebensstil für sich zu gewinnen, der sich auf die wissenschaftliche Weltkenntnis stützt. Ein solches Verhalten bezeichnen wir grundsätzlich als “weise”. 

Der deutsche Denker Immanuel Kant hat diese gleichzeitige Präsenz beider Begriffe ‚Wissenschaft‘ und ‚Weisheit‘ und ihre Schnittstellen in der Philosophie sehr gut im folgenden Textauszug dargelegt: 

„Diese [gemeint: die Philosophie] bezieht alles auf Weisheit, aber durch den Weg der Wissenschaft, den einzigen, der, wenn er einmal gebahnt ist, niemals verwaechst, und keine Verirrungen verstattet“

(Quelle: Kritik der reinen Vernunft, 1787, II. Transzendentale Methodenlehre, Drittes Hauptstueck, Die Architektonik der reinen Vernunft, AkademieAusgabe, Band 3, S. 549).

Seiner Auffassung nach kann die Philosophie demnach als “Wissenschaft der Weisheit” definiert werden. Diese Definition möchten wir gern übernehmen.

 

Lektion 2

Die Beziehung der Philosophie zu Religion und Wissenschaft

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Es gibt zwar eine weitere menschliche Aktivität, die wie die Philosophie dem Menschen Aufschluss darüber gibt, wie er sich im Leben verhalten soll. Es ist die Religion. Sie beruht jedoch auf einem Dogma, einem Urprinzip, das als solches nicht Gegenstand des Wissens ist, sondern des Glaubens. Die Philosophie unterscheidet sich hingegen von der Religion insofern, als sie danach strebt, nicht nur die Wahrheit zu erkennen, also rational zu erklären, sondern auch ihr eigenes Fundament zu erklären, welches die Griechen als Arché (ἀρχή) bezeichneten.

Somit gründet sich die Philosophie auf sich selbst bzw. muss das Fundament sich selbst rational erklären können müssen. Deshalb unterscheidet sie sich von der Religion, zwar nicht aufgrund ihrer Inhalte oder ihres Zieles, die denen der Religion gleich sind, aber aufgrund ihrer Bewusstseinsform, die auf radikale Weise anders ist. Die Philosophie strebt nämlich danach, von Grund auf Wissen zu sein. Sie akzeptiert kein Prinzip, keine Wahrheit, die nicht mit der Vernunft logisch beweisbar ist.

Von diesem Standpunkt aus können wir also sagen, dass die Philosophie dieselben Inhalte wie die Religion, aber die Form der Wissenschaft hat. Sie ist die höchste der Wissenschaften und vereint alle anderen Wissenschaften in sich, sowohl die Natur als auch die Geisteswissenschaften. Der theoretische Teil der Philosophie, der die Kenntnis der Welt zum Gegenstand hat, kann schließlich die Grunderkenntnisse der einzelnen Wissenschaften nicht außer Acht lassen. In der Antike waren die Figur des Philosophen und die des Wissenschaftlers eins, weil die Kenntnisse noch nicht so weit entwickelt waren, dass eine Spezialisierung in verschiedene Fachgebiete notwendig gewesen wäre. Heute wäre das natürlich nicht mehr denkbar. Die Wissenschaftler sind Intellektuelle, die sich mit einem spezifischen, meist eng eingegrenzten Gebiet einer Disziplin befassen, und nur so können sie zu neuen Ergebnissen und neuen Erkenntnissen gelangen. Der Philosoph kann die Ergebnisse der verschiedenen Wissenschaften nicht im Detail kennen, das verlangt sein Ziel aber auch nicht von ihm. Denn sein Ziel ist es, wie wir bereits gesagt haben, aus der Kenntnis der Welt eine weise Lebensweise zu gewinnen. Das, was der Philosoph benötigt, sind die Grundkenntnisse der verschiedenen Wissenschaften, d.h. die grundsätzlichen Ergebnisse, die sie hervorgebracht haben. Diese lassen sich im Übrigen einfach konsultieren, da es heute viele allgemeinverständliche wissenschaftliche Publikationen gibt, also Publikationen, in denen die neuesten Erkenntnisse der verschiedenen Disziplinen zusammengefasst und auf populärwissenschaftliche Weise der Allgemeinheit verständlich gemacht werden. Die Allgemeinheit, das sind eben keine Experten, und dazu gehört auch der Philosoph. Dabei handelt es sich natürlich nicht um unwissenschaftliche Texte, sondern um echte wissenschaftliche Arbeiten, die jedoch das Ziel und den Vorzug haben, in einfacher und allgemeinverständlicher Sprache geschrieben zu sein. Das ermöglicht auch dem Laien den Zugang zur wissenschaftlichen Welt mit ihren fachbezogenen Entdeckungen. 

Im Besonderen ist das Merkmal der Philosophie im Vergleich zur Wissenschaft, dass sie die Erkenntnisse in ein System zusammenfügt, eben in das System der Wissenschaften, das mit der Welt als dem Gegenstand des Wissens kongruent sein soll. Wenn nämlich die Welt ein Ganzes ist, wie die Begriffe “Welt” und “Natur” bereits vermuten lassen, dann muss dies auch für ihre Erkenntnisform gelten. Es muss sich daher um ein System handeln, innerhalb dessen die einzelnen verschiedenen Wissenschaften als Teilkenntnisse der Welt Platz finden und das nicht auf zufällige, sondern auf geordnete Weise. 

Stellen wir uns vor, dass wir eine Bibliothek aufbauen, unsere Bibliothek: Wenn wir das willkürlich machten, würden wir die Bücher zum Beispiel alphabetisch anordnen. Also kämen als erste die Bücher der Arithmetik, dann die der Astronomie, dann käme vielleicht die Biologie, dann die Chemie usw. Eine auf diese Weise organisierte Bibliothek würde allerdings nicht das wirkliche Bild der Welt widerspiegeln, wie es unserer aktuellen Weltkenntnis entspräche. Die Physik zum Beispiel ist ganz klar eine der Chemie vorausgehende Wissenschaft, wie die Chemie ihrerseits wiederum eine auf die Biologie vorbereitende Disziplin darstellt, weil sowohl bei der Entstehung der Welt als auch während ihrer Evolution die Elementarteilchen, Atome und Kräfte, die die Natur steuern, sowohl zeitlich als auch logisch gesehen den Molekülen, Sternen und Lebensformen vorausgehen. Letztere setzen die erstgenannten sozusagen voraus. Dies tun sie aber im logischen und nicht im alphabetischen Sinne, also muss die Physik, wenn die Bibliothek ein objektiver Spiegel der Welt sein soll, vor Chemie und Biologie stehen, nicht danach.

Wenn wir also möchten, dass unsere Bibliothek die Welt widerspiegelt, müssen wir das Alphabet ignorieren und die Bücher nach einer logischen Reihenfolge wissenschaftlicher Voraussetzungen anordnen, d.h. nach bestimmten Fachgebieten in Bezug zu anderen. Innerhalb dieser Reihenfolge nach Voraussetzungen werden wir als erstes die Mathematikbücher finden, weil, wie uns Galileo Galilei erklärt hat, das Buch der Natur in mathematischer Sprache geschrieben ist. Dann kämen alle naturwissenschaftlichen Bücher in der Reihenfolge ihres Einführungscharakters für die ihnen folgenden Disziplinen, also Physik, Chemie, Astronomie, Botanik, Zoologie usw. bis hin zu den Humanwissenschaften, zu Anthropologie, Psychologie, den Sozialwissenschaften, die das Individuum voraussetzen, dann Soziologie, Wirtschaftswissenschaften, Politikwissenschaften, und die Geschichtsschreibung, da die Menschheit eine rasante Entwicklung durchlaufen hat. 

Wenn er sich mit den Grundkenntnissen dieser Fachgebiete anhand der ausgezeichneten allgemeinverständlichen wissenschaftlichen Arbeiten auseinandersetzt, so kann der Philosoph sowohl hinsichtlich der Logik als auch hinsichtlich des zeitlichen Verlaufs (also der Weltgeschichte) zu einer guten Weltkenntnis gelangen. 

Wie wir zuvor schon gesagt haben, ist diese Weltkenntnis für den Philosophen nicht allein das Ziel, sondern sie dient ihm dazu, seiner eigenen Existenz auf dieser Welt einen Sinn zu geben, Werte also, eine Orientierung im Leben, das, was wir “Weisheit” definiert haben. Unsere Idealbibliothek, wie wir sie gerade beschrieben haben, wird uns durch ihre Geschichtsbücher lehren, wie die Welt bis gestern oder bis vor einer Minute war, aber was ist mit der Welt von morgen? Gibt es eine Wissenschaft, eine rationale Form der Erkenntnis über das, was morgen passieren kann bzw. soll und dem Einzelnen sowie der menschlichen Gemeinschaft als Orientierung bei unausweichlichen und wichtigen Entscheidungen dienen könnte? Keine der genannten Wissenschaften, weder naturwissenschaftlicher noch geisteswissenschaftlicher Art können darauf eine Antwort geben, da sie die gegenwärtige und vergangene Existenz des jeweiligen Untersuchungsgegenstandes, des jeweiligen Forschungsbereiches erforschen, aber nicht seine künftige Entwicklung. Auch die Wirtschafts und Politikwissenschaften beschäftigen sich mit u.a. mathematischen Modellen der sozioökonomischpolitischen Organisation der Gesellschaft, aber sie geben keine Hinweise darauf, welches wirtschaftlichpolitische Modell in Zukunft am besten angebracht wäre, auch wenn sie zunächst den Anschein haben, auf die Zukunft verweisen zu können.

Demzufolge bliebe unsere Bibliothek entweder leer, ohne Bücher, die uns helfen könnten, rationale, logische und wissenschaftliche Hinweise auf unsere individuelle und soziale zu erhalten, oder aber wir füllen diese leeren Regale mit den Büchern der einzigen Disziplin, die dem Menschen immer schon nahe war, die sein Erdendasein seit jeher begleitet und stets versucht hat, ihn zu unterstützen, indem sie ihm den rechten Weg zeigte: In diese Regale stellen wir die Bücher der Philosophie. 

Die Philosophie unterscheidet sich also insofern von den anderen Wissenschaften, als sie die einzige ist, die die Welt, die es noch nicht gibt, auf logische und rationale Weise zu behandeln vermag. Die Welt von morgen, die wir selbst erst noch schaffen müssen, sodass es gut ist, wenn uns irgendjemand auf rationale, wissenschaftliche Weise nahelegt, wie wir dabei vorzugehen haben.

Ich hoffe, dass das Verhältnis zwischen Philosophie, Religion und Wissenschaft und der Grund, aus dem die Philosophie als Liebe zur Wissenschaft und Suche nach Weisheit für den Menschen und die Menschheit unabdingbar ist, deutlich geworden sind. Mit den Worten Kants, der von blinden Intuitionen ohne Begriffe und von leeren Begriffe ohne Intuitionen sprach, können wir sagen, dass nicht nur, wie schon gesagt, die Philosophie ohne wissenschaftlich fundierte Kenntnisse leer ist, sondern auch die Wissenschaften ohne den philosophischen Blick auf die Zukunft blind sind, bzw. dass sie dem Menschen keinen Aufschluss über den Sinn des menschlichen Lebens geben können. Dank der Philosophie hingegen bekommen die Wissenschaften einen ganz anderen Wert und eine andere Bedeutung für unser Leben. 

So können wir auch sagen, dass die Religion ohne Philosophie leer ist bzw. sich auf einen dogmatischen und unbeweisbaren Grundsatz stützt, der heutzutage für Gelehrte, die mit den heutigen wissenschaftlichen Ergebnissen vertraut sind, eigentlich nicht mehr haltbar ist. Dank der Philosophie bekommt die Religion jedoch in den Augen des Gelehrten einen anderen Wert, indem er ihren historischen und gleichzeitig aktuellen Wert für jene Menschen erkennt, die aus verschiedenen Gründen nicht den vollständig rationalen Standpunkt der Philosophie annehmen können. Diesen Personen gibt die Religion eine ethische Orientierung für die Zukunft, Werte, auf die kein Mensch verzichten kann.

 

Lektion 3

Das Wissen als ‚geordnetes System von Begriffen‘

*

Das System der Wissenschaften scheint also nach unserer Metapher der Idealbibliothek eine Anordnung von natürlichen und geistigen Objekten und ihrer Funktions und Entwicklungsgesetzen zu sein (Elementarteilchen, Atome, Moleküle, Mineralien und Gestein, Pflanzen, Tiere, Menschen, Gesellschaft, vergangene, gegenwärtige sowie noch zu schreibende Geschichte, also Ethik und Politik). All dies erscheint als etwas, das außerhalb von uns und unabhängig von unserer Subjektivität existiert. 

In Wahrheit ist das, was uns als Objekt erscheint, ein Begriff, der Begriff genau dieses Objekts. Daher ist die Wissenschaft aus Begriffen gebildet. Das System der Wissenschaft, die Idealbibliothek, ist eine Anordnung von Begriffen, die aufgrund von Praktizität und wissenschaftlicher Effizienz in Wissensbereiche (die einzelnen Wissenschaften) aufgeteilt sind und nach dem jeweiligen inneren logischen Verhältnis aufeinander aufbauen. 

Dieser nicht zurückzuweisende Fakt, dass unser Wissen aus Begriffen und nicht aus Objekten besteht, betrifft nicht nur die genannten Wissenschaften, sondern auch die Philosophie und die Religion. Jede Philosophie, so materialistisch sie auch sein mag, wenn sie etwa in der Rohmaterie das Fundament für alles sieht, wie auch jede Religion und ihre augenscheinlich abgehobenen und unrealistischen Begriffe, wie z.B. Gott, Jenseits usw., sind am Ende nur Begriffe. 

Deshalb hat der große Denker Georg Wilhelm Friedrich Hegel in seiner Logik rigoros die Theorie aufgestellt, dass jede Philosophie wie auch jede Religion, und wir fügen dem noch jede Wissenschaft hinzu, Idealismus ist. Das heißt, eine geordnete und systematische Sequenz von Ideen und Begriffen, sodass mit dem Begriff ‚Idealismus‘ keine philosophische Strömung gemeint ist, sondern jegliche menschliche Weltkenntnis. 

So drückt sich Hegel in seiner Wissenschaft der Logik aus:

“Der Satz, daß das Endliche ideell ist, macht den Idealismus aus. Der Idealismus der Philosophie besteht in nichts anderem als darin, das Endliche nicht als ein wahrhaft Seiendes anzuerkennen. Jede Philosophie ist wesentlich Idealismus oder hat denselben wenigstens zu ihrem Prinzip, und die Frage ist dann nur, inwiefern dasselbe wirklich durchgeführt ist. Die Philosophie ist es sosehr als die Religion; denn die Religion anerkennt die Endlichkeit ebensowenig als ein wahrhaftes Sein, als ein Letztes, Absolutes, oder als ein NichtGesetztes, Unerschaffenes, Ewiges. Der Gegensatz von idealistischer und realistischer Philosophie ist daher ohne Bedeutung. Eine Philosophie, welche dem endlichen Dasein als solchem wahrhaftes, letztes, absolutes Sein zuschriebe, verdiente den Namen Philosophie nicht; Prinzipien älterer oder neuerer Philosophien, das Wasser oder die Materie oder die Atome, sind Gedanken, Allgemeine, Ideelle, nicht Dinge, wie sie sich unmittelbar vorfinden, d. i. in sinnlicher Einzelheit, selbst jenes Thaletische Wasser nicht; denn obgleich auch das empirische Wasser, ist es außerdem zugleich das Ansich oder Wesen aller anderen Dinge, und diese sind nicht selbständige, in sich gegründete, sondern aus einem Anderen, dem Wasser, gesetzte, d. i. ideelle. Indem vorhin das Prinzip das Allgemeine, das Ideelle genannt worden, wie noch mehr der Begriff, die Idee, der Geist Ideelles zu nennen ist und dann wiederum die einzelnen sinnlichen Dinge als ideell im Prinzip, im Begriffe, noch mehr im Geiste als aufgehoben sind, so ist dabei auf dieselbe Doppelseite vorläufig aufmerksam zu machen, die bei dem Unendlichen sich gezeigt hat, nämlich daß das eine Mal das Ideelle das Konkrete, Wahrhaftseiende ist, das andere Mal aber ebensosehr seine Momente das Ideelle, in ihm Aufgehobene sind, in der Tat aber nur das eine konkrete Ganze ist, von dem die Momente untrennbar sind”.

(G.W.F. Hegel: Wissenschaft der Logik, in: Gesammelte Werke, Hamburg 1985, Bd. 21, S.142).

Die Gesamtanschauung, die aus unserem wissenschaftlichen Wissen hervorgeht, ist also eine Welt und Menschenauffassung, die in einer Anordnung von Begriffen besteht, deren Hauptinhalt eben genau das ist, was wir ’Welt’, ’Leben’,  ’Sein’ nennen. Wir setzen nämlich voraus, dass die Totalität dessen, was ist, ein Ganzes ist, und das drücken wir mit dem Wort ’Welt’ bzw. mit ähnlichen Worten aus. Der Begriff ’Welt’ (sowie ähnliche Begriffe) drückt deshalb den Gegenstand der Totalität des Seins aus, wie es als Erster Parmenides erkannt und benannt hat, der griechische Philosoph, den man zu Recht als Gründer der Metaphysik betrachtet:

„Denken und des Gedankens Ziel ist ein und dasselbe; denn nicht ohne das Seiende, in dem es sich ausgesprochen findet, kannst Du das Denken antreffen.“ 
(Parmenides: Über die Natur, Fragment 8, aus: Die Fragmente der Vorsokratiker, Griechisch und Deutsch von Hermann Diels, 1. Band, Berlin 1922, S. 157).
In diesem Gedanken spielen folgende Begriffe eine Rolle: Sein, Denken, Ordnung, Totalität und Begriff. Alle sind sehr eng miteinander verknüft. Der Begriff eines Baumes ist beispielsweise nichts anderes als die geordnete Beziehung zwischen den Einzelteilen, die gemeinsam den Baum ergeben, das Ganze, was wir mit dem Begriff “Baum” verbinden. Dasselbe gilt für jedes andere Objekt, vom größten bis zum kleinsten. Im Falle des kleinsten, des unteilbaren Atoms könnte man natürlich behaupten, dass es sich nicht mehr um eine Gesamtheit aus Einzelteilen handelt. Auch dieses ist hingegen teilbar, weil es auch Elementarteilchen besteht. Das ist dann allerdings die Idealgrenze, die nicht mehr überschritten werden kann. 
Nichtsdestoweniger sucht und wird der Mensch von Natur aus immer auf der Suche nach dem Kleinsten des Kleinsten und dem Größten des Größten sein, wie das Motto zu Hölderlins Hyperion lautet: 

„Non coerceri maximo, contineri minimo, divinum est”,

(„vom Größten nicht eingeschränkt, im Kleinsten enthalten sein, ist das Göttliche“).

