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ZWEITE PERIODE (1795-1803) IN HEGELS DIALEKTISCHER DENKENTWICKLUNG

ZWEITE PERIODE (1795-1803) IN HEGELS DIALEKTISCHER DENKENTWICKLUNG

 

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1795-1803

ZWEITE PERIODE VON HEGELS
DIALEKTISCHER DENKENTWICKLUNG 

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Der Prozess der Verwirklichung des ethisch-religiösen Ideals:
die Formulierung der Begriffe des Absoluten und der
absoluten Sittlichkeit

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Einleitende Bemerkungen: Umrisse der immanenten Entwicklung von Hegels Denken von 1795 bis 1803

Die erste Periode der immanenten Entwicklung des Hegelschen Denkens endet zwischen Ende 1793 und der ersten Hälfte des Jahres 1794. Aus dieser Zeit stammen die letzten überlieferten Texte, die die Gedanken des jungen Stiftlers über die ihm teure ethisch-religiöse Problematik enthalten. Das Resultat dieser Überlegungen ist die Formulierung des Ideals der Gründung einer neuen  ethisch-religiösen Auffassung, die dazu imstande sein soll, den Menschen wieder in die Natur einzufügen, in erster Linie auf der religiösen Ebene von Vernunft und Welt durch die Erfassung des Grundprinzips der Welt, und in zweiter Linie auf der ethischen Ebene von Geist und Materie, und zwar durch die Ausarbeitung des Ideals einer natürlichen Moralität.
Wie wir schon gesehen haben, erfüllt nach Ansicht des jungen Philosophen keine der traditionellen Lösungen dieser Problematik, weder die institutionelle Religion des Christentums noch die Kantische Philosophie, alle Bedingungen des Ideals einer vollständigen Wiedereinfügung des Menschen in die Natur. Aber gerade durch die Kritik an den negativen Seiten dieser Lehren und durch die Fusion ihrer positiven Aspekte gelang es Hegel, die Bedingungen zu verstehen, die vom neuen Religionsprinzip (Popularität und Vernünftigkeit) und vom neuen Ethikideal (Natürlichkeit) erfüllt werden müssen, um Erfolg beim Volk, also beim ‘gemeinen Mann’, zu haben.
Am Ende dieser ersten Periode in der Entwicklung seines Denkens war Hegel gerade erst 24 Jahre alt, offensichtlich ein bisschen zu jung, um ernsthaft eine neue ethisch-religiöse Lehre zu stiften. Und tatsächlich setzt er in der zweiten Periode dieser Entwicklung eine Tat, die die Ernsthaftigkeit und Tiefgründigkeit seines Charakters zeigt und später eine entscheidende Rolle beim nachfolgenden Reifungsprozess als Philosoph zukommen wird. Diese Tat liefert ihm nämlich eine begriffliche Grundlage spekulativen Denkens, die einige Jahre später die Gründung der neuen ethisch-religiösen Lehre ermöglichen wird. Durch diese Tat wird seine neue Lehre sehr eng mit der Geschichte des Menschen verbunden sein und daher auch wirklich dazu geeignet ist, nach der polytheistischen und monotheistischen Religiosität die dritte Form von Religiosität der Menschheit zu werden. (1)
Bis zum Alter von 33 Jahren suchte Hegel, in der Stille seines Zimmers, bei der Geschichte der Menschheit Rat darüber, wie er denn die neue Religion gründen solle, welche Begriffe er als Fundament verwenden solle, usw. Und die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, denn die Geschichte bedeutet für den Menschen dasselbe wie die Erde für den Baum. So wie der Baum seine Wurzeln tief in das Erdreich eingräbt und über sie Nahrung aufnimmt, um zu wachsen und stärker zu werden, so muss der Mensch, auf der Suche nach der für seine geistige Reifung nötigen Nahrung, seine historischen Wurzeln wiederfinden, um seinen Geist zu stärken und intellektuell und moralisch zu reifen, da er mit dieser Geschichte seit seiner Geburt eng verbunden ist.
Hegel führte diese ‚Ausgrabungsarbeit‘ in der ethisch-religiösen sowie auch in der philosophischen Geschichte der Menschheit in den Jahren 1795-1803 durch. Dabei widmete er sich insbesondere der Suche  nach dem Fundament für eine neue Form von Religiosität. Dies wird für die Jahre 1795-1800 von zahlreichen überlieferten Texten und Fragmenten dokumentiert, die vom ersten Herausgeber, Hermann Nohl, folgenderweise betitelt wurden: "Das Leben Jesu" (1795), "Die Positivität der christlichen Religion" (1795-96), "Der Geist des Christentums und sein Schicksal" (1797-99). Dazu gibt es dann das äußerst interessante "Systemfragment" aus dem Jahre 1800, das religiöse und zugleich philosophische Gedanken enthält. Diese Titel, obwohl sie nicht von Hegel stammen, drücken aber getreu den Gehalt der entsprechenden Texte wieder und offenbaren, dass er sich in diesen Jahren vornehmlich mit dem genauen Studium der philosophischen Religionsgeschichte des Christentums befasste.
Wir wissen heute, dass es sich um einzelne Texte handelt, die Nohl thematisch zusammenfügte und mit den oben erwähnten Titeln versah. In der aktuellen wissenschaftlichen Ausgabe, "Gesammelte Werke", die wir als Grundlage der vorliegenden Arbeit verwenden, befinden sich aber diese Texte voneinander getrennt, wie im Berliner Hegels Nachlass. Der Anhang und die Fußnoten von GW 2 enthalten darüber alle notwendigen Informationen. Jene Titel sind also philologisch nicht korrekt, philosophisch aber nicht verkehrt!
Für die folgenden drei Jahre dieser Periode (1801-1803),  in denen sich Hegel vor allem mit rein philosophischen Themen auseinandersetzte,  ist dieser Prozess durch einige Schriften und Manuskripte aus der ersten Zeit in Jena dokumentiert, insbesondere durch die sogenannte "Differenzschrift" (1801), "Glauben und Wissen" (1802), den Aufsatz "Über die wissenschaftlichen Behandlungsarten des Naturrechts" (1802) und die systematische Reinschrift "System der Sittlichkeit" (1802/03).

