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April - Juni 2026
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Online-Seminar
Einführung in Hegels
"Wissenschaft der Logik"
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Geleitet von
Dr. Marco de Angelis
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Liste der wichtigsten Punkte,
die behandelt werden.
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(In Grün sind die Punkte markiert,die
schon behandelt worden sind; in Hellblau die Zitate;
in Dunkelrot einige Anmerkungen von mir)
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Teil B
Grundstruktur und Hauptkategorien der "Wissenschaft der Logik"
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12. Sitzung
(30.6.2026)
Lehre vom Begriff
Gesamtfazit
(Punkt 21, 22)
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(Ab hier 1. Sitzung (14.4.2026): Hegels philosophisches System als Resultat der Geschichte der Philosophie bis 1831 von Punkt 0 bis 7)
0. Der Geist als Ort, an dem die Wahrheit in der Welt erscheint
1. Wahrheit als gut begründete logische Rekonstruktion der Begriffe in einem System (System der Welt - Materie - und System der Philosophie als dessen Ausdruck in Begriffen)
2. Die stringente Argumentation als Wesen der Philosophie und der Metaphysik (der Wissenschaft)
3. Die Geschichte der Philosophie und der Metaphysik als auf sich selbst aufbauende Abfolge von Theorien (Hegel und die Geschichte der Philosophie)
QUELLE 1: Philosophie ist keine Meinung, sondern Wahrheit (aus "Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie", Kapitel: "Die Geschichte der Philosophie als Vorrat von Meinungen") (hier)
"Somit stoßen wir denn sogleich auf die sehr gewöhnliche Ansicht von der Geschichte der Philosophie, daß sie nämlich den Vorrat von philosophischen Meinungen herzuerzählen habe, wie sie sich in der Zeit ergeben und dargestellt haben. (…) Diese Geschichte, so als eine Hererzählung von vielerlei Meinungen, wird auf diese Weise eine Sache einer müßigen Neugierde oder, wenn man will, ein Interesse der Gelehrsamkeit. Denn die Gelehrsamkeit besteht vorzüglich darin, eine Menge unnützer Sachen zu wissen, d.h. solcher, die sonst keinen Gehalt und kein Interesse in ihnen selbst haben als dies, die Kenntnis derselben zu haben.
Jedoch meint man zugleich, einen Nutzen davon zu haben, auch verschiedene Meinungen und Gedanken anderer kennenzulernen, – es bewege die Denkkraft, führe auch auf manchen guten Gedanken, d. i. es veranlasse etwa auch wieder, eine Meinung zu haben, und die Wissenschaft bestehe darin, daß sich so Meinungen aus Meinungen fortspinnen.
Wenn die Geschichte der Philosophie nur eine Galerie von Meinungen – obzwar über Gott, über das Wesen der natürlichen und geistigen Dinge – aufstellte, so würde sie eine sehr überflüssige und langweilige Wissenschaft sein, man möge auch noch so viele Nutzen, die man von solcher Gedankenbewegung und Gelehrsamkeit ziehen solle, herbei bringen. Was kann unnützer sein, als eine Reihe bloßer Meinungen kennenzulernen, was langweiliger? (…)
Eine Meinung ist eine subjektive Vorstellung, ein beliebiger Gedanke, eine Einbildung, die ich so oder so und ein anderer anders haben kann; – eine Meinung ist mein, sie ist nicht ein in sich allgemeiner, an und für sich seiender Gedanke. Die Philosophie aber enthält keine Meinungen; (…) Die Philosophie ist objektive Wissenschaft der Wahrheit, Wissenschaft ihrer Notwendigkeit, begreifendes Erkennen, – kein Meinen und kein Ausspinnen von Meinungen.
Die weitere eigentliche Bedeutung von solcher Vorstellung ist dann, daß es nur Meinungen sind, von denen wir die Kenntnis erhalten. Auf Meinung ist der Akzent gelegt. Das, was der Meinung gegenübersteht, ist die Wahrheit. Wahrheit ist es, vor der die Meinung erbleicht. Wahrheit aber ist auch das Wort, bei dem die den Kopf abwenden, welche nur Meinungen in der Geschichte der Philosophie suchen oder überhaupt meinen, es seien nur solche in ihr zu finden. Es ist ein Antagonismus von zweierlei Seiten, welchen die Philosophie hier erfährt. (…).
Wir können das, worauf es hier ankommt, in die einzige Bestimmung der »Entwicklung« zusammenfassen. Wenn uns diese deutlich wird, so wird alles übrige sich von selbst ergeben und folgen. Die Taten der Geschichte der Philosophie sind keine Abenteuer – sowenig die Weltgeschichte nur romantisch ist –, nicht nur eine Sammlung von zufälligen Begebenheiten, Fahrten irrender Ritter, die sich für sich herumschlagen, absichtslos abmühen und deren Wirksamkeit spurlos verschwunden ist. Ebensowenig hat sich hier einer etwas ausgeklügelt, dort ein anderer nach Willkür, sondern in der Bewegung des denkenden Geistes ist wesentlich Zusammenhang. Es geht vernünftig zu. Mit diesem Glauben an den Weltgeist müssen wir an die Geschichte und insbesondere an die Geschichte der Philosophie gehen."
4. Wie bei jeder anderen Wissenschaft, enthält die letzte Philosophie die Wahrheit, wie die Menschen diese bisher erkennen konnten.
QUELLE 2: Die letzte Philosophie enthält als Resultat die philosophische Wahrheit (aus "Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie", Kapitel: "Dritter Abschnitt. Neueste deutsche Philosophie. Resultat" (hier)
"Der nunmehrige Standpunkt der Philosophie ist, daß die Idee in ihrer Notwendigkeit erkannt, die Seiten ihrer Diremtion, Natur und Geist, jedes als Darstellung der Totalität der Idee und nicht nur als an sich identisch, sondern aus[ sich selbst diese eine Identität hervorbringend und diese dadurch als notwendig erkannt werde. Das letzte Ziel und Interesse der Philosophie ist, den Gedanken, den Begriff mit der Wirklichkeit zu versöhnen. (...)
Bis hierher ist nun der Weltgeist gekommen. Die letzte Philosophie ist das Resultat aller früheren; nichts ist verloren, alle Prinzipien sind erhalten. Diese konkrete Idee ist das Resultat der Bemühungen des Geistes durch fast 2500 Jahre (Thales wurde 640 vor Christus geboren), – seiner ernsthaftesten Arbeit, sich selbst objektiv zu werden, sich zu erkennen."
5. Der Begriff der Geschichte als Rückkehr der Idee zu sich selbst in Zeit und Raum eines Planeten (die Erde als Beispiel)
6. Die Idee als absolute schöpferische Vernunft (Grundprinzip der Wissenschaft der Logik)
7. Die Geschichte als Rückkehr der Idee zu sich selbst im Sinne der absoluten Vernunft, die im Menschen zu sich selbst gelangt, der Mensch als Sitz des absoluten Geistes
(Ab hier 2. Sitzung (21.4.2026): Dreiteilung des Systems der Welt und der Wahrheit in Idee, Natur und Geist - von Punkt 8 bis 9)
8. Einteilung des Systems der Philosophie und der Wahrheit
QUELLE 3: Das System der Wahrheit (und der Welt) teilt sich in Idee, Natur und Geist (aus: "Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften" (hier)
"§ 18
Wie von einer Philosophie nicht eine vorläufige, allgemeine Vorstellung gegeben werden kann, denn nur das Ganze der Wissenschaft ist die Darstellung der Idee, so kann auch ihre Einteilung nur erst aus dieser begriffen werden; sie ist wie diese, aus der sie zu nehmen ist, etwas Antizipiertes. Die Idee aber erweist sich als das schlechthin mit sich identische Denken und dies zugleich als die Tätigkeit, sich selbst, um für sich zu sein, sich gegenüberzustellen und in diesem Anderen nur bei sich selbst zu sein. So zerfällt die Wissenschaft in die drei Teile:
I. Die Logik, die Wissenschaft der Idee an und für sich,
II. Die Naturphilosophie als die Wissenschaft der Idee in ihrem Anderssein,
III. Die Philosophie des Geistes als der Idee, die aus ihrem Anderssein in sich zurückkehrt.
Oben § 15 ist bemerkt, daß die Unterschiede der besonderen philosophischen Wissenschaften nur Bestimmungen der Idee selbst sind und diese es nur ist, die sich in diesen verschiedenen Elementen darstellt. In der Natur ist es nicht ein Anderes als die Idee, welches erkannt würde, aber sie ist in der Form der Entäußerung, so wie im Geiste ebendieselbe als für sich seiend und an und für sich werdend. Eine solche Bestimmung, in der die Idee erscheint, ist zugleich ein fließendes Moment; daher ist die einzelne Wissenschaft ebensosehr dies, ihren Inhalt als seienden Gegenstand, als auch dies, unmittelbar darin seinen Übergang in seinen höheren Kreis zu erkennen. Die Vorstellung der Einteilung hat daher das Unrichtige, daß sie die besonderen Teile oder Wissenschaften nebeneinander hinstellt, als ob sie nur ruhende und in ihrer Unterscheidung substantielle, wie Arten, wären."
9. Was heißt ’Idee’ bei Hegel?
QUELLE 4: Hegels Auffassung einer objektiven reinen Wissenschaft
"Die reine Wissenschaft setzt somit die Befreiung von dem Gegensatze des Bewußtseins voraus. Sie enthält den Gedanken, insofern er ebensosehr die Sache an sich selbst ist, oder die Sache an sich selbst, insofern sie ebensosehr der reine Gedanke ist. Als Wissenschaft ist die Wahrheit das reine sich entwickelnde Selbstbewußtsein und hat die Gestalt des Selbsts, daß das an und für sich Seiende gewußter Begriff, der Begriff als solcher aber das an und für sich Seiende ist. Dieses objektive Denken ist denn der Inhalt der reinen Wissenschaft. Sie ist daher so wenig formell, sie entbehrt so wenig der Materie zu einer wirklichen und wahren Erkenntnis, daß ihr Inhalt vielmehr allein das absolute Wahre oder, wenn man sich noch des Worts Materie bedienen wollte, die wahrhafte Materie ist – eine Materie aber, der die Form nicht ein Äußerliches ist, da diese Materie vielmehr der reine Gedanke, somit die absolute Form selbst ist. Die Logik ist sonach als das System der reinen Vernunft, als das Reich des reinen Gedankens zu fassen. Dieses Reich ist die Wahrheit, wie sie ohne Hülle an und für sich selbst ist. Man kann sich deswegen ausdrücken, daß dieser Inhalt die Darstellung Gottes ist, wie er in seinem ewigen Wesen vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist."
Und weiter:
"Ob nun das Logische zwar im Anfange des Studiums nicht in dieser bewußten Kraft für den Geist vorhanden ist, so empfängt er durch dasselbe darum nicht weniger die Kraft in sich, die ihn in alle Wahrheit leitet. Das System der Logik ist das Reich der Schatten, die Welt der einfachen Wesenheiten, von aller sinnlichen Konkretion befreit. Das Studium dieser Wissenschaft, der Aufenthalt und die Arbeit in diesem Schattenreich ist die absolute Bildung und Zucht des Bewußtseins. Es treibt darin ein von sinnlichen Anschauungen und Zwecken, von Gefühlen, von der bloß gemeinten Vorstellungswelt fernes Geschäft. Von seiner negativen Seite betrachtet, besteht dies Geschäft in dem Fernhalten der Zufälligkeit des räsonierenden Denkens und der Willkür, diese oder die entgegengesetzten Gründe sich einfallen und gelten zu lassen.
Vornehmlich aber gewinnt der Gedanke dadurch Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Er wird in dem Abstrakten und in dem Fortgehen durch Begriffe ohne sinnliche Substrate einheimisch, wird zur unbewußten Macht, die sonstige Mannigfaltigkeit der Kenntnisse und Wissenschaften in die vernünftige Form aufzunehmen, sie in ihrem Wesentlichen zu erfassen und festzuhalten, das Äußerliche abzustreifen und auf diese Weise aus ihnen das Logische auszuziehen – oder, was dasselbe ist, die vorher durch das Studium erworbene abstrakte Grundlage des Logischen mit dem Gehalte aller Wahrheit zu erfüllen und ihm den Wert eines Allgemeinen zu geben, das nicht mehr als ein Besonderes neben anderem Besonderen steht, sondern über alles dieses übergreift und dessen Wesen, das Absolut-Wahre ist."
(Aus: "Wissenschaft der Logik", hier)
(Ab hier: 3. Sitzung (28.4.2026): Antizipationen und Grundgedanken - Punkte 10.1 bis 10.3)
10. Antizipationen und Grundgedanken (aus anderen Werken Hegels)
10.1 Das Wahre ist das Ganze und das Ganze ist das Resultat
QUELLE 5: Das Absolute als Ganzes und das Ganze als Resultat
"Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen. Es ist von dem Absoluten zu sagen, daß es wesentlich Resultat, daß es erst am Ende das ist, was es in Wahrheit ist; und hierin eben besteht seine Natur, Wirkliches, Subjekt oder Sichselbstwerden zu sein. So widersprechend es scheinen mag, daß das Absolute wesentlich als Resultat zu begreifen sei, so stellt doch eine geringe Überlegung diesen Schein von Widerspruch zurecht. Der Anfang, das Prinzip oder das Absolute, wie es zuerst und unmittelbar ausgesprochen wird, ist nur das Allgemeine. Sowenig, wenn ich sage: alle Tiere, dies Wort für eine Zoologie gelten kann, ebenso fällt es auf, daß die Worte des Göttlichen, Absoluten, Ewigen usw. das nicht aussprechen,[24] was darin enthalten ist; – und nur solche Worte drücken in der Tat die Anschauung als das Unmittelbare aus."
(Aus: "Phänomenologie des Geistes", Vorrede, online hier)
Das Wahre ist das Ganze und das Ganze ist als Entwicklung, die zu einem Resultat führt, das schon am Anfang vorgesehen ist (ideelle Existenz). Das Wahre ist letztendlich das Resultat (wirkliche Existenz).
10.2 Korrespondenz von Vernünftigem (Logischem, Wissenschaftlichem) und Wirklichem
In diesem Bezug ist Hegels Formulierung von der Korrespondenz zwischen dem Vernünftigen und dem Wirklichen berühmt:
QUELLE 6: Über die Korrespondenz zwischen Vernünftigem und Wirklichem
„Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“
(Aus: "Grundlinien der Philosophie des Rechts", hier)
Sie bedeutet nichts anderes als dies: Das wissenschaftliche Denken, und die Philosophie ist für Hegel die höchste Wissenschaft, die Königin der Wissenschaften oder die Wissenschaft der Wissenschaften, ist das Vernünftige, das das Wirkliche ausdrückt. Das Wirkliche ist seinerseits die Umsetzung des Vernünftigen, der begrifflichen Struktur der Welt. Das Wirkliche und das Vernünftige fallen zusammen, wenn das Vernünftige natürlich die Wissenschaft, das strenge Denken, das Begründete, das Bewiesene ist.
10.3 Hegels Idealismus als ’dialektischer Monismus’
(Anmerkung: monistische und dualistische Perspektive in der Betrachtung der Welt)
Link zur Vertiefung: hier
(Ab hier: 4. Sitzung: Jena: Hegels Verwirklichung seines Jugendideals der Gründung einer neuen, auf Vernunft basierten Religion, um eine neue Epoche in der Geschichte der Menschheit einzuleiten (inkl. Forschungsfragen) (Punkte 11.1-12)
Link zur Vertiefung: hier
11.1 Dialektischer Monismus als universelle Vernunftreligion, Hegel als Umsetzer von Kants religionsphilosophischem Programm
Link zur Vertiefung: hier
11.2. Kants politisches Programm für einen ’ewigen Frieden’ (1795) durch eine Föderation freier Staaten und Hegels nicht formuliertes, doch implizites Programm eines solidarischen und freiheitlichen Weltstaates als Verwirklichung des Weltgeistes
Link zur Vertiefung: hier (ab Punkt 27, insbesondere Punkt 29: Die Frage nach dem Ort der Versöhnung zwischen dem Allgemeinen, dem Logos - und dem Individuellen, dem Menschen)
11.3: Jena die Entstehung der Frage nach dem Ort der absoluten Sittlichkeit
QUELLEN 7: Hegels Idee einer ’absoluten Sittlichkeit’ im "System der Sittlichkeit" (1802/03)
„[...] das Zurücknehmen der absoluten Realität in sich, als in eine Einheit; so daß dieses Zurücknehmen und diese Einheit absolute Totalität ist; ihre Anschauung ist ein absolutes Volk; ihr Begriff ist das absolute Einsseyn der Individualitäten [...]„
(GW 5, 279,20-23).
QUELLE 8: Der ’Volksgeist’’ als Ort der Sittlichkeit
„[...] das Besondere, das Individuum, ist als besonderes Bewußtseyn schlechthin dem Allgemeinen gleich; und diese Allgemeinheit, welche die Besonderheit schlechthin mit sich vereinigt hat, ist die Göttlichkeit des Volkes, und dieses Allgemeine in der ideellen Form der Besonderheit angeschaut, ist der Gott des Volks; er ist eine ideelle Weise es anzuschauen.“
(System der Sittlichkeit, GW 5, 326,9-13).