Dieses Motto bezieht sich auf Ignazio von Loyola Grabstein, wo in etwa der gleiche Satz zu lesen ist.

Der junge Hölderlin hat nämlich tatsächlich im Menschen die Fähigkeit erkannt, das Kleinste vom Kleinsten und das Größte vom Größten zu denken, wie auch die Fähigkeit, bei der Suche nach beiden niemals aufzugeben, weder rückblickend, in Richtung des “was war vorher”, noch vorausblickend, in Richtung “was wird später sein”. Durch diese seine Fähigkeit tritt der menschliche Geist tatsächlich als das, was sich zum Kleinsten des Kleinsten und zum Größten des Größten machen kann, hervor. Ob der Mensch eines Tages wirklich das Kleinste und das Größte, jenseits derer es nicht weitergeht, erreichen wird, wissen wir nicht; mit Sicherheit wird der Mensch weiter nach dem Kleinsten vom Kleinsten und dem Größten vom Größten sowie danach, was vor dem Anfang war und was nach dem Ende ist, suchen. Er wird sich nie mit einem Punkt des Stillstands, über den es nicht hinausgeht, zufriedengeben.

Das System der Wissenschaft tritt als System von Begriffen in Erscheinung, als Einzelteile eines Ganzen, die untereinander eine bestimmte Anordnung haben, die wiederum der Ordnung entsprechen müssen, die diese Begriffe in der Realität haben. Und hier kommt die Grundproblematik der Wahrheit ins Spiel, bzw. die Übereinstimmung zwischen der wissenschaftlichen Weltkenntnis und der realen Welt, zwischen dem System aus Konzepten und dem Weltsystem, zwischen Gedanken und Sein. 

Der pantheistische Philosoph Spinoza spricht diesbezüglich von Übereinstimmung zwischen Ordnung der Ideen und Ordnung der Dinge:

„Lehrsatz 7. Die Ordnung und Verknüpfung der Ideen ist die selbe wie die Ordnung und Verknüpfung der Dinge.“

(in: Baruch De Spinoza, Die Ethik nach geometrischer Methode dargestellt, dt. Übersetzung von O. Baensch, Hamburg 1976).

Hegel, der Gründer des absoluten Idealismus, definiert diesen Gedanken als Übereinstimmung zwischen Wirklichem und Vernünftigem: 


„Was vernünftig ist, das ist wirklich;
und was wirklich ist, das ist vernünftig.“

(G.W.F. Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts, in: Gesammelte Werke, Bd. 14,1)

 

Mit “wirklich” meint Hegel hier die Wirklichkeit, also den Begriff der Realität, und dabei handelt es sich nicht um die ungefilterte, empirische, echte Realität, sondern um die Realität, die vom Menschen wissenschaftlich, d.h. nach logischer Notwendigkeit, verstanden wird: die logische Struktur der empirischen Realität also.

Es ist ein Grundgedanke der Philosophie, dass sich die logische Gedankenebene und die metaphysische Ebene des Seins überschneiden. 

Diese entscheidende Problematik werden wir im Folgenden vertiefen und dabei verstehen, ob, wie und warum das System der Wissenschaft mit der Welt übereinstimmt.


Lektion 4

Die Theorie des ‚ich verstehe‘
a. Die Objektivität des Wissens als faktische und logische Wahrheit 

*

Die Grundproblematik ist diesbezüglich die von der Beziehung zwischen Wahrheit und Wissen, d.h. die Frage, ob der Mensch wirklich in der Lage ist, die Welt auf objektive Weise zu verstehen. Eigentlich handelt es sich dabei um eine falsche Problematik, weil die objektive Kenntnis der Welt seitens des Menschen ein Faktum ist, etwas, was im täglichen Leben von tausend auch nur simplen Handlungen bestätigt wird. Wenn wir beispielsweise Seife benutzen, um uns die Hände zu waschen, und diese danach sauber sind, dann basiert diese Handlung auf einem Wissen, das besagt, dass ein oder mehrere chemische Elemente, die in der Seife enthalten sind, diesen gewünschten Effekt erzielen. Dies bedeutet wiederum, dass wir dank unserem Wissen über einzelne Bestandteile der Welt und deren Wirkung auf uns zu einem bewusst von uns gewollten Resultat gelangt sind. Ein komplexeres Beispiel ist ein Raumschiff, das auf dem Mond landet, ebenso ein Beispiel davon, dass wir unser Weltwissen mit Erfolg angewandt haben (was die Technik ist). Ein weiteres Beispiel ist die Medizin, die uns innerhalb kürzester Zeit die Kopfschmerzen oder das Fieber nimmt. Auch in diesem Fall führt unsere Handlung bzw. das Eingreifen in die biologischen Prozesse des Körpers erfolgreich zu einem gewünschten Effekt und beweist somit, dass wir die Funktionsweise des menschlichen Körpers objektiv kennen. 

Das menschliche objektive Weltwissen ist daher ein Fakt. Man kann ihn nicht infrage stellen, ohne sich zu widersprechen. (Man dürfte sich nicht mehr waschen, anziehen, reisen, Medizin nehmen usw.). Es gibt aber auch eine andere, stärkere und philosophische Argumentation, die dazu führt, dass wir von einem rein logischen Standpunkt annehmen müssen, dass wir in der Lage sind, die Wahrheit zu erkennen und zu verstehen. Wenn wir nämlich das Gegenteil behaupten, also dass wir die Wahrheit nicht verstehen können, so würde sich diese Annahme per se als Wahrheit darstellen. Es gäbe ja dann nur die eine Wahrheit, nämlich eben die, dass wir die Wahrheit nicht erreichen können. Aber, wenn wir die Wahrheit nicht erreichen können, warum sollte genau diese Wahrheit dann wahr sein? Offenkundig könnte diese per definitionem nicht wahr sein, da wir ihr zufolge eben keine Wahrheit erreichen und aussprechen können. Umso weniger können wir also wissen, ob es eine objektive Wahrheit gibt oder nicht. Daher müssen wir, logisch gesehen, die Behauptung vertreten, dass die Wahrheit verstehbar und für uns erreichbar ist, weil die vermeintlich skeptische Wahrheit der Unerreichbarkeit der Wahrheit, da sie sich auf logischer Ebene widerspricht, eindeutig falsch ist. 

Die skeptische Theorie, wonach der Mensch die Welt nicht auf objektive Weise verstehen kann, widerspricht sich daher in realer und faktischer Hinsicht, da auch der Skeptiker alle Handlungen durchführt, die eine objektive Weltkenntnis voraussetzen. Außerdem widerspricht sich diese Annahme selbst, wenn man sie aus einem ideellen und logischen Blickwinkel betrachtet, da sie das für unmöglich hält, was sie selber tut, also eine Wahrheit zu formulieren.

Der Mensch ist, kurz gesagt, zur Wahrheit verurteilt. Wir können vor dieser Situation, in der wir uns befinden, nicht weglaufen, und zwar davor, dass wir rational sind und deshalb auch in der Lage, die Welt zu verstehen und die Wahrheit herauszufinden. Wir leben jeden Tag im objektiven Wissen. Wir wundern uns sogar, wenn etwas nicht funktioniert, weil wir wissen, – auch die Skeptiker wissen es, auch wenn sie es möglicherweise unwissentlich oder bewusst nicht zugeben – dass der Grund dafür ist, dass wir das Phänomen noch nicht angemessen verstanden haben. Wir können es jedoch verstehen und das Objekt, das System oder die Verbindung dazu bringen, so zu funktionieren, wie wir wissen, dass es logisch sein muss. 

Die Frage ist also nicht, ob wir die Welt kennen und somit zu einer objektiven Kenntnis gelangen können, da dies vom realen wie auch logischen Standpunkt aus sicher ist, sondern eher, warum wir das tun können und wie wir es am besten tun.


Lektion 5

Die Theorie des ‚ich verstehe‘

b. Die Vernunft als Einheit von Mensch und Natur, 
Subjekt und Objekt

*

Einmal dass wir im vorherigen Kapitel klargestellt haben, dass wir die Welt verstehen können, was sowohl vom logischen als auch vom faktischen Standpunkt aus klar und eindeutig argumentiert werden kann, stellt sich die eigentliche Frage, die es zu beantworten gilt: Warum können wir zur Wahrheit gelangen bzw. wie und warum ist das möglich? 

Die erste Überlegung, die diesbezüglich zu machen ist, basiert auf der Feststellung einer Gemeinsamkeit, die es zwischen Mensch und Natur, Subjekt und Objekt sowie Gedanken und Sein geben muss, um die Kenntnis zu ermöglichen. Wenn diese Entgegengesetzten nämlich jeweils komplett voneinander verschieden wären und es nichts Gemeinsames zwischen ihnen gäbe, wäre keine Erkenntnis möglich, es gäbe nämlich keine Schnittstelle zwischen den beiden Polen, keine Kommunikation, keinen Zugang des Subjektes zum Objekt, des Menschen zur Natur, des Gedankens zum Sein. Also muss es wohl etwas Gemeinsames geben, eine Verbindung, die eine Beziehung, eine Kommunikation ermöglicht. 

Da die Erkenntnis mithilfe von Gedanken erfolgt, mithilfe der Vernunft, muss diese Gemeinsamkeit rationaler Art sein, ein Gedanke also. Die Naturgesetze z.B. sind etwas Rationales, etwas Regelhaftes, Erklär und Voraussehbares, was daher unserem Bedürfnis nach Rationalität und unserer Fähigkeit zum Denken  entspricht.  Jene Gesetze erklären Phänomene, und wenn wir sie anwenden, erlauben sie uns tatsächlich, in die Welt und ihre Prozesse einzugreifen. Also ist diese Rationalität der Naturgesetze nicht nur subjektiver Art, wie man sie in Physik und Chemiebüchern findet, sondern sie ist auch objektiv. Es gibt sie in der Realität. Kurz gesagt trägt die Natur, das Objekt, die Rationalität in sich, und deshalb kann der Mensch die Welt erkennen, weil seine Rationalität dieselbe ist wie die der Welt, der Natur.

Es gibt also Vernunft sowohl im Menschen als auch in der Natur, und das erklärt bereits das Faktum der Möglichkeit zur Erkenntnis und ihrer praktischen  Anwendung, der Technik. Der Mensch versteht durch seine subjektive Vernunft die objektive Vernunft der Welt. Nur so kann die Kenntnis erklärt werden, nämlich durch den Begriff  der Homogenität und eben nicht Heterogenität von Geist und Materie, Mensch und Natur, Vernunft und Welt, Gedanken und Sein. 
Wenn wir nun unseren Standpunkt verlagern und unseren Blick auf die Problematik nicht mehr subjektiv aus der Perspektive des Erkennens sondern objektiv aus der Perspektive der Welt ausrichten, so werden wir merken, dass bei genauerem Hinsehen Subjekt und Objekt der Erkenntnis als eine einzige Sache zu betrachten sind, nämlich als Vernunft, allerdings in zwei verschiedenen Seinsformen: Die Natur ist die Vernunft in ihrer materiellen notwendigen, mechanischen und unbewussten Form; Der Mensch ist hingegen die Vernunft in ihrer geistigen, freien, finalistischen und bewussten Form. 

So erklärt sich also das unanfechtbare Phänomen der Erkenntnis wie auch die Frage der Wahrheit: Wir können die Wahrheit über die objektive Welt erkennen, weil die Welt nicht anders ist als wir, sie ist rational genau wie wir. ‚Wahrheit‘ ist also nichts anderes, als beide Formen der Rationalität,  die bewusste subjektive und die unbewusste objektive, in Übereinstimmung zu bringen. Die Homogenität zwischen Geist und Materie, Subjekt und Objekt erlaubt diese Übereinstimmung. Das Wichtigste ist nun zu verstehen, warum es diese Homogenität gibt.

 

Lektion 6

Die Theorie des ’ich verstehe’

c. Der logische Monismus

*

Die Antwort auf die Frage nach der Vernunft als Homogenitätsprinzip zwischen Subjekt und Objekt, Mensch und Natur, führt uns direkt zu einer monistischen Weltauffassung. All unsere Zweifel an der Möglichkeit einer objektiven Weltkenntnis und einer demzufolge objektiven Wahrheit haben ihren Ursprung in einer völlig falschen Perspektive, die oft angenommen wird, wenn man sich auf die Natur bezieht und somit auf die sogenannte “externe” Welt als Erkenntnisgegenstand. Dabei handelt es sich um eine dualistische Perspektive. 

Wenn wir nämlich Subjekt und Objekt, Mensch und Natur, als zwei verschiedene und sich entgegengesetzte Entitäten betrachten, das eine außerhalb des anderen, gegenüber dem anderen, neben dem anderen o.ä. ist, dann kommt tatsächlich das Problem auf, dass man nicht weiß, in welche Beziehung man sie zueinander setzen soll, oder wie das Verstehen des Objekts seitens des Subjekts möglich sein soll, da es sich schließlich um offensichtlich heterogene Einheiten handelt (die Natur materiell, der Geist immateriell). Wenn wir aber Natur und Menschen, Objekt und Subjekt in ihrer richtigen Beziehung zueinander sehen, nämlich als Einheit, in dem Sinne, dass der Mensch von der Natur hervorgebracht wird bzw. dass sich das Subjekt aus dem Objekt herausbildet, dann unser Verständnis dieses Verhältnisses wird ganz anders. 

Die Natur und das Objekt sind dem Menschen und dem Subjekt vorangestellt bzw. bilden aus einer logischen Perspektive ihre  Bedingungen oder aus einer physischen Perspektive die Voraussetzung für ihr Leben (es gäbe nämlich keinen Geist ohne Natur, kein Subjekt ohne Objekt). Aus dieser präziseren Perspektive, die Hegel in seiner Differenzschrift  (1801) zugunsten der objektiven Perspektiven Schellings gegenüber der noch subjektiven Perspektive Fichtes darstellt, sind Natur und Geist, Objekt und Subjekt eine untrennbare Einheit. Sie sind Prozess und Entwicklung, die in einem schrittweisen Übergang von einfacheren und mechanisch vorherbestimmten Lebensformen (Atomen, Molekülen, Mineralien, Pflanzen) zu komplexeren und selbstbestimmten  Lebensformen (Tieren und dann vor allem Menschen) von einer progressiven Steigerung der Freiheit und des Bewusstseins bestimmt werden. 

Das, was existiert, ist also lediglich eine Totalität, das Sein, oder, wenn man es so definieren möchte, das Monos, das Eine, das auch das Ganze ist,  das sich von notwendigen und unbewussten Existenzformen zu freien und bewussten Lebensformen entwickelt.

Aus diesem präziseren Standpunkt aus betrachtet, soll man den dualistischen Blickwinkel außer Acht lassen, weil er dem genauen Verständnis des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur, Subjekt und Objekt im Wege steht und dies verhindert. Demgegenüber ist  eine monistische Weltauffassung vorzuziehen, die uns hingegen erklärt, warum wir als Menschen und Subjekte die Natur und das Objekt ‚Welt‘ wahrheitsgemäß verstehen können, und uns zeigt, wie wir dies am besten tun können. 

Der dualistischen Interpretation der Beziehung zwischen Subjekt und Objekt zufolge stehen sich diese beiden gegenüber, d.h. betrachtet der Mensch die Natur als Objekt außerhalb von sich selbst. Diese Interpretation entspricht zum Beispiel der kantischen Philosophie, ist aber auch im Allgemeinen die unserer alltäglichen Denkweise. Dabei handelt es sich um die Art, die Beziehung zwischen Mensch und Natur zu betrachten, wie sie bereits in der Antike, dem Mittelalter und auch in der Neuzeit üblich war. Lediglich in der Gegenwart seit der Philosophie von Schelling und Hegel wie auch später mit der dialektischmaterialistischen Weltanschauung und mit dem Evolutionismus Darwins beginnt der Monismus sich auf intellektuellem und wissenschaftlichen Niveau klar durchzusetzen. Auch in der Antike und in der Moderne hat es monistische Weltauffassungen gegeben wie etwa die von Parmenides, Heraklit, Plotin. Diese wurden jedoch durch die sicherlich dualistische Weltauffassung des Christentums und der großen monotheistischen Religionen verdrängt. Dasselbe gilt hinsichtlich der Neuzeit, in der einige Philosophien, wie insbesondere die von Bruno und Spinoza, monistisch waren, ohne sich jedoch auch als allgemeine Weltauffassung durchsetzen zu können. 

Erst mit der Überwindung der kantischen Philosophie durch den klassischen Idealismus zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert begann sich die monistische Weltauffassung in der Philosophie und in der Wissenschaft zu verbreiten und fand durch die empirischen Wissenschaften, besonders durch die Evolutionstheorien der Geologie (Lyell) und der Biologie (Darwin) immer mehr Berechtigung. Heute wissen wir, dass es ein Universum gibt, das sich entwickelt und zu einer bestimmten Entwicklungsstand dieser Entwicklung den Geist aus sich hervorbringt. Wir wissen daher, dass auch wenn sie scheinen, sich gegenüberzustehen Materie und Geist, Natur und Mensch, Objekt und Subjekt eine Einheit sind, zwei verschiedene aufeinanderfolgende Ausprägungen des Universums darstellen. 

Deshalb hat Hegel in seinen Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte klar betont, dass man keine Philosophie betreiben kann ohne Spinozist zu sein bzw. ohne die Einheit als Grundlage für die Unterscheidung von Materie und Geist zu sehen: 

“Im allgemeinen ist darüber zu bemerken, daß das Denken, der Geist, sich auf den Standpunkt des Spinozismus gestellt haben muß. Diese spinozistische Idee ist als wahrhaft, als begründet zuzugeben”.

(Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, in: G.W.F. Hegel Vorlesungen, Bd. 9, Hamburg 1986).

Aus dieser monistischen Perspektive ist das, was den Unterschied zwischen Materie und Geist, Objekt und Subjekt, bestimmt, nur der verschiedene Grad dessen, was die Identität von beiden bildet. Diese Identität ist der bestimmte gemeinsame Nenner, der ihre Erkenntnis möglich macht. Beide, Materie und Geist, Objekt und Subjekt sind Vernunft, aber auf verschiedenen Entwicklungsstufen, gekennzeichnet von größerer oder geringerer Notwendigkeit bzw. Freiheit, Bewusstsein bzw. Unbewusstsein. Die Materie und die Natur sind notwendige, unbewusste Vernunft (die Naturgesetze); Der Mensch und das Subjekt sind freie, bewusste Vernunft (die Ethik).

