2025, Sommersemester, Seminar: “Einführung in Hegels Wissenschaft der Logik”

2025, Sommersemester, Seminar: “Einführung in Hegels Wissenschaft der Logik”

 

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15. April - 8. Juli 2025

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Online-Seminar

 

Die logischen Strukturen der Wirklichkeit:

Einführung in Hegels Lehre der Dialektik

(Wissenschaft der Logik)

 

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Geleitet von

Dr. Marco de Angelis

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Liste der wichtigsten Punkte,

die erörtert werden sollen.

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(In Grün sind die Punkte markiert,die
schon behandelt worden sind; in Hellblau die Zitate)

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0. Ein Leben mit Hegel

Hegel, ein Trainer (Maestro) der Ernsthaftigkeit, der Tiefe, der bewussten Langsamkeit - ein Leben mit Hegel, ein Schwimmen im Meer der Philosophie, ein Wegbewegen von allem Frivolen, Oberflächlichen, Bedeutungslosen, Beliebigen und ein Vertrautwerden mit dem Wertvollen, dem Tiefgründigen, dem Sinnvollen, dem Logischen.

 

1. Hegels Philosophie als Abschluss der Geschichte der Philosophie, insbesondere der Geschichte der Metaphysik

 

Um Hegels Philosophie und insbesondere seine Wissenschaft der Logik tiefgründig zu begreifen, ist es nötig, seine Auffassung der Geschichte der Philosophie zu verstehen

 

2. Hegels Begriff der Geschichte der Philosophie

 

Die Geschichte der Philosophie ist nach Hegel die Hauptdimension der Darstellung des Absoluten auf der Welt, insbesondere seiner Selbsterkenntnis. Der Fortgang der Philosophiegeschichte ist seiner Auffassung nach das langsame Sich-Selbst-Erkennen des Absoluten im Menschen. Diese Form der Selbsterkenntnis des Absoluten in seiner zeitlichen Entwicklung ist das Rückgrat der Geschichte der Philosophie, insbesondere der Geschichte der Metaphysik. Dabei entdecken die Menschen schrittweise die Kategorien, oder, was dasselbe ist, die Kategorien, also das Absolute, entdecken sich selbst im menschlichen Denken, sie offenbaren sich, sie präsentieren sich in der Welt, sie treten ans Licht zu ihrer Selbsterkenntnis. Wir können uns auch so ausdrücken, dass der Logos, die absolute Vernunft, die die Welt regiert und schöpferisch gestaltet, sich in der menschlichen Geschichte, insbesondere in der Geschichte der Philosophie und der Metaphysik, wiedererkennt.

(Anmerkung: Mündliche Erklärung über den Begriff ’Logos’. Für den entsprechenden Text, insbesondere die Lektion 7, siehe im Internet hier, in der Bibliothek hier).

 

QUELLE 1

"Die Geschichte, die wir vor uns haben, ist die Geschichte von dem Sich-Selbst-Finden des Gedankens, und bei dem Gedanken ist es der Fall, daß er sich nur findet, indem er sich hervorbringt, ja, daß er nur existiert und wirklich ist, indem er sich findet. Diese Hervorbringungen sind die Philosophien. Und die Reihe dieser Hervorbringungen, diese Entdeckungen, auf die der Gedanke ausgeht, sich selbst zu entdecken, ist eine Arbeit von dritthalbtausend Jahren."

G.W.F. Hegel, Werke, Bd. 18, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, Einleitung, Bestimmung der Geschichte der Philosophie, S. 23-24, Anm. 10, Suhrkampausgabe)

 

3. HEGELS HAUPTLEXIKON (Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, Wissenschaft der Logik und Geschichte der Philosophie)

 

3.1 Das Absolute

 

Hegels System der Philosophie, das in der "Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften" enthalten ist, teilt sich in drei Teile nach der folgenden Einteilung. 

 

QUELLE 2 (aus: "Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften", im Internet hier, in der Bibliothek hier)

§ 18

Wie von einer Philosophie nicht eine vorläufige, allgemeine Vorstellung gegeben werden kann, denn nur das Ganze der Wissenschaft ist die Darstellung der Idee, so kann auch ihre Einteilung nur erst aus dieser begriffen werden; sie ist wie diese, aus der sie zu nehmen ist, etwas Antizipiertes. Die Idee aber erweist sich als das schlechthin mit sich identische Denken und dies zugleich als die Tätigkeit, sich selbst, um für sich zu sein, sich gegenüberzustellen und in diesem Anderen nur bei sich selbst zu sein. So zerfällt die Wissenschaft in die drei Teile:

I. Die Logik, die Wissenschaft der Idee an und für sich,

II. Die Naturphilosophie als die Wissenschaft der Idee in ihrem Anderssein,

III. Die Philosophie des Geistes als der Idee, die aus ihrem Anderssein in sich zurückkehrt.

Oben § 15 ist bemerkt, daß die Unterschiede der besonderen philosophischen Wissenschaften nur Bestimmungen der Idee selbst sind und diese es nur ist, die sich in diesen verschiedenen Elementen darstellt. In der Natur ist es nicht ein Anderes als die Idee, welches erkannt würde, aber sie ist in der Form der Entäußerung, so wie im Geiste ebendieselbe als für sich seiend und an und für sich werdend. Eine solche Bestimmung, in der die Idee erscheint, ist zugleich ein fließendes Moment; daher ist die einzelne Wissenschaft ebensosehr dies, ihren Inhalt als seienden Gegenstand, als auch dies, unmittelbar darin seinen Übergang in seinen höheren Kreis zu erkennen. Die Vorstellung der Einteilung hat daher das Unrichtige, daß sie die besonderen Teile oder Wissenschaften nebeneinander hinstellt, als ob sie nur ruhende und in ihrer Unterscheidung substantielle, wie Arten, wären."

 

Auf den ersten Blick mag es scheinen, als gäbe es in der Welt nur Materie, d.h. die Natur, und Geist, d.h. die vom Menschen geschaffene Welt, z.B. die Geschichte. Hegel und die Metaphysiker im Allgemeinen sagen uns jedoch, dass es auch eine andere Ebene der Existenz gibt, die weder materiell noch geistig ist, es ist weder die Welt der Natur noch die Welt des Menschen, sondern etwas Höheres, etwas Reines, das eine der Mathematik vergleichbare Existenz hat. 
Das sind die logischen Kategorien, z.B. Sein, Nichts, Quantität, Qualität, Ursache, Wirkung, Möglichkeit, Notwendigkeit, usw. Diese Kategorien sind nicht nur subjektiv und menschlich, sondern haben auch einen objektiven Wert, z. B. gibt es Ursachen in der Natur, Quantität und Qualität in der Natur usw., so dass ihre Existenz sowohl natürlich als auch geistig, also absolut ist. 
Der lateinische Begriff „absolutum“, von dem der deutsche Begriff „Absolutes“ und seine Ableitungen herkommen, bedeutet wörtlich „aufgelöst“, „getrennt“.

Das Absolute ist seinem Wesen nach etwas, das nicht mit den Sinnen empirisch wahrgenommen werden kann und nirgendwo als solches zu finden ist, und doch ist es da, es hat eine Existenz. Auch die Mathematik hat eine ‚absolute‘ Existenz, so dass wir niemals Zahlen und mathematische Größen in der Natur oder im Geist finden werden, obwohl sowohl die Natur (wie die Naturwissenschaften belegen) als auch der Geist (z.B. die Musik) auf mathematischen Strukturen beruhen. Es ist bekannt, dass Pythagoras glaubte, die Zahlen seien die Erklärung für alles, das erste Prinzip des Seins. Für Hegel sind die Kategorien das erste Prinzip des Seins und die mathematischen Größen sind ein Teil der Kategorien, insbesondere der Kategorie der Quantität.

 

3.2. Die Kategorien 

 

Sie sind der Stoff, aus dem das Absolute besteht. Wie wir schon gesagt haben, haben sie eine objektive Existenz. Lesen wir Hegel darüber.

