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A12.   Ethische Werte der philosophisch-idealistischen Zivilisation:  a. Menschheit und Weltstaat

A12. Ethische Werte der philosophisch-idealistischen Zivilisation: a. Menschheit und Weltstaat

 

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Lektion 12

 

Ethische Werte der philosophisch-idealistischen Zivilisation:

 
a. Menschheit und Weltstaat

 

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Die organisierte menschliche Gemeinschaft, d.h. der Staat als Weltstaat ohne jegliche geographische Grenze, ist der erste ethische Wert der absoluten Ethik. Dabei handelt sich um die Ethik, wie sie vom Geist angestrebt wird, der sich als Absolutes anerkennt und sich daher nicht nach seinen vorübergehenden und flüchtigen Neigungen, sondern nach seiner schöpferischen Rationalität verhält.

 

Um den Begriff des Staates zu bestimmen, ist es notwendig, das Prinzip, auf das sich dieser stützt, zu begreifen. Wir können dieses als „Prinzip der schöpferischen Rationalität“ definieren. Dieses versteht sich als die in jedem Menschen präsente universelle absolute Vernunft. Der philosophische Staat ist vor allem ein auf der schöpferischen Rationalität als Eigenschaft und essenzieller Gabe jedes Menschen basierender Staat.

 

Die schöpferische Rationalität bestimmt die unendliche Würde jedes Menschen, die andernfalls in keiner Weise begründet wäre. Diese basiert wiederum auf der Tatsache, dass der Mensch das Seiende ist, dessen Wesen das Absolute darstellt. Im Laufe seines Lebens hat jeder Mensch als sein eigenes Wesen das Absolute, auch in dem Falle, in dem er sich darüber nicht bewusst ist und daher nicht auf rationale Art lebt, sondern von materiellen Trieben und Instinkten geleitet wird.

 

Das Prinzip der Würde des Menschen sagt, dass der Mensch niemals als Objekt, sondern immer und ausschließlich als Subjekt, als Schöpfer betrachtet werden soll. Der Grund dafür ist nämlich, dass sein Wesen aus dem Absoluten besteht, aus dem Urprinzip der Welt. Daher sieht der Mensch, wenn er den Prinzipien der idealistischen Philosophie angemessen erzogen wird, in der Betrachtung seinesgleichen sich selbst. Deshalb ist er von sich aus geneigt, seinesgleichen als Zweck und nicht als Mittel zu betrachten, ihre Würde zu respektieren und sie nie als Objekte zu betrachten.

 

Nach der schöpferischen Rationalität und der absoluten Würde besteht die nächste grundsätzliche und distinktive Eigenschaft des philosophisch-idealistischen Staates in der substanziellen Freiheit. Gerade weil der Mensch rational und schöpferisch ist, kann er nur frei sein, frei sich zu verwirklichen. Der Staat muss daher alle Bedingungen schaffen, damit das Individuum sich verwirklicht und als Absolutes, als schöpferische Vernunft leben kann.

 

Dabei handelt es sich um eine viel tiefere Bedeutung des Begriffs der Freiheit als der der liberalen Tradition oder des alltäglichen Bewusstseins. ‚Freiheit‘ bedeutet nicht, zu tun und zu lassen, was wann und wie man will. Das wäre ‚Willkür‘, der selbstverständlich als deren subjektiver Aspekt auch zum Begriff der substantiellen Freiheit dazugehört, erschöpft den damit gemeinten Begriff aber nicht. ‚Willkür‘ bedeutet, dass der Mensch als rationales Wesen die Entscheidungsfreiheit hat, wählen zu können, was für ihn das Beste ist und dass ihm diese Freiheit nicht weggenommen werden kann. Die tiefe, substantielle und wirklich philosophische Bedeutung des Freiheitsbegriffes fügt der ‚Willkür‘ jedoch den Inhalt der Entscheidung hinzu, bzw. den Hinweis darauf, wie zu entscheiden ist, damit das Individuum sich selbst verwirklicht, als Absolutes und somit nach dem eigenen Wesen leben kann. In diesem Sinn hebt die ‚substantielle Freiheit‘ die ‚Willkür‘ auf, die dank ihr nicht mehr ohne Richtung ist, eben ‚Willkür‘, sondern nun eine klare Richtung für die Entscheidungen erhalten hat. Damit wird die Willkür zu wahrer, substantieller Freiheit.