Es ist deswegen oberflächlich und falsch, Natur und Menschheit immer noch als nebeneinander bzw. sich gegenüberstehend anzusehen, wenn man das derzeitige Niveau der wissenschaftlichen Erkenntnisse über die materielle Welt sowie die postkantische philosophische Entwicklung betrachtet. Die Menschheit wurde von der Natur hervorgebracht und ist mit ihr nicht nur aufgrund ihrer physischen und körperlichen Beschaffenheit, sondern auch durch ihr rationales und geistiges Wesen sehr eng verbunden. Denn auch die Natur ist “rational” – wie die Tatsache, dass wir ihre Kenntnis in Form von Gesetzen besitzen, welche sich anhand der Technik als “wahr” erweisen und uns ermöglichen, erfolgreich in ihre Prozesse einzugreifen –, nur dass es sich um eine Rationalität handelt, die unbewusst und notwendig bleibt. Das, was wirklich existiert und erst die Form der natürlichen Unbewusstheit und dann die der geistigen Bewusstheit annimmt, ist daher die Rationalität des Universums, des Monos. Es ist diese Rationalität, die zuerst die Form der Materie und dann die des Geistes annimmt.

Das Monos kann deshalb auch als Logos bezeichnet werden, weil es im Wesentlichen Rationalität ist, unbewusst als Materie, bewusst als Geist und mit verschiedenen Grades der Entwicklung dazwischen.

Wir sind also an einen entscheidenden Punkt im philosophischen Diskurs der Wissenschaft der Weisheit gelangt, so wie wir ihn in diesem allgemein verständlichen philosophischen Handbuch ausrichten. Wir sind nämlich zur fundamentalen Frage gelangt, was die Vernunft ist, das Monos, das auch Logos ist, welches erst als Materie, notwendige und unbewusste Vernunft, und dann als Geist, freie und bewusste Vernunft, existiert.


Lektion 7

Die Grundstruktur der absoluten Vernunft (Logos)

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Der zentrale Aspekt, dem wir bisher hinsichtlich einer Definition der Philosophie als ‚Wissenschaft der Weisheit‘ nachgegangen sind, ist der Begriff  ‚Logos‘. Damit ist die absolute Vernunft gemeint, die objektiv und zur gleichen Zeit subjektiv ist und die je nach Bewusstseins und Freiheitsgrad im gesamten Sein präsent und tätig ist.

Nach dieser wichtigen Präzisierung versuchen wir nun, das Absolute, die absolute Vernunft, das Logos, welches sowohl in der Natur als auch im Geiste wirkt, zu verstehen.  Es ist in der Tat offensichtlich, dass man von diesem Absoluten ausgehen soll, um die objektive Natur und den subjektiven Geist zu erfassen, in denen es sich zuerst als notwendig und dann als frei erweist. 

Wie gelangt man zum Absoluten? 

Die erste Frage, die sich diesbezüglich aufdrängt, ist folgende: Wie können wir das Absolute erfassen, wie können wir es erkennen? In der Religion geschieht dies durch den Glauben, aber, wie wir gesehen haben, wendet die Philosophie eine gänzlich verschiedene Methode an, obwohl sie im Grunde dasselbe Ziel verfolgt wie die Religion. Diese Methode besteht in der Argumentation: Sie muss ihre Grundlagen beweisen, und dies vermag kein Akt des Glaubens, kein Dogma. 
Der philosophische Zugang zum Absoluten erweist sich, wenn man dem bisherigen Gedanken folgt, als sehr viel einfacher und verständlicher, als es scheint: Da nämlich das Absolute im Grunde die absolute Vernunft ist und diese wiederum das Wesen unseres Geistes darstellt, also unser ununterbrochenes Denken, das Formulieren von Begriffen und Ideen usw., d.h. unsere gesamte logische Aktivität, können wir das Absolute verstehen, indem wir unsere Gedanken analysieren: ergo mithilfe der Wissenschaft der Logik. Die logische Erkenntnis des menschlichen Denkens und die Erkenntnis des Absoluten überschneiden sich. 

Diese Überschneidung führt offenkundig zu den Disziplinen der Logik und der Metaphysik, die bereits in den Anfängen der griechischen Philosophie als identisch erachtet wurden, denken wir an Parmenides und Heraklit (man vergleiche des Letztgenannten z.B. die Fragmente zum Logos, heute wie damals aktuell).
Diese beiden Vorbedingungen vorausgeschickt bzw. vorausgesetzt, dass der Zugang ausschließlich über die Logik erfolgen kann und diese daher sowohl mit der Metaphysik als auch mit der Theologie zusammenfällt, da diese zwei Wissenschaften traditionell die Erkenntnis des Absoluten als Ziel haben, stellen sich zwei weitere Probleme: Erstens, das einer präzisen Definition des Gegenstandes bzw.  die Frage, in was genau die Vernunft besteht; Zweitens, welche die richtige Methode ist, um es auf ernsthafte und wissenschaftliche Weise zu untersuchen. 

Was genau ist die absolute Vernunft bzw. der Untersuchungsgegenstand der Logik-Metaphysik?

Wenn wir unsere Sprache untersuchen, bemerken wir, dass es sicher Begriffe gibt, die Erfahrung voraussetzen, um existieren zu können. Der Mensch hätte z.B. nie den Begriff und das Wort “Baum”, wenn er diesen nie gesehen hätte. Das gilt für alle konkreten und abstrakten Nomen, aber auch für Verben und die Handlungen, die diese designieren. Dann gibt es andere Begriffe, die dazu dienen, die Syntax der Sprache zu formulieren Präpositionen, Konjunktionen usw.). Dazu gibt es noch weitere Worte, welche die Bedeutungen von Nomen und Verben präzisieren (verstärken, abschwächen usw.) wie Adjektive und Adverbien.

Dieser Teil der Sprache ist also auf die konkrete, aber auch abstrakte Erfahrung (z.B. die der Fantasie) und auf die Syntax zurückzuführen, mithilfe derer wir Sätzen einen Sinn geben. Ein anderer Teil der Sprache ist jedoch nicht auf eine interne oder externe Erfahrung zurückzuführen, sondern existiert bereits vor dieser und ist sogar eine notwendige Bedingung, um alle Assoziationen einer begrifflichen Einheit und somit das Wort, das diese Einheit bezeichnet, einzuordnen.

Schauen wir uns den folgenden Beispielsatz an: “Der Tisch ist hoch.” Darin gibt es einige Begriffe, die über die einfache Bedeutung jenes Satzes hinausgehen. Bereits im Wort “Tisch” steckt die Formulierung eines einzigen Begriffs für ein Zusammenspiel mehrerer Einzelteile, die Einheit einer Vielzahl, über die hier bereits gesprochen wurde. Diese sind Tischplatte, Tischbeine, Schrauben, Material, Farben und gegebenenfalls weitere vorhandene Teile, die zu einer Funktion zusammengesetzt sind, die bereits weit über das einfache Wort hinausgeht, z.B. die Funktion Bücher oder Lampen zu tragen usw. Dies beinhaltet die Reduktion der Vielzahl auf eine begriffliche und funktionelle Einheit. Diese Art der Reduktion findet sich noch deutlicher im Begriff “Aula” wieder, in dem die Teile, die das Ganze darstellen, voneinander getrennt und nicht physisch miteinander verbunden sind (während sie im Tisch physisch miteinander verbunden sind).

Im selben Satz “Der Tisch ist hoch” haben wir außerdem eine konjugierte Form des Verbs “sein”, welches offensichtlich komplexer ist als das Substantiv “Tisch” und das Adjektiv “hoch”. Das Verb drückt ein Urteil aus, indem einem Gegenstand eine bestimmte Eigenschaft zugesprochen wird. Dieser Akt entspringt offensichtlich unserer Logik, da der Tisch per se weder niedrig noch hoch ist. 

Werfen wir nun einen flüchtigen Blick auf die bisher im einfachen Beispielsatz ermittelten Begriffe, die wir analysiert haben, um den Aufbau des Satzes zu erläutern: 

Begriff (der Tisch ist ein Begriff, ein Gattungsname);
EinheitVielzahl, GanzesEinzelteile (die Struktur des Begriffs);  
Urteil (dass der Tisch für uns hoch ist);
Sein (die Verknüpfung einer Eigenschaft mit einem Gegenstand);
Qualität und Quantität (die Höhe, das Hoch sein).

Alle diese Wörter, die notwendig sind, um diesen einfachen Satz zu formulieren, sind offenkundig weder reale Gegenstände (Nomen), noch Handlungen (Verben) noch syntaktische Diskursstrukturen (Präpositionen, Konjunktionen), sondern “Kategorien” bzw. Gedankenstrukturen, mithilfe derer wir die Realität, unsere Gedanken und Ideen und alles, über was wir nachdenken, sprachlich abbilden können. 

Die Kategorien sind das echte und eigentliche Herzstück des Denkens, das Netz, über das das Denken die Vielzahl auf logische Weise vereinen und ausdrücken kann. Sie bilden daher den echten und eigentlichen Inhalt des Denkens, seine Essenz, sein Wesen. Das Denken besteht aus Kategorien, welche dann – angewandt auf die innere und äußere Erfahrung zur Kenntnis der Welt führen. 

Aufgrund unseres bisher ausgeführten Verständnisses der Beziehung zwischen Denken und Absolutem scheint es naheliegend, dass die Kategorien, also die Grundstrukturen des Denkens, ebenfalls die Struktur des Absoluten darstellen. Die absolute Vernunft, das Logos, besteht demnach aus Kategorien. 

Die Logik ist daher die Wissenschaft der Kategorien, vor allem im subjektiven Sinne als Wissenschaft des menschlichen Denkens (so etwa bei Aristoteles und Kant); folgt man Hegel hingegen, der, wie wir gesehen haben, eine tiefere Auffassung der Logik als Kenntnis des Absoluten ausgearbeitet hat, so ist diese Wissenschaft auch Metaphysik und Theologie. 

Wir haben schließlich auf der einen Seite die sogenannte formale Logik (Aristoteles, Kant, zeitgenössische Logik) und auf der anderen Seite die substantielle Logik (Hegel, dialektische Auffassung).
Die formale Logik erkennt nicht die unauflösbare Verknüpfung des menschlichen Denkens, also der subjektiven Vernunft, mit der rationalen Struktur der Welt, also mit der objektiven Vernunft, und somit entsagt sie sich für immer der Möglichkeit, die tieferen Gründe einer Erkenntniserweiterung zu verstehen. 

Auf diese Weise öffnet sie eine unüberwindbare Kluft, auch auf ethischem Niveau, zwischen Mensch und Welt, Vernunft und Materie. So schafft man einen Dualismus zwischen Mensch und Natur, Vernunft und Welt, der eine Reihe ernster Probleme aufwirft, sowohl für die theoretische Philosophie als auch – oder vor allem – auf dem Gebiet der ethischen Philosophie. Im ersten Fall geht es um Phänomene wie den zeitgenössischen Relativismus bzw. den Mangel an Vertrauen in eine absolute und objektive Wahrheit, die unabhängig vom einzelnen Mensch ist; Im zweiten Fall haben wir das Phänomen der Ausbeutung des Menschen und der Natur seitens des Menschen mit den uns gut bekannten Auswirkungen. All dies hat als erste philosophische Ursache den Dualismus, durch den das Andere, sei es Mensch oder Natur, vom Subjekt als anders als das Selbst angesehen wird, nicht als Seinesgleichen und daher des Respekts würdig und vielleicht auch der Sorge und der Liebe, genauso, wie das Subjekt sich selbst sieht.

Über die mäeutische Methode der Logik-Metaphysik 

Den Gegenstand der Logik verdeutlicht, kommen wir nun zu ihrer Methodik, d.h. wie wir die Kategorien am besten erkennen können. Hier gibt es zwei Möglichkeiten, die auch in diesem Falle auf radikale Weise die formale und die substantielle Logik unterscheiden. Im ersten Fall werden die Kategorien über die Analyse der Sprache ermittelt, anhand einer Überlegung des Philosophen, der die Kategorien ermittelt,  auflistet und ihre verschiedenen Bedeutungen erläutert; Im zweiten Falle hingegen muss der Denker, der Philosoph, fast verschwinden, und die Kategorien müssen sich von selbst erkennen, nach einer eigenen Methode, bei welcher der Philosoph zwar physisch präsent ist, aber  minimal auf die Selbsterklärung der Kategorien einwirkt. 

Dieses Verfahren erinnert stark an die mäeutischsokratische Methode, der zufolge die Wahrheit per se im Subjekt existiert, und zwar unabhängig von diesem, und die Aufgabe des Philosophen nicht darin besteht, die Wahrheit zu erschaffen und sie dem Schüler zu diktieren, was eine willkürliche Aktion darstellen würde, sondern ihm zu helfen, die Wahrheit, die er in sich trägt, selber ans Licht zu bringen. So verhält es sich auch in der substantiellen Logik: Die Kategorien, die ja die Vernunft und somit das Absolute darstellen, sind selbst die Wahrheit, die sich in uns allen findet. Wir alle sind das Absolute in unserem Logos in unserem Denken. Der Philosoph ist derjenige, der diesen Logos versteht, der sich dessen bewusst wird und deswegen seinesgleichen helfen kann, dieselbe Bewusstwerdung zu vollziehen, also die Selbstbewusstwerdung, die er zuerst vollzogen hat, weswegen er jedoch nicht mehr Logos besitzt als die Anderen. Er ist sich dessen lediglich bewusster. 

Der substantiellen Logik nach darf sich der Philosoph nicht das Recht anmaßen, die Kategorien auszuwählen und aufzulisten, weil er sich so das Recht zuspräche, als ein individuelles Ich das Absolute zu bestimmen; Er darf der Logik lediglich seine Stimme verleihen, indem er als Akt vollster Genügsamkeit und Bescheidenheit seine eigene subjektive Persönlichkeit vollständig ausblendet. Es ist also nicht der Denker, ob es Hegel oder wer auch immer ist, der den Kategorien seine eigene Logik aufzwingen muss. Die Kategorien benötigen keinen solchen Akt, weil sie die Logik bereits in sich tragen. Sie selbst sind nämlich die Logik, wie könnte also ein Mensch, auch wenn er ein Philosoph oder Wissenschaftler ist, die logische Ordnung der Erklärung der Kategorien festlegen? Der Philosoph muss jene innere Logik der Kategorien bescheiden anerkennen und sie dann zum Ausdruck bringen. Dabei muss er sich an sie halten und seine eigenen Beiträge auf das Nötigste beschränken. So wird er eine mäeutische Funktion hinsichtlich des Logos einnehmen, er wird diesem helfen, sich selbst zu erkennen und sich zum Ausdruck zu bringen. 
Die Grundidee der substantiellen Logik ist also, dass die Kategorien eine eigene Logik besitzen, die der Philosoph daher nur ermitteln soll, damit diese Logik sich selbst entwickelt, ohne äußere Einwirkungen. Der Knackpunkt, das eigentliche Hindernis ist dabei, den Anfang zu finden, die erste Kategorie, auf die, wenn sie erst einmal gefunden ist, die anderen automatisch folgen, weil sie sich aus der inneren Notwendigkeiten der Logik ergeben. 

Das Problem des Anfangs der Logik-Metaphysik bzw. die erste Kategorie: das Sein (die absolute Vernunft ‚ist‘; Affirmation)

Welche kann die erste Kategorie sein? Denken wir einen Moment gemeinsam darüber nach. Wir wissen nun, dass die Vernunft das Absolute ist und dass sie unsere Essenz darstellt, die wir auf objektive Weise erkennen können, weil die Möglichkeit der Wahrheitskenntnis einerseits eine logische Wahrheit und andererseits eine empirische Tatsache darstellt, so wie wir es zuvor in der Theorie des “Ich verstehe” verdeutlicht haben.

In der Logik sind Subjekt und Objekt eins. Das Subjekt, die individuelle Vernunft, möchte das Objekt, den Logos bzw. die universelle Vernunft, erforschen und erkennen, die jedoch im Grunde sie selbst ist. Das Denken erkennt sich selbst, das ist der erste logische Schritt, der Ausgangspunkt. Was weiß das Denken zunächst über sich selbst, was weiß die Vernunft über sich? Haben wir bereits eine Wahrheit, wissen wir bereits etwas in diesem ersten Moment? Wir wissen tatsächlich, dass sie ist: Die Existenz der Vernunft kann nicht bezweifelt werden (das kartesianische cogito ergo sum). Daher ist ihr “Sein” das Allererste, das erste Hauptmerkmal, die erste Bestimmung, die erste Definition, die wir ihr zusprechen können. Deswegen ist das Sein auch die erste Kategorie. 

Die erste Kategorie des Denkens, das erste Hauptmerkmal der Vernunft, ist folglich das Sein. Und diese Kategorie ist in der Tat, wie wir von Parmenides wissen, auch die Grundkategorie der Metaphysik: Alles ist, bevor wir es als etwas Spezifisches weiterbestimmen. Das ist die allgemeinste, am wenigsten  spezifische und detaillierte Bestimmung, die dafür jedoch universeller ist. Man kann sie allem zuschreiben, jedem materiellen oder auch abstrakten Objekt, in dem Moment, in dem wir an es denken. 

Das Nichts als zweite Kategorie (die absolute Vernunft ist ‚Nichts‘; erste Negation)

Es ist jedoch klar, dass das Wissen über die Existenz der Absoluten Vernunft nicht bedeutet, diese auch zu kennen. Wir haben ihren Inhalt noch nicht bestimmt. Das, was wir in diesem ersten Schritt der logischen Erkenntnis darüber wissen, ist noch nichts. Und genau dieses ‚Nichts‘ stellt die zweite Kategorie der Vernunft dar, zu der wir wie man nachfolgen kann – durch unsere eigene ‚passive‘ Überlegung über die Kategorie des Seins gelangt sind. 

In der Tat haben wir der Kategorie des Seins nicht durch unsere subjektive Willkür die des Nichts hinzugefügt, sondern jene hat sich als die notwendigerweise auf die des Seins folgende aufgedrängt. Wir haben diese logische Reihenfolge nur erkannt, nicht erschaffen. Darin besteht die mäeutische Kennzeichnung der angewandten Methodik. 

“Sein” und “Nichts” sind daher die ersten zwei Bestimmungen des Logos, der absoluten Vernunft, also die ersten beiden Kategorien der Logik. Es ist nicht an uns, diese zu bestimmen, sie bestimmen sich selbst, die eine entwickelt sich aus der anderen. Das Nichts geht aus dem Sein hervor, aber man kann auch das Gegenteil behaupten bzw. dass der Ausgangspunkt der Logik die Vernunft ist, über die wir noch nichts wissen, außer dass sie ist. Aus dieser Perspektive gesehen, kommt also zuerst das Nichts und dann das Sein als dessen Negation vor. 