 

QUELLE 3 (aus: "Wissenschaft der Logik", im Internet hier, in der Bibliothek hier)

 

"Die reine Wissenschaft setzt somit die Befreiung von dem Gegensatze des Bewußtseins voraus. Sie enthält den Gedanken, insofern er ebensosehr die Sache an sich selbst ist, oder die Sache an sich selbst, insofern sie ebensosehr der reine Gedanke ist. Als Wissenschaft ist die Wahrheit das reine sich entwickelnde Selbstbewußtsein und hat die Gestalt des Selbsts, daß das an und für sich Seiende gewußter Begriff, der Begriff als solcher aber das an und für sich Seiende ist. Dieses objektive Denken ist denn der Inhalt der reinen Wissenschaft. Sie ist daher so wenig formell, sie entbehrt so wenig der Materie zu einer wirklichen und wahren Erkenntnis, daß ihr Inhalt vielmehr allein das absolute Wahre oder, wenn man sich noch des Worts Materie bedienen wollte, die wahrhafte Materie ist – eine Materie aber, der die Form nicht ein Äußerliches ist, da diese Materie vielmehr der reine Gedanke, somit die absolute Form selbst ist. Die Logik ist sonach als das System der reinen Vernunft, als das Reich des reinen Gedankens zu fassen. Dieses Reich ist die Wahrheit, wie sie ohne Hülle an und für sich selbst ist. Man kann sich deswegen ausdrücken, daß dieser Inhalt die Darstellung Gottes ist, wie er in seinem ewigen Wesen vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist."

 

Und weiter:

 

"Ob nun das Logische zwar im Anfange des Studiums nicht in dieser bewußten Kraft für den Geist vorhanden ist, so empfängt er durch dasselbe darum nicht weniger die Kraft in sich, die ihn in alle Wahrheit leitet. Das System der Logik ist das Reich der Schatten, die Welt der einfachen Wesenheiten, von aller sinnlichen Konkretion befreit. Das Studium dieser Wissenschaft, der Aufenthalt und die Arbeit in diesem Schattenreich ist die absolute Bildung und Zucht des Bewußtseins. Es treibt darin ein von sinnlichen Anschauungen und Zwecken, von Gefühlen, von der bloß gemeinten Vorstellungswelt fernes Geschäft. Von seiner negativen Seite betrachtet, besteht dies Geschäft in dem Fernhalten der Zufälligkeit des räsonierenden Denkens und der Willkür, diese oder die entgegengesetzten Gründe sich einfallen und gelten zu lassen.
Vornehmlich aber gewinnt der Gedanke dadurch Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Er wird in dem Abstrakten und in dem Fortgehen durch Begriffe ohne sinnliche Substrate einheimisch, wird zur unbewußten Macht, die sonstige Mannigfaltigkeit der Kenntnisse und Wissenschaften in die vernünftige Form aufzunehmen, sie in ihrem Wesentlichen zu erfassen und festzuhalten, das Äußerliche abzustreifen und auf diese Weise aus ihnen das Logische auszuziehen – oder, was dasselbe ist, die vorher durch das Studium erworbene abstrakte Grundlage des Logischen mit dem Gehalte aller Wahrheit zu erfüllen und ihm den Wert eines Allgemeinen zu geben, das nicht mehr als ein Besonderes neben anderem Besonderen steht, sondern über alles dieses übergreift und dessen Wesen, das Absolut-Wahre ist."

 

3.3 Die theologische Bedeutung der "Wissenschaft der Logik" als Umsetzung von Hegels Lebensideal der Gründung einer Volksreligion als Vernunftreligion

(Über Hegels Lebensideal s. hier und die Hausarbeit bzw. das Referat von Frau Sarina Fehst)

(Mündlicher Text: s. Videoaufzeichungen der 4. Sitzung am 13.5.25 hier)

Religionsphilosophische Pyramide der Entwicklung der Geschichte

Quellentext bei Hegel hier
(In: Karl Rosenkranz, Hegels Leben, im Internet hier)
Erklärung der Pyramide hier
Quellen Text über die ‚neue Epoche‘ s.unten am Ende dieser Seite)

 

 

 

 

 

 

 

 

3.4 Hegels Bewusstsein, eine neue Epoche in der Geschichte der Menschheit mit seiner Philosophie eingeleitet zu haben

Das Bewusstsein, die Geschichte der Philosophie nicht zeitlich, sondern logisch abgeschlossen zu haben, durchzieht alle Werke Hegels von Jena an. Die Phänomenologie des Geistes stellt genau diese Ankündigung an die Welt dar: "Meine Damen und Herren, das Absolute hat sich erkannt, die absolute Wahrheit ist errreicht worden" (das ist selbstverständich kein Zitat Hegels, doch dem Sinn nach ja!).
Aber auch in den "Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie" lesen wir eine Stelle vom gleichen Ton:

 

QUELLE 4:

"c) Dies ist nunmehr das Bedürfnis der allgemeinen Zeit und der Philosophie. Es ist eine neue Epoche in der Welt entsprungen. Es scheint, daß es dem Weltgeiste jetzt gelungen ist, alles fremde gegenständliche Wesen sich abzutun und endlich sich als absoluten Geist zu erfassen und, was ihm gegenständlich wird, aus sich zu erzeugen und es, mit Ruhe dagegen, in seiner Gewalt zu behalten. Der Kampf des endlichen Selbstbewußtseins mit dem absoluten Selbstbewußtsein, das jenem außer ihm erschien, hört auf. Das endliche Selbstbewußtsein hat aufgehört, endliches zu sein; und dadurch andererseits das absolute Selbstbewußtsein die Wirklichkeit erhalten, der es vorher entbehrte. Es ist die ganze bisherige Weltgeschichte überhaupt und die Geschichte der Philosophie insbesondere, welche nur diesen Kampf darstellt und da an ihrem Ziele zu sein scheint, wo dies absolute Selbstbewußtsein, dessen Vorstellung sie hat, aufgehört hat, ein Fremdes zu sein, wo also der Geist als Geist wirklich ist. Denn er ist dies nur, indem er sich selbst als absoluten Geist weiß; und dies weiß er in der Wissenschaft. Der Geist produziert sich als Natur, als Staat; jenes ist sein bewußtloses Tun, worin er sich ein Anderes, nicht als Geist ist; in den Taten und im Leben der Geschichte wie auch der Kunst bringt er sich auf bewußte Weise hervor, weiß von mancherlei Arten seiner Wirklichkeit, aber auch nur Arten derselben; aber nur in der Wissenschaft weiß er von sich als absolutem Geist, und dies Wissen allein, der Geist, ist seine wahrhafte Existenz.

Dies ist nun der Standpunkt der jetzigen Zeit, und die Reihe der geistigen Gestaltungen ist für jetzt damit geschlossen. -Hiermit ist diese Geschichte der Philosophie beschlossen."

G.W.F. Hegel, Werke, Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie, Bd. 20, S. 460-461, Suhkampausgabe)

 

In diesem Gedankengang hört man den Hegel von Jena, und es ist in der Tat ein gewisser Beweis aus dem jenenser Manuskript, von dem Michelet, der Herausgeber der Vorlesungen, uns erzählt, dass es dasjenige ist, das Hegel immer noch in Berlin zum Unterricht mitgenommen hat, war, kurz gesagt, sein ganzes Leben lang die Grundlage seines Unterrichts in Philosophiegeschichte geblieben. 

 

3.5 Unterscheidung zwischen Ende und Ziel der Geschichte der Philosophie

Hegels Philosophie stellt also die Vollendung der Philosophie dar; diese Wissenschaft hat in ihr, insbesondere in ihrer Logik-Metaphysik, ihr Ziel erreicht, indem das Absolute in seiner eigenen Form, als Vernunft, erkannt wird. Weiter kann man nicht gehen! Das Absolute, das die Vernunft ist, wird als solches, als Vernunft, erkannt. Während in der Kunst und in der Religion, den beiden anderen Formen der Darstellung des Absoluten in der Welt, eine Kluft zwischen der endlichen menschlichen Subjektivität (der Intuition des Künstlers, der Vorstellung des Gläubigen) und der objektiven rationalen Form des Absoluten besteht, wird dieser Unterschied, diese Diskrepanz in der Logik-Metaphysik vollständig aufgehoben. 