QUELLE 9: Zusammenfallen von Logos und Menschen in der absoluten Sittlichkeit
"Die Sittlichkeit muß mit völliger Vernichtung der Besonderheit und der relativen Identität, deren das Naturverhältniß allein fähig, absolute Identität der Intelligenz seyn; oder die absolute Identität der Natur muß in die Einheit des absoluten Begriffs aufgenommen, und in der Form dieser Einheit vorhanden seyn; Ein klares, und zugleich absolut klares Wesen; Ein vollkommenes sich Objektivseyn und Anschauen des Individuums in dem Fremden; also die Aufhebung der natürlichen Bestimmtheit und Gestaltung, völlige Indifferenz des Selbstgenusses; auf diese Weise ist der unendliche Begriff allein schlechthin Eins mit dem Wesen des Individuums, und dasselbe in seiner Form als wahre Intelligenz vorhanden; es ist wahrhaft unendlich, denn alle seine Bestimmtheit ist vernichtet; […] die Augen des Geistes und die leiblichen Augen fallen vollkommen zusammen; der Natur nach sieht der Mann Fleisch von seinem Fleisch im Weibe, der Sittlichkeit nach allein Geist von seinem Geist in dem sittlichen Wesen, und durch dasselbe".
Einige Zeile weiter dann setzt er so fort:
„In der Sittlichkeit ist also das Individuum auf eine ewige Weise; sein empirisches Seyn und Thun ist ein schlechthin allgemeines; denn es ist nicht das individuelle, welches handelt, sondern der allgemeine absolute Geist in ihm.“
(System der Sittlichkeit, GW5, S. 324-325)
Link zur Vertiefung: hier und hier
11.4 Hegels unschlüssige und fehlerhafte Theorie des Staates in den "Grundlinien der Philosophie des Rechts" 1820 sowie in der "Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften" 1830: die protestantische Monarchie als Ort der Versöhnung zwischen dem Absoluten und dem Menschen
Quelle 10: Hegel über Staat, Philosophie, Religion und Versöhnung
(Aus: "Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften", Anmerkung zum §552, im Internet hier)
„Der Staat, der sich auf gleiche Weise, aber früher als die Philosophie, aus der Religion entwickelt, stellt die Einseitigkeit, welche seine an sich wahrhafte Idee an ihr hat, in der Wirklichkeit als Verdorbenheit dar. Platon, gemeinschaftlich mit allen seinen denkenden Zeitgenossen, diese Verdorbenheit der Demokratie und die Mangelhaftigkeit selbst ihres Prinzips erkennend, hob das Substantielle hervor, vermochte aber nicht seiner Idee des Staats die unendliche Form der Subjektivität einzubilden, die noch vor seinem Geiste verborgen war; sein Staat ist deswegen an ihm selbst ohne die subjektive Freiheit (§ 503 Anm., 513 usf.). Die Wahrheit, welche dem Staate inwohnen, ihn verfassen und beherrschen sollte, faßt er darum nur in der Form der gedachten Wahrheit, der Philosophie, und tat so jenen Ausspruch, daß, solange nicht die Philosophen in den Staaten regieren oder [diejenigen,] die jetzt Könige und Herrscher genannt werden, nicht gründlich und umfassend philosophieren werden, so lange werde dem Staate keine Befreiung von den Übeln werden noch dem menschlichen Geschlechte; solange könne die Idee seiner Staatsverfassung nicht zur Möglichkeit gedeihen und das Licht der Sonne sehend Platon war es nicht verliehen, dahin fortgehen zu können, zu sagen, daß, solange nicht die wahrhafte Religion in der Welt hervortritt und in den Staaten herrschend wird, so lange ist nicht das wahrhafte Prinzip des Staates in die Wirklichkeit gekommen. So lange aber konnte dies Prinzip auch nicht in den Gedanken kommen, von diesem nicht die wahrhafte Idee des Staates erfaßt werden, – der substantiellen Sittlichkeit, mit welcher die Freiheit des für sich seienden Selbstbewußtseins identisch ist. Nur in dem Prinzipe des sein Wesen wissenden, des an sich absolut freien und in der Tätigkeit seines Befreiens seine Wirklichkeit habenden Geistes ist die absolute Möglichkeit und Notwendigkeit vorhanden, daß Staatsmacht, Religion und die Prinzipien der Philosophie in eins zusammenfallen, die Versöhnung der Wirklichkeit überhaupt mit dem Geiste, des Staats mit dem religiösen Gewissen, ingleichen dem philosophischen Wissen sich vollbringt. Indem die fürsichseiende Subjektivität absolut identisch ist mit der substantiellen Allgemeinheit, enthält die Religion als solche wie der Staat als solcher, als Formen, in denen das Prinzip existiert, in ihnen die absolute Wahrheit, so daß diese, indem sie als Philosophie ist, selbst nur in einer ihrer Formen ist. Aber indem auch die Religion in der Entwicklung ihrer selbst die in der Idee enthaltenen Unterschiede (§ 566 ff.) entwickelt, so kann, ja muß das Dasein in seiner ersten unmittelbaren, d.h. selbst einseitigen Weise erscheinen und ihre Existenz zu sinnlicher Äußerlichkeit und damit weiterhin zur Unterdrückung der Freiheit des Geistes und zur Verkehrtheit des politischen Lebens verdorben werden. Aber das Prinzip enthält die unendliche Elastizität der absoluten Form, dies Verderben ihrer Formbestimmungen und des Inhalts durch dieselben zu überwinden und die Versöhnung des Geistes in ihm selbst zu bewirken. So wird zuletzt das Prinzip des religiösen und des sittlichen Gewissens ein und dasselbe in dem protestantischen Gewissen, – der freie Geist in seiner Vernünftigkeit und Wahrheit sich wissend. Die Verfassung und Gesetzgebung wie deren Betätigungen haben zu ihrem Inhalt das Prinzip und die Entwicklung der Sittlichkeit, welche aus der zu ihrem ursprünglichen Prinzip hergestellten und damit erst als solcher wirklichen Wahrheit der Religion hervorgeht und daraus allein hervorgehen kann. Die Sittlichkeit des Staates und die religiöse Geistigkeit des Staates sind sich so die gegenseitigen festen Garantien.“
11.5 Hegels ursprüngliche und echte Theorie des Staates im "System der Sittlichkeit" (1802/03): die wahre, soziale und freiheitliche Demokratie als Ort der Versöhnung zwischen dem Absoluten und dem Menschen (religiöse und ethische bzw. religionsphilosophische Demokratie)
QUELLE 11: Der Schlußteil vom "System der Sittlichkeit" (1803) und Hegels Suche nach einer "freien Regierung" im Sinne einer authentischen, sozialen und durch eine ’rein sittliche Religion’ fundierten Demokratie
"C. Die freie Regierung
mögliche Formen einer freien Regierung. I. Demokratie, II. Aristokratie. III. Monarchie.
Jede ist fähig, unfrei zu sein, I. Ochlokratie, II. Oligarchie, III. Despotie; das Äußere. Mechanische ist dasselbe. den Unterschied macht das Verhältnis der Regierung zum regierten; ob das Wesen dasselbe und die Form der Entgegensetzung nur oberflächlich ist.
Die Monarchie ist die Darstellung der absoluten Realität der Sittlichkeit in einem Individuum, die Aristokratie in mehrern; sie unterscheidet sich von der absoluten Verfassung, durch Erblichkeit, mehr noch durch Besitztum, und weil sie die Form der absoluten und nicht ihr Wesen hat, ist sie die schlechteste, - Die Demokratie ist die Darstellung in allen, also Vermischung des Besitzes damit, und nicht Absonderung des absoluten Standes. Für die absolute Verfassung ist Form der Aristokratie oder Monarchie gleichgültig; sie ist auch Demokratie in den Ständen./
In der Monarchie muß eine Religion neben dem Monarchen stehen. Er ist Identität des Ganzen, aber in empirischer Gestalt; und je empirischer er ist, je barbarischer das Volk, desto mehr hat sie Gewalt und konstituiert sich unabhängiger. Je mehr das Volk eins mit sich selbst, der Natur und Sittlichkeit wird, desto mehr nimmt es das Göttliche in sich und verliert an dieser im widerstehenden Religion; und geht dann durch die Versöhnung mit der Welt und sich selbst durch die Phantasielosigkeit der Irreligion und des Verstandes durch.
In der Aristokratie ist dies ebenso, aber um ihrer Väterlichkeit, des allgemeinen begriffs willen ist wenig Phantasie und Religion.
In der Demokratie ist zwar absolute Religion, aber unbefestigte, oder vielmehr Naturreligion.; das Sittliche ist mit dem Natürlichen verbunden, und die Verknüpfung der objektiven Natur macht sie für den Verstand zugänglich; für das Setzen der Natur als ein objektives - Epikuräische Philosophie; - die Religion muß rein sittlich sein; so die Fantasie der absoluten Religion, so die Kunst, welche einen Jupiter, Apollo, Venus produziert hat; nicht die Homerische, wo Jupiter, Juno die Luft, Neptun das Wasser ist; - diese Trennung muß vollständig sein, die sittliche Bewegung Gottes absolut, nicht Versprechen und Schwächen, sondern absolutes Verbrechen, der Tod./"
Sehr interessant: Originalmanuskript hier, hier und hier!
(Ab hier: 5. Sitzung: Der Begriff ’Konstruktion’ als Kern der Dialektik und Lösung der Frage nach einer Befestigung der Demokratie durch eine rein sittliche Religion: Die "Logik-Metaphysik" (in Jena, später "Wissenschaft der Logik") ist eine solche ’Religion’ (Punkte 10.9)
11.6 Die dialektische Logik als die feste Grundlage der freien und sozialen demokratischen Regierung (erste Fassung der Logik-Metaphysik 1804-05 in Jena): Hegel gelingt es, die Demokratie ’durch eine rein sittliche Religion zu befestigen’
QUELLE 12: Der Begriff ’Construction’ als Kern der Dialektik
"Im absoluten Geiste ist Construction und Beweis absolut Eins. Jenes Theilen ist dasjenige, was in dem Beweise sich als Eins darstellt; in diesem nemlich ist die sichselbstgleiche Einheit und die Unendlichkeit was sich als Eins setzt; und diese beyden sind auch allein die Theile der Construction. Die Construction selbst ist nothwendig, als solche; denn sie selbst ist eins mit dem Beweise, oder der Geist ist an sich diß, daß er sich als Geist findet, und das worin er sich findet, oder vielmehr das, was er als sich findet, ist die Unendlichkeit; er ist nur als diß sich findende, und diß ist die Nothwendigkeit seiner Theilung in sich selbst, und in das Andre seiner selbst, was das für sichseyende absolute Andre, oder das Andre an ihm selbst, das Unendliche ist."
(GW 7, S. 174,4-13)
(Ab hier: 6. Sitzung: Hegels Abschluss des "System der Sittlichkeit" und des Gesamtsystems in Jena in den Jahren 1805/06 dank der Erarbeitung des Prinzips der Konstruktion und der Dialektik: Der Begriff ’absoluter Geist’
11.7 Begriff ’Konstruktion’ als Grundlage der "Wissenschaft der Logik" und des ganzen Systems
Der Begriff "Construction", den Hegel 1804-05 zum ersten Mal konzipiert, finden wir dann als Hauptbnegriff der Vorrede und der Einleitung zu seinem späten "Wissenschaft der Logik" (1812-16) sowie auch seines ganzen Systems, z.B. der "Enyzklopädie der philosophischen Wissenschaften" (1 Ausgabe 1817). Dieses System existierte aber schon 1805-06, obwohl in einer unveröffentlichten Form.
1804-05 ist also die Dialektik entstanden, dessen Kern eben der Begriff ’Contruction’ ist. Dabei handelt es sich um eine objektive, immanente Selbstkonstruktion der Sache selbst, wie Hegel mehrmals in seiner WdL ausdrücklich präzisiert. Es ist keine Meinung des Philosophen, sondern eine objektive Wahrheit, eben Wissenschaft. Auch bei Marx wird nicht anders sein. Er wird Hegels Theorie der Dialektik als immanente Konstruktion der Sache selbst komplett übernehmen, obwohl bei ihm die Sache selbst nicht etwas Ideelles ist, der Begriff, sondern etwas Materielles, die Wirtschaft und ihre Geschichte. Die Wirtschaftsformen der Organisation der Arbeit entwickeln sich voneinander (Sklavenhaltergesellschaft, feudale Gesellschaft, bürgerliche Gesellschaft bzw. Kapitalismus, schließlich Kommunismus als immanentes Ziel und Resultat der Wirtschaftsgeschichte). Für Marx ist die Sache selbst die Wirtschaft, die alles in der Gesellschaft bestimmt, auch die Religion und die Philosophie, während in Hegels ursprünglicher Theorie der Dialektik ist die Sache selbst etwas Ideelles, der Logos bzw. die Idee als System der Kategorien, die die Struktur des Denkens und des Seins ist, deshalb auch der Wirtschaft ist. Die Stufe des Selbstbewusstseins, die der Logos in der Geschichte allmählich erreicht und ’konstruiert’, bestimmt welche Gestalt, die Menschen, also der Logos selbst, der Arbeitswelt geben.
Es folgen hier einige Beispiele von Textstellen aus der Vorrede und der Einleitung zur WdL, in denen Hegel diesen Begriff als Hauptbegriff der Dialektik darstellt. Die Dialektik ist immanente Konstruktion der Sache selbst. Die Sache selbst ist in erster Linie der Logos (Wissenschaft der Logik), in zweiter Linie die Natur (Logos in seinem Anderssein) und der Geist (Logos in seiner Rückkehr zu sich). Das ganze System der Welt ist also eine Selbstkonstruktion. Die Welt ist die Sache selbst, die sich selbst konstruiert. So kann man Hegels Philosophie in wenigen Worten zusammenfassen.
QUELLE 13: Dialektik als ’sich selbst konstruirender Weg’
"Der Verstand bestimmt und hält die Bestimmungen fest; die Vernunft ist negativ und dialektisch, weil sie die Bestimmungen des Verstands in nichts auflöst; sie ist positiv, weil sie das Allgemeine erzeugt und das Besondere darin begreift. Wie der Verstand als etwas Getrenntes von der Vernunft überhaupt, so pflegt auch die dialektische Vernunft als etwas Getrenntes von der positiven Vernunft genommen zu werden. Aber in ihrer Wahrheit ist die Vernunft Geist, der höher als beides, verständige Vernunft oder vernünftiger Verstand ist. Er ist das Negative, dasjenige, welches die Qualität sowohl der dialektischen Vernunft als des Verstandes ausmacht; – er negiert das Einfache, so setzt er den bestimmten Unterschied des Verstandes; er löst ihn ebensosehr auf, so ist er dialektisch. Er hält sich aber nicht im Nichts dieses Resultates, sondern ist darin ebenso positiv und hat so das erste Einfache damit hergestellt, aber als Allgemeines, das in sich konkret ist; unter dieses wird nicht ein gegebenes Besonderes subsumiert, sondern in jenem Bestimmen und in der Auflösung desselben hat sich das Besondere schon mit bestimmt. Diese geistige Bewegung, die sich in ihrer Einfachheit ihre Bestimmtheit und in dieser ihre Gleichheit mit sich selbst gibt, die somit die immanente Entwicklung des Begriffes ist, ist die absolute Methode des Erkennens und zugleich die immanente Seele des Inhalts selbst."
(Aus: "Wissenschaft der Logik", Vorrede 1812, hier)
QUELLE 14: Die Sache selbst als Einheit von Denken und Sein, das objektive Denken
"Die reine Wissenschaft setzt somit die Befreiung von dem Gegensatze des Bewußtseins voraus. Sie enthält den Gedanken, insofern er ebensosehr die Sache an sich selbst ist, oder die Sache an sich selbst, insofern sie ebensosehr der reine Gedanke ist. Als Wissenschaft ist die Wahrheit das reine sich entwickelnde Selbstbewußtsein und hat die Gestalt des Selbsts, daß das an und für sich Seiende gewußter Begriff, der Begriff als solcher aber das an und für sich Seiende ist. Dieses objektive Denken ist denn der Inhalt der reinen Wissenschaft. Sie ist daher so wenig formell, sie entbehrt so wenig der Materie zu einer wirklichen und wahren Erkenntnis,[43] daß ihr Inhalt vielmehr allein das absolute Wahre oder, wenn man sich noch des Worts Materie bedienen wollte, die wahrhafte Materie ist – eine Materie aber, der die Form nicht ein Äußerliches ist, da diese Materie vielmehr der reine Gedanke, somit die absolute Form selbst ist. Die Logik ist sonach als das System der reinen Vernunft, als das Reich des reinen Gedankens zu fassen. Dieses Reich ist die Wahrheit, wie sie ohne Hülle an und für sich selbst ist. Man kann sich deswegen ausdrücken, daß dieser Inhalt die Darstellung Gottes ist, wie er in seinem ewigen Wesen vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist."