Wie man sieht, sind also die Kategorien, die wir in diesem ersten Schritt der Erkenntnis der Vernunft derselben zuschreiben, die einfacheren Kategorien. Sie gehören zum Anfang des Prozesses der Vernunft, die sich selbst kennt. Am Anfang kann sie nicht mehr von sich wissen, als dass sie ist, aber das heißt, dass sie noch nichts Inhaltliches von sich weiß: Sie weiß, dass sie ist, aber nicht was sie ist.

Das Werden als dritte Kategorie (die absolute Vernunft wird‘; zweite Negation oder Negation der Negation) 

Im aktuellen Erkenntnisstadium, zu dem wir nun gelangt sind, haben wir also das Sein und das Nichts; Der Gedanke weiß, dass er ist, aber er weiß noch nicht, was er ist. Dieses ‚noch‘ leitet einen weiteren logischen Schritt ein und mit diesem eine neue Kategorie: das Werden. Wir wissen nämlich jetzt, dass das Logos, die absolute Vernunft, wird. Sie erscheint. Wir sind dabei, sie zu erkennen, sie ist auf dem Weg zu werden, sie entsteht. Die Kategorien sind sozusagen dabei, sich zu entwickeln, zu zeigen. 

Daher ist das Werden die nächste Kategorie, die dieses erste Erkenntnisstadium abschließt, weil das Werden die Verbindung, die Einheit zwischen dem Sein und dem Nichts ausdrückt. Wenn etwas wird, bedeutet das, dass es vom Sein zum Nichts oder vom Nichts zum Sein übergeht (die Geburt und der Tod, der Anfang und das Ende usw.). Das Werden bildet daher die Beziehung zwischen den ersten beiden Kategorien, zwischen Sein und Nichts. 

 

Allgemeine Prinzipien der absoluten Vernunft:  der Begriff von “Moment” 

Das Sein und das Nichts als solche sind Momente (dies ist ein sehr wichtiges Prinzip der substantiellen Logik) des Werdens, welches jetzt die aktuelle   Kategorie und Bestimmung der absoluten Vernunft ist. Sein und Nichts sind einseitige, partielle Momente. Alles, was wahrhaftig existiert auf dieser Stufe der logischen Entwicklung, ist das Werden der Vernunft, die sich selbst kennt. Das ist die Wahrheit, die wir jetzt haben, die Vernunft ist dabei, sich selbst zu erkennen, sie wird, sie besteht in dieser Selbstwerdung.

Betrachten wir das Ganze von einem metaphysischen Standpunkt aus, nachdem wir bemerkt haben, dass es sich dabei um eine substantielle und objektive, also um keine bloß formale und subjektive Logik handelt, so können wir die bisher erreichte Wahrheit mit dem folgenden Satz ausdrücken: Das Absolute wird, ist im Werden. Dieser Gedanke führt uns vor allem zum anderen großen griechischen Denker zurück, der zusammen mit Parmenides die Metaphysik begründet hat: Heraklit, dessen Philosophie das Werden als Hauptprinzip hat.

Dazu kommt, dass es sich außerdem um einen Gedanken handelt, der auf außerordentliche Weise mit der kontemporären wissenschaftlichen Weltauffassung konform geht. Dieser zufolge ist in der Tat alles Evolution, Werden, Zeit. Im folgenden werden wir sehen, dass die logischsubstantielle Auffassung, obwohl sie deutlich flexibler und komplexer ist, unbestreitbar die Vision der Realität als Prozess des Werdens in sich trägt, die in völligem Einklang mit dem heutigen wissenschaftlichen Weltverständnis ist.

Ist dieser erste logische Gedankengang vollzogen, der uns dahin geführt hat, im Werden die erste synthetische Kategorie zu erkennen, da sie in sich die entgegengesetzten Momente des Seins und des Nichts enthält, können wir noch einmal über die Methode nachdenken und so die weiteren allgemeinen Prinzipien der absoluten Vernunft ermitteln. 

Allgemeine Prinzipien der absoluten Vernunft: die vollkommene Immanenz der Entwicklung 

Zunächst muss man klarstellen, dass es sich dabei nicht direkt um eine extern angewendete Methode handelt, die von der Sache selbst trennbar wäre, sondern dass es die Bewegung, die Entwicklung, welche den Kategorien inhärent ist, selbst ist, die diese Methode bildet. Wir stellen zwar unsere Überlegungen zur Methode von außen an, wir gewinnen die allgemeinen Prinzipien aus ihr, aber es muss unmissverständlich klar sein, dass wir den Kategorien keine Methode aufzwingen, sondern dass diese sich nach einem inneren Ablauf die eine von der anderen herausbilden, der nicht von außen beeinflusst wird.

Demnach haben wir bereits das Prinzip der vollkommenen Immanenz der Entwicklung, also der Selbstentwicklung der Sache selbst. Dies wiederum ist ebenfalls ein Grundaspekt der Welt: Die Welt entwickelt sich auf immanente Weise weiter, ohne von außen beeinflusst zu werden, auch die ihre ist eine Selbstentwicklung. 

Allgemeine Prinzipien der absoluten Vernunft: die Aufhebung

Ein weiteres Grundprinzip stellt das Prinzip der Aufhebung dar. Das Werden übersteigt sowohl das Nichts als auch das Sein, aber es bewahrt sie in sich als sein Begriff, weil es letztlich nur den Übergang vom Sein zum Nichts und vom Nichts zum Sein ist. Deshalb gilt das, was in der Entwicklung überwunden wird, geht nicht komplett verloren, sondern bleibt auf eine ideale Weise, zwar nicht mehr real, aber es bleibt. Die Entwicklung ist also Wachstum, Fortschritt, der selbstverständlich keinerlei Bewertung impliziert, kein Urteil. 
 
Allgemeine Prinzipien der absoluten Vernunft: Affirmation, erste Negation und zweite Negation bzw. Negation der Negation

Innerhalb des Entwicklungsprozesses, der von der Aufhebung gekennzeichnet ist, muss man auf drei Grundmomente hinweisen: die Affirmation, die erste Negation und die Negation der Negation, die auch zweite Negation bezeichnet werden kann. 

Die Affirmation ist der erste Moment, der Beginn (im Falle des Beginns der Logik z.B. das Sein). Sie ist die Position, das, was unmittelbar ist, der Ausgangsbegriff.

Die erste Negation hingegen besteht im Gegenteil jener Affirmation bzw. dessen Negation (im Falle der ersten drei Kategorie ist das Nichts). Dieser Moment ist absolut essentiell, er ist der eigentliche Motor der Entwicklung. Wenn es ihn nicht gäbe, gäbe es keine Entwicklung. Die Negativität ist eine Grundeigenschaft des Seins, auch von uns selbst. Wir negieren unaufhörlich das, was ist, so gehen wir weiter, so schreiten wir in unserem Leben fort. Manchmal sind wir müde und wir wünschen uns, zu entspannen, anzuhalten, positiv zu sein, angekommen und unbeweglich, affirmativ. Aber nach einer Weile langweilt uns dies, und die Hektik, wenn wir sie so nennen möchten, der Negativität beginnt von vorn. Wir verlassen die Position des Stillstands und beginnen eine neue Aktivität, neue Projekte. Man könnte sagen, dass je geistiger eine Person ist, desto negativer ist sie hinsichtlich der Stabilität, also dessen, was ihr gegenübersteht. Sie will darüber hinausgehen, es ändern. Der Moment der Negation ist der wahre dialektische Moment bzw. der des Widerspruchs dessen, was ist. Deshalb stellt er den Moment der Suche nach seiner Überwindung dar.

Der dritte Moment ist schließlich der der zweiten Negation oder der Negation der Negation, bzw. das Erreichen einer neuen Position, einer neuen Affirmation, die der Ausgangsposition übergeordnet ist, weil sie in sich alles das trägt, was ihr der negative Moment eingebracht hat. Diese Position ist also synthetisch. Sie birgt in sich den gesamten Prozess der Negation, aber hat jetzt eine neue Stabilität erreicht.

 

Allgemeine Prinzipien der absoluten Vernunft: Die Unterscheidung zwischen falscher und wahrer Unendlichkeit

Diese neue Affirmation wird wiederum eine eigene Negation erfahren und so wird der Prozess fortgeführt werden, aber nicht unendlich. In der Sequenz der Kategorien werden nämlich auch die Kategorien des Endlichen und Unendlichen erläutert. Das Endliche wird dabei vom affirmativen und negativen Teilmoment der Entwicklung repräsentiert (im Falle der ersten Triade sind es das Sein und das Nichts). Das Unendliche ist hingegen der dritte Moment, der synthetische (in unserem Falle das Werden). Daher muss man das Unendliche so verstehen, dass es das Vollendete ist. Es ist das Resultat der Entwicklung, das die Momente enthält, aus denen es resultiert, sowohl als überwundene als auch als bewahrte Momente.

Von diesem Begriff des Unendlichen, welches die wahre Unendlichkeit darstellt, muss man die falsche Unendlichkeit unterscheiden. Die falsche Unendlichkeit ist das, was wir allgemeinsprachlich als Unendlichkeit verstehen, d.h. die unendliche Weiterentwicklung, die keine Ende hat. Jene ist aber nur reine Wiederholung, ohne jemals zu einem vollendeten Resultat zu gelangen, das der Entwicklung einen Sinn gibt.

Diese Unterscheidung ist in der substantiellen Logik grundlegend, weil sie weitreichende Folgen für den Menschen hat, beispielsweise in der Ethik. Geht man von der falschen Unendlichkeit aus, so kann man sagen, dass unser Leben ein positiver und negativer Prozess ist, mit dem wir am Ende nichts erreichen: Viel Mühe kostet uns das Leben, am Ende für nichts. Wir bauen auf, kämpfen, freuen uns und leiden, aber alles ist nur eine Reihenfolge von Momenten, die kein bleibendes Ergebnis mit sich bringen. Vom Standpunkt der wahren Unendlichkeit aus ist das nicht aber so. Diesem zufolge ist es nämlich nicht die Häufigkeit der Wiederholung, die zählt, sondern die Qualität ihres Resultates. Wir studieren, lernen und bestehen Prüfungen in einem kontinuierlichen Prozess, der scheinbar zu nichts führt und repetitiv ist. Aber in diesem Prozess verändern wir uns selbst, lernen einen Beruf, formen unseren Geist und werden zum Resultat dieses Lernprozesses. Daher scheint es, dass wir eine unnütze Sequenz von positiven und negativen Momenten durchlaufen haben, eine Dialektik, aber das, was zählt, ist das Endergebnis, nicht die Note der Abschlussarbeit, sondern unsere Vorbereitung, wir selbst als Resultat des dialektischen Lernprozesses. Wir selbst sind die wahre Unendlichkeit als Folge von endlichen Momenten (Unterrichtsstunden, Prüfungen, Seminaren) usw. Der mit Schweiß verdiente Universitätsabschluss und die Opfer, die wir für die Prüfungen gebracht haben, besiegeln den dialektischen Prozess und geben den endlichen Momenten seiner Entwicklung einen Sinn. Sie sind das Zeugnis dessen, dass wir etwas gelernt haben, dass wir jemand anderes sind die Person, die sich an der Universität eingeschrieben hat. Wir haben uns qualifiziert, Fähigkeiten erarbeitet, die uns dazu befähigen, einen Beruf innerhalb der Gemeinschaft, in der wir leben, auszuführen. Ein gekaufter Abschluss, ohne Lernprozess, hat keinerlei Wert, und das nicht für die Gesellschaft, für die sie ihn sogar haben könnte, sondern für uns und die Logik, weil der gesamte dialektische Lernprozess und der gesamte Veränderungsprozess des Ichs.

Auch eine Liebesbeziehung ist so: Die gesamte Reihe von Treffen, Gesprächen, Küssen, Zärtlichkeiten und vielleicht auch Streitereien usw. ist so ein Prozess, der als solcher zu einem Ergebnis, zu einer Unendlichkeit in Form des Liebespaares bzw. der Familie führen soll, um Sinn zu haben und wertvoll zu werden. Die Familie enthält in sich den Prozess, d.h. die beiden Einzelpersonen, das Positive und das Negative, aber als eine Einheit, das Paar, in dem jeder sich im Anderen wiedererkennt. In jenem Resultat existiert das Ich nur als Moment des Paares, es ist aufgehoben, ist somit überschritten aber auch auf einem übergeordneten Niveau bewahrt.  Jeder ist dank des Anderen nicht mehr alleine und erhält seinen Sinn in der Gesamtheit des Paares, und jetzt kann es Ehemann, Ehefrau, Mutter, Vater werden. Das solide Liebespaar ist wahrhaft unendlich, als Resultat des dialektischen Liebesprozesses. Das Paar generiert wiederum einen weiteren Prozess, nämlich den der natürlichen Zeugung sowie der  geistigen Erziehung ihrer Kinder, in dem das wahrhaft Unendliche im Ergebnis bzw. im gut erzogenen Kind besteht, welches seinerseits die Fähigkeit besitzt, in einer weiteren Liebesbeziehung weitere gut erzogene Menschen  hervorzubringen usw.  

Schlussendlich liefert uns die substantielle Logik einen Schlüssel zur Interpretation der Realität, weil sie voraussetzt, dass die logischen Kategorien nach der parmenidischen Auffassung von Identität zwischen Gedanken und Sein nicht nur dem Gedanken, sondern dem gesamten Sein eigen sind. Diese Auffassung ist das Fundament der gesamten Geschichte der Metaphysik  und wir haben gesehen, dass sie von einem erkenntnis und wahrheitstheoretischen Standpunkt aus dank der Theorie des “Ich verstehe” stets Gültigkeit besitzt. 

 

Das Resultat (das wahrhaft Unendliche) als inneres Endziel der Entwicklung

Diesen Grundprinzipien muss man ein weiteres hinzufügen, das des Resultats als des immanenten Endziels der Entwicklung. Das Resultat ist nämlich nicht zufällig bzw. aus der Beziehung zwischen Affirmation und Negation geht nicht zufällig irgendeine Negation der Negation als Resultat hervor, sondern es (das Resultat) bzw. sie (die Negation der Negation)  ist bereits von Beginn an als Potenz vorhanden. Unser Verständnis des Seins als Affirmation sowie des Nichts als dessen Negation enthält in sich schon das Werden, welches dann am Ende als Resultat expliziert wird. Das bedeutet, dass der Bestimmung der absoluten Vernunft als Sein und Nichts lag schon die Kategorie des Werdens zugrunde, da die absolute Vernunft als solche bei Ihnen im Werden war.

Die Negation der Negation ist daher die Explizierung dessen, was im Übergangsprozess von der Affirmation zur ersten Negation bereits implizit enthalten ist. Daher arbeitet das wahrhaft Unendliche als Grund bereits in seinen endlichen Momenten und gibt ihnen einen Sinn, ein Endziel.

Kehren wir zurück zu unseren vorherigen Beispielen, so führen die Prüfungen nicht zufällig zum Abschluss, sondern der Abschluss wird Stück für Stück mit jeder Prüfung vorangebracht. Er ist bereits präsent in jedem einzelnen Moment des Weges, der zum Endresultat führt.

Im Fall des Liebespaares geschieht dasselbe: Der Mann und die Frau, die mit der Zeit verstehen, dass sie sich lieben und zusammenleben wollen, leben dies nicht nur an einem entscheidenden Tag, wie etwa dem ihrer Hochzeit, sondern in jedem einzelnen Moment ihres gemeinsamen Weges, der zu diesem Resultat führt. Die wahre Unendlichkeit erscheint als solche erst am Ende des Prozesses, aber sie ist im gesamten Prozess präsent, wenn auch still und versteckt.


Allgemeine Prinzipien der absoluten Vernunft: der Kreis als geometrische Figur, die den dialektischen Prozess abbildet

Ein weiteres Grundprinzip der substantiellen Logik ist das des Kreises. Dieses resultiert direkt aus dem, was wir gerade gesagt haben. Die passende geometrische Figur, die jene Logik visuell abbildet, ist nämlich keine Gerade oder Halbgerade, sondern der Kreis. 

Der Prozess zielt auf ein Resultat ab, das als solches in Idealform bereits vorher existierte. In diesem Sinne ist die Verwirklichung des Resultats, das wahrhaft Unendliche also, die Verwirklichung des Ideals, eines Projektes, das von Beginn an in Idealform implizite existiert. Im Falle der ersten Triade Sein, Nichts, Werden ist das Resultat das Werden, aber unsere anfängliche Idee war es bereits, die Kenntnis der absoluten Vernunft zu erlangen, daher wirkt sein Werden bereits von Anfang an als Grund der Entwicklung. Der Prozess ist also nicht zufällig, sondern strebt danach, etwas Ideales zu verwirklichen, das der Entwicklung vorausgesetzt ist. Diese Entwicklung führt dann zurück zu jenem Ausgangspunkt des Kreises, mit dem Unterschied, dass am Anfang lediglich das nicht realisierte Ideal war, der Begriff des Baumes im Samen, der Familie im Liebespaar, während das Endresultat im verwirklichten Ideal besteht, d.h. im entstandenen Baum, in der entstandenen Familie usw. 

Allgemeine Grundprinzipien der absoluten Vernunft: die Kreativität

Das letzte Prinzip, das es noch zu nennen gibt, das aber zusammen mit dem der Aufhebung die beiden wichtigsten darstellt, ist schließlich das der Kreativität. Der gesamte logischdialektische Prozess ist kreative Schöpfung, in der Logik Schöpfung der Kategorien, in der Realität Schöpfung des konkreten Seins. Die absolute Vernunft ist Schöpferin, sie bringt alles hervor, was ist, sie kreiert das Monos, über das wir gesprochen haben, das EinsAlles, das in seinem Inneren all jenes hat, was einen Anfang und ein Ende hat, die Welt also. 

Auch dieses Prinzip hat einen maßgeblichen Einfluss auf unser praktisches Leben: Es bedeutet nämlich, dass unser rationales Wesen nicht darin besteht, dass wir fähig sind, zu verstehen, sondern vor allem, dass wir fähig sind, zu erschaffen. Unser Wesen ist das eines Schöpfers. Unser Glück und unsere Selbstverwirklichung bestehen in nichts anderem als in der Schöpfung, in einem Leben als schöpferisches Wesen.

Etwas zu schaffen bedeutet zunächst, etwas zu gedanklich zu konzipieren (eine Reise, ein Kunstwerk, eine Familie, ein Gesetz, ein handwerkliches Objekt usw.) und es dann mittels verschiedener Momente, d.h. Entwicklungsphasen oder stadien,  zu realisieren. Am Ende wird das vollendete Werk die wahre Unendlichkeit des Prozesses vieler endlicher Momente sein (z.B. die Geburt der Kinder und die Momente ihres Lebens, sind die endlichen Momente des Lebens einer Familie; die Prüfungen sind die endlichen Momente eines Universitätsabschlusses; der Bau des Fundaments und der verschiedenen Stockwerke sind die endlichen Momente des Unendlichen in Form eines  Hauses usw.).