Hegel konnte jedoch nicht so naiv sein zu glauben, dass mit seiner eigenen Philosophie die menschliche Wahrheitssuche im wahrsten Sinne des Wortes endete! Dazu ist es in der Tat notwendig, sehr genau zwischen „Ende“ und „Ziel“ der Philosophie begrifflich zu unterscheiden. Die italienische Sprache bietet interessanterweise zwei identische Worte, die jedoch unterschiedlichen Genres angehören und eine scheinbar ähnliche Bedeutung haben, aber doch ganz unterschiedlich sind: "la fine" (Femininum, das Ende) und "il fine" (Maskulin, das Ziel); im Latein, von dem die italienische Sprache herkommt, haben wir das Wort ’finis’, das beides bedeutet; auf Deutsch gibt es zwei unterschiedliche Worte, was wahrscheilich besser ist, obwohl es doch nicht ganz verkehrt ist, dasselbe Wort zu verwenden, wie auf Latein und teilweise auf Italienisch, da Ende und Ziel doch auch zusammengehören. Es ist sehr interessant zu merken, wie Logik und Sprache oft miteinander verbunden sind. 

Das „Ende“ von etwas betrifft seine Existenz in der Zeit, d.h. den Übergang von seinem Sein zu seinem Nichtsein, genau nach Hegels Definition dieser beiden Kategorien von Sein-Nichtsein in den ersten Abschnitten der Wissenschaft der Logik. Das „Ziel“ von etwas ist vielmehr sein Zweck, ebenfalls eine Kategorie der Logik, die Hegel im Abschnitt über das Wesen erörtert. Das Ziel ist die Vollendung des Prozesses, die Verwirklichung des Begriffs eines Seienden zu seiner eigenen Erfüllung, zu seiner eigenen Verwirklichung.

Wenden wir nun diese doppelte Kategorie des Endziels auf die Geschichte der Philosophie an, so können wir sagen, dass das Ziel des Prozesses der Geschichte der Metaphysik das absolute Selbstbewusstsein ist, d.h. das Bewusstsein, zu dem der ‚letzte‘ Metaphysiker gelangt, dass der Logos sich endlich erkannt hat und das Grundprinzip der Welt verstanden wurde. 
Wenn man diese Stufe des Selbstbewusstseins des Absoluten erreicht hat, kann man kein höheres Wissen als dieses anstreben; dieses volle Bewusstsein wird in Hegels Logik-Metaphysik erreicht, da in ihr die Kategorien objektiv und wissenschaftlich erkannt werden, wie wir in diesem Seminar zeigen werden. 
In diesem Sinne ist das Ziel der Geschichte der Metaphysik erreicht worden. Wir können sagen, dass die Metaphysik die erste Wissenschaft ist, die ihr Ziel erreicht hat, nämlich das Verständnis des ersten Prinzips der Welt, das die Griechen ’archè’ nannten. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Geschichte der Philosophie zu Ende ist, d.h. dass ihr Endpunkt erreicht ist! Die Geschichte der Philosophie ging und geht natürlich weiter, mit einer Vielzahl von Aufgaben. 
Nach Hegesl Tod war es zunächst einmal notwendig, seine Philosophie gut zu verstehen, um von Anfang an eine solide Hegel-Forschung zu haben, auch weil Hegel plötzlich starb, ohne ein philosophisches Testament hinterlassen zu können. Daher die interne Spaltung unter seinen Schülern und alles, was daraus folgte.
Zweitens wurden wichtige, wenn auch teilweise fehlerhafte Versuche unternommen, den dialektischen Staatsbegriff zu realisieren (Marx-Kommunismus, Gentile-Faschismus). Gerade weil die Hegel-Forschung Hegels Philosophie noch nicht hinreichend verstanden hatte, nicht zuletzt, weil viele seiner Schriften, vor allem die seiner Jugend, erst viel später veröffentlicht wurden und erst in den letzten Jahrzehnten in eine wissenschaftlich gültige zeitliche Ordnung gebracht werden konnten, sind diese historischen Versuche, einen philosophisch-dialektischen Staat zu begründen, entweder gescheitert oder Diktatur geworden (was gegen der Geist des Idealismus geht, der die Freiheit für alle ist). 
Heute ist die Situation jedoch anders. Die Hegel-Forschung hat vor allem nach 1945 große Fortschritte gemacht, und die wissenschaftliche Ausgabe von Hegels Werken (Gesammelte Werke, Link
hier) ermöglicht uns, eine objektiv angemessene Kenntnis seines authentischen Denkens zu erreichen.
Es ist also heute möglich, die authentische Bedeutung der Hegelschen Philosophie als ultimative „Metaphysik“ objektiv adäquat zu erkennen und auf der Grundlage dieser Erkenntnis des ersten Prinzips der Welt eine dieser Erkenntnis angemessene philosophische Weltgesellschaft zu schaffen. 
Die Geschichte der Metaphysik ist also in ihren Grundzügen abgeschlossen, die Geschichte der Philosophie dagegen geht verstärkt weiter, denn sie muss nun von der Theorie zur Praxis, zur Verwirklichung des philosophischen und „dialektischen“ Staates übergehen. Die ersten zwei Versuche sind gescheitert, die Welt braucht aber jetzt einen dritten. 

 

3.6 Die Kategorien und das Absolute als Logos, subjektive und objektive also absolute Vernunft

Die gesamte Kategorienstruktur, das Kategoriensystem, d.h. der Hauptinhalt der „Wissenschaft der Logik“, ist das Netzwerk, mit dem wir Menschen die Welt verstehen, aber auch verändern können. Dies ist möglich, weil dieses Netzwerk auch die Struktur der Welt ist. Die Struktur der subjektiven Vernunft des Menschen und die Struktur der objektiven Natur sind also identisch. Die Unterschiede liegen in den Aspekten der Notwendigkeit oder Freiheit und des Unbewussten oder Bewusstseins. Von den Grundsteinen des Universums (dem Mineralreich) bis zu den höchsten Formen menschlicher Kultur (nach Hegel Kunst, Religion und Philosophie) gibt es keine qualitativen, sondern rein quantitative Unterschiede (Friedrich Engels und die materialistische Dialektik über Quantität und Qualität). Steine, Galaxien, Planeten und biologische Formen entwickeln sich nach Notwendigkeit und unbewusst (nicht im Sinne Freuds, sondern einfach ohne Bewusstsein, sie wissen nicht, warum sie sich entwickeln und in welche Richtung), während die Menschen sich frei nach ihrem Bildungsstand (Kultur, Religion, Philosophie) entwickeln, d.h. sie entscheiden bewusst, wie sie ihre zukünftige Zeit mit Inhalten füllen. Beide Formen sind jedoch logisch und vernünftig. Was den Menschen betrifft, so haben wir bereits in dem Zitat aus der Geschichte der Philosophie gelesen, dass ein voll entwickeltes Bewusstsein und damit eine hundertprozentige Freiheit des Denkens nicht von vornherein (Vorgeschichte) möglich ist, sondern nur potentiell vorhanden ist, aber durch Bildung, insbesondere Religion und Philosophie, sozusagen „aktiviert“ werden kann und soll. Wird das Bewusstsein seiner Vernunft nicht richtig aktiviert, bleibt der Mensch in einem teilweise unbewussten Käfig gefangen, handelt nach seinen Leidenschaften, Instinkten und Impulsen, nicht auf rein logische und vernünftige Weise. Diese Problematik ist Gegenstand der Philosophie des Geistes und wir werden sie im Seminar des Wintersemesters genauer untersuchen. 

Was hier betont werden muss, ist, dass die Kategorien, die „Schatten“, wie Hegel es ausdrückt, immer die Grundlage sind, ob im astronomischen und geologischen Bereich oder im biologischen und geistigen Bereich. Es ist das Absolute als Logos, als objektive und subjektive Vernunft, das die Welt regiert.

 

3.7 Kurzer Abriss der Geschichte der Philosophie: die ’Mittelmeerphilosophie’ als historische Wurzel von Hegels Wissenschaft der Logik

In der Einleitung zur Logik verwendet Hegel das griechische Wort „Nous“, doch scheint mir der Begriff „Logos“ angemessener zu sein, nicht zuletzt, weil er sich in unseren zumindest westlichen Sprachen durchgesetzt hat und weiterlebt. Lassen Sie uns Hegel lesen.