(Aus: "Wissenschaft der Logik", Einleitung 1831, hier)
QUELLE 15: Die Wissenschaft re-konstruiert die Dalektik der Sache selbst (Vernunft), die Meinung ist das subjektives Denken (Verstand)
"Aber der reflektierende Verstand bemächtigte sich der Philosophie. Es ist genau zu wissen, was dieser Ausdruck sagen will, der sonst vielfach als Schlagwort gebraucht wird; es ist überhaupt darunter der abstrahierende und damit trennende Verstand zu verstehen, der in seinen Trennungen beharrt. Gegen die Vernunft gekehrt, beträgt er sich als gemeiner Menschenverstand und macht seine Ansicht geltend, daß die Wahrheit auf sinnlicher Realität beruhe, daß die Gedanken nur Gedanken seien, in dem Sinne, daß erst die sinnliche Wahrnehmung ihnen Gehalt und Realität gebe, daß die Vernunft, insofern sie an und für sich bleibe, nur Hirngespinste erzeuge. In diesem Verzichttun der Vernunft auf sich selbst geht der Begriff der Wahrheit verloren; sie ist darauf eingeschränkt, nur subjektive Wahrheit, nur die Erscheinung zu erkennen, nur etwas, dem die Natur der Sache selbst nicht entspreche; das Wissen ist zur Meinung zurückgefallen."
(Aus: "Wissenschaft der Logik", Einleitung 1831, hier)
QUELLE 16: Objektivität der Dialektik als ’Gang der Sache selbst" (dialektische Methode ?)
"Wie würde ich meinen können, daß nicht die Methode, die ich in diesem Systeme der Logik befolge – oder vielmehr die dies System an ihm selbst befolgt –, noch vieler Vervollkommnung, vieler Durchbildung im einzelnen fähig sei; aber ich weiß zugleich, daß sie die einzige wahrhafte ist. Dies erhellt für sich schon daraus, daß sie von ihrem Gegenstande und Inhalte nichts Unterschiedenes ist; – denn es ist der Inhalt in sich, die Dialektik, die er an ihm selbst hat, welche ihn fortbewegt. Es ist klar, daß keine Darstellungen für wissenschaftlich gelten können, welche nicht den Gang dieser Methode gehen und ihrem einfachen Rhythmus gemäß sind, denn es ist der Gang der Sache selbst."
(Aus: "Wissenschaft der Logik", Einleitung 1831, hier)
Sehr wichtig ist der Unterschied zwischen der objektiven, menschenunabhängigen immanenten Entwicklung der Sache selbst, die wir nur entdecken, aber nicht subjektiv gestalten und beeinflussen können, und dagegen die Meinungen, die der Philosoph, der ein Mensch ist und auch subjektiv denkt, über die Objektivität der Entwicklung der Sache selbst äußert. Hegel unterscheidet scharf zwischen diesen zwei Ebenen des philosophischen Diskurses und deshalb auch seiner Werken.
QUELLE 17: Subjektive und objektive Teile von Hegels Werken (sehr wichtig!!!)
"In Gemäßheit dieser Methode erinnere ich, daß die Einteilungen und Überschriften der Bücher, Abschnitte und Kapitel, die in dem Werke angegeben sind, sowie etwa die damit verbundenen Erklärungen, zum Behuf einer vorläufigen Übersicht gemacht und daß sie eigentlich nur von historischem Werte sind. Sie gehören nicht zum Inhalte und Körper der Wissenschaft, sondern sind Zusammenstellungen der äußeren Reflexion, welche das Ganze der Ausführung schon durchlaufen hat, daher die Folge seiner Momente vorausweiß und angibt, ehe sie noch durch die Sache selbst sich herbeiführen.
In den anderen Wissenschaften sind solche Vorausbestimmungen und Einteilungen gleichfalls für sich nichts anderes als solche äußere Angaben; aber auch innerhalb der Wissenschaft werden sie nicht über diesen Charakter erhoben. Selbst in der Logik zum Beispiel heißt es etwa, »die Logik hat zwei Hauptstütze, die Elementarlehre und die Methodik«; alsdann unter der Elementarlehre findet sich ohne weiteres etwa die Überschrift: Gesetze des Denkens; alsdann erstes Kapitel: von den Begriffen; erster Abschnitt: von der Klarheit: der Begriffe usf. – Diese ohne irgendeine Deduktion und Rechtfertigung gemachten Bestimmungen und Einteilungen machen das systematische Gerüst und den ganzen Zusammenhang solcher Wissenschaften aus. Eine solche Logik sieht es für ihren Beruf an, davon zu sprechen, daß die Begriffe und Wahrheiten aus Prinzipien müssen abgeleitet sein; aber bei dem, was sie Methode nennt, wird auch nicht von weitem an ein Ableiten gedacht. Die Ordnung besteht etwa in der Zusammenstellung von Gleichartigem, in der Vorausschickung des Einfacheren vor dem Zusammengesetzten und anderen äußerlichen Rücksichten. Aber in Rücksicht eines inneren, notwendigen Zusammenhangs bleibt es bei dem Register der Abteilungsbestimmungen, und der Obergang macht sich nur damit, daß es jetzt heißt: Zweites Kapitel, – oder: wir kommen nunmehr zu den Urteilen, u. dgl.
Auch die Überschriften und Einteilungen, die in diesem Systeme vorkommen, sollen für sich keine andere Bedeutung haben als die einer Inhaltsanzeige. Außerdem aber muß die Notwendigkeit des Zusammenhangs und die immanente Entstehung der Unterschiede sich in der Abhandlung der Sache selbst vorfinden, denn sie fällt in die eigene Fortbestimmung des Begriffes."
(Aus: "Wissenschaft der Logik", Einleitung 1831, hier)
(Ab hier 7.Sitzung: Hegels Idee einer philosophischen Demokratie als Ziel der Geschichte)
12. Hegels Idee einer religionsphilosophischen Demokratie als Ziel der Zukunft der Menschheit: Die Pyramide der Geschichte und die philosophisch-idealistische Weltgesellschaft der Zukunft als Übergang von der Vorgeschichte zur echten Geschichte
Kommen wir aber nun zur Jenaer Zeit zurück, als Hegel 1805 dank der Erarbeitung des Begriffs ’Construction’ und der damit verbundenen Dialektik verstanden hatte, wie man die absolute Religion bzw. Vernunftreligion, also die reine Wissenschaft Gottes bzw. des Logos gründen kann. Er war jetzt endlich im Beistz einer festen Grundlage für eine echte philosophische Demokratie. Somit konnte er das "System der Sittlichkeit" endlich abschließen, was 1803 er unterbrechen musste.
Die sogenannte „Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit“, die von Rosenkranz überliefert wurde, enthält Hegels Überlegungen im Anschluss an dem unvollendeten Abschluss des Manuskripts zum „System der Sittlichkeit“.
QUELLE 18: Hegel über die Epochen der Weltgeschichte nach seinem Biographen Karl Rosenkranz (Jena, etwa 1805)
„Die Religion muß, wie Hegel sich in der damaligen naturphilosophischen Modesprache ausdrückte, nach den allgemeinen drei Dimensionen der Vernunft innerhalb der klimatischen Modificationen nach ihrer empirischen Differenz weltgeschichtlich in folgenden drei Formen auftreten: 1) in der Form der Identität, in ursprünglicher Versöhntheit des Geistes und seines Reellseins in der Individualität; 2) in der Form, daß der Geist von der unendlichen Differenz seiner Identität anfange und aus ihr eine relative Identität reconstruire und sich versöhne; 3) diese Identität, unter jene erste absolute subsumirt, wird das Einssein der Vernunft in Geistesgestalt und derselben in ihrem Reellsein oder in Individualität als ursprünglich und zugleich ihren unendlichen Gegensatz und seine Reconstruction setzen.“
(GW 5, S. 460-461, 35-34)
Der Inhalt der dritten Phase besteht aus der letzten Stufe des religiösen Vorgangs, der Erhebung des endlichen zum unendlichen Bewusstsein, also des Menschen zu dem Absoluten, in dem die Menschheit also Übergang von der Sichtweise des empirischen und subjektiven Bewusstseins zu jener des reinen und absoluten Bewusstseins vollzieht. Hegel definiert diese Sichtweise mit folgenden Worten:
QUELLE 19: Hegel über die Philosophie als ’Aufhebung’ der Religion
"Nachdem nun der Protestantismus die fremde Weihe ausgezogen, kann der Geist sich als Geist in eigener Gestalt zu heiligen und die ursprüngliche Versöhnung mit sich in einer neuen Religion herzustellen wagen, in welche der unendliche Schmerz und die ganze Schwere seines Gegensatzes aufgenommen, aber ungetrübt und rein sich auflöst, wenn es nämlich ein freies Volk geben und die Vernunft ihre Realität als einen sittlichen Geist wiedergeboren haben wird, der die Kühnheit haben kann, auf eigenem Boden, und aus eigener Majestät sich seine reine Gestalt zu nehmen. – Jeder Einzelne ist ein blindes Glied in der Kette der absoluten Nothwendigkeit, an der sich die Welt fortbildet. Jeder Einzelne kann sich zur Herrschaft über eine größere Länge dieser Kette allein erheben, wenn er erkennt, wohin die große Nothwendigkeit will und aus dieser Erkenntniß die Zauberworte aussprechen lernt, die ihre Gestalt hervorrufen. Diese Erkenntniß, die ganze Energie des Leidens und des Gegensatzes, der ein paar tausend Jahre die Welt und alle Formen ihrer Ausbildung beherrscht hat, zugleich in sich zu schließen und sich über ihn zu erheben, diese Erkenntniß vermag nur Philosophie zu geben."
(GW 5, S. 465, 1-17).
Der Philosoph stellt also in diesem Absatz klar, dass die „dritte Religionsform“ der Menschheit die Philosophie sein muss, da sie die der Vernunft eigene Form ist, oder, anders gesagt, auf dem Wissen beruht und daher die absolute Religionsform ist (daher drittes und letztes Stadium der religiösen Entwicklung der Menschheit, nach der Naturreligion oder Polytheismus und der übernatürlichen oder Monotheismus). Der Protestantismus gehört zur noch zur zweiten Form der Religion, zum Monotheismus und muss deshalb ’aufgehoben’ werden (die fremde Weihe ausgezogen...). Rosenkranz schreibt zu dieser Thematik folgendes und kommentiert dabei den Text, den er noch besaß:
QUELLE 20: Rosenkranz über Hegel
“Obwohl nun Hegel damals, wie aus den vorstehenden Mittheilungen zur Genüge hervorgeht, den Protestantismus für eine eben so endlicher Form des Christenthums hielt, als den Katholizismus, so ging er deswegen doch nicht, wie Viele seiner Zeitgenossen, zum Katholizismus über, sondern glaubte, daß aus dem Christenthum durch die Vermittelung der Philosophie eine dritte Form der Religion sich hervorbilden werde.“
(GW 5, S. 464,20-24)
Aus diesem Grund ist es eindeutig, dass Hegel nie der Meinung gewesen ist, dass die Monarchie die richtige Form des Staates und der Protestantismus die richtige Form der Religion sind. Oder, anders gesagt, egal was Hegel als Mensch dachte, mit Sicherheit braucht der dialektische Idealismus als philosophische Einstellung weder die Monarchie noch die protestantische Religion, um die neue Epoche zu gestalten. Ganz im Gegenteil, gehören beide zur zweiten Stufe der Entwicklung der Religion und des Selsbtbewusstseins des Logos.
Hegels Auffassung der Entwicklung der Religion (idealistisch-dialektische Religionsphilosophie) lässt sich zumindest in seiner Jenaer Zeit wie folgt darstellen.
Religionsphilosophische Pyramide der religiösen Entwicklung der Geschichte des Menschheit nach Hegels Ansichten in der Jenaer Zeit:
Quellentext bei Hegel hier
(In: Karl Rosenkranz, Hegels Leben, im Internet hier)
Erklärung der Pyramide hier)
(Aufpassen: diese Pyramide ist ein Konstrukt von mir auf der Grundlage des Berichts von Rosenkranz und nicht von Hegel selbst!)
Link zur Vertiefung: hier (ab Punkt 7)
13. Das Kapitel über den absoluten Geist und der definitive Abschluß des Systems (1805-06): Hegels System (Idee-Natur-Geist) ist entstanden
1806: Hegel gelingt es endlich, sein System mit dem Kapitel über den absoluten Geist abzuschließen!
1807: Hegel veröffentlicht sein erstes Buch, die "Phänomenologie des Geistes", und verkündet der gesamten Menschheit, dass sich das Absolute offenbart hat und nach 2500 Jahren Philosophiegeschichte endlich erkannt wurde. Diese Erkenntnis des Absoluten, die eine Selbsterkenntnis ist, war in seinem Manuskript zur Logik-Metaphysik aus den Jahren 1804-05 enthalten, das er jedoch erst sieben Jahre später, im Jahr 1812, zu veröffentlichen begann und das erst 1816 vollständig erschien. Die "Phänomenologie des Geistes" ist also nicht das erste große Werk des reifen Hegels, sondern sein letztes Jugendwerk!
14. Forschungsfragen (Grundfragen zur Erarbeitung einer dialektischen Philosophie der Weltgeschichte von 1831 bis heute als Fortsetzung der Philosophie der Weltgeschichte Hegels)
- Aus welchen Gründen hat Hegel das Programm einer neuen sozialen, nicht ’ochlokratischen’ Demokratie in seinem Leben nicht umsetzen können oder wollen?
- Kant, Hegel und das deutsche Denken zwischen 18. und 19. Jahrnundert als Philosophie und Kultur des Friedens und der Versöhnung: Aus welchen Gründen entstand im 20. Jahrhundert bei den Deutschen eine kriegerische Haltung? (Dasselbe bei den Italienern, die gleich im 19. Jahrhundert Hegels Philosophie sehr positiv aufnahmen)
- Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Hegels Leben, insbesondere was die Zeit 1806-1831 betrifft, und der deutschen Geschichte von 1831 bis 1945?
- Dasselbe kann man sich fragen in Bezug auf Giovanni Gentile, dem bekanntesten unter den italienischen Hegelianern, und der italienischen Geschichte zwischen 1923 und 1945. Beide wurden gezwungen, eine autoritäre Macht philosophisch zu unterstützen, Hegel von der protestantischen Monarchie, Gentile von der faschistischen Diktatur)
- Kann es sein, dass ein Mensch (Hegel. Gentile) bzw. ein Volk (Deutschen, Italiener) implodiert, wenn er bzw. es die objektive Wahrheit erreicht hat?
- Ist Hegel implodiert und sind die Deutschen nach ihm ebenso implodiert? Ist Gentile implodiert und sind die Italiener nach ihm ebenso implodiert?
- Kann es sein, dass die objektive Wahrheit eine zu schwere Last für einen Menschen allein oder für ein Volk allein ist?
- Implosion, Duden: "schlagartige Zertrümmerung eines Hohlkörpers durch äußeren Überdruck"
- Hat ’der äußere Überdruck’ der damaligen Gesellschaft (Preußen) auf Hegel und später der Großmächte (damals Großbritannien, USA, F) auf Deutschland und Italien das Ziel gehabt, die von Hegel und Gentile erreichte objektive Wahrheit zu unterbinden, um eine philosophische Gesellschaft, also eine freiheitliche aber auch solidarische und gerechte deutsche sowie italienische und Weltgesellschaft zu verhindern?
- Wollten die damaligen liberalen westlichen Großmächte (GB, F, aber auch B, NL usw.) keine Versöhnung der Menschen miteinander und mit der Natur, sondern nur Konkurrenz und Unterdrückung?
- War Hegel Opfer der damaligen Macht Preussens, das ihn eingeschüchtert hat, und später das deutsche und italienische Volk Opfer der Macht der kapitalistischen Großmächte (USA, GB, F), die den Faschismus und den Nazismus stark mitfinanziert haben, um dem damals anstrebenden Kommunismus entgegenzuwirken und ihn einzudämmen? (Buch von Guido Giacomo Preparata, link hier und hier)
- Ganz allgemeine Frage: Macht-Menschen und Wahrheit-Menschen: Wie können die Wahrheit-Menschen die Macht-Menschen zur Wahrheit erziehen und somit sich von diesen schützen? Anders gesagt: Wie können Menschen, die nach der Wahrheit suchen, diejenigen, die nach Macht streben, zur Wahrheit erziehen und sich so selbst vor ihnen schützen?
- Haben Hegel und die Deutschen sowie Gentile und die Italiener einen sehr hohen Preis für die objektive Wahrheit bezahlt, das diese zum Gemeinwohl aller Menschen, zur Versöhnung und nicht zur Unterdrückung führt?
- Sind Faschismus und Nazismus eine indirekte Konsequenz der Einschüchterung Hegels durch die damalige kulturelle (Familie) und politische (Staat) Zänsur, die Hegel keine Möglichkeit gab, seine wirkliche philosophische Haltung öffentlich zu machen und somit verhinderte, dass sich Deutschland und die Welt in die Richtung einer neuen philosophischen, versöhnten Epoche zu entwickeln?
