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A.14.    Ethische Werte der idealistischen Zivilisation:  c. Liebe und Familie

A.14. Ethische Werte der idealistischen Zivilisation: c. Liebe und Familie

 

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Lektion 14

 

Ethische Werte der idealistischen Zivilisation:

 

c. Liebe und Familie

 

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Die zweite ethische Schöpfung des Menschen nach der des Weltstaates, die sicherlich, nach logischer Wichtigkeit geordnet, erste Position besetzt, ist die  Familie. Diese hierarchische Ordnung der ethischen Institutionen als Verwirklichung des Sinns menschlichen Lebens auf der Welt beruht auf logischen Abhängigkeitsbeziehungen. Der Staat kommt als Erster, weil er die objektiven Bedingungen für die Existenz aller weiteren Aspekte des menschlichen Lebens absteckt. Bereits die Sprache ist etwas Gemeinsames, bezieht sich also auf den Staat. Alle weiteren Aktivitäten wie auch die Erziehung des Menschen schreiben sich ein in einen Rahmen von festgelegten rechtlichen Möglichkeiten und daher von dem, was man mit „Staat“ meint.

 

Das Wesen der Familie verbirgt sich in ihrem Hauptziel, nämlich dem der Reproduktion der eigenen Spezies. Diese ist wiederum an die körperliche Ausprägung des Geistes gebunden, der als Verwirklichung des Absoluten nicht nur das Element der Freiheit in der geistigen Existenz, sondern in seiner körperlichen Beschaffenheit auch das Element der Notwendigkeit enthält.

 

Dem Absoluten liegt als Grundprinzip seiner Entwicklung nämlich der Begriff der Aufhebung (gleichzeitig überwinden und aufbewahren) zugrunde, wie wir in der Lektion 7 erläutert haben. Denn in der Entwicklung geht nichts verloren, sondern jede vorherige Phase wird in der darauffolgenden bewahrt. Aus diesem logischen Grund trägt der Mensch als höchster Punkt auf der Evolutionsskala die gesamte Realität in sich, sowohl die materielle als auch die geistige. Die materielle trägt er als „überholte“ Realität in sich, weil sie nicht zu seinem unverzichtbaren Wesen gehört, aber es dennoch stark prägt, weil sie die materielle Basis darstellt, von der aus sich sein echtes und eigenes wesentliches Leben generiert. Dieses letztere ist das, was ihn innerhalb der Evolutionshierarchie unterscheidet: das geistige Leben, rational und frei. Dieses setzt jedoch die strukturelle und materielle Basis des Menschen voraus: den Körper. Die erste Handlung, welche die Entstehung eines Körpers garantiert, ist der Fortpflanzungsakt, durch den zwei Menschen verschiedenen Geschlechts ihre Körper vereinigen, ihre Reproduktionsfaktoren miteinander verbinden und auf diese Weise materiell weitere Menschen hervorbringen.

 

Aber dieser grundsätzliche Akt der Fortpflanzung, der einem Menschen als Körper Leben schenkt, reicht nicht aus. Das Neugeborene muss umsorgt werden, ihm muss geholfen werden, damit es wächst und seinerseits fähig wird, neue Menschheit zu generieren. So macht man den Schritt von der ersten, körperlichen Generation zur zweiten, geistigen Generation. Dies geschieht über die Erziehung. Dem Individuum wird beigebracht, in der Welt zu überleben, die ersten lebensnotwendigen Handlungen zu vollziehen (essen, sich vor Kälte schützen, sich durch Sprache zu verständigen etc.), kurz gesagt: Alle notwendigen Handlungen ausführen zu können, die ihm das Überleben garantieren.

 

Dieses Pflege- und Schutzverhalten der Eltern von der körperlichen bis zur geistigen Generation wird von der Liebe bedingt bzw. von dem starken Gefühl der gegenseitigen Bindung derjenige, die durch das Band der Familie, also durch die gemeinsame menschliche Reproduktion, miteinander verbunden sind.