 

QUELLE 5, Fortsetzung von 3 (aus: "Wissenschaft der Logik", im Internet hier, in der Bibliothek hier)

 

"Anaxagoras wird als derjenige gepriesen, der zuerst den Gedanken ausgesprochen habe, daß der Nus, der Gedanke, das Prinzip der Welt, daß das Wesen der Welt als der Gedanke zu bestimmen ist. Er hat damit den Grund zu einer Intellektualansicht des Universums gelegt, deren reine Gestalt die Logik sein muß. Es ist in ihr nicht um ein Denken über etwas, das für sich außer dem Denken zugrunde läge, zu tun, um Formen, welche bloße Merkmale der Wahrheit abgeben sollten; sondern die notwendigen Formen und eigenen Bestimmungen des Denkens sind der Inhalt und die höchste Wahrheit selbst."

 

Lesen wir aber auch Anaxagoras!

 

QUELLEN 6 und 7 ("Die Fragmente der Vorsokratiker", Griechisch und Deutsch von Hermann Diels. 1. Band, Berlin 41922, S. 399-410, im Internet hier, in der Bibliothek hier)

 

"Fragment 1: Alle Dinge waren zusammen, unendlich der Menge wie der Kleinheit nach. Denn das Kleine war eben unendlich. Und solange alle Dinge zusammen waren, konnte man wegen ihrer Kleinheit keines darin deutlich unterscheiden. Denn Dunst und Äther, beides unendliche Stoffe, hielten alles [andere] nieder. Denn dies sind die nach Menge und Größe hervorragendsten Stoffe, die in der Gesamtmasse enthalten sind."

 

"Fragment 12. Das Übrige hat Anteil an jedem, der Geist (Nous) aber ist unendlich und selbstherrlich und mit keinem Dinge vermischt, sondern allein, selbständig, für sich. Denn wenn er nicht für sich, sondern mit irgend etwas anderem vermischt wäre, so hätte er an allen Dingen teil, vorausgesetzt nämlich, er wäre mit irgend etwas vermischt. Denn in jedem ist ein Teil von jedem enthalten, wie ich im Vorigen gesagt habe; und dann würden ihn die beigemischten Stoffe hindern, so daß er nicht ebenso gut die Herrschaft über jegliches Ding ausüben könnte wie allein für sich. Denn er ist das dünnste aller Dinge und das reinste und er besitzt jegliche Einsicht über jegliches Ding und die größte Kraft. Und über alles was nur eine Seele hat, Großes wie Kleines, hat der Geist die Herrschaft. So hat er auch die Herrschaft über die gesamte Wirbelbewegung, so daß er dieser Bewegung den Anstoß gibt. Und zuerst fing dieser Wirbel von einem gewissen kleinen Punkte an, er greift aber weiter und wird noch weiter greifen. Und alles was sich da mischte und absonderte und voneinander schied, kannte der Geist. Und alles ordnete der Geist an, wie es in Zukunft werden sollte und wie es [vordem] war [was jetzt nicht (mehr) vorhanden ist] und wie es [gegenwärtig] ist. So auch diesen Wirbel, den jetzt die Gestirne, die Sonne, der Mond und die Duft- und Ätherstoffe, die sich abscheiden, vollführen. Ihre Abscheidung aber ist gerade eine Folge jenes Wirbels. Und zwar scheidet sich vom Dünnen das Dichte, vom Kalten das Warme, vom Dunkeln das Helle und vom Feuchten das Trockne. Dabei sind viele Teile von vielen Stoffen vorhanden. Vollständig aber scheidet sich nichts vom andern ab oder auseinander, abgesehen vom Geiste. Jeder Geist aber ist von gleicher Art, der größere wie der kleinere. Sonst aber ist nichts dem anderen gleichartig, sondern wovon am meisten in einem Dinge vorhanden ist, dies bildet und bildete als das deutlichst Erkennbare das einheitliche Einzelding."

(Anmerkung: sehr hilfreich über Anaxagoras z.B. im Internet hier)

 

Lesen wir aber auch Heraklit zum Logos!

 

QUELLEN 8 und 9 ("Die Fragmente der Vorsokratiker", Griechisch und Deutsch von Hermann Diels. 1. Band, Berlin 41922, S. 77-102, im Internet hier, in der Bibliothek hier)

 

"Fragment 1. Für dies Wort [Weltgesetz] (Logos) aber, ob es gleich ewig ist, gewinnen die Menschen kein Verständnis, weder ehe sie es vernommen noch sobald sie es vernommen. Alles geschieht nach diesem Wort, und doch geberden sie sich wie Unerprobte, so oft sie es probieren mit solchen Worten und Werken, wie ich sie künde, ein jegliches nach seiner Natur zerlegend und deutend, wie sich’s damit verhält. Die anderen Menschen wissen freilich nicht, was sie im Wachen tun, wie sie ja auch vergessen, was sie im Schlafe [tun].


"Fragment 2. Drum ist’s Pflicht dem Gemeinsamen zu folgen. Aber obschon das Wort [Weltgesetz]
(Logos) allen gemein ist, leben die meisten doch so, als ob sie eine eigene Einsicht hätten."

 

Lesen wir jetzt was Hegel über Heraklit schreibt:

 

QUELLE 10:
 

"Bei ihm ist also zuerst die philosophische Idee in ihrer spekulativen Form anzutreffen: das Räsonnement des Parmenides und Zenon ist abstrakter Verstand; Heraklit wurde so auch überall als tiefdenkender Philosoph gehalten, ja auch verschrien. Hier sehen wir Land; es ist kein Satz des Heraklit, den ich nicht in meine Logik aufgenommen."

 

Darüber ist sehr aufschlußreich, was Herr Professor Hoffmann in seinem Aufsatz über den internationalen Hegelianismus in Bezug auf den italienischen Hegelianismus schreibt:

 

QUELLE 11:

 

"Der erste Gesichtspunkt ist folgender: Der italienische Hegelismus setzt eine substanzielle und innere Affinität zwischen dem italienischen und dem hegelianischen Denken voraus, so dass das Hegelsche Denken nicht grundsätzlich als „Fremdkörper“ gegenüber der eigenen Tradition erscheint, sondern so etwas wie eine „ursprüngliche Affinität“ vorhanden ist, die es ohne große Schwierigkeiten ermöglicht, das hegelianische Denken in den italienischen Denk- und Lebenskontext zu integrieren."

 

(Thomas S. Hoffmann, Le specificità della fortuna di Hegel in Italia nel contesto dell’hegelismo internazionale dell’Ottocento, in: La fortuna di Hegel in Italia nell’Ottocento, a cura di Marco Diamanti, Napoli 2020, S. 96, in der Bibliothek hier; dt. Übersetzung: Die Besonderheiten von Hegels Rezeption in Italien im Kontext des internationalen Hegelismus des 19. Jahrhunderts, in: Hegels Rezeption in Italien im 19. Jahrhundert, hrsg. von Marco Diamanti, Neapel 2020)

 

Prof. Hoffmann bezieht sich dabei auf die Theorie des Kreislaufs des europäischen Denkens, die vom italienischen hegelianischen Philosophen Betrando Spaventa stammt. Nach dieser Theorie hat sich die Philosophie nach ihrer Geburt in Griechenland bzw. Großgriechenland (Magna Graecia, Süd Italien) auf Grund der Verfolgung durch die katholische Kirche (Ermordung von Giordano Bruno durch Verbrennung im Jahr 1600) in den relativ freien europäischen Norden wegbewegt, wo sie dann insbesondere in Deutschland in den Philosophien von Schelling und Hegel aufgenommen wurde. Es soll uns also gar nicht wundern, dass wir in Hegel das urspüngliche Denken der Vorsokratiker wiederfinden, da er seine Philosophie als die Wiederherstellung und Weiterentwicklung dieser ’Mittelmeerphilosophie’ als ’Urphilosophie’ und ’Urweisheit’ der Menschheit verstand.