- Gibt es immer noch heute zwei Westen, den individualistischen und konkurrenzorientierten Westen (USA, GB vor allem) und den solidarischen, kooperativorientierten Westen (DE, IT, aber auch GR, Spanien neulich auch)?
- Bezahlt der solidarische Westen als ’Kolonie’ des unsolidarischen Westens immer noch heute den Preis für die objektive Wahrheit (Kontinentalphilosophie gegen analytische Philosophie)?
- Gehört Nordstream auch dazu? Ist die Sabotage der Preis, den Deutschland und Europa zahlen mussten, da sie mit dem postkommunistischen Russland seit 1990 über drei Jahrzehnten unproblematisch und friedlich kooperiert haben? (äußerer Überdruck...)
- Befinden wir uns Deutsche, Italiener und Europäer vor der nächsten Implosion auf Grund des angloamerikanischen äußeren Überdrucks (Aufstieg der AfD in Deutschland und der Rechte in Italien)?
- Was hat die "Wissenschaft der Logik" damit zu tun? Die WdL als Grundlage einer neuen, friedlichen Epoche in der Geschichte der Menschheit im Sinne einer nicht-ochlokratischen Demokratie (Übergang von der Vorgeschichte zur eigentlichen Geschichte und von den ideologischen Nationalstaaten zum philosophischen Weltstaat - Pyramide der dialektischen Entwicklung der Menschheit, s. oben)
- Ergebnis und Hauptgedanke des Teils A des Seminars: Aktualität der "Wissenschaft der Logik" als Vernunftreligion des künftigen philosophischen Weltstaates zur Versöhnung der Menschen untereinander und mit der Natur!?
(Ab hier 8. Sitzung: Bestimmung des Anfangs der Philosophie als Wissenschaft sowie Parallelität zwischen logischer Entwicklung der Kategorien und historischer Entwicklung der philosophischen Systeme)
15. "Womit muß der Anfang der Wissenschaft gemacht werden?": über die zentrale Wichtigkeit dieser Frage für die Wissenschaftlichkeit des dialektischen Prinzips ’Construction und Beweis’ aus dem Jenaer Manuskript 1804/05
’Sein’ als Anfang der ’Wissenschaft der Logik’ und des gesamten philosophischen Systems
QUELLE 22: Kategorie ’Sein’
"Das Sein ist das unbestimmte Unmittelbare; es ist frei von der Bestimmtheit gegen das Wesen sowie noch von jeder, die es innerhalb seiner selbst erhalten kann. Dies reflexionslose Sein ist das Sein, wie es unmittelbar nur an ihm selber ist.
Weil es unbestimmt ist, ist es qualitätsloses Sein; aber an sich kommt ihm der Charakter der Unbestimmtheit nur im Gegensatze gegen das Bestimmte oder Qualitative zu. Dem Sein überhaupt tritt aber das bestimmte Sein als solches gegenüber; damit aber macht seine Unbestimmtheit selbst seine Qualität aus. Es wird sich daher zeigen, daß das erste Sein an sich bestimmtes [ist], und hiermit
Zweitens, daß es in das Dasein übergeht, Dasein ist; daß aber dieses als endliches Sein sich aufhebt und in die unendliche Beziehung des Seins auf sich selbst,
Drittens in das Fürsichsein übergeht."
(Im Internet hier)
16. Allgemeines Prinzip der Dialektik und des Lebens (’der Sache selbst’): In der Logik und im Leben das Vorwärtsschreiten ist gleichzeitig ein Rückwärtsgehen (Progressive Bestimmung des Inhalts des Seins)
Ein Inhalt erscheint zunächst in einer unbestimmten, allgemeinen Form, in der nur sein Grundprinzip, das noch nicht entwickelt ist, dargelegt ist. Das Sein besteht in der Entfaltung dieses unbestimmten, verallgemeinerten Inhalts und in seiner fortschreitenden Bestimmung, die zugleich seine Verwirklichung oder Manifestation ist. Deswegen ist ‚Sein‘ eigentlich ‚Werden‘ (s. die ersten drei Kategorien der "Wissenschaft der Logik")
Nehmen wir das Beispiel einer Blume: Im Samen ist bereits der Begriff bzw. das Allgemeine der Blume enthalten, die blühen wird, z.B. eine Rose. Am Anfang ist im Samen bereits die Rose enthalten, aber in unbestimmter, verallgemeinerter oder universeller Weise. Wir wissen noch nicht, wie sie sein wird, denn die konkrete, besondere Rose ist noch nicht da, es gibt nur den abstrakten Begriff der Rose, eben das Universelle der Rose. Die spätere Entwicklung des Samenkorns wird, wenn die verschiedenen Bedingungen günstig sind, zur Manifestation dieses Inhalts, zu seiner Verwirklichung führen, d.h. zur konkreten, besonderen Rose, die sich natürlich von allen anderen Rosen unterscheiden wird.
Das Sein ist, kurz gesagt, die Entfaltung eines Inhalts, der zunächst nur abstrakt und universell existiert und dann allmählich partikular und konkret wird. Dies ist die Hauptstruktur des Werdens und sie ist allem eigen, auch uns selbst. Auch wir sind die Entfaltung eines universellen Inhalts, der unser ursprüngliches Selbst war, der sich im Laufe unseres Lebens realisiert und partikularisiert, also konkret wird. Wenn wir in der Lage sind, zu dem zurückzugehen, was wir als Kinder waren, denn leider können wir uns nicht daran erinnern, was wir vor einem bestimmten Alter waren, werden wir in dem Kind, das wir waren, das Universelle des Besonderen finden, das wir geworden sind oder, besser noch, werden, denn der Prozess der Verwirklichung des Universellen dauert an, solange es Leben gibt.
Wir werden, was wir schon immer waren, da wir die Entwicklung eines Allgemeinen sind, das am Anfang unentwickelt (unentfaltet) war.
Unter der Perspektive der Dialektik ist die Welt ihrem Wesen nach beseelt, alles entfaltet sich, alles wird, wie zu griechischer Zeit schon Heraklit, der Vater der Dialektik, verstanden hatte. Berühmt ist sein Satz, dass „alles fließt“ (panta rhei) und wir niemals im gleichen Fluss baden können, da das Wasser ständig anders ist.
Alles entwickelt sich, alles ‚wird‘ in dem tiefsten Sinne des Wortes, da es ein Universelles ist, das sich im Laufe der Zeit individualisiert (partikularisiert). So drückt sich Hegel darüber aus:
QUELLE 23: Fortgang der Wissenschaft als fortgeschrittlche Bestimmung (Verständnis, Erkenntnis) des Seins (rein logische Entwicklung).
„Die Einsicht, daß das Absolut-Wahre ein Resultat sein müsse, und umgekehrt, daß ein Resultat ein erstes Wahres voraussetzt, das aber, weil es Erstes ist, objektiv betrachtet nicht notwendig und nach der subjektiven Seite nicht erkannt ist, – hat in neueren Zeiten den Gedanken hervorgebracht, daß die Philosophie nur mit einem hypothetischen und problematischen Wahren anfangen und das Philosophieren daher zuerst nur ein Suchen sein könne, eine Ansicht, welche Reinhold in den späteren Zeiten seines Philosophierens vielfach urgiert hat und der man die Gerechtigkeit widerfahren lassen muß, daß ihr ein wahrhaftes Interesse zugrunde liegt, welches die spekulative Natur des philosophischen Anfangs betrifft. Die Auseinandersetzung dieser Ansicht ist zugleich eine Veranlassung, ein vorläufiges Verständnis über den Sinn des logischen Fortschreitens überhaupt einzuleiten; denn jene Ansicht schließt die Rücksicht auf das Fortgehen sogleich in sich. Und zwar stellt sie es so vor, daß das Vorwärtsschreiten in der Philosophie vielmehr ein Rückwärtsgehen und Begründen sei, durch welches erst sich ergebe, daß das, womit angefangen wurde, nicht bloß ein willkürlich Angenommenes, sondern in der Tat teils das Wahre, teils das erste Wahre sei.
Man muß zugeben, daß es eine wesentliche Betrachtung ist – die sich innerhalb der Logik selbst näher ergeben wird –, daß das Vorwärtsgehen ein Rückgang in den Grund, zu dem Ursprünglichen und Wahrhaften ist, von dem das, womit der Anfang ge macht wurde, abhängt und in der Tat hervorgebracht wird. – So wird das Bewußtsein auf seinem Wege von der Unmittelbarkeit aus, mit der es anfängt, zum absoluten Wissen als seiner innersten Wahrheit zurückgeführt. Dies Letzte, der Grund, ist denn auch dasjenige, aus welchem das Erste hervorgeht, das zuerst als Unmittelbares auftrat. – So wird noch mehr der absolute Geist, der als die konkrete und letzte höchste Wahrheit alles Seins sich ergibt, erkannt, als am Ende der Entwicklung sich mit Freiheit entäußernd und sich zur Gestalt eines unmittelbaren Seins entlassend, – zur Schöpfung einer Welt sich entschließend, welche alles das enthält, was in die Entwicklung, die jenem Resultate vorangegangen, fiel und das durch diese umgekehrte Stellung mit seinem Anfang in ein von dem Resultate als dem Prinzip Abhängiges verwandelt wird. Das Wesentliche für die Wissenschaft ist nicht so sehr, daß ein rein Unmittelbares der Anfang sei, sondern daß das Ganze derselben ein Kreislauf in sich selbst ist, worin das Erste auch das Letzte und das Letzte auch das Erste wird.
Daher ergibt sich auf der andern Seite als ebenso notwendig, dasjenige, in welches die Bewegung als in seinen Grund zurückgeht, als Resultat zu betrachten. Nach dieser Rücksicht ist das Erste ebensosehr der Grund und das Letzte ein Abgeleitetes; indem von dem Ersten ausgegangen und durch richtige Folgerungen auf das Letzte als auf den Grund gekommen wird, ist dieser Resultat. Der Fortgang ferner von dem, was den Anfang macht, ist nur als eine weitere Bestimmung desselben zu betrachten, so daß das Anfangende allem Folgenden zugrunde liegen bleibt und nicht daraus verschwindet. Das Fortgehen besteht nicht darin, daß nur ein Anderes abgeleitet oder daß in ein wahrhaft Anderes übergegangen würde; – und insofern dies Übergehen vorkommt, so hebt es sich ebensosehr wieder auf. So ist der Anfang der Philosophie die in allen folgenden Entwicklungen gegenwärtige und sich erhaltende Grundlage, das seinen weiteren Bestimmungen durchaus immanent Bleibende.
Durch diesen Fortgang denn verliert der Anfang das, was er in dieser Bestimmtheit, ein Unmittelbares und Abstraktes überhaupt zu sein, Einseitiges hat; er wird ein Vermitteltes, und die Linie der wissenschaftlichen Fortbewegung macht sich damit zu einem Kreise. – Zugleich ergibt sich, daß das, was den Anfang macht, indem es darin das noch Unentwickelte, Inhaltslose ist, im Anfange noch nicht wahrhaft erkannt wird und daß erst die Wissenschaft, und zwar in ihrer ganzen Entwicklung, seine vollendete, inhaltsvolle und erst wahrhaft begründete Erkenntnis ist.
Darum aber, weil das Resultat erst als der absolute Grund hervortritt, ist das Fortschreiten dieses Erkennens nicht etwas Provisorisches noch ein problematisches und hypothetisches, sondern es muß durch die Natur der Sache und des Inhaltes selbst bestimmt sein. Weder ist jener Anfang etwas Willkürliches und nur einstweilen Angenommenes noch ein als willkürlich Erscheinendes und bittweise Vorausgesetztes, von dem sich aber doch in der Folge zeige, daß man recht daran getan habe, es zum Anfange zu machen; nicht wie bei den Konstruktionen, die man zum Behuf des Beweises eines geometrischen Satzes zu machen angewiesen wird, es der Fall ist, daß von ihnen es sich erst hinterher an den Beweisen ergibt, daß man wohlgetan habe, gerade diese Linien zu ziehen und dann in den Beweisen selbst mit der Vergleichung dieser Linien oder Winkel anzufangen; für sich an diesem Linienziehen oder Vergleichen begreift es sich nicht.
So ist vorhin der Grund, warum in der reinen Wissenschaft vom reinen Sein angefangen wird, unmittelbar an ihr selbst angegeben worden. Dies reine Sein ist die Einheit, in die das reine Wissen zurückgeht, oder wenn dieses selbst noch als Form von seiner Einheit unterschieden gehalten werden soll, so ist es auch der Inhalt desselben. Dies ist die Seite, nach welcher dies reine Sein, dies Absolut-Unmittelbare, ebenso absolut Vermitteltes ist. Aber es muß ebenso wesentlich nur in der Einseitigkeit, das Rein-Unmittelbare zu sein, genommen werden, eben weil es hier als der Anfang ist. Insofern es nicht diese reine Unbestimmtheit, insofern es bestimmt wäre, würde es als Vermitteltes, schon Weitergeführtes genommen; ein Bestimmtes enthält ein Anderes zu einem Ersten. Es liegt also in der Natur des Anfangs selbst, daß er das Sein sei und sonst nichts. Es bedarf daher keiner sonstigen Vorbereitungen, um in die Philosophie hineinzukommen, noch anderweitiger Reflexionen und Anknüpfungspunkte.“
(Wissenschaft der Logik, Erstes Buch, 1831, im Internet hier)
(Ab hier 9. Sitzung: Hauptunterteilung der WdL + Erstes Buch: Die Lehre vom Sein)
17. Parallelität zwischen rein logischer und historischer Entwicklung, d.h. zwischen Entwicklung der Kategorien in der Wissenschaft der Logik (Dialektik der reinen Vernunft) und Entwicklung der philosophischen Systemen in der Geschichte der Philosophie (Dialektik der historischen Vernunft)
Parmenides, Philosoph des Seins, als Anfang der Geschichte der Metaphysik
QUELLEN 24-25: Allgemeines Prinzip der Dialektik und der Philosophiegeschichte: Parallelität zwischen reinlogischer Entwicklung der WdL und historisch-logischer Entwicklung der Geschichte der Philosophie
"Die Geschichte, die wir vor uns haben, ist die Geschichte von dem Sich-Selbst-Finden des Gedankens, und bei dem Gedanken ist es der Fall, daß er sich nur findet, indem er sich hervorbringt, ja, daß er nur existiert und wirklich ist, indem er sich findet. Diese Hervorbringungen sind die Philosophien. Und die Reihe dieser Hervorbringungen, diese Entdeckungen, auf die der Gedanke ausgeht, sich selbst zu entdecken, ist eine Arbeit von dritthalbtausend Jahren."
G.W.F. Hegel, Werke, Bd. 18, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, Einleitung, Bestimmung der Geschichte der Philosophie, S. 23-24, Anm. 10, Suhrkampausgabe)
"Nach dieser Idee behaupte ich nun, daß die Aufeinanderfolge der Systeme der Philosophie in der Geschichte dieselbe ist als die Aufeinanderfolge in der logischen Ableitung der Begriffsbestimmungen der Idee. Ich behaupte, daß, wenn man die Grundbegriffe der in der Geschichte der Philosophie erschienenen Systeme rein dessen entkleidet, was ihre äußerliche Gestaltung, ihre Anwendung auf das Besondere und dergleichen betrifft, so erhält man die verschiedenen Stufen der Bestimmung der Idee selbst in ihrem logischen Begriffe. Umgekehrt, den logischen Fortgang für sich genommen, so hat man darin nach seinen Hauptmomenten den Fortgang der geschichtlichen Erscheinungen; – aber man muß freilich diese reinen Begriffe in dem zu erkennen wissen, was die geschichtliche Gestalt enthält.“
(G.W.F. Hegel, Werke, Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie, Bd. 18, S. 49, Suhrkampausgabe).
18. Hauptunterteilung der WdL (Sein, Wesen, Begriff)
QUELLE 26: Einteilung der WdL
"Die Logik zerfällt also zwar überhaupt in objektive und subjektive Logik; bestimmter aber hat sie die drei Teile:
I. Die Logik des Seins,
II. die Logik des Wesens und
III. die Logik des Begriffs."
(Text im Internet hier)
19. Die Lehre vom Sein
QUELLE 27.1: Begriff und Einteilung der Lehre vom Sein
"Allgemeine Einteilung des Seins.
Das Sein ist zuerst gegen Anderes überhaupt bestimmt; Zweitens ist es sich innerhalb seiner selbst bestimmend; Drittens, indem diese Vorläufigkeit des Einteilens weggeworfen ist, ist es die abstrakte Unbestimmtheit und Unmittelbarkeit, in der es der Anfang sein muß.
Nach der ersten Bestimmung teilt das Sein sich gegen das Wesen ab, indem es weiterhin in seiner Entwicklung seine Totalität nur als eine Sphäre des Begriffs erweist und ihr als Moment eine andere Sphäre gegenüberstellt.
