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ZWEITER MOMENT   Der Begriff der menschlichen Natur

ZWEITER MOMENT  Der Begriff der menschlichen Natur

 

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ZWEITER MOMENT 

Der Begriff der menschlichen Natur

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Aus der Sicht des Logos als letztes Fundament der Wirklichkeit wird der Mensch zum Hauptdarsteller des Werdens der Welt sowie ihres Verständnisses, der Philosophie. Der Logos ist nämlich als objektive Vernunft das Absolute, also die Ursache der Welt im Sinne von ‘causa sui’; aber er ist als subjektive Vernunft auch das Wesen des Menschen. Daraus lässt sich also ableiten, dass der Mensch in seinem vernünftigen Wesen die Ursache der Welt ist.
Der Mensch nimmt also in der Natur die Position ein, die dem Moment des Werdens der Welt entspricht, in dem die absolute und vernünftige Schöpfungskraft aus der Materie auftaucht, in der sie in notwendiger und unbewusster Form agiert, und in freier und bewusster Form, also dem eigenen Begriff entsprechend,  erscheint.
Als ‘Auftauchen’ oder ‘Verkörperung’ des Absoluten in freier und bewusster Form stellt der Mensch also den Sinn der Entwicklung der Welt dar: Dieser Sinn besteht nämlich genau aus der Befreiung des Absoluten von den Fesseln der Notwendigkeit und des Unbewusstseins der Materie, die seine Schöpfungskraft behindern, sowie aus seinem Auftauchen aus ihr durch die Erschaffung des Menschen, insbesondere seines Wesens, der Vernunft. In Form der Vernunft existiert das Absolute in diesem Entwicklungsstadium der Welt in der freien und bewussten Form, die ihm selbst entspricht: Denn das Absolute entspricht der vernünftigen Schöpfungskraft und dem Wesen des Menschen, also der Vernunft, und eben genau dieser Aktivität in reiner bzw. nicht vorbestimmter Form. Es handelt sich um die Kategorien, die in der menschlichen Vernunft in reiner, unvorbestimmter Form aktiv sind, während sie in allen anderen Lebewesen des Seins in materieller, also bereits vorbestimmter Form, aktiv sind.
Der Mensch unterscheidet sich von den anderen natürlichen Seienden eben durch diese Reinheit der Formen seines vernünftigen Wesens. Auch die Struktur anderer natürlicher Seienden wird von Kategorien gebildet, aber niemals in reiner, sondern immer in materieller Form (in chemischer, biologischer Form usw.). Aus diesem Grund ist der Mensch nicht ein Wesen unter vielen, sondern genau das Wesen in dem das Absolute die logische, ihm eigene Form annimmt und als solches in der Welt erscheint.
Das Auftauchen des Menschen im Schoß des Werdens der materiellen Natur stellt daher gleichzeitig auch das Auftauchen des Absoluten, sein Erscheinen in Zeit und Raum dar.
Der Mensch erreicht in dem Moment die höchste Stufe der Entwicklung seines Selbstbewusstsein, in dem er diesen ausserordentlichen Wert seines Seins erkennt: Es ist dies die Stufe des absoluten Geistes (bzw. des absoluten Wissens) (1).) Diese Stufe besteht aus der Bewusstseinsform der spekulativen Philosophie (2), derzufolge das Absolute nicht durch ein äußeres, natürliches Wesen (Polytheismus) oder übernatürlichen Wesen (Monotheismus) identifiziert wird, sondern durch den Logos in einer objektiven und subjektiven Zeit (Idealismus) (3).
Schon Heraklit hat das absolute Wissen, also den Idealismus,  klar und eindeutig definiert, wenn auch in einer noch nicht vollständig entwickelten Form. Seine Formulierung des ‘höheren Standpunktes’ des subjektiven und objektiven Logos, eben weil sie ‘ursprünglich’ und nicht vollkommen entwickelt ist, zeigt die Faszination und die Fähigkeit, sich mit wenigen, treffenden Worten klar auszudrücken, charakteristisch für alles Ursprüngliche und Authentische, das noch nicht durch die einengenden Einflüsse der Welt der Akademie verdorben wurde.

„Dies Weltgesetz (Logos), das doch ewig ist, begreifen die Menschen nicht, weder bevor sie davon gehört noch sobald sie davon gehört haben. Denn obgleich alles nach diesem Gesetz geschieht, machen sie den Eindruck, als ob sie nichts davon ahnte (...)“ (Fragment 1);

„Daher muß man dem Gemeinsamen folgen. Obgleich aber das Weltgesetz (Logos) allem gemeinsam ist, leben doch die Vielen, als ob sie eine eigene Denkkraft hätten“ (Fragment 2);

“Wenn ihr nicht auf mich, sondern auf den Logos hört, ist es weise, anzuerkennen, daß alles eins ist (Fragment 50);
Kehren wir zu Hegel zurück: Der Mensch, der sich selbst und die Welt von diesem höheren Standpunkt aus betrachtet bzw. das Absolute als sein eigenes Wesen erkennt, identifiziert sich mit dem Absoluten, und wird von diesem Moment an selbst zum Absoluten, wenn auch natürlich nur in seinem vernünftigen Wesen, sicherlich nicht in seinem vergänglichen Körper (4). Auch sein praktisches Handeln ist daher von diesem Moment an das Handeln des Absoluten selbst, allerdings immer nur dann, wenn er bei seinem Handeln sich selbst, die Welt und die anderen Menschen von diesem höheren Standpunkt aus betrachtet. Denn es ist dann nicht mehr der empirische Mensch „x y“, sondern das Absolute selbst, das durch den empirischen Menschen „x y“ handelt.
Dank dieser so genauen spekulativen Kenntnis der menschlichen Natur verfügte Hegels System über eine solide Grundlage für die Ausarbeitung einer natürlichen Ethiklehre, die ohne den leisesten Zweifel das ursprüngliches Ideal des Philosophen darstellt.

ENDNOTEN

1) Der Vorgang der Erhebung des Menschen vom endlichen zum absoluten Bewusstsein wurde von Hegel bekanntermaßen in der Phänomenologie des Geistes genau untersucht.
2) Nicht nur die Philosophie Hegels gehört zu einer solchen Philosophie, sondern jede Philosophie, die sich über die Form der limitierten Erkenntnis des Verstandes erhebt und das Sein vom höheren Standpunkt der Vernunft aus betrachtet (z.b. ist die Philosophie Platons auch eine spekulative Philosophie, auch wenn nicht in der höchsten und komplettesten Entwicklungsform).
3) Zum Einfluss Kants auf die Bildung dieser phänomenologischen Anschauung Hegels vgl. meine Arbeit über die Religionsschrift (S. 115 - 117).
4) Der Mensch entspricht nämlich dem Absoluten sicher nicht als individueller und subjektiver Geist (der Charakter), sondern als vernünftiges und schöpferisches Wesen, das allen Menschen gemeinsam ist.

 

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