So Hoffmann über Spaventa:

 

QUELLE 12:
 

"Italien zwinkert den Deutschen keineswegs zu, sondern beansprucht nur das, (hier folgen die Worte von Spaventa) „was uns gehört und nun in anderer Form zum Eigentum des universellen Geistes geworden ist und die wesentliche Bedingung unserer Zivilisation und aller Völker darstellt“. Auf diese Weise entwickelt Spaventa seine eigene „Theorie der Zirkularisierung bzw. Kreislaufs“, nach der sich die eine philosophische Wahrheit historisch an verschiedenen Orten entwickelt, aber das gemeinsame Erbe des menschlichen Geistes bleibt. In diesem Sinne waren, in Spaventas Worten, „Spinoza, Kant, Fichte, Schelling und Hegel... die wahren Schüler Brunos, Vaninis, Campanellas, Vicos und anderer berühmter Persönlichkeiten“. Und es ist nichts Verwerfliches daran, wenn Italien auf diese Weise seinen rechtmäßigen Platz im Pantheon der Geister der Welt zurückerobert, wenn Italien sich wieder mit jener Form der Wissenschaft verbindet, der es gegenwärtig gelingt, die organische Einheit des gesamten Wissens darzustellen, denn diese drückt nur aus, was bereits das Erbe des italienischen Geistes war."
(Ebd. S. 99)

 

Die Worte von Prof. Hoffmann scheinen mir als Italiener, der diese Situation persönlich erlebt hat, sehr treffend. Dazu würde ich nur sagen, dass Griechenland auch dazu gehört, es ist philosophisch und allgemein kulturell betrachtet unsere Mutter, der Deutschen sowie der Italiener. Diese drei Länder, Griechenland, Italien, Deutschland scheinen mir, die Länder der Metaphysik zu sein; von Athen über Rom nach Berlin ist meiner Meinung nach die ideell wünschenswerteste philosophisch-metaphysische Reise!

Es handelt sich um eine Betrachtung der Geschichte der Philosophie, insbesondere der Logik-Metaphysik, wie Professor Hoffmann sie nennt, der „Logosphilosophie“. Die Logosphilosophie entstand in Griechenland-Großgriechenland (Süditalien) als eine intellektuelle Interpretation des Hauptprinzips der Welt (arché) als Logos. Die Römer entwickelten diese Philosophie weiter und verbreiteten sie auf verschiedene Weise auf dem europäischen Kontinent und darüber hinaus. Nach dem Untergang der römischen Herrschaft entwickelte sich die Philosophie in ganz Europa weiter, erlebte aber in Italien mit der Renaissance und dem Humanismus eine neue Blütezeit, als sie sich von der Dominanz der christlichen Theologie und des Mittelalters lösen wollte (Philosophie des Humanismus und der Renaissance). Giordano Bruno war der bekannteste Vertreter dieser neuen Glanzzeit der Philosophie. Die neue Ära kam jedoch nicht in Schwung, weil die katholische Kirche Bruno anklagte und ihn am 18. Februar1600 bei lebendigem Leib verbrannte. Von da an konnte sich die Philosophie nur noch in Nordeuropa entwickeln, wo der Protestantismus bessere Bedingungen für das freie Denken bot (Descartes, Spinoza usw.). Schelling und Hegel knüpften aber an der Philosophie der Griechen und der Italiener (vgl. Schelling Dialog "Bruno oder über das göttliche und natürliche Prinzip der Dinge" hier) wieder an in dem Bewusstsein, dass diese ursprüngliche Wahrheit der Philosophie die eigentliche ’Religion der Vernunft’ sei, wonach sie, Kant folgend, schon in den Studienjahren in Tübingen suchten. In der Tat ist auch der Protestantismus eine „endliche Form“ der Religion wie der Katholizismus und konnte sie deshab nicht zufriedenstellen. Nur die „Logos-Philosophie“ (Hoffmann), wie Hegel sie in seinem System darstellt, ist die „unendliche Form“ der Wahrheit. Diese Philosophie ist also die neue Religion der gesamten Menschheit, eine Vernunftreligion freilich, die die gesamte Entwicklung der Philosophie enthält und aufhebt. Die Philosophie als „Religion der Vernunft“ soll eine neue Epoche eröffnen, wie Hegel es wörtlich formulierte. Diese neue Epoche hat sich jedoch aus verschiedenen Gründen noch nicht durchsetzen können. Marx hatte irgendwie so etwas verstanden, war aber nicht in der Lage, die Philosophie als "unendliche Form" der Wahrheit zu konzipieren und die kommunistische Bewegung setzte sich als eine endliche Ideologie, wie der Kapitalismus, und nicht als eine unendliche Vernunftreligion durch. Wir leben heute noch in dieser Spannung zwischen den endlichen Ideologien (Kapitalismus, Kommunismus, verschiedene Glaubensformen). Die unedliche Wahrheit der ’Vernunftreligion’, also der Logos-Philosophie, ist die Zukunft der Menschheit, sie ist der wahre „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant), in der sich die Menschheit leider immer noch befindet. Die Wissenschaft der Logik soll die Grundlage dieser neuen Epoche der Geschichte der Menschheit sein, das war Hegels Idee!

 

4. Das Problem des Anfangs der Logik-Metaphysik und die teilweise fehlende Lösung bei Hegel

Gleich am Anfag des ersten Buchs der Wissenschaft der Logik (2. und letzte Auflage 1831) fügt Hegel ein Kapitel mit dem Titel ein: "Womit muß der Anfang der Wissenschaft gemacht werden" (Internetquelle hier). Unter ’Wissenschaft’ versteht der Philosoph, wie wir wissen, nichts anderes als die Philosophie. Für ihn sind Wissenschaft und Philosophie im Grunde genommen Synonyme. 

Die Grundidee dieses Kapitels ist, dass es bei dem Anfang um einen voraussetzunglosen Begriff handeln soll. Es muss sich um einen Gedanken handeln, der die Grungvoraussetzung von allen folgenden Gedanken ist, aber seinerseits keiner Voraussetzung bedarf. 

Doch auch diese Stellung, diese philosophische Position bedarf nach einer Begründung. Was ist der Gedanke, bei dem wir unausweichlich beginnen? Hegel hat in seinem Leben mehrere Lösungen dieser Frage angeboten. Die Phänomenologie des Geistes ist z.B. eine derartige Lösung. Sie führt den Leser genau zu dem Punkt, an dem der Gedanke von sich als etwas Absolutem bewusst wird, um dann weiter mit der Erkenntnis des Absoluten, also mit der Logik-Metaphysik weiterzumachen. Leider setzt die Phänomenologie die Dialektik, die aber erst in der Logik begründet wird. Die Phänomenologie kann als nicht als eine Einführung, im wörtlichen Sinn, zur Logik betrachtet werden, da sie nicht ’voraussetzungslos’ ist. Das ist auch der Hauptgrund, weshalb Hegel sie nie wieder veröffentlichte. 

Ein anderer Lösungsversuch ist das Kapitel ’Vorbegriff’, das Hegel dem Enzyklopädie von 1830 voranstellt. In diesem Kapitel werden drei Stellungen des Gedankens zur Objektivität dargestellt (Internetquelle hier) diskutiert. Es ist ähnlich wie die Theorie der Schlüsse am Ende der Enzyklopädie, worüber wir schon diskutiert haben. Auch die Theorie der Schlüsse kann als ein Versuch verstanden werden, wie man sich den voraussetzungslosen Zugang zur Philosophie und zur Wissenschaft verschafft.

Diese verschiedenen Versuche zeigen, dass Hegel diese Frage in seinem Leben nicht richtig klären könnte. Er hatte zwar die Wichtigkeit der Frage verstanden, die Lösung aber nicht finden können.

Auch auf der Grundlage seiner Versuche habe ich mich eingehend mit dieser Frage beschäftigt und in meinem Unternehmen, einen neuen dialektischen Idealismus zu erarbeiten, eine Lösung durch die Theorie des ’Ich verstehe’ vorgeschlagen. Diese Theorie scheint mir die einzige Möglichkeit, einen neuen dialektischen Idealismus zu eröffnen, der die Lücken, die Hegels Idealismus nach 200 Jahren vorweist, zu schliessen. Wer Interesse daran hat, kann diese Theorie hier lesen (Buch "Philosophie für alle", Lektionen 4-6).

Die erste Kategorie hat Hegel aber doch richtig verstanden. Was er nicht verstand, ist die Erklärung des Grundes, wieso wir uns in der Logik schon im Absoluten bewegen, d.h. in einem Denken, der objektiv und nicht nur subjektiv ist. Schauen wir uns an, welche diese erste Kategorie des Gedankens ist.