Nach der zweiten ist es die Sphäre, innerhalb welcher die Bestimmungen und die ganze Bewegung seiner Reflexion fällt. Das Sein wird sich darin in den drei Bestimmungen setzen:
I. als Bestimmtheit als solche; Qualität;
II. als aufgehobene Bestimmtheit; Größe, Quantität;
III. als qualitativ bestimmte Quantität; Maß."
(Text im Internet hier)
QUELLE 27.2: Einteilung der ’Bestimmtheit (Qualität)’
Erstes Kapitel: Sein
A. Sein
B. Nichts
C. Werden
Zweites Kapitel: Das Dasein
A. Dasein als solches
B. Die Endlichkeit
C. Die Unendlichkeit
Der Übergang
Drittes Kapitel: Das Fürsichsein
A. Das Fürsichsein als solches
B. Eins und Vieles
C. Repulsion und Attraktion
(Text im Internet hier)
Quelle 27.3: Einteilung des ersten Kapitels ’Sein’ und ’dialektische Selbst-Konstruktion’ der ersten 3(4) Kategorien ’Sein’, ’Nichts’, ’Werden’ bis zum ’Dasein’
A. Sein
Sein, reines Sein, – ohne alle weitere Bestimmung. In seiner unbestimmten Unmittelbarkeit ist es nur sich selbst gleich und auch nicht ungleich gegen Anderes, hat keine Verschiedenheit innerhalb seiner noch nach außen. Durch irgendeine Bestimmung oder Inhalt, der in ihm unterschieden oder wodurch es als unterschieden von einem Anderen gesetzt würde, würde es nicht in seiner Reinheit festgehalten. Es ist die reine Unbestimmtheit und Leere. – Es ist nichts in ihm anzuschauen, wenn von Anschauen hier gesprochen werden kann; oder es ist nur dies reine, leere Anschauen selbst. Es ist ebensowenig etwas in ihm zu denken, oder es ist ebenso nur dies leere Denken. Das Sein, das unbestimmte Unmittelbare ist in der Tat Nichts und nicht mehr noch weniger als Nichts.
B. Nichts
Nichts, das reine Nichts; es ist einfache Gleichheit mit sich selbst, vollkommene Leerheit, Bestimmungs- und Inhaltslosigkeit; Ununterschiedenheit in ihm selbst. – Insofern Anschauen oder Denken hier erwähnt werden kann, so gilt es als ein Unterschied, ob etwas oder nichts angeschaut oder gedacht wird. Nichts Anschauen oder Denken hat also eine Bedeutung; beide werden unterschieden, so ist (existiert) Nichts in unserem Anschauen oder Denken; oder vielmehr ist es das leere Anschauen und Denken selbst und dasselbe leere Anschauen oder Denken als das reine Sein. – Nichts ist somit dieselbe Bestimmung oder vielmehr Bestimmungslosigkeit und damit überhaupt dasselbe, was das reine Sein ist.
(10. Sitzung am 16.6.26: Werden, Momente, Aufhebung, Dasein/Etwas, Endlichkeit, Unendlichkeit)
C. Werden
a. Einheit des Seins und Nichts
b. Momente des Werdens
c. Aufheben des Werdens
a. Einheit des Seins und Nichts
Das reine Sein und das reine Nichts ist also dasselbe. Was die Wahrheit ist, ist weder das Sein noch das Nichts, sondern daß das Sein in Nichts und das Nichts in Sein – nicht übergeht, sondern übergegangen ist. Aber ebensosehr ist die Wahrheit nicht ihre Ununterschiedenheit, sondern daß sie nicht dasselbe, daß sie absolut unterschieden, aber ebenso ungetrennt und untrennbar sind und unmittelbar jedes in seinem Gegenteil verschwindet. Ihre Wahrheit ist also diese Bewegung des unmittelbaren Verschwindens des einen in dem anderen: das Werden; eine Bewegung, worin beide unterschieden sind, aber durch einen Unterschied, der sich ebenso unmittelbar aufgelöst hat.
b. Momente des Werdens
Das Werden, Entstehen und Vergehen, ist die Ungetrenntheit des Seins und Nichts; nicht die Einheit, welche vom Sein und Nichts abstrahiert, sondern als Einheit des Seins und Nichts ist es diese bestimmte Einheit oder [die,] in welcher sowohl Sein als Nichts ist. Aber indem Sein und Nichts jedes ungetrennt von seinem Anderen ist, ist es nicht. Sie sind also in dieser Einheit, aber als Verschwindende, nur als Aufgehobene. Sie sinken von ihrer zunächst vorgestellten Selbständigkeit zu Momenten herab, noch unterschiedenen, aber zugleich aufgehobenen.
Nach dieser ihrer Unterschiedenheit sie aufgefaßt, ist jedes in derselben als Einheit mit dem anderen. Das Werden enthält also Sein und Nichts als zwei solche Einheiten, deren jede selbst Einheit des Seins und Nichts ist; die eine das Sein als unmittelbar und als Beziehung auf das Nichts; die andere das Nichts als unmittelbar und als Beziehung auf das Sein: die Bestimmungen sind in ungleichem Werte in diesen Einheiten.
Das Werden ist auf diese Weise in gedoppelter Bestimmung; in der einen ist das Nichts als unmittelbar, d.h. sie ist anfangend vom Nichts, das sich auf das Sein bezieht, d.h. in dasselbe übergeht, in der anderen ist das Sein als unmittelbar, d. i. sie ist anfangend vom Sein, das in das Nichts übergeht, – Entstehen und Vergehen.
Beide sind dasselbe, Werden, und auch als diese so unterschiedenen Richtungen durchdringen und paralysieren sie sich gegenseitig. Die eine ist Vergehen; Sein geht in Nichts über, aber Nichts ist ebensosehr das Gegenteil seiner selbst, Übergehen in Sein, Entstehen. Dies Entstehen ist die andere Richtung; Nichts geht in Sein über, aber Sein hebt ebensosehr sich selbst auf und ist vielmehr das Übergehen in Nichts, ist Vergehen. – Sie heben sich nicht gegenseitig, nicht das eine äußerlich das andere auf, sondern jedes hebt sich an sich selbst auf und ist an ihm selbst das Gegenteil seiner.
c. Aufheben des Werdens
Das Gleichgewicht, worein sich Entstehen und Vergehen setzen, ist zunächst das Werden selbst. Aber dieses geht ebenso in ruhige Einheit zusammen. Sein und Nichts sind in ihm nur als Verschwindende; aber das Werden als solches ist nur durch die Unterschiedenheit derselben. Ihr Verschwinden ist daher das Verschwinden des Werdens oder Verschwinden des Verschwindens selbst. Das Werden ist eine haltungslose Unruhe, die in ein ruhiges Resultat zusammensinkt.
Dies könnte auch so ausgedrückt werden: Das Werden ist das Verschwinden von Sein in Nichts und von Nichts in Sein und das Verschwinden von Sein und Nichts überhaupt; aber es beruht zugleich auf dem Unterschiede derselben. Es widerspricht sich also in sich selbst, weil es solches in sich vereint, das sich entgegengesetzt ist; eine solche Vereinigung aber zerstört sich.
Dies Resultat ist das Verschwundensein, aber nicht als Nichts, so wäre es nur ein Rückfall in die eine der schon aufgehobenen Bestimmungen, nicht Resultat des Nichts und des Seins. Es ist die zur ruhigen Einfachheit gewordene Einheit des Seins und Nichts. Die ruhige Einfachheit aber ist Sein, jedoch ebenso nicht mehr für sich, sondern als Bestimmung des Ganzen.
Das Werden so [als] Übergehen in die Einheit des Seins und Nichts, welche als seiend ist oder die Gestalt der einseitigen unmittelbaren Einheit dieser Momente hat, ist das Dasein.
Anmerkung
Aufheben und das Aufgehobene (das Ideelle) ist einer der wichtigsten Begriffe der Philosophie, eine Grundbestimmung, die schlechthin allenthalben wiederkehrt, deren Sinn bestimmt aufzufassen und besonders vom Nichts zu unterscheiden ist. – Was sich aufhebt, wird dadurch nicht zu Nichts. Nichts ist das Unmittelbare; ein Aufgehobenes dagegen ist ein Vermitteltes, es ist das Nichtseiende, aber als Resultat, das von einem Sein ausgegangen ist; es hat daher die Bestimmtheit, aus der es herkommt, noch an sich.
Aufheben hat in der Sprache den gedoppelten Sinn, daß es soviel als aufbewahren, erhalten bedeutet und zugleich soviel als aufhören lassen, ein Ende machen. Das Aufbewahren selbst schließt schon das Negative in sich, daß etwas seiner Unmittelbarkeit und damit einem den äußerlichen Einwirkungen offenen Dasein entnommen wird, um es zu erhalten. – So ist das Aufgehobene ein zugleich Aufbewahrtes, das nur seine Unmittelbarkeit verloren hat, aber darum nicht vernichtet ist. – Die angegebenen zwei Bestimmungen des Aufhebens können lexikalisch als zwei Bedeutungen dieses Wortes aufgeführt werden. Auffallend müßte es aber dabei sein, daß eine Sprache dazu gekommen ist, ein und dasselbe Wort für zwei entgegengesetzte Bestimmungen zu gebrauchen. Für das spekulative Denken ist es erfreulich, in der Sprache Wörter zu finden, welche eine spekulative Bedeutung an ihnen selbst haben; die deutsche Sprache hat mehrere dergleichen. Der Doppelsinn des lateinischen tollere (der durch den Ciceronianischen Witz »tollendum esse Octavium« berühmt geworden) geht nicht so weit, die affirmative Bestimmung geht nur bis zum Emporheben. Etwas ist nur insofern aufgehoben, als es in die Einheit mit seinem Entgegengesetzten getreten ist; in dieser näheren Bestimmung als ein Reflektiertes kann es passend Moment genannt werden. Gewicht und Entfernung von einem Punkt heißen beim Hebel dessen mechanische Momente, um der Dieselbigkeit ihrer Wirkung willen bei aller sonstigen Verschiedenheit eines Reellen, wie das ein Gewicht ist, und eines Ideellen, der bloßen räumlichen Bestimmung, der Linie; s. Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, 3. Ausgabe, § 261 Anm. – Noch öfter wird die Bemerkung sich aufdrängen, daß die philosophische Kunstsprache für reflektierte Bestimmungen lateinische Ausdrücke gebraucht, entweder weil die Muttersprache keine Ausdrücke dafür hat oder, wenn sie deren hat wie hier, weil ihr Ausdruck mehr[114] an das Unmittelbare, die fremde Sprache aber mehr an das Reflektierte erinnert.
Der nähere Sinn und Ausdruck, den Sein und Nichts, indem sie nunmehr Momente sind, erhalten, hat sich bei der Betrachtung des Daseins als der Einheit, in der sie aufbewahrt sind, zu ergeben. Sein ist Sein und Nichts ist Nichts nur in ihrer Unterschiedenheit voneinander; in ihrer Wahrheit aber, in ihrer Einheit sind sie als diese Bestimmungen verschwunden und sind nun etwas anderes. Sein und Nichts sind dasselbe; darum weil sie dasselbe sind, sind sie nicht mehr Sein und Nichts und haben eine verschiedene Bestimmung; im Werden waren sie Entstehen und Vergehen; im Dasein als einer anders bestimmten Einheit sind sie wieder anders bestimmte Momente. Diese Einheit bleibt nun ihre Grundlage, aus der sie nicht mehr zur abstrakten Bedeutung von Sein und Nichts heraustreten.
QUELLE 27.4: Dasein, Qualität und Etwas
"A. Dasein als solches
An dem Dasein
a) als solchem ist zunächst seine Bestimmtheit
b) als Qualität zu unterscheiden. Diese aber ist sowohl in der einen als in der anderen Bestimmung des Daseins zu nehmen, als Realität und als Negation. Aber in diesen Bestimmtheiten ist Dasein ebensosehr in sich reflektiert; und als solches gesetzt ist es
c) Etwas, Daseiendes."
QUELLE 27.5: Über die Endlichkeit
B. Die Endlichkeit
a. Etwas und ein Anderes
b. Bestimmung, Beschaffenheit und Grenze
c. Die Endlichkeit
QUELLE 27.6: Etwas, Anderes und Endlichkeit
"B. Die Endlichkeit
a) Etwas und Anderes; sie sind zunächst gleichgültig gegeneinander; ein Anderes ist auch ein unmittelbar Daseiendes, ein Etwas; die Negation fällt so außer beiden. Etwas ist an sich gegen sein Sein-für-Anderes. Aber die Bestimmtheit gehört auch seinem Ansich an und ist
b) dessen Bestimmung, welche ebensosehr in Beschaffenheit übergeht, die, mit jener identisch, das immanente und zugleich negierte Sein-für-Anderes, die Grenze des Etwas ausmacht, welche
c) die immanente Bestimmung des Etwas selbst und dieses somit das Endliche ist.
In der ersten Abteilung, worin das Dasein überhaupt betrachtet wurde, hatte dieses, als zunächst aufgenommen, die Bestimmung des Seienden. Die Momente seiner Entwicklung, Qualität und Etwas, sind darum ebenso affirmativer Bestimmung. In dieser Abteilung hingegen entwickelt sich die negative Bestimmung, die im Dasein liegt, welche dort nur erst Negation überhaupt, erste Negation war, nun aber zu dem Punkte des Insichseins des Etwas, zur Negation der Negation bestimmt ist."
QUELLE 27.7: Über die Unendlichkeit
C. Die Unendlichkeit
a. Das Unendliche überhaupt
b. Wechselbestimmung des Endlichen und Unendlichen
c. Die affirmative Unendlichkeit
C. Die Unendlichkeit
Das Unendliche in seinem einfachen Begriff kann zunächst als eine neue Definition des Absoluten angesehen werden; es ist als die bestimmungslose Beziehung-auf-sich gesetzt als Sein und Werden. Die Formen des Daseins fallen aus in der Reihe der Bestimmungen, die für Definitionen des Absoluten angesehen werden können, da die Formen jener Sphäre für sich unmittelbar nur als Bestimmtheiten, als endliche überhaupt, gesetzt sind. Das Unendliche aber gilt schlechthin für absolut, da es ausdrücklich als Negation des Endlichen bestimmt ist, hiermit auf die Beschränktheit, derer das Sein und Werden, wenn sie auch an ihnen keine Beschränktheit haben oder zeigen, doch etwa fähig sein könnten, im Unendlichen ausdrücklich Beziehung genommen und eine solche an ihm negiert ist.
Damit aber selbst ist das Unendliche nicht schon in der Tat der Beschränktheit und Endlichkeit entnommen; die Hauptsache ist, den wahrhaften Begriff der Unendlichkeit von der schlechten Unendlichkeit, das Unendliche der Vernunft von dem Unendlichen des Verstandes zu unterscheiden; doch letzteres ist das verendlichte Unendliche, und es wird sich ergeben, daß, eben indem das Unendliche vom Endlichen rein und entfernt gehalten werden soll, es nur verendlicht wird. Das Unendliche ist
a) in einfacher Bestimmung das Affirmative als Negation des Endlichen;
b) es ist aber damit in Wechselbestimmung mit dem Endlichen und ist das abstrakte, einseitige Unendliche;
c) das Sichaufheben dieses Unendlichen wie des Endlichen als ein Prozeß – ist das wahrhafte Unendliche.
"a. Das Unendliche überhaupt
Das Unendliche ist die Negation der Negation, das Affirmative, das Sein, das sich aus der Beschränktheit wieder hergestellt hat. Das Unendliche ist, und in intensiverem Sinn als das erste unmittelbare Sein; es ist das wahrhafte Sein, die Erhebung aus der Schranke. Bei dem Namen des Unendlichen geht dem Gemüt und dem Geiste sein Licht auf, denn er ist darin nicht nur abstrakt bei sich, sondern erhebt sich zu sich selbst, zum Lichte seines Denkens, seiner Allgemeinheit, seiner Freiheit.
Zuerst hat sich für den Begriff des Unendlichen ergeben, daß das Dasein in seinem Ansichsein sich als Endliches bestimmt und über die Schranke hinausgeht. Es ist die Natur des Endlichen selbst, über sich hinauszugehen, seine Negation zu negieren und unendlich zu werden. Das Unendliche steht somit nicht als ein für sich Fertiges über dem Endlichen, so daß das Endliche außer oder unter jenem sein Bleiben hätte und behielte. Noch gehen wir nur als eine subjektive Vernunft über das Endliche ins Unendliche hinaus. Wie wenn man sagt, daß das Unendliche der Vernunftbegriff sei und wir uns durch die Vernunft über das Zeitliche erheben, so läßt man dies ganz unbeschadet des Endlichen geschehen, welches jene ihm äußerlich bleibende Erhebung nichts angeht. Insofern aber das Endliche selbst in die Unendlichkeit erhoben wird, ist es ebensowenig eine fremde Gewalt, welche ihm dies antut, sondern es ist dies seine Natur, sich auf sich als Schranke, sowohl als Schranke als solche wie als Sollen, zu beziehen und über dieselbe hinauszugehen oder vielmehr als Beziehung-auf-sich sie negiert zu haben und über sie hinaus zu sein. Nicht im Aufheben der Endlichkeit überhaupt wird die Unendlichkeit überhaupt, sondern das Endliche ist nur dies, selbst durch seine Natur dazu zu werden. Die Unendlichkeit ist seine affirmative Bestimmung, das, was es wahrhaft an sich ist.