 

Diese Richtung ist die folgende: Ein wirklich freies Leben ist im Wesentlichen ein kreatives Leben, weil das Absolute reine rationale Kreativität ist. Freiheit ist daher im Grunde Synonym für Kreativität. Deshalb sollten die Entscheidungen des freien Willens im Sinne der Kreativität und der schöpferischen Vernunft ausgerichtet werden. Das ist genau die substanzielle Freiheit, wie sie von der idealistischen Philosophie angestrebt wird: Sie enthält den freien Willen, aber gibt ihm einen Sinn, eine Richtung, eine Orientierung. So weiß das Individuum, wie es seine ethischen Entscheidungen treffen soll. Diese substantielle Freiheit, die vornehmlich Kreativität ist, setzt die intersubjektive Anerkennung voraus, wie wir in der Lektion 11 begründet haben. Sie ist also keine reine individuelle, egoistische Freiheit (Willkür), sondern eine gemeinschaftliche, anerkennende und altruistische Freiheit.

 

Die erste Schöpfung des Absoluten Geistes und somit der erste ethische Wert, die erste Äußerung der substanziellen Freiheit, ist der Weltstaat. Das menschliche Subjekt ist frei, wenn es einen philosophischen Weltstaat schaffen und am Leben erhalten kann, der dem Begriff der Absoluten Vernunft als Wesen eines jeden Menschen entspricht.

 

Die politische Form eines solchen Staates kann nur in einer Demokratie bestehen, wie Hegel im Übrigen schon 1802-03 in dem Schluss zu seinem System der Sittlichkeit erläutert hatte, welches er zunächst nicht veröffentlichte, weil ihm der abschließende Teil zur Begründung der ‚absoluten Demokratie‘ fehlte. Erst mit der sogenannten Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit (1803-05), die in der Lektion 9 behandelt wurde, fügte er jenen abschließenden Teil hinzu.

 

Der Grund für diese Folgerung ist, dass alle Menschen in ihrem Wesen das Absolute sind. Dies bedeutet, dass allen politische Kreativität zu kommt, sowohl passiver Art, etwa durch Wahlbeteiligung, als auch aktiver Art, durch eine Kandidatur für einen der Gemeinschaft zuträglichen Dienst.

 

Damit sich all dies tatsächlich realisieren lässt, hat der Staat vor allem die Aufgabe, seine Bürger an die Philosophie als Wissenschaft der Weisheit heranzuführen. Dies muss auf weltweiter Schulebene geschehen. Die Bürger sind dann, wenn sie zur philosophisch-schöpferischen Rationalität ausgebildet wurden, in der Lage, politische Entscheidungen ernsthaft mittels ihrer Stimme durchzusetzen. Auf diese Weise wird aus reiner Formalität, dass jeder das Wahlrecht hat, substanzielle, wahre Demokratie. Vor allem auch deswegen, weil die Bürger vom Staat dahingehend instruiert werden sollen, dass sie über die geschichtlich-philosophischen Grundkenntnisse verfügen, um die Mitmenschen wirklich bewusst wählen zu können, die später wichtige politische Entscheidungen treffen werden.

 

Eine andere Sache ist hingegen die aktive Teilnahme an der politischen Kreativität, bzw. das Angebot, der Gemeinschaft politisch zu dienen. Dafür reicht bei Weitem keine ausschließlich geschichtlich-philosophische Bildung, sondern  benötigt man ein viel komplexeres und tieferes Wissen, das neben einer Vertiefung von Geschichte und Philosophie als Wissenschaft der Weisheit auch alle Geistes- und Sozialwissenschaften (Geschichte, Staatswissenschaften, VWL, Soziologie, Psychologie, usw.) sowie die Naturwissenschaften, natürlich in allgemein verständlicher Form, miteinbeziehen soll. Der Politiker soll eine sowohl im philosophischen als auch im fächerübergreifenden Sinne hochgebildete Person sein. Nur so kann er die wichtigen Fragen, die der von ihm ausgewählte Beruf zwangsläufig an ihn stellen wird, bewältigen. Zu denken, man könne ohne angemessene Bildung gute Politik machen, während für die einfachsten Berufe vor allem in unseren heutigen vielschichtigen Gesellschaften mitunter tiefe Kompetenzen gefragt sind, ist ein schwerwiegender Fehler, der die derzeitigen Demokratien (sowie alle anderen auf dem Planeten Erde existenten Staaten) plagt.

 

An dieser Stelle stellt sich jedoch die vom ethischen Standpunkt und von einer ebensolchen Lebenseinstellung aus nicht unwesentliche Frage: Was soll der Mensch innerhalb des Staates schaffen, um seinem eigenen schöpferisch-rationalen Wesen getreu zu leben? Oder wie muss der Inhalt eines ethischen individuellen Lebens in einem philosophischen Weltstaat beschaffen sein? Wie muss der Inhalt der substanziellen Freiheit, des freien Lebens aussehen? Was muss der Mensch, der dieses Bewusstsein erreicht hat, am Ende erschaffen?

 

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