 

5. Die erste Kategorie: das Sein (die absolute Vernunft ‚ist‘; Affirmation)

(Internetquelle für die folgenden Zitate hier)


Welche kann die erste Kategorie sein? Denken wir einen Moment gemeinsam darüber nach. In der Logik sind Subjekt und Objekt eins. Das Subjekt, die individuelle Vernunft, möchte das Objekt, den Logos bzw. die universelle Vernunft, erforschen und erkennen, die jedoch im Grunde sie selbst ist. Das Denken erkennt sich selbst, das ist der erste logische Schritt, der Ausgangspunkt. Was weiß das Denken zunächst über sich selbst, was weiß die Vernunft über sich? Haben wir bereits eine Wahrheit, wissen wir bereits etwas in diesem ersten Moment? Wir wissen tatsächlich, dass sie ist: Die Existenz der Vernunft kann nicht bezweifelt werden (das kartesianische "cogito ergo sum"). Daher ist ihr “Sein” das Allererste, das erste Hauptmerkmal, die erste Bestimmung, die erste Definition, die wir ihr zusprechen können. Deswegen ist das Sein auch die erste Kategorie. 
Die erste Kategorie des Denkens, das erste Hauptmerkmal der Vernunft, ist folglich das Sein. Diese Kategorie ist in der Tat, wie wir von Parmenides wissen, auch die Grundkategorie der Metaphysik: Alles ist, bevor wir es als etwas Spezifisches weiterbestimmen. Das ist die allgemeinste, am wenigsten spezifische und detaillierte Bestimmung, die dafür jedoch universeller ist. Man kann sie allem zuschreiben, jedem materiellen oder auch abstrakten Objekt, in dem Moment, in dem wir daran denken. 

Lesen wir wie immer Hegel dazu:

QUELLE 13:

"A. Sein
Sein, reines Sein, – ohne alle weitere Bestimmung. In seiner unbestimmten Unmittelbarkeit ist es nur sich selbst gleich und auch nicht ungleich gegen Anderes, hat keine Verschiedenheit innerhalb seiner noch nach außen. Durch irgendeine Bestimmung oder Inhalt, der in ihm unterschieden oder wodurch es als unterschieden von einem Anderen gesetzt würde, würde es nicht in seiner Reinheit festgehalten. Es ist die reine Unbestimmtheit und Leere. – Es ist nichts in ihm anzuschauen, wenn von Anschauen hier gesprochen werden kann; oder es ist nur dies reine, leere Anschauen selbst. Es[82] ist ebensowenig etwas in ihm zu denken, oder es ist ebenso nur dies leere Denken. Das Sein, das unbestimmte Unmittelbare ist in der Tat Nichts und nicht mehr noch weniger als Nichts."

 

(Mündliche Anmerkung: Sein als erste Kategorie und der 1. Schluss als der einzig ’richtige’ Schluss vom Standpunkt der Wissenschaft aus)

 

6. Das Nichts als zweite Kategorie (die absolute Vernunft ist ‚Nichts‘; erste Negation)

Es ist jedoch klar, dass das Wissen über die Existenz der absoluten Vernunft nicht bedeutet, diese auch zu kennen. Wir haben seinen Inhalt noch nicht bestimmt. Das, was wir in diesem ersten Schritt der logischen Erkenntnis darüber wissen, ist noch nichts. Und genau dieses ‚Nichts‘ stellt die zweite Kategorie der Vernunft dar, zu der wir wie man nachfolgen kann – durch unsere eigene ‚passive‘ Überlegung über die Kategorie des Seins gelangt sind. 
In der Tat haben wir die Kategorie des Nichts nicht durch unsere subjektive Willkür hinzugefügt, sondern sie hat sich als die zweite Kategorie nach der des Seins aufgedrängt. Wir haben diese logische Reihenfolge nur erkannt, nicht erschaffen. Darin besteht die mäeutische Kennzeichnung der angewandten Methodik. Der Philosoph bzw. Wissenschaftler erkennt nicht erschafft die Wahrheit. Die Wahrheit, die logische Struktur der Welt existiert für sich, völlig unabhängig von uns. Das ist, was Hegel als "objektives Denken" bezeichnet. 

Lesen wir Hegel dazu:

QUELLE 14:
"B. Nichts
Nichts, das reine Nichts; es ist einfache Gleichheit mit sich selbst, vollkommene Leerheit, Bestimmungs- und Inhaltslosigkeit; Ununterschiedenheit in ihm selbst. – Insofern Anschauen oder Denken hier erwähnt werden kann, so gilt es als ein Unterschied, ob etwas oder nichts angeschaut oder gedacht wird. Nichts Anschauen oder Denken hat also eine Bedeutung; beide werden unterschieden, so ist (existiert) Nichts in unserem Anschauen oder Denken; oder vielmehr ist es das leere Anschauen und Denken selbst und dasselbe leere Anschauen oder Denken als das reine Sein. – Nichts ist somit dieselbe Bestimmung oder vielmehr Bestimmungslosigkeit und damit überhaupt dasselbe, was das reine Sein ist."

“Sein” und “Nichts” sind daher die ersten zwei Bestimmungen des Logos, der absoluten Vernunft, also die ersten beiden Kategorien der Logik. Es ist nicht an uns, diese zu bestimmen, sie bestimmen sich selbst, die eine entwickelt sich aus der anderen. Das Nichts geht aus dem Sein hervor, aber man kann auch das Gegenteil behaupten bzw. dass der Ausgangspunkt der Logik die Vernunft ist, über die wir noch nichts wissen, außer dass sie ist. Aus dieser Perspektive gesehen, kommt also zuerst das Nichts und dann das Sein als dessen Negation vor. 
Wie man sieht, sind also die Kategorien, die wir in diesem ersten Schritt der Erkenntnis der Vernunft derselben zuschreiben, die einfacheren Kategorien. Sie gehören zum Anfang des Prozesses der Vernunft, die sich selbst kennt. Am Anfang kann sie nicht mehr von sich wissen, als dass sie ist, aber das heißt, dass sie noch nichts Inhaltliches von sich weiß: Sie weiß, dass sie ist, aber sie weiß nicht, was sie ist. Die Vernunft ist dabei, sich selbst zu erkennen.

 
7. Das Werden als dritte Kategorie (die absolute Vernunft ‚wird‘; zweite Negation oder Negation der Negation) 

Im aktuellen Erkenntnisstadium, zu dem wir nun gelangt sind, haben wir also das Sein und das Nichts. Der Gedanke weiß, dass er ist, aber er weiß noch nicht, was er ist. Dieses ‚noch‘ leitet einen weiteren logischen Schritt ein und mit diesem eine neue Kategorie: das Werden. Wir wissen nämlich jetzt, dass der Logos, die absolute Vernunft, wird. Sie erscheint. Wir sind dabei, sie zu erkennen, sie ist auf dem Weg zu werden, sie entsteht. Die Kategorien sind, sozusagen, dabei, sich zu entwickeln, zu zeigen. 
Daher ist das Werden die nächste Kategorie, die dieses erste Erkenntnisstadium abschließt, weil das Werden die Verbindung, die Einheit zwischen Sein und Nichts ausdrückt. Wenn etwas wird, bedeutet das, dass es vom Sein zum Nichts oder vom Nichts zum Sein übergeht (die Geburt und der Tod, der Anfang und das Ende usw.). Das Werden bildet daher die Beziehung zwischen den ersten beiden Kategorien, zwischen Sein und Nichts.

Lesen wir den Meister dazu:

QUELLE 15:

"C. Werden

a. Einheit des Seins und Nichts
b. Momente des Werdens
c. Aufheben des Werdens


a. Einheit des Seins und Nichts
[83] Das reine Sein und das reine Nichts ist also dasselbe. Was die Wahrheit ist, ist weder das Sein noch das Nichts, sondern daß das Sein in Nichts und das Nichts in Sein – nicht übergeht, sondern übergegangen ist. Aber ebensosehr ist die Wahrheit nicht ihre Ununterschiedenheit, sondern daß sie nicht dasselbe, daß sie absolut unterschieden, aber ebenso ungetrennt und untrennbar sind und unmittelbar jedes in seinem Gegenteil verschwindet. Ihre Wahrheit ist also diese Bewegung des unmittelbaren Verschwindens des einen in dem anderen: das Werden; eine Bewegung, worin beide unterschieden sind, aber durch einen Unterschied, der sich ebenso unmittelbar aufgelöst hat."