So ist das Endliche im Unendlichen verschwunden, und was ist, ist nur das Unendliche."
c. Die affirmative Unendlichkeit
In dem aufgezeigten herüber- und hinübergehenden Wechselbestimmen des Endlichen und Unendlichen ist die Wahrheit derselben an sich schon vorhanden, und es bedarf nur des Aufnehmens dessen, was vorhanden ist. Dies Herüber- und Hinübergehen macht die äußere Realisation des Begriffes aus; es ist in ihr das, aber äußerlich, außereinanderfallend gesetzt, was der Begriff enthält; es bedarf nur der[156] Vergleichung dieser verschiedenen Momente, in welcher die Einheit sich ergibt, die den Begriff selbst gibt; – die Einheit des Unendlichen und Endlichen ist, wie schon oft bemerkt, hier aber vornehmlich in Erinnerung zu bringen ist, der schiefe Ausdruck für die Einheit, wie sie selbst wahrhaft ist; aber auch das Entfernen dieser schiefen Bestimmung muß in jener vor uns liegenden Äußerung des Begriffes vorhanden sein.
Nach ihrer nächsten, nur unmittelbaren Bestimmung genommen, so ist das Unendliche nur als das Hinausgehen über das Endliche; es ist seiner Bestimmung nach die Negation des Endlichen; so ist das Endliche nur als das, worüber hinausgegangen werden muß, die Negation seiner an ihm selbst, welche die Unendlichkeit ist. In jedem liegt hiermit die Bestimmtheit des Anderen, die nach der Meinung des unendlichen Progresses voneinander ausgeschlossen sein sollen und nur abwechselnd aufeinander folgen; es kann keines gesetzt und gefaßt werden ohne das andere, das Unendliche nicht ohne das Endliche, dieses nicht ohne das Unendliche. Wenn gesagt wird, was das Unendliche ist, nämlich die Negation des Endlichen, so wird das Endliche selbst mit ausgesprochen; es kann zur Bestimmung des Unendlichen nicht entbehrt werden. Man bedarf nur zu wissen, was man sagt, um die Bestimmung des Endlichen im Unendlichen zu finden. Vom Endlichen seinerseits wird sogleich zugegeben, daß es das Nichtige ist, aber eben seine Nichtigkeit ist die Unendlichkeit, von der es ebenso untrennbar ist. – In diesem Auffassen können sie nach ihrer Beziehung auf ihr Anderes genommen zu sein scheinen. Werden sie hiermit beziehungslos genommen, so daß sie nur durch das »Und« verbunden seien, so stehen sie als selbständig, jedes nur an ihm selbstseiend, einander gegenüber. Es ist zu sehen, wie sie in solcher Weise beschaffen sind. Das Unendliche, so gestellt, ist eines der beiden; aber als nur eines der beiden ist es selbst endlich, es ist nicht das Ganze, sondern nur die eine Seite; es hat an dem Gegenüberstehenden seine Grenze; es ist so das endliche Unendliche. Es sind nur zwei Endliche vorhanden. Eben darin, daß es so vom Endlichen abgesondert, damit als Einseitiges gestellt wird, liegt seine Endlichkeit, also seine Einheit mit dem Endlichen. – Das Endliche seinerseits, als für sich vom Unendlichen entfernt gestellt, ist diese Beziehung auf sich, in der seine Relativität, Abhängigkeit, seine Vergänglichkeit entfernt ist; es ist dieselbe Selbständigkeit und Affirmation seiner, welche das Unendliche sein soll.
Beide Betrachtungsweisen, die zunächst eine verschiedene Bestimmtheit zu ihrem Ausgangspunkte zu haben scheinen, insofern die erstere nur als Beziehung des Unendlichen und Endlichen aufeinander, eines jeden auf sein Anderes, und die zweite sie in ihrer völligen Absonderung voneinander halten soll, geben ein und dasselbe Resultat; das Unendliche und Endliche nach der Beziehung beider aufeinander, die ihnen äußerlich wäre, aber die ihnen wesentlich, ohne die keines ist, was es ist, enthält so sein Anderes in seiner eigenen Bestimmung, ebensosehr als jedes für sich genommen, an ihm selbst betrachtet, sein Anderes in ihm als sein eigenes Moment liegen hat.
Dies gibt denn die – verrufene – Einheit des Endlichen und Unendlichen, die Einheit, die selbst das Unendliche ist, welches sich selbst und die Endlichkeit in sich begreift, – also das Unendliche in einem ändern Sinne als in dem, wonach das Endliche von ihm abgetrennt und auf die andere Seite gestellt ist. Indem sie nun auch unterschieden werden müssen, ist jedes, wie vorhin gezeigt, selbst an ihm die Einheit beider; so ergeben sich zwei solche Einheiten. Das Gemeinschaftliche, die Einheit beider Bestimmtheiten, setzt als Einheit sie zunächst als negierte, da jedes das sein soll, was es ist in ihrer Unterschiedenheit; in ihrer Einheit verlieren sie also ihre qualitative Natur; – eine wichtige Reflexion gegen die Vorstellung, die sich nicht davon losmachen will, in der Einheit des Unendlichen und Endlichen sie nach[158] der Qualität, welche sie als außereinander genommen haben sollen, festzuhalten, und daher in jener Einheit nichts als den Widerspruch, nicht auch die Auflösung desselben durch die Negation der qualitativen Bestimmtheit beider sieht; so wird die zunächst einfache, allgemeine Einheit des Unendlichen und Endlichen verfälscht.
Ferner aber, indem sie nun auch als unterschieden zu nehmen sind, so ist die Einheit des Unendlichen, die jedes dieser Momente selbst ist, in jedem derselben auf verschiedene Weise bestimmt. Das seiner Bestimmung nach Unendliche hat die von ihm unterschiedene Endlichkeit an ihm, jenes ist das Ansich in dieser Einheit, und diese ist nur Bestimmtheit, Grenze an ihm; allein es ist eine Grenze, welche das schlechthin Andere desselben, sein Gegenteil ist; seine Bestimmung, welche das Ansichsein als solches ist, wird durch den Beischlag einer Qualität solcher Art verdorben; es ist so ein verendlichtes Unendliches. Auf gleiche Weise, indem das Endliche als solches nur das Nicht-Ansichsein ist, aber nach jener Einheit gleichfalls sein Gegenteil an ihm hat, wird es über seinen Wert, und zwar sozusagen unendlich erhoben; es wird als das verunendlichte Endliche gesetzt.
Auf gleiche Weise wie vorhin die einfache, so wird vom Verstande auch die gedoppelte Einheit des Unendlichen und Endlichen verfälscht. Dies geschieht hier ebenso dadurch, daß in der einen der beiden Einheiten das Unendliche als nicht negiertes, vielmehr als das Ansichsein angenommen wird, an welches also nicht die Bestimmtheit und Schranke gesetzt werden soll; es werde dadurch das Ansichsein herabgesetzt und verdorben. Umgekehrt wird das Endliche gleichfalls als das nicht Negierte, obgleich an sich Nichtige, festgehalten, so daß es in seiner Verbindung mit dem Unendlichen zu dem, was es nicht sei, erhoben und dadurch gegen seine nicht verschwundene, vielmehr perennierende Bestimmung verunendlicht werde.
Die Verfälschung, die der Verstand mit dem Endlichen und Unendlichen vornimmt, ihre Beziehung aufeinander als qualitative Verschiedenheit festzuhalten, sie in ihrer Bestimmung als getrennt, und zwar absolut getrennt zu behaupten, gründet sich auf das Vergessen dessen, was für ihn selbst der Begriff dieser Momente ist. Nach diesem ist die Einheit des Endlichen und Unendlichen nicht ein äußerliches Zusammenbringen derselben noch eine ungehörige, ihrer Bestimmung zuwiderlaufende Verbindung, in welcher an sich getrennte und entgegengesetzte, gegeneinander Selbständige, Seiende, somit Unverträgliche verknüpft würden, sondern jedes ist an ihm selbst diese Einheit, und dies nur als Aufheben seiner selbst, worin keines vor dem anderen einen Vorzug des Ansichseins und affirmativen Daseins hätte. Wie früher gezeigt, ist die Endlichkeit nur als Hinausgehen über sich; es ist also in ihr die Unendlichkeit, das Andere ihrer selbst, enthalten. Ebenso ist die Unendlichkeit nur als Hinausgehen über das Endliche; sie enthält also wesentlich ihr Anderes und ist somit an ihr das Andere ihrer selbst. Das Endliche wird nicht vom Unendlichen als einer außer ihm vorhandenen Macht aufgehoben, sondern es ist seine Unendlichkeit, sich selbst aufzuheben.
Dies Aufheben ist somit nicht die Veränderung oder das Anderssein überhaupt, nicht das Aufheben von Etwas. Das, worin sich das Endliche aufhebt, ist das Unendliche als das Negieren der Endlichkeit; aber diese ist längst selbst nur das Dasein als ein Nichtsein bestimmt. Es ist also nur die Negation, die sich in der Negation aufhebt. So ist ihrerseits die Unendlichkeit als das Negative der Endlichkeit und damit der Bestimmtheit überhaupt, als das leere Jenseits bestimmt; sein Sichaufheben im Endlichen ist ein Zurückkehren aus der leeren Flucht, Negation des Jenseits, das ein Negatives an ihm selbst ist.
Was also vorhanden ist, ist in beiden dieselbe Negation der Negation. Aber diese ist an sich Beziehung auf sich selbst, die Affirmation, aber als Rückkehr zu sich selbst, d. i. durch die Vermittlung, welche die Negation der Negation ist. Diese Bestimmungen sind es, die wesentlich ins Auge zu fassen sind; das Zweite aber ist, daß sie im unendlichen Progresse auch gesetzt sind und wie sie in ihm gesetzt sind, – nämlich noch nicht in ihrer letzten Wahrheit.
Es werden darin erstens beide, sowohl das Unendliche als das Endliche, negiert, – es wird über beide auf gleiche Weise hinausgegangen; zweites werden sie auch als unterschiedene, jedes nach dem anderen, als für sich positive gesetzt. Wir fassen so diese zwei Bestimmungen vergleichend heraus, wie wir in der Vergleichung, einem äußeren Vergleichen, die zwei Betrachtungsweisen – des Endlichen und Unendlichen in ihrer Beziehung und ihrer jedes für sich genommen – getrennt haben. Aber der unendliche Progreß spricht mehr aus, es ist in ihm auch der Zusammenhang der auch Unterschiedenen gesetzt, jedoch zunächst nur noch als Übergang und Abwechslung; es ist nur in einer einfachen Reflexion von uns zu sehen, was in der Tat darin vorhanden ist.
Zunächst kann die Negation des Endlichen und Unendlichen, die im unendlichen Progresse gesetzt ist, als einfach, somit als auseinander, nur aufeinander folgend genommen werden. Vom Endlichen angefangen, so wird über die Grenze hinausgegangen, das Endliche negiert. Nun ist also das Jenseits desselben, das Unendliche, vorhanden, aber in diesem entsteht wieder die Grenze; so ist das Hinausgehen über das Unendliche vorhanden. Dies zweifache Aufheben ist jedoch teils überhaupt nur als ein äußerliches Geschehen und Abwechseln der Momente, teils noch nicht als eine Einheit gesetzt; jedes dieser Hinaus ist ein eigener Ansatz, ein neuer Akt, so daß sie so auseinanderfallen. – Es ist aber auch ferner im unendlichen Progresse deren Beziehung vorhanden. Es ist erstlich das Endliche; dann wird darüber hinausgegangen, dies Negative oder Jenseits des Endlichen ist das Unendliche; drittens wird über diese Negation wieder hinausgegangen, es entsteht eine neue Grenze, wieder ein Endliches. – Dies ist die vollständige, sich selbst schließende Bewegung, die bei[161] dem angekommen, das den Anfang machte; es entsteht dasselbe, von dem ausgegangen worden war, d. i. das Endliche ist wiederhergestellt; dasselbe ist also mit sich selbst zusammengegangen, hat nur sich in seinem Jenseits wiedergefunden.
Derselbe Fall ist in Ansehung des Unendlichen vorhanden. Im Unendlichen, dem Jenseits der Grenze, entsteht nur eine neue, welche dasselbe Schicksal hat, als Endliches negiert werden zu müssen. Was so wieder vorhanden ist, ist dasselbe Unendliche, das vorhin in der neuen Grenze verschwand; das Unendliche ist daher durch sein Aufheben, durch die neue Grenze hindurch, nicht weiter hinausgeschoben, weder von dem Endlichen entfernt worden – denn dieses ist nur dies, in das Unendliche überzugehen – noch von sich selbst, denn es ist bei sich angekommen.
So ist beides, das Endliche und das Unendliche, diese Bewegung, zu sich durch seine Negation zurückzukehren; sie sind nur als Vermittlung in sich, und das Affirmative beider enthält die Negation beider und ist die Negation der Negation. -Sie sind so Resultat, hiermit nicht das, was sie in der Bestimmung ihres Anfangs sind; – nicht das Endliche ein Dasein seinerseits und das Unendliche ein Dasein oder Ansichsein jenseits des Daseins, d. i. des als endlich bestimmten. Gegen die Einheit des Endlichen und Unendlichen sträubt sich der Verstand nur darum so sehr, weil er die Schranke und das Endliche wie das Ansichsein als perennierend voraussetzt; damit übersieht er die Negation beider, die im unendlichen Progresse faktisch vorhanden ist, wie ebenso, daß sie darin nur als Momente eines Ganzen vorkommen und daß sie nur vermittels ihres Gegenteils, aber wesentlich ebenso vermittels des Aufhebens ihres Gegenteils hervortreten.
Wenn zunächst die Rückkehr in sich ebensowohl als Rückkehr des Endlichen zu sich wie als die des Unendlichen zu sich betrachtet wurde, so zeigt sich in diesem Resultate selbst eine Unrichtigkeit, die mit der soeben gerügten Schiefheit zusammenhängt; das Endliche ist das eine Mal, das Unendliche das andere Mal als Ausgangspunkt genommen, und nur dadurch entstehen zwei Resultate. Es ist aber völlig gleichgültig, welches als Anfang genommen werde; damit fällt der Unterschied für sich hinweg, der die Zweiheit der Resultate hervorbrachte. Dies ist in der nach beiden Seiten unbegrenzten Linie des unendlichen Progresses gleichfalls gesetzt, worin jedes der Momente mit gleichem abwechselnden Vorkommen vorhanden und es ganz äußerlich ist, in welche Stelle gegriffen und [welches] als Anfang genommen werde. – Sie sind in demselben unterschieden, aber auf gleiche Weise das eine nur das Moment des anderen. Indem Sie beide, das Endliche und das Unendliche, selbst Momente des Progresses sind, sind sie gemeinschaftlich das Endliche, und indem sie ebenso gemeinschaftlich in ihm und im Resultate negiert sind, so heißt dieses Resultat als Negation jener Endlichkeit beider mit Wahrheit das Unendliche. Ihr Unterschied ist so der Doppelsinn, den beide haben. Das Endliche hat den Doppelsinn, erstens nur das Endliche gegen das Unendliche zu sein, das ihm gegenübersteht, und zweitens das Endliche und das ihm gegenüberstehende Unendliche zugleich zu sein. Auch das Unendliche hat den Doppelsinn, eines jener beiden Momente zu sein – so ist es das Schlecht-Unendliche – und das Unendliche zu sein, in welchem jene beiden, es selbst und sein Anderes, nur Momente sind. Wie also das Unendliche in der Tat vorhanden ist, ist [einerseits,] der Prozeß zu sein, in welchem es sich herabsetzt, nur eine seiner Bestimmungen, dem Endlichen gegenüber und damit selbst nur eines der Endlichen zu sein, und [andererseits,] diesen Unterschied seiner von sich selbst zur Affirmation seiner aufzuheben und durch diese Vermittlung als wahrhaft Unendliches zu sein.
Diese Bestimmung des wahrhaft Unendlichen kann nicht in die schon gerügte Formel einer Einheit des Endlichen und Unendlichen gefaßt werden; die Einheit ist abstrakte bewegungslose Sichselbstgleichheit, und die Momente sind ebenso als unbewegte Seiende. Das Unendliche aber ist, wie seine beiden Momente, vielmehr wesentlich nur als Werden, aber das nun in seinen Momenten weiter bestimmte Werden. Dieses hat zunächst das abstrakte Sein und Nichts zu seinen Bestimmungen; als Veränderung Daseiende, Etwas und Anderes; nun als Unendliches, Endliches und Unendliches, selbst als Werdende.