Was den Gedankeninhalt betrifft, so führte Hegel in dieser zweiten Periode seiner geistigen Entwicklung  folgende drei Hauptoperationen durch:

Zunächst arbeitete er aus der enormen Masse an Begriffen, Fakten, Wahrheiten, Visionen usw., aus der die theoretische und historische Struktur des Christentums besteht, das Wesen dieser Religion heraus. Er sah dieses in dem ursprünglichen Kern der Botschaft Jesu von der Liebe.

Danach trennte der junge Denker dieses Wesen von all dem, was in Laufe der nachfolgenden historischen Entwicklung hinzugefügt worden ist.

Schließlich widmete Hegel sich der Verwandlung der Grundwahrheiten, aus denen die Liebe besteht und die von Jesus in Form von ‚Vorstellungen‘ ausgedrückt wurden, in philosophische Begriffe. Auf diese Weise schuf er die Grundbegriffe seines eigenen philosophischen Systems, insbesondere das Absolute (1801) und die absolute Sittlichkeit (1802/03).

Somit zeigt die immanente Entwicklung des Hegelschen Denkens auch in dieser Periode klare dialektische Züge und lässt sich in drei Hauptphasen einteilen.

Erste Phase (1795): Der junge Philosoph erkennt in den grundlegenden Vorstellungen der ursprünglichen Botschaft Jesu (dem religiösen Prinzip der Gottesliebe und dem ethischen Ideal der Ankunft des Reiches Gottes) den fundamentalen Kern der neuen natürlichen, populären und auf Vernunft basierten vernünftigen ethisch-religiösen Lehre, die er begründen möchte.

Zweite Phase (1795-1797): Hegel trennt die ursprüngliche Botschaft Jesu von ihrer historischen Überlieferung durch die Apostel, indem er nämlich begreift, dass der ursprüngliche Inhalt der Botschaft Jesu zwar auf ewig war ist, dass jedoch die Form der Vorstellung, mit der die Botschaft von Jesus ausgedrückt und danach im Laufe der Jahrhunderte überliefert wurde, nicht auf ewig wahr ist, sondern nur historisch gesehen für ein bestimmtes Volk und für einen bestimmten historischen Zeitpunkt gelten kann. Hegel unterscheidet also zwischen der ursprünglichen Botschaft Jesu, die den ewig wahren ‚Geist‘ des Christentums darstellt und daher als solche in der neuen ethisch-religiösen Lehre aufbewahrt werden soll,(2) und seiner Ausdrucksform, die das ‚positive‘ Schicksal dieser Religion darstellt und im Gegensatz dazu endgültig zurückgewiesen werden muss.

Dritte Phase (1797-1803): Um die historische Ausdrucksform an die ewige Wahrheit des Inhaltes anzupassen, wandelt Hegel die ethisch-religiösen Vorstellungen des ursprünglichen Christentums in die entsprechenden philosophischen Begriffe um. Dadurch entstehen über verschiedene Entwicklungsstadien und -stufen die beiden Grundbegriffe seines zukünftigen, reifen philosophischen Systems, und zwar der Begriff des Absoluten (1801) und der Begriff der absoluten Sittlichkeit (1802/03). Das Absolute ist der philosophische Ausdruck der christlich-ursprünglichen  Vorstellung des theologischen Prinzips der universellen Liebe; die absolute Sittlichkeit ist der philosophische Ausdruck des christlichen Moralideals vom Anbruch des Reichs Gottes auf Erden.

Im Folgenden werden wir diese sehr komplexe und inhaltsreiche Entwicklung Hegels detailliert rekonstruieren.


ENDNOTEN

1) Die reife Philosophie Hegels - die Philosophie des absoluten Idealismus - als dritte und letzte (und selbstverständlich vernünftige) religiöse Form in der Geschichte der Menschheit, habe ich im schon zitierten Aufsatz über die Religionsschrift (s. S. 115 ff.) behandelt. 
2) Selbstverständlich  in der dialektischen Bedeutung von ‚Aufhebung‘, also auch als Überwindung.

 

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