 

QUELLE 16: 

"b. Momente des Werdens
Das Werden, Entstehen und Vergehen, ist die Ungetrenntheit des Seins und Nichts; nicht die Einheit, welche vom Sein und Nichts abstrahiert, sondern als Einheit des Seins und Nichts ist es diese bestimmte Einheit oder [die,] in welcher sowohl Sein als Nichts ist. Aber indem Sein und Nichts jedes ungetrennt von seinem Anderen ist, ist es nicht. Sie sind also in dieser Einheit, aber als Verschwindende, nur als Aufgehobene. Sie sinken von ihrer zunächst vorgestellten Selbständigkeit zu Momenten herab, noch unterschiedenen, aber zugleich aufgehobenen.

Nach dieser ihrer Unterschiedenheit sie aufgefaßt, ist jedes in derselben als Einheit mit dem anderen. Das Werden enthält also Sein und Nichts als zwei solche Einheiten, deren jede selbst Einheit des Seins und Nichts ist; die eine das Sein als unmittelbar und als Beziehung auf das Nichts; die andere das Nichts als unmittelbar und als Beziehung auf das Sein: die Bestimmungen sind in ungleichem Werte in diesen Einheiten.

Das Werden ist auf diese Weise in gedoppelter Bestimmung; in der einen ist das Nichts als unmittelbar, d.h. sie ist anfangend vom Nichts, das sich auf das Sein bezieht, d.h. in dasselbe übergeht, in der anderen ist das Sein als unmittelbar, d. i. sie ist anfangend vom Sein, das in das Nichts übergeht, – Entstehen und Vergehen.

Beide sind dasselbe, Werden, und auch als diese so unterschiedenen Richtungen durchdringen und paralysieren sie sich gegenseitig. Die eine ist Vergehen; Sein geht in Nichts über, aber Nichts ist ebensosehr das Gegenteil seiner selbst, Übergehen in Sein, Entstehen. Dies Entstehen ist die andere Richtung; Nichts geht in Sein über, aber Sein hebt ebensosehr sich selbst auf und ist vielmehr das Übergehen in Nichts, ist Vergehen. – Sie heben sich nicht gegenseitig, nicht das eine äußerlich das andere auf, sondern jedes hebt sich an sich selbst auf und ist an ihm selbst das Gegenteil seiner."

(Internetquelle hier)

 

QUELLE 17:

"c. Aufheben des Werdens
Das Gleichgewicht, worein sich Entstehen und Vergehen setzen, ist zunächst das Werden selbst. Aber dieses geht ebenso in ruhige Einheit zusammen. Sein und Nichts sind in ihm nur als Verschwindende; aber das Werden als solches ist nur durch die Unterschiedenheit derselben. Ihr Verschwinden ist daher das Verschwinden des Werdens oder Verschwinden des Verschwindens selbst. Das Werden ist eine haltungslose Unruhe, die in ein ruhiges Resultat zusammensinkt.

Dies könnte auch so ausgedrückt werden: Das Werden ist das Verschwinden von Sein in Nichts und von Nichts in Sein und das Verschwinden von Sein und Nichts überhaupt; aber es beruht zugleich auf dem Unterschiede derselben. Es widerspricht sich also in sich selbst, weil es solches in sich vereint, das sich entgegengesetzt ist; eine solche Vereinigung aber zerstört sich.

Dies Resultat ist das Verschwundensein, aber nicht als Nichts, so wäre es nur ein Rückfall in die eine der schon aufgehobenen Bestimmungen, nicht Resultat des Nichts und des Seins. Es ist die zur ruhigen Einfachheit gewordene Einheit des Seins und Nichts. Die ruhige Einfachheit aber ist Sein, jedoch ebenso nicht mehr für sich, sondern als Bestimmung des Ganzen.

Das Werden so [als] Übergehen in die Einheit des Seins und Nichts, welche als seiend ist oder die Gestalt der einseitigen unmittelbaren Einheit dieser Momente hat, ist das Dasein.


Anmerkung
Aufheben und das Aufgehobene (das Ideelle) ist einer der wichtigsten Begriffe der Philosophie, eine Grundbestimmung, die schlechthin allenthalben wiederkehrt, deren Sinn bestimmt aufzufassen und besonders vom Nichts zu unterscheiden ist. – Was sich aufhebt, wird dadurch nicht zu Nichts. Nichts ist das Unmittelbare; ein Aufgehobenes dagegen ist ein Vermitteltes, es ist das Nichtseiende, aber als Resultat, das von einem Sein ausgegangen ist; es hat daher die Bestimmtheit, aus der es herkommt, noch an sich.

Aufheben hat in der Sprache den gedoppelten Sinn, daß es soviel als aufbewahren, erhalten bedeutet und zugleich soviel als aufhören lassen, ein Ende machen. Das Aufbewahren selbst schließt schon das Negative in sich, daß etwas seiner Unmittelbarkeit und damit einem den äußerlichen Einwirkungen offenen Dasein entnommen wird, um es zu erhalten. – So ist das Aufgehobene ein zugleich Aufbewahrtes, das nur seine Unmittelbarkeit verloren hat, aber darum nicht vernichtet ist. – Die angegebenen zwei Bestimmungen des Aufhebens können lexikalisch als zwei Bedeutungen dieses Wortes aufgeführt werden. Auffallend müßte es aber dabei sein, daß eine Sprache dazu gekommen ist, ein und dasselbe Wort für zwei entgegengesetzte Bestimmungen zu gebrauchen. Für das spekulative Denken ist es erfreulich, in der Sprache Wörter zu finden, welche eine spekulative Bedeutung an ihnen selbst haben; die deutsche Sprache hat mehrere dergleichen."

(Internetquelle hier)

 

QUELLE 18:

"Zweites Kapitel
Das Dasein
[115] Dasein ist bestimmtes Sein; seine Bestimmtheit ist seiende Bestimmtheit, Qualität. Durch seine Qualität ist Etwas gegen ein Anderes, ist veränderlich und endlich, nicht nur gegen ein Anderes, sondern an ihm schlechthin negativ bestimmt. Diese seine Negation dem endlichen Etwas zunächst gegenüber ist das Unendliche, der abstrakte Gegensatz, in welchem diese Bestimmungen erscheinen, löst sich in die gegensatzlose Unendlichkeit, in das Fürsichsein auf. Die Abhandlung des Daseins hat so die drei Abteilungen:

A. das Dasein als solches,

B. Etwas und Anderes, die Endlichkeit,

C. die qualitative Unendlichkeit."

(Internetquelle hier)

 

QUELLE 19: 


"Auf diesem sich selbst construirenden Wege allein, behaupte ich, ist die Philosophie fähig, objective, demonstrirte Wissenschaft zu seyn."

(GW 21, 8, 19-21)

 

RESULTAT DES SEMINARS


A. Die Wissenschaft der Logik als Abschluss (erreichtes Ziel) der Geschichte der Metaphysik


A1.  Die Wissenschaft der Logik ist die Darstellung der absoluten Vernunft (Logos), die im Menschen (absoluter Geist) am Ende (Ziel) des Prozesses der Geschichte der Philosophie erkannt wird (absolutes Wissen).

A2.  In der Phänomenologie des Geistes (1807) verkündet Hegel der Welt, dass das Absolute, der Logos, endlich verstanden worden ist, obwohl er das entsprechende Werk, die WdL, noch nicht veröffentlicht hatte.

A3.  Zu diesem Verständnis war er in Logik und Metaphysik von 1804/05 durch den Begriff der „Konstruktion“ und des „Beweises“ gelangt. Die immanente Selbstkonstruktion der Kategorien (z.B. Sein-Nichts-Werden) ist der Beweis der Wahrheit; nicht das philosophische Subjekt bietet den Beweis, sondern der Beweis bietet sich von selbst im Prozess der Selbstkonstruktion der Kategorien, d.h. des Logos.

A4.  Dies ist die Dialektik, die die absolute Vernunft in sich selbst hat, aber da die absolute Vernunft nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv ist, entwickelt sich alles, was existiert (die Welt), dialektisch nach einem Prozess der Selbstkonstruktion. Die einzelnen Wissenschaften rekonstruieren diese Logik der Entwicklung und der Struktur der Welt. 