Dieses Unendliche als In-sich-Zurückgekehrtsein, Beziehung seiner auf sich selbst, ist Sein, aber nicht bestimmungsloses, abstraktes Sein, denn es ist gesetzt als negierend die Negation; es ist somit auch Dasein, denn es enthält die Negation überhaupt, somit die Bestimmtheit. Es ist und ist da, präsent, gegenwärtig. Nur das Schlecht-Unendliche ist das Jenseits, weil es nur die Negation des als real gesetzten Endlichen ist, – so ist es die abstrakte, erste Negation; nur als negativ bestimmt, hat es nicht die Affirmation des Daseins in ihm; festgehalten als nur Negatives, soll es sogar nicht da, soll unerreichbar sein. Diese Unerreichbarkeit ist aber nicht seine Hoheit, sondern sein Mangel, welcher seinen letzten Grund darin hat, daß das Endliche als solches als seiend festgehalten wird. Das Unwahre ist das Unerreichbare; und es ist einzusehen, daß solches Unendliche das Unwahre ist. – Das Bild des Progresses ins Unendliche ist die gerade Linie, an deren beiden Grenzen nur das Unendliche [ist] und immer nur ist, wo sie – und sie ist Dasein – nicht ist, und die zu diesem ihrem Nichtdasein, d. i. ins Unbestimmte hinausseht, als wahrhafte Unendlichkeit, in sich zurückgebogen, wird deren Bild der Kreis, die sich erreicht habende Linie, die geschlossen und ganz gegenwärtig ist, ohne Anfangspunkt und Ende.
Die wahrhafte Unendlichkeit so überhaupt als Dasein, das als affirmativ gegen die abstrakte Negation gesetzt ist, ist die Realität in höherem Sinn als die früher einfach bestimmte; sie hat hier einen konkreten Inhalt erhalten. Das Endliche ist nicht das Reale, sondern das Unendliche. So wird die Realität weiter als das Wesen, der Begriff, die Idee usf. bestimmt. Es ist jedoch überflüssig, solche frühere, abstraktere Kategorie wie die Realität bei dem Konkreteren zu wiederholen und sie für konkretere Bestimmungen, als jene an ihnen selbst sind, zu gebrauchen. Solches Wiederholen, wie zu sagen, daß das Wesen oder daß die Idee das Reale sei, hat seine Veranlassung darin, daß dem ungebildeten Denken die abstraktesten Kategorien, wie Sein, Dasein, Realität, Endlichkeit, die geläufigsten sind.
Hier hat die Zurückrufung der Kategorie der Realität ihre bestimmtere Veranlassung, indem die Negation, gegen welche sie das Affirmative ist, hier die Negation der Negation [ist]; damit ist sie selbst jener Realität, die das endliche Dasein ist, gegenübergesetzt. – Die Negation ist so als Idealität bestimmt; das Ideelle8 ist das Endliche, wie es im wahrhaften Unendlichen ist, – als eine Bestimmung, Inhalt, der unterschieden, aber nicht selbständig seiend, sondern als Moment ist. Die Idealität hat diese konkretere Bedeutung, welche durch Negation des endlichen Daseins nicht vollständig ausgedrückt ist. – In Beziehung auf Realität und Idealität wird aber der Gegensatz des Endlichen und Unendlichen so gefaßt, daß das Endliche für das Reale gilt, das Unendliche aber für das Ideelle gilt, wie auch weiterhin der Begriff als ein Ideelles, und zwar als ein nur Ideelles, das Dasein überhaupt dagegen als das Reale betrachtet wird. Auf solche Weise hilft es freilich nichts, für die angegebene konkrete Bestimmung der Negation den eigenen Ausdruck des Ideellen zu haben; es wird in jenem Gegensatze wieder zu der Einseitigkeit des abstrakten Negativen, die dem Schlecht-Unendlichen zukommt, zurückgegangen und bei dem affirmativen Dasein des Endlichen beharrt."
QUELLE 27.8: Das Fürsichsein
Drittes Kapitel: Das Fürsichsein
A. Das Fürsichsein als solches
B. Eins und Vieles
C. Repulsion und Attraktion
(Alle Texte im Internet hier)
QUELLE 27.9: Die Quantität
"Der Unterschied der Quantität von der Qualität ist angegeben worden. Die Qualität ist die erste, unmittelbare Bestimmtheit, die Quantität die Bestimmtheit, die dem Sein gleichgültig geworden, eine Grenze, die ebensosehr keine ist; das Fürsichsein, das schlechthin identisch mit dem Sein-für-Anderes, – die Repulsion der vielen Eins, die unmittelbar Nicht-Repulsion, Kontinuität derselben ist.
Weil das Fürsichseiende nun so gesetzt ist, sein Anderes nicht auszuschließen, sondern sich in dasselbe vielmehr affirmativ fortzusetzen, so ist [es] das Anderssein, insofern das Dasein an dieser Kontinuität wieder hervortritt, und die Bestimmtheit desselben [ist] zugleich nicht mehr als in einfacher Beziehung auf sich, nicht mehr unmittelbare Bestimmtheit des daseienden Etwas, sondern ist gesetzt, sich als repellierend von sich, die Beziehung auf sich als Bestimmtheit vielmehr in einem anderen Dasein (einem fürsichseienden) zu haben; und indem sie zugleich als gleichgültige, in sich reflektierte, beziehungslose Grenzen sind, so ist die Bestimmtheit überhaupt außer sich, ein sich schlechthin Äußerliches und [ein] Etwas [als] ebenso Äußerliches; solche Grenze, die Gleichgültigkeit derselben an ihr selbst und des Etwas gegen sie, macht die quantitative Bestimmtheit desselben aus."
QUELLE 27.10: Das Maß
"Im Maße sind, abstrakt ausgedrückt, Qualität und Quantität vereinigt. Das Sein als solches ist unmittelbare Gleichheit der Bestimmtheit mit sich selbst. Diese Unmittelbarkeit der Bestimmtheit hat sich aufgehoben. Die Quantität ist das so in sich zurückgekehrte Sein, daß es einfache Gleichheit mit sich als Gleichgültigkeit gegen die Bestimmtheit ist. Aber diese Gleichgültigkeit ist nur die Äußerlichkeit, nicht an sich selbst, sondern in anderem die Bestimmtheit zu haben. Das Dritte ist nun die sich auf sich selbst beziehende Äußerlichkeit; als Beziehung auf sich ist es zugleich aufgehobene Äußerlichkeit und hat an ihr selbst den Unterschied von sich, der als Äußerlichkeit das quantitative, als in sich zurückgenommene das qualitative Moment ist."
(Ab hier 11. Sitzung am 23.6.26: Lehre vom Wesen: Wesen, Grund, Erscheinung, Wirklichkeit)
20. Lehre vom Wesen
QUELLEN 28.0: Begriff vom ’Wesen’
"Die Wahrheit des Seins ist das Wesen.
Das Sein ist das Unmittelbare. Indem das Wissen das Wahre erkennen will, was das Sein an und für sich ist, so bleibt es nicht bei Unmittelbaren und dessen Bestimmungen stehen, sondern dringt durch dasselbe hindurch, mit der Voraussetzung, daß hinter diesem Sein noch etwas anderes ist als das Sein selbst, daß dieser Hintergrund die Wahrheit des Seins ausmacht.
Diese Erkenntnis ist ein vermitteltes Wissen, denn sie befindet sich nicht unmittelbar beim und im Wesen, sondern beginnt von einem Anderen, dem Sein, und hat einen vorläufigen Weg, den Weg des Hinausgehens über das Sein oder vielmehr des Hineingehens in dasselbe zu machen. Erst indem das Wissen sich aus dem unmittelbaren Sein erinnert, durch diese Vermittlung findet es das Wesen. – Die Sprache hat im Zeitwort sein das Wesen in der vergangenen Zeit, »gewesen«, behalten; denn das Wesen ist das vergangene, aber zeitlos vergangene Sein.
Diese Bewegung als Weg des Wissens vorgestellt, so erscheint dieser Anfang vom Sein und der Fortgang, der es aufhebt und beim Wesen als einem Vermittelten anlangt, eine Tätigkeit des Erkennens zu sein, die dem Sein äußerlich sei und dessen eigene Natur nichts angehe.
Aber dieser Gang ist die Bewegung des Seins selbst. Es zeigte sich an diesem, daß es durch seine Natur sich erinnert, und durch dies Insichgehen zum Wesen wird.
Wenn also das Absolute zuerst als Sein bestimmt war, so ist es jetzt als Wesen bestimmt. Das Erkennen kann überhaupt nicht bei dem mannigfaltigen Dasein, aber auch nicht bei dem Sein, dem reinen Sein stehenbleiben; es drängt sich unmittelbar die Reflexion auf, daß dieses reine Sein, die Negation alles Endlichen, eine Erinnerung und Bewegung voraussetzt, welche das unmittelbare Dasein zum reinen Sein gereinigt hat.
Das Sein wird hiernach als Wesen bestimmt, als ein solches Sein, an dem alles Bestimmte und Endliche negiert ist. So ist es die bestimmungslose einfache Einheit, von der das Bestimmte auf eine äußerliche Weise hinweggenommen worden; (...)
Das Wesen als die vollkommene Rückkehr des Seins in sich ist so zunächst das unbestimmte Wesen; die Bestimmtheiten des Seins sind in ihm aufgehoben; es enthält sie an sich; aber nicht, wie sie an ihm gesetzt sind. Das absolute Wesen in dieser Einfachheit mit sich hat kein Dasein. Aber es muß zum Dasein übergehen; (...) – Indem das Wesen zuerst einfache Negativität ist, so hat es nun die Bestimmtheit, welche es nur an sich enthält, in seiner Sphäre zu setzen, um sich Dasein und dann sein Fürsichsein zu geben. (...)"
QUELLE 28.01: Einteilung des ’Wesens’
"Das Wesen scheint zuerst in sich selbst oder ist Reflexion; zweitens erscheint es; drittens offenbart es sich. Es setzt sich in seiner Bewegung in folgende Bestimmungen:
I. als einfaches, ansichseiendes Wesen in seinen Bestimmungen innerhalb seiner; (Grund)
II. als heraustretend in das Dasein oder nach seiner Existenz und Erscheinung; (Existenz)
III. als Wesen, das mit seiner Erscheinung eins ist, als Wirklichkeit." (Wirklichkeit)
(Anmerkung von mir: Verschiedene Arten der ’Konstruktion’ in der Wissenschaft der Logik bzw. im Logos: Im Sein haben wir mit dem Übergehen der Kategorien nacheinander; im Wesen mit der Refllexion, die sowohl subjektiv als auch objektiv ist; schliessslich im Begriff haben wir mir der Manifestation zu tun)
QUELLE 28.1: Erster Abschnitt: Das Wesen als Reflexion in ihm selbst
"Das Wesen als Reflexion in ihm selbst
Das Wesen kommt aus dem Sein her; es ist insofern nicht unmittelbar an und für sich, sondern ein Resultat jener Bewegung. Oder das Wesen zunächst als ein unmittelbares genommen, so ist es ein bestimmtes Dasein, dem ein anderes gegenübersteht; es ist nur wesentliches Dasein gegen unwesentliches. Das Wesen ist aber das an und für sich aufgehobene Sein; es ist nur Schein, was ihm gegenübersteht. Allein der Schein ist das eigene Setzen des Wesens.
Das Wesen ist erstens Reflexion. Die Reflexion bestimmt sich; ihre Bestimmungen sind ein Gesetztsein, das zugleich Reflexion-in-sich ist; es sind
zweitens diese Reflexionsbestimmungen oder die Wesenheiten zu betrachten.
Drittens macht sich das Wesen, als die Reflexion des Bestimmens in sich selbst, zum Grunde und geht in die Existenz und Erscheinung über.
Erstes Kapitel: Der Schein
Zweites Kapitel: Die Wesenheiten oder die Reflexionsbestimmungen (Identität, Unterschied, Widerspruch)
Drittes Kapitel: Der Grund
QUELLE 28.1.1: Der Schein
Erstes Kapitel: Der Schein
A. Das Wesentliche und das Unwesentliche
B. Der Schein
C. Die Reflexion
Schein: Der Schein ist das Unwesentliche gegenüber dem Wesen. Ist das, was vorher Sein war. Man fragt sich dabei: Was ist das Wesentliche von diesem Objekt (es kann auch eine Handlung sein, es ist alles, was wir als Etwas bzw. Dasein betrachten). Der Grund ist das Fundament, eben der Grund weshalb der Schein so ist.
Bestimmende Reflexion:
"Sie ist nicht als eine seiende, ruhende Bestimmtheit, welche bezogen würde auf ein Anderes, so daß das Bezogene und dessen Beziehung verschieden voneinander sind, jenes ein Insichseiendes, ein Etwas, welches sein Anderes und seine Beziehung auf dies Andere von sich ausschließt. Sondern die Reflexionsbestimmung ist an ihr selbst die bestimmte Seite und die Beziehung dieser bestimmten Seite als bestimmter, d.h. auf ihre Negation. – Die Qualität geht durch ihre Beziehung in Anderes über; in ihrer Beziehung beginnt ihre Veränderung. Die Reflexionsbestimmung hingegen hat ihr Anderssein in sich zurückgenommen. Sie ist Gesetztsein, Negation, welche aber die Beziehung auf Anderes in sich zurückbeugt, und Negation, die sich selbst gleich, die Einheit ihrer selbst und ihres Anderen und nur dadurch Wesenheit ist. Sie ist also Gesetztsein, Negation, aber als Reflexion-in-sich ist sie zugleich das Aufgehobensein dieses Gesetztseins, unendliche Beziehung auf sich."
Reflexion als etwas Objektives, nicht nur subjektives. Die Welt reflektiert, die Natur reflektiert, alles reflektiert.
QUELLE 28.1.2: Die Wesenheiten oder die Reflexionsbestimmungen
A. Die Identität
B. Der Unterschied
C. Der Widerspruch
"Der Unterschied hat die beiden Momente, Identität und Unterschied; beide sind so ein Gesetztsein, Bestimmtheit. Aber in diesem Gesetztsein ist jedes Beziehung auf sich selbst. Das eine, die Identität, ist unmittelbar selbst das Moment der Reflexion-in-sich; ebenso ist aber das andere der Unterschied, Unterschied an sich, der reflektierte Unterschied. Der Unterschied, indem er zwei solche Momente hat, die selbst die Reflexionen-in-sich sind, ist Verschiedenheit."
"Indem die selbständige Reflexionsbestimmung in derselben Rücksicht, als sie die andere enthält und dadurch selbständig ist, die andere ausschließt, so schließt sie in ihrer Selbständigkeit ihre eigene Selbständigkeit aus sich aus; denn diese besteht darin, die ihr andere Bestimmung in sich zu enthalten und dadurch allein nicht Beziehung auf ein Äußerliches zu sein, – aber ebensosehr unmittelbar darin, sie selbst zu sein und die ihr negative Bestimmung von sich auszuschließen. Sie ist so der Widerspruch."
"Der aufgelöste Widerspruch ist also der Grund, das Wesen als Einheit des Positiven und Negativen. Im Gegensatze ist die Bestimmung zur Selbständigkeit gediehen; der Grund aber ist diese vollendete Selbständigkeit; das Negative ist in ihm selbständiges Wesen, aber als Negatives; so ist er ebensosehr das Positive als das in dieser Negativität mit sich Identische. Der Gegensatz und sein Widerspruch ist daher im Grunde sosehr aufgehoben als erhalten. Der Grund ist das Wesen als die positive Identität mit sich; aber die sich zugleich als die Negativität auf sich bezieht, sich also bestimmt und zum ausgeschlossenen Gesetztsein macht; dies Gesetztsein aber ist das ganze selbständige Wesen, und das Wesen ist Grund, als in dieser seiner Negation identisch mit sich selbst und positiv."
QUELLE 28.1.3: Der Grund
A. Der absolute Grund
B. Der bestimmte Grund
C. Die Bedingung"
Grund: der Grund ist die Negativität, die Kraft die sich das Sein durch die Reflexion im Schein gibt. Die Kraft, sich selbst zu bestimmen, seinen Existenzgrund durchzusetzen.
"Der Grund ist zuerst absoluter Grund, in dem das Wesen zunächst als Grundlage überhaupt für die Grundbeziehung ist; näher bestimmt er sich aber als Form und Materie und gibt sich einen Inhalt."
"Drittes Kapitel
Der Grund
Das Wesen bestimmt sich selbst als Grund.
Wie das Nichts zuerst mit dem Sein in einfacher unmittelbarer Einheit, so ist auch hier zuerst die einfache Identität des Wesens mit seiner absoluten Negativität in unmittelbarer Einheit. Das Wesen ist nur diese seine Negativität, welche die reine Reflexion ist."
"Anmerkung
Der Grund ist wie die anderen Reflexionsbestimmungen in einem Satze ausgedrückt worden: Alles hat seinen zureichenden Grund. – Dies heißt im allgemeinen nichts anderes als: was ist, ist nicht als seiendes Unmittelbares, sondern als Gesetztes zu betrachten; es ist nicht bei dem unmittelbaren Dasein oder bei der Bestimmtheit überhaupt stehenzubleiben, sondern davon zurückzugehen in seinen Grund, in welcher Reflexion es als Aufgehobenes und in seinem Anundfürsichsein ist. In dem Satze des Grundes wird also die[82] Wesentlichkeit der Reflexion-in-sich gegen das bloße Sein ausgesprochen."