 

Auf der einen Seite ist die Liebe ein Gefühl, andererseits basiert sie auf Anerkennung, wie im Vorigen bereits erläutert wurde. Deshalb ist sie etwas, was auch das Bewusstsein betrifft, die Vernunft. Durch die Anerkennung ist sich das Individuum darüber bewusst, dass es Ehemann oder Ehefrau ist und im nächsten Schritt Vater oder Mutter. Dank dieser Anerkennung kann das Individuum weitere Menschheit hervorbringen, eine der höchsten und glücklich machenden Schöpfungen, derer der Mensch Urheber sein kann.

 

Die Familie löst sich nicht auf, wenn das Kind unabhängig wird, da der natürliche Alterungsprozess dazu führt, dass die Eltern ihre Unabhängigkeit verlieren, die sie als Erwachsene hatten. Folglich erhält das Kind im Laufe seines Lebens die familiäre Aufgabe, die eigenen Eltern in ihrem Alterungsprozess zu begleiten und ihnen diesen weniger hart und schmerzhaft zu machen. So erkennt das Kind die Eltern bis zum letzten Tage ihres Lebens an, genau wie sie es vom ersten Tage seines Lebens an anerkannt haben.

 

Auf diese Weise hat der Mensch, ob Mann oder Frau, aus ethischer Sicht einen doppelten Sinn des Lebens: auf der einen Seite die familiäre Pflege der eigenen Eltern, die altern, auf der anderen Seite die Generation der eigenen Kinder, also die Gründung einer eigenen Familie. Diese wird den familiären Zyklus wiederholen, weil auch das erwachsene Kind wiederum altern und daher Hilfe seiner Kinder benötigen wird, wenn sie erwachsen geworden sind.

 

Diese Entwicklung wird nie nur eine rein und einfache Wiederholung sein: Sowohl das körperliche als auch das geistige Wachstum des Kindes sind durch das Prinzip der Aufhebung von dem der Eltern insofern verschieden, als sie im Allgemeinen eine höhere Ebene erreichen. Auf körperlicher Ebene wird das Kind – wenn keine außergewöhnlichen Ereignisse wie Kriege oder Natur­katastrophen geschehen - in der Regel eine bessere Ausgangsposition bezüglich seiner Lebensumstände besitzen als die Eltern, und deshalb stärker und gesünder sein. Auf geistiger Ebene wird es alles das behalten, was Eltern und Gesellschaft ihm gelehrt haben, um dann einen Schritt weiterzugehen und der selbst erfahrenen Erziehung bei der eigenen Kindererziehung noch etwas hinzufügen zu können. Auf diese Weise wird sich jedes Kind ein bisschen besser in der Welt zurechtfinden sowie weiterentwickeln können als seine Vorfahren.

 

Die familiäre Beziehung, die jene miteinander verknüpft, die durch dieselbe Abstammung aneinander gebunden sind, beinhaltet also Pflichten, die gleichzeitig Rechte darstellen: die Pflicht, ein Kind auf die Welt zu bringen, die auch das Recht darstellt, Vater oder Mutter zu werden; die Pflicht, ein Kind großzuziehen und zu erziehen, die auch das Recht ist, das Kind nach den eigenen Werten zu erziehen (wie auch das Recht des Kindes, erzogen zu werden); die Pflicht, sich um seine Eltern zu kümmern, aber auch das Recht, jene Fürsorge selbst zu erfahren, wenn der Moment gekommen ist.

 

Diese Übereinstimmung zwischen Pflichten und Rechten ist der Inhalt des Freiheitskonzepts im Sinne der substanziellen und nicht rein formalen Freiheit (Willkür), über die wir in vorheriger Lektion gesprochen haben. Um es aber genauer auszudrücken, sind die Begriffe „Pflicht“ und „Recht“ nicht geeignet, diesen erhabenen Begriff zu erläutern. Es bietet sich an, auf den Ausdruck ‚Sinn des Lebens‘ zurückzugreifen.