Wir werden diesen Grundbegriff der Kreativität im ethischen Teil vertiefen (Lektion 11 ff.). An dieser Stelle war es wichtig, eine Brücke zwischen Logik-Metaphysik und Ethik zu schlagen.


Lektion 8

Der Begriff des ‚absoluten Geistes’ 
und der Mensch in seiner Universalität als ‚Absolutes’

*

Das Verständnis der Vernunft als das Absolute stellt einen neuen Blickwinkel dar, zu dem wir über das geordnete System der Begriffe gelangt sind. Die Wahrheit, die in diesem Begriff ausgedrückt wird, ist, dass der Mensch sich darüber bewusst ist, das Absolute zu sein, wenn er der Vernunft folgt, d.h. wenn er nach den Prinzipien der Dialektik denkt und lebt, so wie sie in Hegels Wissenschaft der Logik dargelegt und auf den hier vorliegenden Seiten bereits zusammengefasst wurden. Selbstverständlich ist es denkbar, dass in Zukunft irgendjemand die hegelianische Logik verbessert oder sogar ein gänzlich neues Logikmodell erarbeitet, welches die Hegels zwar bewahrt aber auch übertrifft, wie Hegel es z.B. mit der Logik von Aristoteles und Kant getan hat. Aber das gilt für jede Wissenschaft, die in der Gegenwart als wahr und dann in der Zukunft als ‚aufgehoben‘ gilt. Somit wird sie aber nicht als falsch deklariert, sondern einfach verbessert. Wir müssen deshalb momentan die Logik von Hegel als die neueste gültige und wahre betrachten, weil sie eben derzeit noch nicht übertroffen wurde (sowohl als Logik als auch als Metaphysik). 

In dem Moment, in dem der Mensch seine Art zu denken an die wirkliche Struktur der Vernunft bzw. der Dialektik anpasst, schreibt er seine eigene Denkweise und seine Art zu handeln ins große Bild des Universums ein, in die Schöpfung von allem also, was stetig vom Logos, vom Absoluten geschaffen wird. Im philosophischdialektisch bewussten Menschen ist nämlich immer das Absolute am Werk, aber nicht mehr unbewusst und notwendig wie in der Materie, sondern eben bewusst und frei. 

Diese Wahrheit stellt ein neues Stadium in unserem Wissensaufbau dar. Wir sind vom Begriff der Absoluten Vernunft (oder des Absoluten) zu dem des absoluten Geistes übergegangen, d.h. zum Menschen, der das eigene vernünftige Wesen erkannt und eine Weise des Denkens und Handels angenommen hat, die jenes Wesen widerspiegelt. Auf diese Art lässt der philosophisch und dialektisch selbstbewusste Mensch in sich das Absolute, die absolute Vernunft handeln. Hier agiert also das Absolute, wie im Übrigen überall in der Welt und der Natur, nicht mehr der einzelne Mensch mit seiner Sensibilität, seinen Leidenschaften, Instinkten usw. Das Absolute handelt im Menschen auf bewusste Weise, es ist also absoluter Geist und nicht nur Absolutes. Es ist im Grunde das Absolute, das sich im Menschen, also im Geiste, über sich selbst bewusst ist. 

Es handelt sich um einen sehr wichtigen Schritt im Aufbau der Auffassung der Philosophie als ‚Wissenschaft der Weisheit‘. Die Voraussetzung für die Weisheit ist nämlich, dass der Mensch, der Geist, zu sicheren Erkenntnissen gelangt und damit in der Lage ist, auf dieser Grundlage ausgewogene, eben weise Entscheidungen zu treffen. Diese haben ihren Ursprung offenkundig nicht in der Individualität der empirischen Person (also in deren Charakter, Neigungen, Leidenschaften usw.), sondern aus einem übergeordneten Ursprung stammen. Sie stammen also aus einem begründeten Wissen, aus einer von den Besonderheiten des Moments und des empirischen Individuums distanzierten Betrachtungsweise. Vom Weisen erwartet man, dass er zu den höchsten Erkenntnissen gelangt und die höchsten Entscheidungen trifft, ohne dabei auf seine ihm eigene Subjektivität zurückzugreifen, die genauso schwach wie die der anderen ist. Von ihm erwartet man, dass er mithilfe seiner Fähigkeit, zum Universellen aufzusteigen, dorthin gelangt und folglich sichere Erkenntnisse und Wahrheiten zutage bringt. Diese sollen vom Prinzip her von allen, die diese Fähigkeit besitzen, geteilt werden können, von allen also, denen es möglich ist, sich zum universellen Ich, zur philosophischen Perspektive zu erheben. 

Die philosophische Haltung des absoluten Geistes weist darauf hin, dass man sich zum Verständnis des Absoluten erhoben hat, indem man unsere empirische Einzigartigkeit ausblendet. Man gelangt zu ihm als subjektive und objektive Vernunft, deren grundsätzliche Prinzipien dank des Studiums der Logik-Metaphysik verstanden worden sind. Deshalb ist man dann in der Lage, auf wirklich rationale Weise zu denken und Entscheidungen zu treffen, die nicht die empirische Subjektivität als Quelle haben, weil auch das Absolute an unserer Stelle sie treffen würde. Das Absolute in uns ist es, was die Entscheidungen also trifft! 

Der Geist hat sich also mit dem Absoluten identifiziert, auch wenn dies nur für die Zeit des Lebens gilt, die vom selbstbewussten Geist und nicht vom empirischen Ich bestimmt wird. Der Geist kann jedoch die Zeit bestimmen, in der er als Absolutes bzw. auf vernünftige Weise lebt. Wenn man konsequent in dieser philosophischen Einstellung ist, d.h. wenn man sich so gut wie möglich anstrengt, vernünftig zu denken und zu handeln, natürlich immer der dialektischen Rationalität zufolge, kann man das eigene Leben als Absolutes verlängern und das als empirisches Individuum verkürzen, das von falschen Gedanken und so auch von falschen Entscheidungen und Handlungen beeinflusst wird (falsch insofern, als sie nicht durch das Absolute, das wahre Wissen inspiriert, sondern Resultat individueller Subjektivität sind). 

 

Lektion 9

Der absolute Geist als Vernunftreligion

*

Diese neue Perspektive, diese neue Orientierung im Denken und im Leben, kann auch als ‚Religion‘ bezeichnet werden, natürlich gänzlich im rationalen Sinne einer wissenschaftlichen Weltauffassung. Das Prinzip dieser Denk und Lebenseinstellung, dieser Vernunftreligion, der prägnanten Definition Immanuel Kants zufolge, ist die absolute Vernunft als Grundprinzip von allem. Dieses Prinzip ersetzt den Gott der monotheistischen Religionen, der seinerseits die Götter der polytheistischen Religionen ersetzt hatte. 

Daher stehen wir vor einer Epochenwende, vor dem Beginn einer wirklichen und echten neuen Zivilisation. Von der Zivilisation des Monotheismus, die in ihre unterschiedlichen Glaubensrichtungen aufgeteilt ist, gehen wir in die Zivilisation der Vernunftreligion bzw. der Philosophie, also der komplett rationalen Weise, das Absolute zu erkennen und auszudrücken, über. Kurz gesagt: zur „Zivilisation des Idealismus“, so wie er in Lektion 3 im Rahmen der Gleichstellung von Philosophie und Idealismus erläutert wurde.

Hegel war sich genau darüber bewusst, dass er eine neue Epoche einläuten würde, als er mit ca. 35 Jahren die erste vollständige Version seines eigenen philosophischen Systems erarbeitet hatte, welches er jedoch niemals in dieser Originalform veröffentlichte. Sein Biograph, Karl Rosenkranz, der Hegels Schüler war und die Aufgabe erhielt, seine offizielle Biographie zu schreiben, hatte nach dem Tod Hegels die Möglichkeit, alle Schriften des Philosophen zu sichten und somit uns dessen Gedanken über jene neue Zivilisation zu übermitteln. Sie waren in einem Schriftstück verfasst, das später leider verloren gegangen ist (vielleicht ist es auch von seinen Erben zusammen mit anderen Manuskripten zerstört worden, denen daran gelegen war, ein Bild Hegels zu überliefern, das ihn als einen der evangelischen Religion und der preußischen Monarchie treuen Christen zeigte, was er in seinem Herzen sicherlich nicht war). Es ist wichtig, jene Seiten von Rosenkranz und Hegel vollständig wiederzugeben, denn sie uns ein klares Bild von der epochalen Bedeutung der Entstehung von Hegels Philosophie und somit ihrer Bedeutung als neue Religion, nicht nur als Philosophie erschließen.

Den Text, in dem sich der Stuttgarter Philosoph davon bewusst zeigt, dass er dabei ist, eine neue Kulturepoche einzuleiten, schrieb er zu der Zeit, als er sich in Jena aufhielt. In dieser zentralen Zeit seiner Entwicklung verfasste Hegel die Hauptprinzipien seines Systems sowie auch wichtige Teile davon. Der Text mit dem Titel Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit ist ein langes überliefertes Fragment. Den Titel gab ihm Rosenkranz, der der Ansicht war, dass das Schriftstück als Schlusskapitel von dem System der Sittlichkeit (1802/1803) gemeint war, d.h. als Konklusion zur ersten Version von Hegels Philosophie der Sittlichkeit. Bei dem System der Sittlichkeit handelt es sich um eine ‚Reinschrift‘, die Hegel ursprünglich publizieren wollte, worauf er dann jedoch verzichten musste, weil er zu keinem passenden Schluss kam. Aus diesem Grund ist die Reinschrift genau an der Stelle unterbrochen, bei der es um die Begründung der absoluten Sittlichkeit durch die Religion und daraufhin auch um die richtige Religion geht, die dieser Aufgabe gerecht werden kann. Es soll sich um eine absolute Religion handeln, da keine relative Religion eine absolute Sittlichkeit gründen kann. Rosenkranz zufolge enthält genau das lange Fragment Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit die Lösung dieser Frage und somit bildet es den Abschluss von Hegels System der Sittlichkeit. Wenn man den abschließenden Teil der Fortsetzung liest, wird dies deutlich: 
Schauen wir zunächst auf die einleitenden Worte von Rosenkranz: 

 

„Obwohl nun Hegel damals, wie aus den vorstehenden Mittheilungen zur Genüge hervorgeht, den Protestantismus für eine eben so endliche Form des Christenthums hielt, als den Katholizismus, so ging er deswegen doch nicht, wie Viele seiner Zeitgenossen, zum Katholicismus über, sondern glaubte, daß aus dem Christenthum durch die Vermittelung der Philosophie eine dritte Form der Religion sich hervorbilden werde. Er sagte in dieser Hinsicht:“ 

 

Nun folgen Hegels Worte, die Rosenkranz aus dem verschollenen Manuskript zitiert: 

 

“(…) Nachdem nun der Protestantismus die fremde Weihe ausgezogen, kann der Geist sich als Geist in eigener Gestalt zu heiligen und die ursprüngliche Versöhnung mit sich in einer neuen Religion herzustellen wagen, in welche der unendliche Schmerz und die ganze Sphäre seines Gegensatzes aufgenommen, aber ungetrübt und rein sich auflöst, wenn es nämlich ein freies Volk geben und die Vernunft ihre Realität als einen sittlichen Geist wiedergeboren haben wird, der die Kühnheit haben kann, auf eigenem Boden und aus eigener Majestät sich seine reine Gestalt zu nehmen. – Jeder Einzelne ist ein blindes Glied in der Kette der absoluten Nothwendigkeit, an der sich die Welt fortbildet. Jeder Einzelne kann sich zur Herrschaft über eine größere Länge dieser Kette allein erheben, wenn er erkennt, wohin die große Nothwendigkeit will und aus dieser Erkenntniß die Zauberworte aussprechen lernt, die ihre Gestalt hervorrufen. Diese Erkenntniß, die ganze Energie des Leidens und des Gegensatzes, der ein paar tausend Jahre die Welt und alle Formen ihrer Ausbildung beherrscht hat, zugleich in sich zu schließen und sich über ihn zu erheben, diese Erkenntniß vermag nur Philosophie zu geben.“

(In: K. Rosenkranz, Hegels Leben, 1844, Darmstadt 1977, S. 140141; heute teilweise auch im GW 5, Über Naturrecht, S. 459 ff.).

 

Der Ausdruck ‚neue Religion’ katapultiert Hegel zunächst in eine Welt der Zukunft, und zwar nicht nur von einem theoretischen und rein philosophischen Standpunkt aus, sondern auch aus einem menschlichen Blickwinkel gesehen. Hegel war sein Leben lang auf der Suche nach einer Religion, nachdem er sich als junger Mann zusammen mit Schelling und Hölderlin definitiv von der evangelischen Religion distanziert hatte, obwohl er als Student des Tübinger Stifts für den kirchlichen Dienst ausgebildet wurde. Nach dem Studium arbeitete er aber als Privatlehrer bewusst in verschiedenen katholischen und nicht evangelischen Städten, um sich dieser Konfession zu nähern, wie aus seiner Briefsammlung hervorgeht. Aber auch der Katholizismus, wie Rosenkranz richtig feststellt, konnte Hegel nicht überzeugen, weshalb ihm schlussendlich nichts Anderes übrigblieb, als sich in erster Linie für sich selbst eine neue Religion auf der Basis von Kants Religionsphilosophie zu erarbeiten (wie verschiedene neue Studien deutlich, auch in philologischer Hinsicht gezeigt haben).

Wir können also sagen, dass Hegel mit seinem eigenen philosophischen System das von Kant 1793 erarbeitete Programm einer Vernunftreligion umgesetzt hat, wie im Übrigen auch aus dem Briefwechsel zwischen Schelling und Hegel hervorgeht, als die beiden jungen Denker Studenten des evangelischen Stifts in Tübingen waren. Sie sahen in Kant den Vater der neuen Philosophie („Vater Kant“ nannten sie ihn) und sie schrieben, dass sie es als ihre Aufgabe ansahen, das Werk von Vater Kant zu Ende zu bringen. Das ist genau das, was Hegel in seinem philosophischen System getan hat, indem er darin die Vernunftreligion dargestellt hat, deren Grundzüge bereits vom Königsberger Philosophen in Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft von 1793 vorgezeichnet worden waren. Diese hatte Hegel in seinem letzten Studienjahr in Tübingen (1793) und in der allerersten Zeit als Privatlehrer in Bern (1794) gelesen und übernommen.

Verlassen wir jetzt den Bereich der geschichtlichphilosophischen und philologischen Betrachtungen, die notwendig waren, um die historischen Wurzeln unseres Diskurses nachzuvollziehen, der sich offenkundig auf die von anderen Denkern erzielten Ergebnisse stützt, und kehren zu unserer eigentlichen philosophischen und allgemeinverständlichen Ebene zurück. Die neue Religion, die die verschiedenen Ausdrucksformen der monotheistischen Religion ersetzen soll, ist also die Vernunftreligion, bzw. die Philosophie, die das Absolute erkennt, so wie sie sich im hegelianischen philosophischen System, insbesondere in der Wissenschaft der Logik findet. Daher ist die von der neuen Religion eingeläutete neue Kulturepoche die der Philosophie, insofern man unter Philosophie nicht irgendeine rationale Weltauffassung versteht, sondern ausschließlich die auf sich selbst begründete Philosophie, wie wir sie bisher versucht haben zu erläutern. Es ist also die Philosophie, wie sie sich im philosophischen System Hegels befindet, wobei dies heute natürlich auf der Basis von jüngeren Wissenschaftsergebnissen integriert, modifiziert und neu formuliert werden soll.

Es handelt sich dabei um einen Aktualisierungsprozess des philosophischen Systems Hegels, der dessen Ausdrucksform modifiziert, indem er sie an unsere Zeit anpasst. Er ermittelt auch dessen Schwachpunkte, sowohl die, die auf den damals sicher geringeren Kenntnisstand zurückzuführen sind, als auch die, die auf dem unbestreitbaren hegelianischen Einlenken beruhen, der von verschiedenen Interpreten wie z.B. Karl Marx festgestellt wurde. Diese betreffen jedoch nicht den Hauptinhalt des Gedankens des Philosophen, sondern nur einige Begriffe, bei deren Formulierung Hegel aufpassen musste, die Sensibilität der Institutionen nicht zu reizen. Er war von diesen Institutionen am Ende nicht nur finanziell abhängig, sondern war auch von ihnen ein einflussreicher Vertreter, zunächst als Dozent, später sogar als Rektor der Universität zu Berlin. Diese Aktualisierungsarbeit ist absolut notwendig und unerlässlich, um der hegelianischen Philosophie wieder Leben einzuhauchen, also der Philosophie, die die neue Zivilisation der Menschheit einläuten soll und die wir deshalb nicht außer Acht lassen dürfen, aber auch nicht nach dem gleichen Maßstab wie andere Philosophien als ausschließlich kulturelles Produkt einer vergangenen Epoche betrachten sollen. Hegels Philosophie ist, so sehr sie auch nachgeprüft, neu formuliert, aktualisiert wird, unsere Philosophie, weil sie die Philosophie unserer postmonotheistischen Zivilisation ist. 
Versuchen wir jetzt, diese neue Zivilisation genauer zu definieren.


Lektion 10

Grundzüge der neuen philosophisch-idealistischen Zivilisation

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Das Hauptmerkmal der idealistisch-philosophischen Zivilisation ist, dass ihr zufolge die Welt und Lebensauffassung des Menschen in der Welt rationaler Art ist. Sie besteht also in einer Philosophie, und zwar, um genau zu sein, in der Philosophie des Idealismus, wie er im Vorherigen dargestellt wurde. Diese Philosophie ist in völligem Einklang mit den empirischen Naturwissenschaften und bündelt den gesamten Komplex des menschlichen Wissens in einem philosophischen System. Dieses philosophische System begründet dann auch eine ethischpolitische Orientierung, bzw. gibt vor, welches individuelle (moralische) und soziale (politische) Verhalten weise ist, weil es geeignet ist, den Menschen auf bestmögliche Art leben zu lassen.

Solch ein philosophisches System muss den Jugendlichen und allgemein dem Volke gelehrt werden. Nur so kann eine gemeinsame Weltauffassung und eine gemeinsame Ethik entstehen. Außerdem sollte unter „Volk“ keine bestimmte nationale und geographisch festgelegte Gemeinschaft verstanden werden, sondern die Gemeinschaft aller Menschen, unabhängig von Rasse, Religion, usw. Denn alle tragen das Absolute in sich, das Logos. Daher können alle, wenn sie entsprechend erzogen werden, zum absoluten Geiste gelangen, bzw. zum Bewusstsein über das Insichtragen des Absoluten und darüber, dass sie etwas Höheres sind als die eigene empirische Subjektivität.