A5.  So gesehen ist die Wissenschaft der Logik auch Metaphysik, das heißt, ein Verständnis der logischen Struktur der Welt. Sie ist aber auch eine Theologie, denn diese logische Struktur, der Logos, ist Gott, das erste Prinzip, das alles bewegt, der “erste unbewegter Beweger“ (Aristoteles).

 

B. Grundstrukturen des Logos

 

B1.  Das Grundprinzip der Dialektik ist die Aufhebung, die Überwindung und gleichzeitige Aufbewahrung des Wachstumsprozesses, der dem Prozess der Selbstkonstruktion innewohnt. Dieser Prozess tendiert immer zu einem Resultat, das das immanente Telos, das Ziel des Prozesses der Selbstkonstruktion ist. Jedes Wesen, jedes Ding, das existiert, ob im Bereich der Natur oder im Bereich des Geistes, strebt nach einem Resultat, das die Wahrheit des Prozesses seiner Selbstkonstruktion ist. Auch wir sind ein Prozess der Selbstkonstruktion, der auf ein Resultat hinstrebt, und dieses Ergebnis ist die Wahrheit, der tiefere Sinn von allem, was wir tun, also von unserem Leben.

B2.  Sogar das Universum als solches, als eine Einheit, muss seinen eigenen Sinn, seine eigene Wahrheit, also sein eigenes Resultat haben. Was ist das? Der absolute Geist, d.h. die Selbsterkenntnis des Logos, und damit der Übergang von der bewusstlosen Selbstkonstruktion (Mineralreich, Pflanzenreich, Tierreich) zur bewussten Selbstkonstruktion? Es scheint so, dass dies die Schlussfolgerung sowohl von Hegel als auch von Kant in seiner Definition der Aufklärung (Ausgang der Menschheit aus dem Zustand der selbstverschuldeten Minderheit) ist.

B3.  Dies scheint die grundlegende Lehre der deutschen Aufklärung zu sein, die die französische und englische Aufklärung aufgehoben hat (im Sinne der dialektischen Aufhebung). Letztere hatten die Vernunft nur in einem subjektiven Sinne als Verstand begriffen, während Hegel deutlich machte, dass die Vernunft nicht nur subjektiver Verstand, sondern der in der Welt wirkende Logos, das Absolute ist. Die in diesem Sinne objektive bzw. absolute Vernunft begreift das Ganze und die Gesamtentwicklung, während der Verstand bei den Teilen bzw. Momenten stehen bleibt.

B4.  Diese Unterscheidung zwischen der Aufklärung des Verstandes (französisch-anglo-amerikanischer, empirische Aufklärung) und der Aufklärung der Vernunft (deutsch-italienische bzw. kontinentale Aufklärung) spaltet den Westen noch heute, so dass man sagen kann, dass wir „zwei Westen“ haben, einen des Verstandes und einen der Vernunft. Auch wenn sie zusammen sein wollen und dafür oft einen selbst erfundenen Feind brauchen, sind sie grundverschieden und werden sich früher oder später wieder trennen (Brexit z.B.).

 

C. Ethisch-politische Wirkung

 

C1.  Diese Unterscheidung gilt also nicht nur im theoretisch-wissenschaftlichen Bereich, sondern auch im ethisch-politischen Bereich. Das Verständnis von Vernunft als Verstand (Reduktion) führt zu einem subjektiven und individuellen Freiheitsbegriff als isolierter freier Wille (Willkür), während das Verständnis von Vernunft als eben Vernunft zu einem objektiven und sozialen Freiheitsbegriff als „wahre Freiheit“, Freiheit aller gemeinsam, führt.

C2.  Ersteres führt zu einer Gesellschaft, die auf Individualismus und Konkurrenz basiert, letzteres zu einer Gesellschaft, die auf Sozialismus (der nicht Kommunismus ist) und Teilung von Gütern basiert. In der ersteren gibt es einige, die gewinnen und andere, die verlieren; in der letzteren gewinnen wir alle zusammen.

C3.  Mit dem dialektischen Denken von Marx und Engels hatten wir eine extremistische Interpretation dieser kantisch-hegelianischen Konzeption, die auf dem Konzept des „Klassenkampfes“ basiert. Der Diskurs von Kant und Hegel ist stattdessen ein Diskurs der „Anerkennung“. Die Menschen müssen den Logos, der in den anderen Menschen steckt, anerkennen und sie daher alle respektieren, unabhängig von historisch-geographischen und religiösen Faktoren. Eine „allgemeine unsichtbare Kirche“ (Kant, 1793) oder eine Gemeinschaft des Weltgeistes (Hegel) auf Erden, die auf gegenseitiger Anerkennung, auf universellem Selbstbewusstsein (§ 436 der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften von 1830) beruht, soll (Kant) bzw. wird (Hegel) entstehen. Die Geschichte selbst tendiert zu diesem Ziel, das das Resultat, also die Wahrheit, des Prozesses ihrer Selbstkonstruktion ist. Die Gesellschaft der universellen Anerkennung kann nicht durch eine dogmatische Diktatur durchgesetzt werden, sondern nur das Ergebnis eines philosophischen Bewusstseins sein, das sich in der gesamten Menschheit verbreitet.

C4.  Nur eine solche sich selbst anerkennende Weltgemeinschaft kann zum „ewigen Frieden“ (Kant 1795) zwischen den Menschen führen. Ist dies also das Telos der Welt, das Resultat ihrer Selbstkonstruktion in der Geschichte, dass der Logos als Weltgemeinschaft von sich selbst erkennenden Menschen erscheint? Das scheint mir die tiefste philosophische Botschaft von Kant und Hegel, der deutschen Aufklärung sowie der gesamten Philosophiegeschichte zu sein.

C5.  2500 der Geschichte der Philosophie und insbesondere der Metaphysik haben dies heute möglich gemacht, weil wir diese Form des Wissens, des Bewusstseins erreicht haben. Die historische Aufgabe des „metaphysischen Westens“ könnte so gesehen werden, diese Wahrheit in der Welt zu verwirklichen, natürlich nicht mit Gewalt und Zwang (also keine Diktatur weder des Proletariats noch in irgendeiner Form und kein Einsatz von Bomben, um die Demokratie zu exportieren), sondern durch Wort und Lehre. Wir brauchen eine „philosophische Erziehung der Menschheit“ (Lessing, „Die Erziehung des Menschengeschlechts“, 1780, online hier). Die UNO könnte - bzw. müsste eigentlich - diese grundlegende und für die Zukunft der Menschheit entscheidende Aufgabe übernehmen. 

C6. Dabei müssen wir jedoch nicht bei null anfangen. Die Europäische Union ist bereits eine philosophische Konstruktion, die als Verwirklichung des Kant’schen Denkens gedacht ist. Das Manifest von Ventotene, das als Gründungsmanifest der Union gilt, stützt sich genau auf die Philosophie Kants. Was wir also heute tun sollen, ist erstens, den Europäern den „philosophischen Sinn Europas“ bewusst zu machen, wie ich in einem Aufsatz geschrieben habe, den ich Ihnen zur Lektüre empfehle (online hier); zweitens sollen wir die geschichtsphilosophische Errungenschaft in Europa auf die ganze Welt ausdehnen. Was wir heute brauchen, ist die Initiierung eines „Weltvereinigungsprozesses“, so wie der europäische Einigungsprozess vor etwa 80 Jahren eingeleitet wurde. Das sind natürlich lange historische Prozesse, die sich über mehrere Generationen erstrecken, aber sie müssen dennoch eingeleitet werden. Je früher wir mit einem solchen Prozess beginnen, desto weniger unschuldige Menschen - darunter unzählige Frauen und Kinder sowie ganze Familien - werden unnötig sterben müssen.

Im Seminar des nächsten Semesters werden wir diese grundlegende Frage vertiefen - wie das philosophische Wort der Menschheit helfen kann, den Weg zur Verwirklichung des „ewigen Friedens“ zu finden.

Ich danke Ihnen ganz herzlich für die Aufmerksamkeit und das Interesse, das Sie meiner Lehre entgegengebracht haben, und wünsche Ihnen einen friedlichen Sommer. Ich würde mich sehr freuen, Sie im Oktober beim Seminar „Einführung in die Philosophie des Geistes“ wiederzusehen.

 

Marco de Angelis
(8. Juli 2025)

 

 

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