 

Zunächst handelt es sich um den „metaphysischen Sinn des Lebens“, der darin besteht, die Fortpflanzung der eigenen Spezies und somit des Absoluten, was wir in uns tragen, sicherzustellen. Dies tun wir durch die Gründung einer Familie sowie einer Umgebung, die voller Liebe und Fürsorge ist, und in der wir unsere Kinder sowohl körperlich als auch geistig großziehen (eventuell auch andere Menschen, etwa im Falle von Adoption, die offenkundig einen sehr hohen ethischen Wert besitzt).

 

Es geht aber auch um einen „ethischen Sinn des Lebens“, welcher mehr ist als ein einfaches Recht oder eine einfache Pflicht, wenn man die beiden Ausdrücke auf ihre juristische Interpretation reduziert. Der ethische Sinn des Lebens gestattet dem Menschen, sein eigenes schöpferisches Wesen zu verwirklichen. Er ist nicht vollkommen egoistisch, weil er sich auf die Reziprozität der Anerkennung stützt (als Ehemann, Ehefrau, Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Bruder, Schwester usw.), welche auf emotionaler Ebene der Liebe gleichkommt. Daher kann die Selbstverwirklichung nur durch den Anderen im Sinne der Gegenseitigkeit erfolgen, weswegen die zwei oder mehr endlichen Menschen eine übergeordnete Einheit darstellen, die aus logischer Sicht dem „echten Unendlichen“ entspricht. Es ist genau diese übergeordnete Einheit (das Paar, die Familie), die sich durch die Selbstverwirklichung des Einzelnen selbst verwirklicht. Aus diesem Grund ist die Selbstverwirklichung des Einzelnen innerhalb der Familie kein egoistischer Akt, weil er für das gemeinsame Wohl agiert, nicht nur für das eigene. Das individuelle und das gemeinschaftliche Wohl überschneiden sich also in der absoluten Ethik, weil der Einzelne, der sich mit dem Absoluten in ihm identifiziert, nicht mehr egoistisch, sondern auch altruistisch handelt. Was er tut, tut er für sich und für die anderen. Es gibt keine wirkliche Trennung der Individuen, deren Wohlergehen nunmehr gegenseitig und voneinander abhängig ist.

 

In der absoluten Ethik überschneiden sich „der metaphysische und der ethische Sinn des Lebens“ sowohl in der Familie als auch innerhalb des Staates. Es sind die zwei Seiten derselben Medaille. Der „ethische Sinn des Lebens“, den sich die Individuen selbst in der Familiengründung und -führung geben, ermöglicht die Selbstverwirklichung des Absoluten, die wiederum der „metaphysische Sinn des Lebens“ ist. In der Familie ist es nämlich das Absolute selbst, das sich in den vom Menschen gebrachten Opfern, die durch Liebe und Zuneigung belohnt werden, zeigt und sich in der Welt in seiner Reinform von Rationalität und Freiheit reproduziert. Dasselbe kann man über den Staat sagen, der ebenfalls den ethischen Sinn des Lebens der Individuen darstellt, die sogar oft geneigt sind, für ihn zu sterben, um die Präsenz des Absoluten auf der Welt zu bewahren.

 

Von diesem übergeordneten Standpunkt aus decken sich also der Sinn menschlichen Lebens und der Sinn der Welt. Aus individueller menschlicher Sicht ist die Familie der Sinn des Lebens; aus allgemeiner Sicht des Absoluten besteht jedoch der Sinn der Welt und somit des Absoluten selbst darin, weitere Menschheit hervorzubringen, weitere rationale und freie Menschen, durch die das Absolute selbst seine Existenz erlangen kann. Im Grunde genommen reproduziert sich das Absolute mithilfe der Menschen, die für ihre für Staat, Familie und auch Arbeit (vgl. Lektion 14) gebrachten Opfer mit dem Bewusstsein darüber belohnt werden, dass sie etwas Wichtiges erschaffen und ihrem eigenen Leben einen Sinn gegeben haben, was ihnen wiederum das Gefühl gibt, erfüllt zu sein.

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