In diesem Sinne kann die Gemeinschaft, an die sich die Philosophie als Wissenschaft der Weisheit wendet, keine andere sein als die weltweite Gemeinschaft der Weltbürger. Die kosmopolitische Perspektive ist also die genaue Perspektive dieser Weltauffassung. Obwohl der dualistische Blickwinkel seiner generellen Auffassung Grenzen aufweist, stellt die kantische Schrift Zum ewigen Frieden (1795) den zentralen Bezugstext dieser Auffassung dar, so wie es auch sein Begriff der ‚unsichtbaren Weltkirche‘ ist, welches er in dem Text Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft von 1793 formuliert hat. Innerhalb der hegelianischen Philosophie übernimmt hingegen der Begriff des Weltgeistes diese Funktion.

Die Verbreitung der Philosophie des Idealismus als offizielle Philosophie setzt eine Autorität voraus, die sie fördert, also eine Form von „Weltstaat“. So etwas kann beispielsweise auch eine Konföderation wie die UNO sein, aber man braucht auf lokaler Ebene mehr Macht als die heutige UNO hat. Aber das sind technische Fragen, die die Realisierungsmodalitäten des philosophischen Prinzips auf dem Planeten Erde betreffen und nicht dessen rationale Gültigkeit in sich für jegliche Form bewussten und rationalen Lebens auf jedem möglichen Planeten des Universums. Von diesem Blickwinkel aus hat die Ansicht Giordano Brunos der „unendlichen Welten“ der modernen Philosophie die Pforten geöffnet, die eben zum idealistischdialektischen philosophischen System direkt hinführt.

Der Weltstaat, dessen ethischpolitischer Inhalt in den folgenden Kapiteln erörtert wird, setzt wiederum eine Weltsprache voraus, in der die bewussten Vernunftwesen, die Menschen also, sich verständigen können. Diese Sprache kann keine Nationalsprache sein, die zur Weltsprache erhoben wird, da diese eine für den Großteil der Menschheit zweite, fremde Sprache wäre. Es sollte eine Sprache sein, die die Kinder von Anfang an als Muttersprache lernen. Sie kann ruhig auch neben einer Nationalsprache existieren, die in diesem Falle zu einem lokalen Dialekt würde. Der Weltstaat muss eine solche Sprache als Weltsprache zusammen mit der hier präsentierten idealistischen Philosophie als Weltphilosophie fördern.

Dies sind, strukturell gesehen, die Grundzüge der neuen Zivilisation des Idealismus: Eine Gesamtheit rational aufgestellter und weltweit verbreiteter Werte sowie eine gemeinsame, als Muttersprache gelernte Weltsprache. Das einzige Mittel, mit dem eine solche Neuausrichtung menschlichen Lebens auf der Erde erreicht werden kann, kann nur eine weltweite philosophische und linguistische Erziehung der Menschheit sein. Diese muss durch weltweite schulische Strukturen erfolgen (gemeinsame Lehrprogramme zumindest im Bereich von Philosophie und Sprache), die sich mit der jeweiligen lokalen Schulpolitik vereinbaren lassen (z.B. kann man auf lokaler Ebene ruhig weiterhin die nationale Literaturgeschichte sowie den nationalen Dialekt Italienisch, Deutsch, Französisch, Chinesisch, Englisch usw. lernen), aber die Fächer aller Schulen werden auf übergeordneter Ebene bestimmt und neben den Naturwissenschaften und den ohnehin schon universellen Lehrfächern (Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Musik, Kunst, Sport usw.) überall die dialektischidealistische Philosophie und die Weltsprache beinhalten.

Diese sollen also die tragenden Säulen der Zivilisation des Idealismus bzw. der philosophischen Zivilisation sein. Im Folgenden werden wir uns damit beschäftigen, welches das Grundprinzip ihrer Ethik ist, bevor wir dann zur detaillierten Diskussion der Werte übergehen, in denen dieses Prinzip zum Ausdruck kommt.

 

Lektion 11

Die logische Struktur der Ethik: die intersubjektive Anerkennung

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Ziel der Ethik ist es, den Sinn des menschlichen Lebens auf der Welt zu erkennen. Ihr Ansatz ist, diesen Sinn vom Begriff des „Menschseins“ abzuleiten, dessen Wesen in der absoluten Vernunft besteht, im Logos also. Natürlich ist dieses Wesen in allen Menschen gleich, unabhängig von ihrem Geburtsort, der ja zufällig ist. Folglich haben sie auch je nach Geburtsort unterschiedliche Hautfarben sowie andere somatische oder auch psychologische Merkmale wie ihre Religion, die Werte, die sie vermacht bekamen usw. All dies muss ausgeblendet werden, wenn man den Standpunkt einer rationalen Weltauffassung, wie sie als wissenschaftlicher Ansatz dem Idealismus zugrunde liegt, und somit deren Grundkonzept des Absoluten als Wesen des Menschen übernimmt.

Dem Ethikbegriff liegt die Anerkennung der Menschen untereinander als Absolutes zugrunde, also die Tatsache, dass jeder Mensch, der auf die hier zuvor beschriebene Weise erzogen wurde, in sich selbst und auch im anderen Menschen das Absolute, also ein rationales, freies, schöpferisches Seiendes sieht. Von diesem übergeordneten Standpunkt aus wird das menschliche Subjekt nicht nur sich selbst (weil es sich als schöpferisches Wesen zu verwirklichen versucht), sondern auch die anderen Menschen als schöpferische Wesen betrachten, als Subjekte, nicht als Objekte. Der Mensch wird demnach alles versuchen, damit die anderen Menschen sich auch verwirklichen und ihre freie Kreativität leben können. 

Diese Lebenseinstellung, die vorsieht, dass der menschliche Geist sich anstrengt, die Verwirklichung der absoluten Vernunft in jedem zu fördern, egal, ob in sich selbst oder in den anderen Menschen, ist genau das moralische Verhalten desjenigen, der sich nach den Prinzipien der absoluten Ethik verhält. 

Kant hat diesen Begriff sehr klar im zweiten kategorischen Imperativ ausgedrückt, in dem er den Menschen auffordert, das Menschsein sowohl in sich als auch in den Anderen als Ziel und niemals als Mittel zu betrachten: 

 

„Handle so, daß du die Menschheit zugleich als Zweck sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ 

(Grundlegung zur Metaphysik der Sitten 1785, in: I. Kant: Akademie Ausgabe, Bd. IV, S. 429).


Kant hat jedoch nicht spezifiziert, worin dieses Menschsein genau besteht, das als Ziel und nie als Mittel behandelt werden darf bzw. wie das ethische Leben auszusehen hat, welches Ziel unserer Handlungen sein soll. Das hat wiederum Hegel auf äußerst klare Weise verdeutlicht. Er hat mit der Anerkennung des anderen Menschen als Geist das Prinzip der Ethik erkannt. Der Philosoph definiert die Anerkennung als „allgemeines Selbstbewusstsein“, wie er es im Folgenden ausdrückt:

“§436 γ). Das allgemeine Selbstbewußtsein

Das allgemeine Selbstbewußtsein ist das affirmative Wissen seiner selbst im anderen Selbst, deren jedes als freie Einzelheit absolute Selbständigkeit hat, aber, vermöge der Negation seiner Unmittelbarkeit oder Begierde, sich nicht vom anderen unterscheidet, allgemeines [Selbstbewußtsein] und objektiv ist und die reelle Allgemeinheit als Gegenseitigkeit so hat, als es im freien anderen sich anerkannt weiß und dies weiß, insofern es das andere anerkennt und es frei weiß.

Dies allgemeine Widererscheinen des Selbstbewußtseins, der Begriff, der sich in seiner Objektivität als mit sich identische Subjektivität und darum allgemein weiß, ist die Form des Bewußtseins der Substanz jeder wesentlichen Geistigkeit, der Familie, des Vaterlandes, des Staats, sowie aller Tugenden, der Liebe, Freundschaft, Tapferkeit, der Ehre, des Ruhms. Aber dies Erscheinendes Substantiellen kann auch vom Substantiellen getrennt und für sich in gehaltleerer Ehre, eitlem Ruhm usf. festgehalten werden.“

 (In: G.W.F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1830), GW 20, Hamburg 1992,  S. 432433).

Diese Anerkennung zwischen menschlichen Individuen könnten wir als ‚horizontale Anerkennung‘ definieren, weil es sich um Individuen handelt, welche auf derselben Existenzebene stehen. Neben dieser horizontalen könnten wir hingegen die Anerkennung zwischen dem individuellen und dem universellen Menschen, der in ersterem steckt, als ‚vertikale Anerkennung‘ definieren, weil das Absolute bzw. das Universelle in Form der absoluten Vernunft des menschlichen Individuums etwas darstellt, das der individuellen menschlichen Existenz übergeordnet ist. In diesem Sinne erkennt der Mensch in sich die Präsenz von etwas Höherem als der reinen Individualität an, eben die Präsenz der absoluten Vernunft. 
Wir können die horizontale Anerkennung auch als ‚ethische Anerkennung‘ definieren, weil sie zwischen Menschen erfolgt. Die vertikale Anerkennung können wir hingegen als ‚theoretische Anerkennung‘ definieren, da sie zwischen dem Menschen und dem Absoluten erfolgt. Die erste liegt der Ethik zugrunde. Die zweite bildet die Theorie, also das Verständnis vom Sinn der Welt und der menschlichen Existenz auf Erden, die von sich aus die ethische Anerkennung hervorkommen lässt. Die theoretische Anerkennung begründet also die ethische, die von ersterer abhängt. Das gilt nicht nur für die idealistische Philosophie, sondern für jegliche andere Philosophie und Religion, sowie auch für den Atheismus. 

Die ethische Anerkennung basiert also auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit des universellen Selbstbewusstseins bzw. auf der Tatsache, dass man sich darüber bewusst ist, dass Ehemann, Ehefrau, Vater, Mutter, Sohn oder Tochter oder auch in der Arbeitswelt Arzt, Patient, Lehrer, Schüler usw. zu sein, allein und ausschließlich mittels der Anerkennung durch den Anderen möglich ist. Diese Anerkennung setzt voraus, dass der Andere Ziel und nicht Mittel ist. Daher ist der Ehemann Ziel für die Ehefrau; der Sohn oder die Tochter ist Ziel für den Vater oder die Mutter und umgekehrt usw. In allen menschlichen Beziehungen soll der Andere stets als Ziel, nie als Mittel angesehen werden. Er darf nie benutzt werden und das muss gegenseitig sein. Auf diese Weise entsteht ein universelles Selbstbewusstsein bzw. ein stabiles Vertrauensverhältnis, eine Beziehung, in der jeder sich um den anderen kümmert, und zwar je nach den spezifischen Gegebenheiten der Beziehung. 

Schauen wir, welche die konkreten ethischen Formen sind, die der logische Mechanismus der Anerkennung annimmt, also wie der echte und eigentliche Inhalt der Ethik aussieht, die sich auf die Bestimmung der absoluten Vernunft als des schöpferischen Wesens des Menschen stützt. Diese Ethik kann auch als ‚absolute Ethik‘ bezeichnet werden, da sie sich auf das Absolute in Menschen gründet.

Nur insofern es von einem anderen Subjekt anerkannt ist, kann das menschliche Subjekt als schöpferisches Vernunftwesen leben, weil es von seiner physischen Existenz, die vom Körper und dessen Instinkten geprägt ist, zur Existenz als Geist übergeht. Während der Mensch als Körper der Notwendigkeit des Instinkts und des Bedürfnisses unterliegt und kurz nach jeder Befriedigung bereits auf der Suche der nächsten ist, ist er als Geist ein freies Wesen und lebt kreativ nach der schöpferischen Rationalität. Diese strebt keine vorübergehende Bedürfnisbefriedigung an, sondern eher den freien Aufbau von etwas in Gemeinsamkeit mit einem anderen Subjekt. In diesem Aufbau, in dieser Schöpfung, der einen Prozess darstellt, kann der Mensch sein eigenes Wesen, seine schöpferische Rationalität verwirklichen und so als Geist in der Freiheit und nicht als Natur in der Notwendigkeit leben.

Im ersten Fall, also im organischen, durch Bedürfnisse geprägten Leben des Körpers, ist das menschliche Subjekt selbst Gegenstand jener Bedürfnisse und lebt – auch wenn es sie befriedigt nach der Kategorie des falschen Unendlichen, das, wie wir in der Lektion 7 gesehen haben, keine authentische Form der Unendlichkeit ist. Die Bedürfnisse kommen nämlich immer wieder, nach einer Art unendlichen Fortschritts, also Bedürfnisbefriedigung, das Wiederaufkommen des Bedürfnisses, erneute Bedürfnisbefriedigung usw. usw. Dieser Prozess findet nie ein Ende, einen Sinn, zielt niemals auf etwas Festes, das als Vollendung gelten könne. 

Im zweiten Falle hingegen, dem des rationalen Lebens des Geistes, welches dem universellen Bewusstsein und somit der gegenseitigen Anerkennung zugrunde liegt, lebt der Mensch als schöpferisches Subjekt. Deswegen befriedigt er zwar auch seine Bedürfnisse, was zum Leben dazugehört, aber er tut dies im Rahmen fester sozialer Strukturen, deren Ziel spiritueller Art ist (Kinder haben, sie erziehen, eine Arbeit für jemanden ausführen usw.). Das ist möglich, weil der Mensch dabei nicht unmittelbar seine eigenen Bedürfnisse befriedigt, sondern die Bedürfnisse des Anderen (was selbstverständlich gegenseitig ist). Auf diese Weise kreiert man eine Bindung, man baut sich gemeinsam etwas auf, das Sinn hat. In diesem Prozess des Aufbaus agiert nicht etwa die Kategorie der falschen, sondern die der echten Unendlichkeit. Man verwirklicht etwas Vollendetes, etwas Festes (eine Familie, eine verrichtete Arbeit, eine soziale Einrichtung usw.) und in dieser Verwirklichung wirkt der Mensch als freies, schöpferisches Wesen und ist nicht einfach stets wiederkehrenden Bedürfnisse unterjocht.

 

Lektion 12

Ethische Werte der philosophisch-idealistischen Zivilisation:
a. Menschheit und Weltstaat

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Die organisierte menschliche Gemeinschaft, d.h. der Staat als Weltstaat ohne jegliche geographische Grenze, ist der erste ethische Wert der absoluten Ethik. Dabei handelt sich um die Ethik, wie sie vom Geist angestrebt wird, der sich als Absolutes anerkennt und sich daher nicht nach seinen vorübergehenden und flüchtigen Neigungen, sondern nach seiner schöpferischen Rationalität verhält.

Um den Begriff des Staates zu bestimmen, ist es notwendig, das Prinzip, auf das sich dieser stützt, zu begreifen. Wir können dieses als „Prinzip der schöpferischen Rationalität“ definieren. Dieses versteht sich als die in jedem Menschen präsente universelle absolute Vernunft. Der philosophische Staat ist vor allem ein auf der schöpferischen Rationalität als Eigenschaft und essenzieller Gabe jedes Menschen basierender Staat. 

Die schöpferische Rationalität bestimmt die unendliche Würde jedes Menschen, die andernfalls in keiner Weise begründet wäre. Diese basiert wiederum auf der Tatsache, dass der Mensch das Seiende ist, dessen Wesen das Absolute darstellt. Im Laufe seines Lebens hat jeder Mensch als sein eigenes Wesen das Absolute, auch in dem Falle, in dem er sich darüber nicht bewusst ist und daher nicht auf rationale Art lebt, sondern von materiellen Trieben und Instinkten geleitet wird. 

Das Prinzip der Würde des Menschen sagt, dass der Mensch niemals als Objekt, sondern immer und ausschließlich als Subjekt, als Schöpfer betrachtet werden soll. Der Grund dafür ist nämlich, dass sein Wesen aus dem Absoluten besteht, aus dem Urprinzip der Welt. Daher sieht der Mensch, wenn er den Prinzipien der idealistischen Philosophie angemessen erzogen wird, in der Betrachtung seinesgleichen sich selbst. Deshalb ist er von sich aus geneigt, seinesgleichen als Zweck und nicht als Mittel zu betrachten, ihre Würde zu respektieren und sie nie als Objekte zu betrachten.

Nach der schöpferischen Rationalität und der absoluten Würde besteht die nächste grundsätzliche und distinktive Eigenschaft des philosophisch-idealistischen Staates in der substanziellen Freiheit. Gerade weil der Mensch rational und schöpferisch ist, kann er nur frei sein, frei sich zu verwirklichen. Der Staat muss daher alle Bedingungen schaffen, damit das Individuum sich verwirklicht und als Absolutes, als schöpferische Vernunft leben kann. 

Dabei handelt es sich um eine viel tiefere Bedeutung des Begriffs der Freiheit als der der liberalen Tradition oder des alltäglichen Bewusstseins. ‚Freiheit‘ bedeutet nicht, zu tun und zu lassen, was wann und wie man will. Das wäre ‚Willkür‘, der selbstverständlich als deren subjektiver Aspekt auch zum Begriff der substantiellen Freiheit dazugehört, erschöpft den damit gemeinten Begriff aber nicht. ‚Willkür‘ bedeutet, dass der Mensch als rationales Wesen die Entscheidungsfreiheit hat, wählen zu können, was für ihn das Beste ist und dass ihm diese Freiheit nicht weggenommen werden kann. Die tiefe, substantielle und wirklich philosophische Bedeutung des Freiheitsbegriffes fügt der ‚Willkür‘ jedoch den Inhalt der Entscheidung hinzu, bzw. den Hinweis darauf, wie zu entscheiden ist, damit das Individuum sich selbst verwirklicht, als Absolutes und somit nach dem eigenen Wesen leben kann. In diesem Sinn hebt die ‚substantielle Freiheit‘ die ‚Willkür‘ auf, die dank ihr nicht mehr ohne Richtung ist, eben ‚Willkür‘, sondern nun eine klare Richtung für die Entscheidungen erhalten hat. Damit wird die Willkür zu wahrer, substantieller Freiheit.

Diese Richtung ist die folgende: Ein wirklich freies Leben ist im Wesentlichen ein kreatives Leben, weil das Absolute reine rationale Kreativität ist. Freiheit ist daher im Grunde Synonym für Kreativität. Deshalb sollten die Entscheidungen des freien Willens im Sinne der Kreativität und der schöpferischen Vernunft ausgerichtet werden. Das ist genau die substanzielle Freiheit, wie sie von der idealistischen Philosophie angestrebt wird: Sie enthält den freien Willen, aber gibt ihm einen Sinn, eine Richtung, eine Orientierung. So weiß das Individuum, wie es seine ethischen Entscheidungen treffen soll. Diese substantielle Freiheit, die vornehmlich Kreativität ist, setzt die intersubjektive Anerkennung voraus, wie wir in der Lektion 11 begründet haben. Sie ist also keine reine individuelle, egoistische Freiheit (Willkür), sondern eine gemeinschaftliche, anerkennende und altruistische Freiheit.

Die erste Schöpfung des Absoluten Geistes und somit der erste ethische Wert, die erste Äußerung der substanziellen Freiheit, ist der Weltstaat. Das menschliche Subjekt ist frei, wenn es einen philosophischen Weltstaat schaffen und am Leben erhalten kann, der dem Begriff der Absoluten Vernunft als Wesen eines jeden Menschen entspricht.

Die politische Form eines solchen Staates kann nur in einer Demokratie bestehen, wie Hegel im Übrigen schon 180203 in dem Schluss zu seinem System der Sittlichkeit erläutert hatte, welches er zunächst nicht veröffentlichte, weil ihm der abschließende Teil zur Begründung der ‚absoluten Demokratie‘ fehlte. Erst mit der sogenannten Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit (180305), die in der Lektion 9 behandelt wurde, fügte er jenen abschließenden Teil hinzu. 

Der Grund für diese Folgerung ist, dass alle Menschen in ihrem Wesen das Absolute sind. Dies bedeutet, dass allen politische Kreativität zu kommt, sowohl passiver Art, etwa durch Wahlbeteiligung, als auch aktiver Art, durch eine Kandidatur für einen der Gemeinschaft zuträglichen Dienst. 

Damit sich all dies tatsächlich realisieren lässt, hat der Staat vor allem die Aufgabe, seine Bürger an die Philosophie als Wissenschaft der Weisheit heranzuführen. Dies muss auf weltweiter Schulebene geschehen. Die Bürger sind dann, wenn sie zur philosophisch-schöpferischen Rationalität ausgebildet wurden, in der Lage, politische Entscheidungen ernsthaft mittels ihrer Stimme durchzusetzen. Auf diese Weise wird aus reiner Formalität, dass jeder das Wahlrecht hat, substanzielle, wahre Demokratie. Vor allem auch deswegen, weil die Bürger vom Staat dahingehend instruiert werden sollen, dass sie über die geschichtlich-philosophischen Grundkenntnisse verfügen, um die Mitmenschen wirklich bewusst wählen zu können, die später wichtige politische Entscheidungen treffen werden. 

Eine andere Sache ist hingegen die aktive Teilnahme an der politischen Kreativität, bzw. das Angebot, der Gemeinschaft politisch zu dienen. Dafür reicht bei Weitem keine ausschließlich geschichtlich-philosophische Bildung, sondern  benötigt man ein viel komplexeres und tieferes Wissen, das neben einer Vertiefung von Geschichte und Philosophie als Wissenschaft der Weisheit auch alle Geistes und Sozialwissenschaften (Geschichte, Staatswissenschaften, VWL, Soziologie, Psychologie, usw.) sowie die Naturwissenschaften, natürlich in allgemein verständlicher Form, miteinbeziehen soll. Der Politiker soll eine sowohl im philosophischen als auch im fächerübergreifenden Sinne hochgebildete Person sein. Nur so kann er die wichtigen Fragen, die der von ihm ausgewählte Beruf zwangsläufig an ihn stellen wird, bewältigen. Zu denken, man könne ohne angemessene Bildung gute Politik machen, während für die einfachsten Berufe vor allem in unseren heutigen vielschichtigen Gesellschaften mitunter tiefe Kompetenzen gefragt sind, ist ein schwerwiegender Fehler, der die derzeitigen Demokratien (sowie alle anderen auf dem Planeten Erde existenten Staaten) plagt.

An dieser Stelle stellt sich jedoch die vom ethischen Standpunkt und von einer ebensolchen Lebenseinstellung aus nicht unwesentliche Frage: Was soll der Mensch innerhalb des Staates schaffen, um seinem eigenen schöpferischrationalen Wesen getreu zu leben? Oder wie muss der Inhalt eines ethischen individuellen Lebens in einem philosophischen Weltstaat beschaffen sein? Wie muss der Inhalt der substanziellen Freiheit, des freien Lebens aussehen? Was muss der Mensch, der dieses Bewusstsein erreicht hat, am Ende erschaffen?

 

Lektion 13

Ethische Werte der idealistischen Zivilisation:
b. Arbeit und bürgerliche Gesellschaft 

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Der dritte ethische Wert, in dem sich das rationale, freie und schöpferische Wesen des Menschen entfaltet, ist die Arbeit. Genauer gesagt, handelt es sich um den Beitrag, den jedes Individuum der gesellschaftlichen Produktion von lebensnotwendigen Gütern beisteuert. Aus einer reinen materiellen, körperlichen Sicht entspricht dieser Begriff dem Bedürfnis der Assimilierung bzw. Aufnahme jener natürlichen Elemente, die das körperliche Überleben sichern (Essen, Trinken, ein Dach über dem Kopf usw.) und damit die Voraussetzung für das geistige Leben sind (Erziehung, Erlernen eines Berufes, Praktizieren von Hobbys usw.).

Wie die Spezies sich durch den sexuellen Akt reproduziert, der, frei und spirituell gelebt, zur ‚Familie‘ wird, so reproduziert sich das Individuum durch Arbeit, die seine eigenen Bedürfnisse befriedigt. Wird auch die Arbeit frei und spirituell gelebt, wird sie zu ‚sozialer Arbeit‘ und es entfaltet sich als ‚bürgerliche Gesellschaft‘. 

Die ‚bürgerliche Gesellschaft‘ besteht in der sozialen Organisation der Arbeit durch das Prinzip der ‚Arbeitsverteilung‘, weil das einzelne Individuum gegen die Kräfte der Natur alleine nichts ausrichten könnte. Aus diesem Grund gehört es zum Begriff der Arbeit und nicht nur zur konkreten historischen Entwicklung der Gesellschaft, die davon eher eine logische Folge ist, dass die Arbeit sozial organisiert ist und die Individuen einer Gemeinschaft bzw. einer Familie sich die Gesamtarbeit aufteilen, um die lebensnotwendigen Gemeingüter zu produzieren. Diese Spezialisierung führt zu einer exponentiellen Verbesserung der Arbeitsergebnisse und somit auch der menschlichen Lebensqualität wie auch Lebensquantität (Länge des Lebens in Jahren, Zahl der Menschen, die die ersten Lebensjahre überleben usw.).

Die Arbeit ist somit eine Gesamtheit komplexer Handlungen zur Herstellung sowohl materieller (Landwirtschaft, Tierzucht, Industrie usw.) als auch geistiger (Forschung, Lehre, Kunst, Theater usw.) Güter wie auch deren Verteilung (Handel). Je weiter eine Gesellschaft entwickelt ist, desto spezialisierter sind die von den Individuen ausgeführten Handlungen. Auf diese Weise erzielt man Ergebnisse, die unerreichbar blieben, wenn jeder Einzelne sich um all die Güter, die er zum Überleben benötigt, selbst kümmern müsste.

Indem der Einzelne nur ein oder wenige Güter produziert, entsteht die Notwendigkeit, die selbst produzierten Güter mit denen der anderen zu teilen. Dieses Teilen kann auf verschiedenen Wegen erfolgen, nämlich z.B. als Tauschhandel (ein Gut im Tausch gegen ein anderes) wie auch über eine Werteinheit, die als Tauschmittel dient (Geld, d.h. Arbeit wird mit Geld bezahlt und gegen Geld kann man Güter kaufen). Wie genau dies in einer Gesellschaft geregelt ist, ist vom rein philosophischen Standpunkt aus egal und hängt von strategischen Entscheidungen der Gesellschaft ab. Die Wissenschaft, die sich damit befasst, ist die Volkswirtschaftslehre.

Da die Arbeit eine soziale Aktivität darstellt, bzw. anderen Menschen dient, setzt sie den Begriff nach wie die Familie die Anerkennung des anderen als Ziel voraus. Das Individuum produziert ein Gut oder bietet eine Dienstleistung an, welches von anderen Individuen benötigt wird. Diese Adressaten seiner Arbeit muss der Arbeitende als Ziel seiner Arbeit ansehen, anders gesagt: Er arbeitet, um die Bedürfnisse der anderen Individuen bestmöglich zu befriedigen. 

Somit erkennt das Individuum die anderen als Subjekte an, als geistige, rationale und freie Einheiten, bzw. als sich selbst, als seinesgleichen. Das Absolute erkennt sich selbst an, könnte man auch sagen. Daher stellt die Arbeit auch Fürsorge für den anderen dar, wo der andere in diesem Fall kein Familienmitglied, sondern ein Mitglied der Gesellschaft ist. Es kann auch sein, dass die beiden Individuen sich gar nicht kennen und der Tausch nicht auf direkte, sondern indirekte Weise erfolgt (wie es im Übrigen in den entwickelten Gesellschaften, in denen die Arbeitsteilung komplexer ist und die Güter viel differenzierter sind, auch meistens der Fall ist). Die Fürsorge ist daher nicht notwendigerweise direkt, sondern kann auch indirekt über die professionelle Produktion erfolgen, die in ihrer Quantität und Qualität an die Beschaffenheit des jeweiligen Gutes angepasst ist. Es handelt sich jedenfalls immer um eine Form der Fürsorge für den anderen, bzw. für jemanden, der das Gut vielleicht Tausende Kilometer weit entfernt braucht  bzw.  erst in ferner Zukunft brauchen wird. 

Im Kern der Arbeit, wie auch im Kern der Familie steckt daher die zwischenmenschliche Anerkennung, das Gefühl, zur selben Spezies zu gehören, dasselbe rationale, freie und schöpferische Wesen zu besitzen, wie auch in derselben existenziellen Situation zu sein, Bedürfnisse und Wünsche zu haben, die durch unsere eigene und durch die Arbeit der anderen befriedigt und erfüllt werden sollen. 

Da auch die Arbeit ein Akt der ethischen Anerkennung ist, gibt auch sie, wie die Familie, dem menschlichen Leben einen Sinn. Innerhalb der Familie besteht der Sinn im Erschaffen einer positiven, liebevollen Umgebung, die die körperliche und geistige Entwicklung weiterer Menschen fördert. Was die Arbeit betrifft, so besteht ihr Sinn in der Produktion von materiellen und immateriellen Gütern, welche die Bedürfnisse der Individuen befriedigen können, deren Leben sichern und es qualitativ schöner und/oder quantitativ länger machen. 

Wenn man die Arbeit so ansieht, dann ist sie also ein PflichtRecht des Individuums, sodass der Staat bzw. die organisierte Gesellschaft der Individuen dieses allen seinen Mitgliedern garantieren soll. Der Staat soll auch die Individuen zur Arbeit erziehen und kontrollieren, dass sie tatsächlich nach ihren eigenen Möglichkeiten zum Allgemeinwohl beitragen. Vor allem in jungen Jahren sollen die Menschen dazu erzogen werden, ihren Lebenssinn unter anderem auch in der Arbeit wiederzufinden und diese nicht als Last sondern als eine Möglichkeit der Selbstverwirklichung anzusehen.

Natürlich muss die Arbeit sowohl hinsichtlich der Arbeitszeiten als auch der Ausführungsmodalitäten reguliert werden, weil sie die Lebensenergien des Individuums verbraucht. Dieses ist genau eines der Hauptziele des Staates. Er muss nämlich dafür sorgen, dass sowohl die Reglementierung der Familie als auch die Regulierung der Arbeit es dem Individuum ermöglicht, die eigene Freiheit und Kreativität zu verwirklichen sowie gleichzeitig dem Absoluten dessen körperliche Reproduktion als Spezies durch die Familie und als Individuum durch die Arbeit garantiert wird.

Aus diesem Grund sind die Familien und die Wirtschaftspolitik des Staates besonders wichtig, weil sie ihn als einen Ethischen Staat kennzeichnen (oder, im Gegenteil, als einen nicht Ethischen Staat). Unter dem Begriff des ‚ethischen Staates‘ versteht man einen Staat, der die absolute Ethik anstrebt, wie sie in den vorangehenden Lektionen festgelegt und dargestellt wurde. Die absolute Ethik ermöglicht den Menschen wiederum die Verwirklichung ihres Lebenssinnes, indem sie ihnen erlaubt, ein spirituell ausgefülltes Leben zu haben, in dem aber auch die materiellen Bedürfnisse befriedigt werden. Letztlich ermöglicht die Selbstverwirklichung des Geistes die Verwirklichung des Absoluten in der Welt, das ja das rationale und schöpferische Wesen desselben Geistes darstellt.

Auf diese Weise überlagern sich auch in dem Begriff der Arbeit der Sinn des menschlichen Lebens auf der Welt und der Sinn der Welt: Das Absolute verwirklicht sich durch die Selbstverwirklichung der Menschen, und so schließt  sich der Kreis der Beziehung zwischen Metaphysik, als Wissenschaft des Absoluten, und Ethik, als Wissenschaft den Sinn des menschlichen Lebens auf der Welt. 

Die soeben dargestellten Werte (Staat, Familie, Arbeit) bilden den Inhalt der menschlichen Weisheit, die von der philosophischen Wissenschaft begründet wird. Auf diese Weise wurde der Begriff der Philosophie als ‚Wissenschaft der Weisheit‘ logisch erläutert, welches zu Beginn der vorliegenden Büchlein als der wahre Begriff und somit das echte Ziel der Philosophie eingeführt wurde.

 

Lektion 14

Ethische Werte der philosophisch-idealistischen Zivilisation:
 c. Liebe und Familie

*

Die zweite ethische Schöpfung des Menschen nach der des Weltstaates, die sicherlich, nach logischer Wichtigkeit geordnet, erste Position besetzt, ist die  Familie. Diese hierarchische Ordnung der ethischen Institutionen als Verwirklichung des Sinns menschlichen Lebens auf der Welt beruht auf logischen Abhängigkeitsbeziehungen. Der Staat kommt als Erster, weil er die objektiven Bedingungen für die Existenz aller weiteren Aspekte des menschlichen Lebens absteckt. Bereits die Sprache ist etwas Gemeinsames, bezieht sich also auf den Staat. Alle weiteren Aktivitäten wie auch die Erziehung des Menschen schreiben sich ein in einen Rahmen von festgelegten rechtlichen Möglichkeiten und daher von dem, was man mit „Staat“ meint. 

Das Wesen der Familie verbirgt sich in ihrem Hauptziel, nämlich dem der Reproduktion der eigenen Spezies. Diese ist wiederum an die körperliche Ausprägung des Geistes gebunden, der als Verwirklichung des Absoluten nicht nur das Element der Freiheit in der geistigen Existenz, sondern in seiner körperlichen Beschaffenheit auch das Element der Notwendigkeit enthält. 

Dem Absoluten liegt als Grundprinzip seiner Entwicklung nämlich der Begriff der Aufhebung (gleichzeitig überwinden und aufbewahren) zugrunde, wie wir in der Lektion 7 erläutert haben. Denn in der Entwicklung geht nichts verloren, sondern jede vorherige Phase wird in der darauffolgenden bewahrt. Aus diesem logischen Grund trägt der Mensch als höchster Punkt auf der Evolutionsskala die gesamte Realität in sich, sowohl die materielle als auch die geistige. Die materielle trägt er als „überholte“ Realität in sich, weil sie nicht zu seinem unverzichtbaren Wesen gehört, aber es dennoch stark prägt, weil sie die materielle Basis darstellt, von der aus sich sein echtes und eigenes wesentliches Leben generiert. Dieses letztere ist das, was ihn innerhalb der Evolutionshierarchie unterscheidet: das geistige Leben, rational und frei. Dieses setzt jedoch die strukturelle und materielle Basis des Menschen voraus: den Körper. Die erste Handlung, welche die Entstehung eines Körpers garantiert, ist der Fortpflanzungsakt, durch den zwei Menschen verschiedenen Geschlechts ihre Körper vereinigen, ihre Reproduktionsfaktoren miteinander verbinden und auf diese Weise materiell weitere Menschen hervorbringen. 

Aber dieser grundsätzliche Akt der Fortpflanzung, der einem Menschen als Körper Leben schenkt, reicht nicht aus. Das Neugeborene muss umsorgt werden, ihm muss geholfen werden, damit es wächst und seinerseits fähig wird, neue Menschheit zu generieren. So macht man den Schritt von der ersten, körperlichen Generation zur zweiten, geistigen Generation. Dies geschieht über die Erziehung. Dem Individuum wird beigebracht, in der Welt zu überleben, die ersten lebensnotwendigen Handlungen zu vollziehen (essen, sich vor Kälte schützen, sich durch Sprache zu verständigen etc.), kurz gesagt: Alle notwendigen Handlungen ausführen zu können, die ihm das Überleben garantieren.

Dieses Pflege und Schutzverhalten der Eltern von der körperlichen bis zur geistigen Generation wird von der Liebe bedingt bzw. von dem starken Gefühl der gegenseitigen Bindung derjenige, die durch das Band der Familie, also durch die gemeinsame menschliche Reproduktion, miteinander verbunden sind. 

Auf der einen Seite ist die Liebe ein Gefühl, andererseits basiert sie auf Anerkennung, wie im Vorigen bereits erläutert wurde. Deshalb ist sie etwas, was auch das Bewusstsein betrifft, die Vernunft. Durch die Anerkennung ist sich das Individuum darüber bewusst, dass es Ehemann oder Ehefrau ist und im nächsten Schritt Vater oder Mutter. Dank dieser Anerkennung kann das Individuum weitere Menschheit hervorbringen, eine der höchsten und glücklich machenden Schöpfungen, derer der Mensch Urheber sein kann.

Die Familie löst sich nicht auf, wenn das Kind unabhängig wird, da der natürliche Alterungsprozess dazu führt, dass die Eltern ihre Unabhängigkeit verlieren, die sie als Erwachsene hatten. Folglich erhält das Kind im Laufe seines Lebens die familiäre Aufgabe, die eigenen Eltern in ihrem Alterungsprozess zu begleiten und ihnen diesen weniger hart und schmerzhaft zu machen. So erkennt das Kind die Eltern bis zum letzten Tage ihres Lebens an, genau wie sie es vom ersten Tage seines Lebens an anerkannt haben.

Auf diese Weise hat der Mensch, ob Mann oder Frau, aus ethischer Sicht einen doppelten Sinn des Lebens: auf der einen Seite die familiäre Pflege der eigenen Eltern, die altern, auf der anderen Seite die Generation der eigenen Kinder, also die Gründung einer eigenen Familie. Diese wird den familiären Zyklus wiederholen, weil auch das erwachsene Kind wiederum altern und daher Hilfe seiner Kinder benötigen wird, wenn sie erwachsen geworden sind. 

Diese Entwicklung wird nie nur eine rein und einfache Wiederholung sein: Sowohl das körperliche als auch das geistige Wachstum des Kindes sind durch das Prinzip der Aufhebung von dem der Eltern insofern verschieden, als sie im Allgemeinen eine höhere Ebene erreichen. Auf körperlicher Ebene wird das Kind – wenn keine außergewöhnlichen Ereignisse wie Kriege oder Naturkatastrophen geschehen in der Regel eine bessere Ausgangsposition bezüglich seiner Lebensumstände besitzen als die Eltern, und deshalb stärker und gesünder sein. Auf geistiger Ebene wird es alles das behalten, was Eltern und Gesellschaft ihm gelehrt haben, um dann einen Schritt weiterzugehen und der selbst erfahrenen Erziehung bei der eigenen Kindererziehung noch etwas hinzufügen zu können. Auf diese Weise wird sich jedes Kind ein bisschen besser in der Welt zurechtfinden sowie weiterentwickeln können als seine Vorfahren.

Die familiäre Beziehung, die jene miteinander verknüpft, die durch dieselbe Abstammung aneinander gebunden sind, beinhaltet also Pflichten, die gleichzeitig Rechte darstellen: die Pflicht, ein Kind auf die Welt zu bringen, die auch das Recht darstellt, Vater oder Mutter zu werden; die Pflicht, ein Kind großzuziehen und zu erziehen, die auch das Recht ist, das Kind nach den eigenen Werten zu erziehen (wie auch das Recht des Kindes, erzogen zu werden); die Pflicht, sich um seine Eltern zu kümmern, aber auch das Recht, jene Fürsorge selbst zu erfahren, wenn der Moment gekommen ist. 

Diese Übereinstimmung zwischen Pflichten und Rechten ist der Inhalt des Freiheitskonzepts im Sinne der substanziellen und nicht rein formalen Freiheit (Willkür), über die wir in vorheriger Lektion gesprochen haben. Um es aber genauer auszudrücken, sind die Begriffe „Pflicht“ und „Recht“ nicht geeignet, diesen erhabenen Begriff zu erläutern. Es bietet sich an, auf den Ausdruck ‚Sinn des Lebens‘ zurückzugreifen. 

Zunächst handelt es sich um den „metaphysischen Sinn des Lebens“, der darin besteht, die Fortpflanzung der eigenen Spezies und somit des Absoluten, was wir in uns tragen, sicherzustellen. Dies tun wir durch die Gründung einer Familie sowie einer Umgebung, die voller Liebe und Fürsorge ist, und in der wir unsere Kinder sowohl körperlich als auch geistig großziehen (eventuell auch andere Menschen, etwa im Falle von Adoption, die offenkundig einen sehr hohen ethischen Wert besitzt). 

Es geht aber auch um einen „ethischen Sinn des Lebens“, welcher mehr ist als ein einfaches Recht oder eine einfache Pflicht, wenn man die beiden Ausdrücke auf ihre juristische Interpretation reduziert. Der ethische Sinn des Lebens gestattet dem Menschen, sein eigenes schöpferisches Wesen zu verwirklichen. Er ist nicht vollkommen egoistisch, weil er sich auf die Reziprozität der Anerkennung stützt (als Ehemann, Ehefrau, Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Bruder, Schwester usw.), welche auf emotionaler Ebene der Liebe gleichkommt. Daher kann die Selbstverwirklichung nur durch den Anderen im Sinne der Gegenseitigkeit erfolgen, weswegen die zwei oder mehr endlichen Menschen eine übergeordnete Einheit darstellen, die aus logischer Sicht dem „echten Unendlichen“ entspricht. Es ist genau diese übergeordnete Einheit (das Paar, die Familie), die sich durch die Selbstverwirklichung des Einzelnen selbst verwirklicht. Aus diesem Grund ist die Selbstverwirklichung des Einzelnen innerhalb der Familie kein egoistischer Akt, weil er für das gemeinsame Wohl agiert, nicht nur für das eigene. Das individuelle und das gemeinschaftliche Wohl überschneiden sich also in der absoluten Ethik, weil der Einzelne, der sich mit dem Absoluten in ihm identifiziert, nicht mehr egoistisch, sondern auch altruistisch handelt. Was er tut, tut er für sich und für die anderen. Es gibt keine wirkliche Trennung der Individuen, deren Wohlergehen nunmehr gegenseitig und voneinander abhängig ist. 

In der absoluten Ethik überschneiden sich „der metaphysische und der ethische Sinn des Lebens“ sowohl in der Familie als auch innerhalb des Staates. Es sind die zwei Seiten derselben Medaille. Der „ethische Sinn des Lebens“, den sich die Individuen selbst in der Familiengründung und führung geben, ermöglicht die Selbstverwirklichung des Absoluten, die wiederum der „metaphysische Sinn des Lebens“ ist. In der Familie ist es nämlich das Absolute selbst, das sich in den vom Menschen gebrachten Opfern, die durch Liebe und Zuneigung belohnt werden, zeigt und sich in der Welt in seiner Reinform von Rationalität und Freiheit reproduziert. Dasselbe kann man über den Staat sagen, der ebenfalls den ethischen Sinn des Lebens der Individuen darstellt, die sogar oft geneigt sind, für ihn zu sterben, um die Präsenz des Absoluten auf der Welt zu bewahren.

Von diesem übergeordneten Standpunkt aus decken sich also der Sinn menschlichen Lebens und der Sinn der Welt. Aus individueller menschlicher Sicht ist die Familie der Sinn des Lebens; aus allgemeiner Sicht des Absoluten besteht jedoch der Sinn der Welt und somit des Absoluten selbst darin, weitere Menschheit hervorzubringen, weitere rationale und freie Menschen, durch die das Absolute selbst seine Existenz erlangen kann. Im Grunde genommen reproduziert sich das Absolute mithilfe der Menschen, die für ihre für Staat, Familie und auch Arbeit (vgl. Lektion 14) gebrachten Opfer mit dem Bewusstsein darüber belohnt werden, dass sie etwas Wichtiges erschaffen und ihrem eigenen Leben einen Sinn gegeben haben, was ihnen wiederum das Gefühl gibt, erfüllt zu sein. 


Lektion 15

Die Ethik als Glück und Selbstverwirklichung des Menschen 

*

Innerhalb des ‚ethischen Staates‘ (möglichst im Sinne des Weltstaates, aber auch als nationaler Staat denkbar), der sich auf den philosophisch-idealistischen Prinzipien der dialektischen Rationalität und der substantiellen Freiheit gründet, können die Individuen ihr eigenes schöpferisches Wesen auf der Grundlage der familiären und beruflichen Anerkennung verwirklichen. Auf diese Weise reproduziert und entwickelt sich die absolute Vernunft, das Monos und Logos. In diesem Sinne sind die menschlichen Individuen Mittel zur Verwirklichung des Absoluten, das sie überlebt. Wo dies enden wird, wenn eines Tages die Menschheit nicht mehr als Mittel des Absoluten dienen, sondern selbst das Absolute regieren wird, kann man derzeit noch nicht wissen. Das ist sicher eine Problematik, über die man in den nächsten Jahren nachdenken sollte. 

Es gibt aber einen Preis, den das Individuum dafür erhält, wenn er die Reproduktion und Entwicklung des Absoluten sichert: das Glück. Das ethisch lebende Individuum, das eine beständige Familie gründet, in der es anderen Menschen sowohl natürliches als auch geistiges Leben schenkt, und das durch seine Arbeit die Bedürfnisse anderer Menschen befriedigt, bekommt als Belohnung ein Gefühl der Zufriedenheit, der Vollkommenheit, das ihn zufrieden, befriedigt,  glücklich macht. Es ist ein geistiges Glück, gespickt mit Augenblicken wahrer Freude, wie etwa die Verliebtheitsphase, die Geburt eines Kindes, das Gelingen einer guten Arbeit oder alle diese besonders bedeutungsvollen Situationen voller emotionaler Ergriffenheit, die das ethische Leben der Individuen ausmachen. Innerhalb dieses geistigen Glücks, welches der geistigen Natur des rationalen Wesens des Menschen angemessen ist, werden auch jene Bedürfnisse befriedigt, jene Triebe, jene hauptsächlich materiellen, körperlichen Instinkte, die eine nicht wesentliche, aber trotzdem präsente Komponente der vielseitigen Natur des Menschen darstellen. 

Das ethische Leben des Menschen ist also ein sowohl geistig als auch körperlich erfülltes Leben. Das Glück ist zwar grundsätzlich geistig, aber es umfasst auch die Befriedigung körperlicher Bedürfnisse und Gefühle. 

Selbstverständlich handelt es sich um ethisches Glück, also Erwachsenenglück, nicht jenes von Kindern. Es ist also ein Glück, welches vom Bewusstsein über die Endlichkeit des menschlichen Lebens begleitet wird, ein Glück, welches irgendwie von der durch dieses Bewusstsein hervorgerufenen Melancholie begleitet wird. Aber der Mensch kann daran nichts ändern: Die Unendlichkeit besteht in der Erfülltheit des Endlichen, wie wir in der Lektion 7 gesehen haben, und nicht in der unendlichen Wiederholung von Handlungen. Daher sollten wir ein erfülltes Leben, in dem wir uns verwirklichen, kein ewiges anstreben, wenn wir den Lehren der dialektischen Logik folgen.

So hat das Leben selbst ein Ende, weil es einen Abschluss hat. Der Mensch kann alles daransetzen, sein Leben unendlich zu machen, es auszufüllen, etwas wirklich Wichtiges in ihm zu verwirklichen. Über diese Erfüllung hinaus kann er nicht gehen, auch wenn seine Sehnsucht danach durchaus vorhanden ist. So können auch wir nicht über den Begriff des ein wenig von der soeben erwähnten Melancholie getrübten Glücks hinausgehen.  

Der Mensch, der alle Schwierigkeiten, die das Leben mit sich bringt, wie auch die besagte Melancholie mit Beharrlichkeit und Zähigkeit überwindet und hartnäckig die Verwirklichung des ethischen Lebens voranbringt, hat „Charakter“. Der Charakter ist genau die Standhaftigkeit, die möglicherweise von einem soliden philosophischen Wissen über die wahren Werte des Lebens befestigt wird. Er ist die Quelle der Weisheit, welche wir in der ersten Lektion als Ziel der Philosophie und des Wissens kennengelernt haben; Weisheit, die also allen und nicht nur wenigen eigen sein kann und soll. 

Möge dieses kleine Büchlein dazu beitragen, dass es auf der Welt eine Prise mehr Weisheit, mehr Charakter und auch mehr Glück geben wird! 


Schluss

Die philosophisch-idealistischen Wahrheit und die heutige Welt

*

Auf den vorherigen Seiten haben wir die Grundlinien einer neuen Welt und Menschenauffassung auf der Grundlage der letzten großen philosophischen Systemen (Kant, Hegel) nachgezeichnet. Das Ergebnis davon ist eine als neue Religion verstandene, rationale Philosophie, die zu unserer Zeit passt. Wir leben heute in einer auf Vernunft basierenden Epoche, die jedoch keinesfalls auf jegliche religiöse Orientierung, wenn auch im rationalen, also philosophischen Sinne, verzichten kann. 

Das Grundprinzip der absoluten Vernunft, welches im ersten Teil der vorliegenden Schrift skizziert wurde, genügt beiden Eigenschaften: Es ist auf der einen Seite rational, weil es auf der Erkenntnistheorie und auf der Logik basiert; Andererseits ist es jedoch auch “religiös”, weil es sich als fähig herausstellt, die Welt, ihre logische Beschaffenheit und Entwicklung sowie die Stellung des Menschen in ihr zu erklären. 

Wir haben auch gesehen, wie diese Auffassung vollkommen rationale, ethische Werte generiert, nämlich Staat, Familie und Arbeit, welche letztlich die Grundwerte darstellen, die dem Leben des Menschen auf der Welt einen Sinn geben und ihm ein möglichst unbeschwertes und glückliches Leben ermöglichen können.

Schließlich ist das Ergebnis dieses Buchs kleinen Umfangs, aber hoffentlich großer Reichweite, Hinweise über die Grundzüge einer philosophisch-religiösen Auffassung geliefert zu haben, welche es auf der Grundlage eines logisch strengen Ansatzes der Philosophie als Wissenschaft vermag, dem Menschen eine Orientierung für ein rationales Leben zu bieten, das während seines Erdendaseins auch realisierbar ist und ihm somit einen Sinn geben kann.

Diese Auffassung basiert auf dem letzten großen philosophischen System, dem hegelianischen nämlich, welches sprachlich verständlich und lebensnah dargestellt wurde. Es ist auch notwendig gewesen, dieses System zu überdenken und gegenüber Hegels Fassung in einigen Aspekten zu verbessern. Dabei haben wir uns auf die Essenz dieser Philosophie konzentriert und die verschiedenen Aspekte bezüglich der Zufälligkeit der historischen Bedingungen ihrer Formulierung außer Acht gelassen. 

Unser Büchlein beabsichtigt, dem kulturell durchschnittlich gebildeten Menschen, der sein Leben ausschließlich rational ausrichten möchte, eine Orientierung zu geben, die ihn bei seiner Erdenerfahrung leitet, ihn in seinem Charakter bestärkt und so in ihm eine Grundweisheit schafft, ohne die er all die wichtigsten Entscheidungen, die sich ihm im Laufe seines Lebens stellen, nicht auf richtige Art und Weise zu treffen in der Lage wäre. 

Von diesem Standpunkt aus gesehen, hat diese philosophische Auffassung das Ziel, demjenigen, der sich als Atheist fühlt oder keinen transzendenten Gott hat, an den er glaubt, eine rationale Religion zur Verfügung zu stellen. Denn der Atheismus kann nicht einfach nur traditionelle religiöse Prinzipien und Werte verneinen, sondern er muss auch in der Lage sein, selbst objektive Prinzipien und Werte vorzuschlagen, wenn er einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft üben will. Er muss auch eigene Werte zur Verfügung stellen und diese auf rationale Weise fundieren. Andernfalls wäre es ihm völlig unmöglich, insbesondere jungen Leuten dabei zu helfen, eine Orientierung im Leben zu finden, die auf soliden Lebensprinzipien und –idealen basiert.

Der größte Kritikpunkt, den man der Philosophie, insbesondere der idealistischen, oft vorwirft, ist der, dass sie eine Utopie ist bzw. eine Ansammlung von zwar wahren und schönen Begriffen und Idealen für das eigene Leben, die jedoch nicht oder nur schwer realisierbar sind. 

Dieser recht allgemeinen Kritik kann man nur entgegensetzen, dass die Wahrheit schon selbst entscheiden wird, wann der richtige Moment gekommen ist, sich zu verwirklichen, nämlich dann, wann sie es für richtig hält. Zu denken, dass die Verwirklichung der Wahrheit bzw. des Absoluten von einem endlichen Seienden wie dem des Menschen – wenn auch in seiner Größe der weltweiten menschlichen Gesamtheit betrachtet – abhängig sein könnte, ist viel zu einfach. Der Mensch ist ein endlicher Teil des Unendlichen, auch wenn er dessen inneren Sinn darstellt, das ihm immanente Ziel. Aber wenn wir diesen hochtrabenden Satz aussprechen, meinen wir sicher keine spezifische und genau definierte Menschheit im Sinne einer Gruppe von Erdenbewohnern, sondern den allgemeinen Begriff des Menschseins als „rationales Seiende“, welches wer weiß wie viele andere Planeten bewohnt, in der Vergangenheit bewohnt hat oder in Zukunft bewohnen wird. Von diesem höheren Standpunkt aus gesehen, ist die aktuell auf dem Planeten Erde anwesende Menschheit nur eine winzige Komponente des Universums, wenn auch im Moment die einzige uns bekannte.

Das Absolute bzw. die Wahrheit braucht also den Menschen nicht, um sich zu verwirklichen. Somit zerlegt sich der Vorwurf der Utopie von selbst: Die Frage der Verwirklichung des Absoluten und der ethischen Wahrheit betrifft uns nicht. Wir Menschen sind im Universum zu unbedeutend, um uns den Gedanken anmaßen zu können, dass die Verwirklichung von etwas so Großem wie des Absoluten oder der Wahrheit von uns abhängen könne. 

Nichtsdestotrotz haben wir Menschen durch die Philosophie das Absolute und durch die empirischen Wissenschaften die Welt und ihre Funktionsweise verstanden bzw. wir sind dabei, sie immer besser zu verstehen. Etwas haben wir also wenn auch durch unsere physische Beschaffenheit begrenzt – vom Absoluten verstanden, und Weiteres werden wir noch verstehen. 

Parallel haben wir auch obwohl bisher nur teileweise – das Absolute  verwirklicht, da die Menschheit Staaten, Familien und bürgerliche Gesellschaften zustande gebracht hat, die eben als einen Anfang der Verwirklichung des Absoluten, der Vernunft und der substantiellen  Freiheit gelten können.

Aus diesem Grund scheint es Sinn zu machen, dass die Menschheit sich ernsthaft Gedanken darübermacht, ob sie das eigene Leben auf rationale Weise weiterhin ausrichten will, indem Sie einige Schritte macht, wie etwa die Errichtung eines freien und demokratischen Weltstaates, die das Werk der Verwirklichung des Absoluten vervollständigen. Das aber immer unter der Voraussetzung des Bewusstseins, dass die Verwirklichung des Absoluten sicher nicht von den Entscheidungen der Menschheit abhängen wird, aber ihr eigenes Leben, ihr Frieden, ihr Wohlergehen, ihre Unbeschwertheit wohl ja!

Die große systematische Philosophie, die durch die Gedanken Hegels ihren letzten Ausdruck erlangt hat, hat der Menschheit in über 2000 Jahren ununterbrochener Arbeit die Möglichkeit gegeben, ihre eigenen Kenntnisse und ihre eigenen Handlungen auf rein rationale Weise und konform mit der logischen Struktur der Welt auszurichten. Nun ist es an der Menschheit, diese Lehre zu verstehen, sie sich erst intellektuell zu eigen zu machen, um sie dann praktisch umzusetzen. Dabei sollte sie sich stets darüber bewusst sein, dass wenn sie dies tut, sie es nur für sich selbst tut, um die eigene begrenzte Erdenerfahrung besser zu leben, weil das Absolute selbst dafür sorgt, die absolute Wahrheit zu verwirklichen. Dies ist eigentlich keine Aufgabe des Menschen.

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