QUELLE 28.2: Die Erscheinung
"Das Wesen muß erscheinen.
Das Sein ist die absolute Abstraktion; diese Negativität ist ihm nicht ein Äußerliches, sondern es ist Sein und sonst nichts als Sein nur als diese absolute Negativität. Um derselben willen ist Sein nur als sich aufhebendes Sein und ist Wesen. Das Wesen aber ist als die einfache Gleichheit mit sich umgekehrt ebenfalls Sein. Die Lehre vom Sein enthält den ersten Satz »Das Sein ist Wesen«. Der zweite Satz, »Das Wesen ist Sein«, macht den Inhalt des ersten Abschnittes der Lehre vom Wesen aus. Dieses Sein aber, zu dem das Wesen sich macht, ist das wesentliche Sein, die Existenz; ein Herausgegangensein aus der Negativität und Innerlichkeit.
So erscheint das Wesen. Die Reflexion ist das Scheinen des Wesens in ihm selbst. Die Bestimmungen derselben sind, in die Einheit eingeschlossen, schlechthin nur als gesetzte, aufgehobene; oder sie ist das in seinem Gesetztsein unmittelbar mit sich identische Wesen. Indem dieses aber Grund ist, bestimmt es sich real durch seine sich selbst aufhebende oder in sich zurückkehrende Reflexion; indem weiter diese Bestimmung oder das Anderssein der Grundbeziehung sich in der Reflexion des Grundes aufhebt und Existenz wird, so haben die Formbestimmungen hieran ein Element des selbständigen Bestehens.
Ihr Schein vervollständigt sich zur Erscheinung.
Die zur Unmittelbarkeit fortgegangene Wesenheit ist zunächst Existenz und Existierendes oder Ding, – als ununterschiedene Einheit des Wesens mit seiner Unmittelbarkeit. Das Ding enthält zwar die Reflexion, aber ihre Negativität ist in seiner Unmittelbarkeit zunächst erloschen; allein weil sein Grund wesentlich die Reflexion ist, hebt sich seine Unmittelbarkeit auf; es macht sich zu einem Gesetztsein.
So ist es zweitens Erscheinung. Die Erscheinung ist das, was das Ding an sich ist, oder seine Wahrheit. Diese nur gesetzte, in das Anderssein reflektierte Existenz ist aber ebenso das Hinausgehen über sich in ihrer Unendlichkeit; der Welt der Erscheinung stellt sich die in sich reflektierte, an sich seiende Welt gegenüber."
"Wie der Satz des Grundes ausdrückt: » Alles was ist, hat einen Grund oder ist ein Gesetztes, ein Vermitteltes«, so müßte auch ein Satz der Existenz aufgestellt und so ausgedrückt werden: »Alles, was ist, existiert«. Die Wahrheit des Seins ist, nicht ein erstes Unmittelbares, sondern das in die Unmittelbarkeit hervorgegangene Wesen zu sein."
Quellen 28.3: Wirklichkeit und Substanz
Dritter Abschnitt: Die Wirklichkeit
Erstes Kapitel: Das Absolute
Zweites Kapitel: Die Wirklichkeit
Drittes Kapitel: Das absolute Verhältnis"
(Text im Internet hier)
"Die Wirklichkeit ist die Einheit des Wesens und der Existenz; in ihr hat das gestaltlose Wesen und die haltlose Erscheinung oder das bestimmungslose Bestehen und die bestandlose Mannigfaltigkeit ihre Wahrheit. Die Existenz ist zwar die aus dem Grunde hervorgegangene Unmittelbarkeit, aber sie hat die Form noch nicht an ihr gesetzt; indem sie sich bestimmt und formiert, ist sie die Erscheinung; und indem sich dies nur als Reflexion-in-Anderes bestimmte Bestehen zur Reflexion-in-sich fortbildet, wird es zu zwei Welten, zwei Totalitäten des Inhalts, deren die eine als in sich, die andere als in Anderes reflektierte bestimmt ist. Das wesentliche Verhältnis aber stellt ihre Formbeziehung dar, deren Vollendung das Verhältnis des Inneren und Äußeren ist, daß der Inhalt beider nur eine identische Grundlage und ebensosehr nur eine Identität der Form ist. – Dadurch daß sich auch diese Identität in Ansehung der Form ergeben hat, ist die Formbestimmung ihrer Verschiedenheit aufgehoben, und es ist gesetzt, daß sie eine absolute Totalität sind.
Diese Einheit des Inneren und Äußeren ist die absolute Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit aber ist zunächst das Absolute als solches, – insofern sie als Einheit gesetzt ist, in der sich die Form aufgehoben und zu dem leeren oder äußeren Unterschiede eines Äußeren und Inneren gemacht hat.
Die Reflexion verhält sich gegen dies Absolute als äußerliche, welche es vielmehr nur betrachtet, als daß sie seine eigene Bewegung wäre. Indem sie aber wesentlich dies ist, ist sie als seine negative Rückkehr in sich.
Zweitens: die eigentliche Wirklichkeit. Wirklichkeit, Möglichkeit und Notwendigkeit machen die formellen Momente des Absoluten oder die Reflexion desselben aus.
Drittens: die Einheit des Absoluten und seiner Reflexion ist das absolute Verhältnis oder vielmehr das Absolute als Verhältnis zu sich selbst, – Substanz."
"Die absolute Substanz, als absolute Form sich von sich unterscheidend, stößt sich daher nicht mehr als Notwendigkeit von sich ab, noch fällt sie als Zufälligkeit in gleichgültige, sich äußerliche Substanzen auseinander, sondern unterscheidet sich einerseits in die Totalität, welche – die vorhin passive Substanz – Ursprüngliches ist als die Reflexion aus der Bestimmtheit in sich, als einfaches Ganzes, das sein Gesetztsein in sich selbst enthält und als identisch darin mit sich gesetzt ist: das Allgemeine, – andererseits in die Totalität – die vorhin ursächliche Substanz – als in die Reflexion ebenso aus der Bestimmtheit in sich zur negativen Bestimmtheit, welche so als die mit sich identische Bestimmtheit ebenfalls das Ganze, aber als die mit sich identische Negativität gesetzt ist: das Einzelne. Unmittelbar aber, weil das Allgemeine nur identisch mit sich ist, indem es die Bestimmtheit als aufgehoben in sich enthält, also das Negative als Negatives ist, ist es dieselbe Negativität, welche die Einzelheit ist; – und die Einzelheit, weil sie ebenso das bestimmte Bestimmte, das Negative als Negatives ist, ist sie unmittelbar dieselbe Identität, welche die Allgemeinheit ist. Diese ihre einfache Identität ist die Besonderheit, welche vom Einzelnen das Moment der Bestimmtheit, vom Allgemeinen das Moment der Reflexion-in-sich in unmittelbarer Einheit enthält. Diese drei Totalitäten sind daher eine und dieselbe Reflexion, welche als negative Beziehung auf sich in jene beiden sich unterscheidet, aber als in einen vollkommen durchsichtigen Unterschied, nämlich in die bestimmte Einfachheit oder in die einfache Bestimmtheit, welche ihre eine und dieselbe Identität ist. – Dies ist der Begriff, das Reich der Subjektivität oder der Freiheit."
(Ab hier Sitzung 12: Lehre vom Begriff und Gesamtfazit)
21. Lehre vom Begriff
QUELLE 29.0: Begriff des Begriffs
"Der Begriff ist von dieser Seite zunächst überhaupt als das Dritte zum Sein und Wesen, zum Unmittelbaren und zur Reflexion anzusehen. Sein und Wesen sind insofern die Momente seines Werdens; er aber ist ihre Grundlage und Wahrheit als die Identität, in welcher sie untergegangen und enthalten sind. Sie sind in ihm, weil er ihr Resultat ist, enthalten, aber nicht mehr als Sein und als Wesen; diese Bestimmung haben sie nur, insofern sie noch nicht in diese ihre Einheit zurückgegangen sind.
Die objektive Logik, welche das Sein und Wesen betrachtet, macht daher eigentlich die genetische Exposition des Begriffes aus. Näher ist die Substanz schon das reale Wesen oder das Wesen, insofern es mit dem Sein vereinigt und in Wirklichkeit getreten ist. Der Begriff hat daher die Substanz zu seiner unmittelbaren Voraussetzung, sie ist das an sich, was er als Manifestiertes ist.
(...) So ist der Begriff die Wahrheit der Substanz, und indem die bestimmte Verhältnisweise der Substanz die Notwendigkeit ist, zeigt sich die Freiheit als die Wahrheit der Notwendigkeit und als die Verhältnisweise des Begriffs.
Die eigene, notwendige Fortbestimmung der Substanz ist das Setzen dessen, was an und für sich ist; der Begriff nun ist diese absolute Einheit des Seins und der Reflexion, daß das Anundfürsichsein erst dadurch ist, daß es ebensosehr Reflexion oder Gesetztsein ist und daß das Gesetztsein das Anundfürsichsein ist. (...)
Die Substanz ist das Absolute, das an und für sich seiende Wirkliche, – an sich als die einfache Identität der Möglichkeit und Wirklichkeit, absolutes, alle Wirklichkeit und Möglichkeit in sich enthaltendes Wesen, – für sich diese Identität als absolute Macht oder schlechthin sich auf sich beziehende Negativität.
(...)"
(Im Internet hier)
"Der Begriff zeigt sich obenhin betrachtet als die Einheit des Seins und Wesens. Das Wesen ist die erste Negation des Seins, das dadurch zum Schein geworden ist; der Begriff ist die zweite oder die Negation dieser Negation, also das wiederhergestellte Sein, aber als die unendliche Vermittlung und Negativität desselben in sich selbst."
(Im Internet hier)
QUELLE 29.01: Einteilung des Begriffs
Einteilung des Begriffs: 1. Subjektivität; 2. Objektivität; 3. Idee
QUELLEN 29.1: Subjektiver Begriff
Erstes Kapitel: Der Begriff
A. Der allgemeine Begriff
B. Der besondere Begriff
C. Das Einzelne
Zweites Kapitel: Das Urteil
A. Das Urteil des Daseins
B. Das Urteil der Reflexion
C. Das Urteil der Notwendigkeit
D. Das Urteil des Begriffs
Drittes Kapitel: Der Schluß
A. Der Schluß des Daseins
B. Der Schluß der Reflexion
C. Der Schluß der Notwendigkeit
"(...)Die Gestalt des unmittelbaren Begriffes macht den Standpunkt aus, nach welchem der Begriff ein subjektives Denken, eine der Sache äußerliche Reflexion ist. Diese Stufe macht daher die Subjektivität oder den formellen Begriff aus. Die Äußerlichkeit desselben erscheint in dem festen Sein seiner Bestimmungen, wodurch jede für sich als ein Isoliertes, Qualitatives auftritt, das nur in äußerer Beziehung auf sein Anderes ist. Die Identität des Begriffes aber, die eben das innere oder subjektive Wesen derselben ist, setzt sie in dialektische Bewegung, durch welche sich ihre Vereinzelung und damit die Trennung des Begriffs von der Sache aufhebt und als ihre Wahrheit die Totalität hervorgeht, welche der objektive Begriff ist."
QUELLEN 29.2: Objektiver Begriff - Die Objektivität
Erstes Kapitel: Der Mechanismus
A. Das mechanische Objekt
B. Der mechanische Prozeß
C. Der absolute Mechanismus
Zweites Kapitel: Der Chemismus
A. Das chemische Objekt
B. Der chemische Prozeß
C. Übergang des Chemismus
Drittes Kapitel: Teleologie
A. Der subjektive Zweck
B. Das Mittel
C. Der ausgeführte Zweck
"Zweitens. Der Begriff in seiner Objektivität ist die anundfürsichseiende Sache selbst. Durch seine notwendige Fortbestimmung macht der formelle Begriff sich selbst zur Sache und verliert dadurch das Verhältnis der Subjektivität und Äußerlichkeit gegen sie. Oder umgekehrt ist die Objektivität der aus seiner Innerlichkeit hervorgetretene und in das Dasein übergegangene reelle Begriff. – In dieser Identität mit der Sache hat er somit eigenes und freies Dasein. Aber es ist dies noch eine unmittelbare, noch nicht negative Freiheit."
"Fürs erste nun ist die Objektivität in ihrer Unmittelbarkeit, deren Momente um der Totalität aller Momente willen in selbständiger Gleichgültigkeit als Objekte außereinander bestehen und in ihrem Verhältnisse die subjektive Einheit des Begriffs nur als innere oder als äußere haben, – der Mechanismus. – Indem in ihm aber
zweitens jene Einheit sich als immanentes Gesetz der Objekte selbst zeigt, so wird ihr Verhältnis ihre eigentümliche, durch ihr Gesetz begründete Differenz und eine Beziehung, in welcher ihre bestimmte Selbständigkeit sich aufhebt, – der Chemismus.
Drittens, diese wesentliche Einheit der Objekte ist eben damit als unterschieden von ihrer Selbständigkeit gesetzt, sie ist der subjektive Begriff, aber gesetzt als an und für sich selbst bezogen auf die Objektivität, als Zweck, – die Teleologie.
Indem der Zweck der Begriff ist, der gesetzt ist, als an ihm selbst sich auf die Objektivität zu beziehen und seinen Mangel, subjektiv zu sein, durch sich aufzuheben, so wird die zunächst äußere Zweckmäßigkeit durch die Realisierung des Zwecks zur inneren und zur Idee."
(Im Internet hier)
QUELLEN 29.3: Absoluter Begriff bzw. Idee
"Eins mit der Sache ist er in sie versenkt; seine Unterschiede sind objektive Existenzen, in denen er selbst wieder das Innere ist. Als die Seele des objektiven Daseins muß er sich die Form der Subjektivität geben, die er als formeller Begriff unmittelbar hatte; so tritt er in der Form des Freien, die er in der Objektivität noch nicht hatte, ihr gegenüber und macht darin die Identität mit ihr, die er an und für sich als objektiver Begriff mit ihr hat, zu einer auch gesetzten.
In dieser Vollendung, worin er in seiner Objektivität ebenso die Form der Freiheit hat, ist der adäquate Begriff die Idee. Die Vernunft, welche die Sphäre der Idee ist, ist die sich selbst enthüllte Wahrheit, worin der Begriff die schlechthin ihm angemessene Realisation hat und insofern frei ist, als er diese seine objektive Welt in seiner Subjektivität und diese in jener erkennt."
"Die Idee ist der adäquate Begriff, das objektive Wahre oder das Wahre als solches. Wenn irgend etwas Wahrheit hat, hat es sie durch seine Idee, oder etwas hat nur Wahrheit, insofern es Idee ist.(...) In diesem Sinne ist die Idee das Vernünftige; – sie ist das Unbedingte darum, weil nur dasjenige Bedingungen hat, was sich wesentlich auf eine Objektivität bezieht, aber eine nicht durch es selbst bestimmte, sondern eine solche, die noch in der Form der Gleichgültigkeit und Äußerlichkeit dagegen ist, wie noch der äußerliche Zweck hatte."
"Zunächst aber ist die Idee auch wieder erst nur unmittelbar oder nur in ihrem Begriffe, die objektive Realität ist dem Begriffe zwar angemessen, aber noch nicht zum Begriffe befreit, und er existiert nicht für sich als der Begriff. Der Begriff ist so zwar Seele, aber die Seele ist in der Weise eines Unmittelbaren, d.h. ihre Bestimmtheit ist nicht als sie selbst, sie hat sich nicht als Seele erfaßt, nicht in ihr selbst ihre objektive Realität; der Begriff ist als eine Seele, die noch nicht seelenvoll ist.
So ist die Idee erstlich das Leben; der Begriff, der unterschieden von seiner Objektivität einfach in sich seine Objektivität durchdringt und als Selbstzweck an ihr sein Mittel hat und sie als sein Mittel setzt, aber in diesem Mittel immanent und darin der realisierte mit sich identische Zweck ist. – Diese Idee hat um ihrer Unmittelbarkeit willen die Einzelheit zur Form ihrer Existenz. Aber die Reflexion ihres absoluten Prozesses in sich selbst ist das Aufheben dieser unmittelbaren Einzelheit; dadurch macht der Begriff, der in ihr als Allgemeinheit das Innere ist, die Äußerlichkeit zur Allgemeinheit oder setzt seine Objektivität als Gleichheit mit sich selbst. So ist die Idee
zweitens die Idee des Wahren und des Guten, als Erkennen und Wollen. Zunächst ist sie endliches Erkennen und endliches Wollen, worin das Wahre und Gute sich noch unterscheiden und beide nur erst als Ziel sind. Der Begriff hat sich zunächst zu sich selbst befreit und sich nur erst eine abstrakte Objektivität zur Realität gegeben. Aber der Prozeß dieses endlichen Erkennens und Handelns macht die[468] zunächst abstrakte Allgemeinheit zur Totalität, wodurch sie vollkommene Objektivität wird. – Oder von der ändern Seite betrachtet, macht der endliche, das ist der subjektive Geist sich die Voraussetzung einer objektiven Welt, wie das Leben eine solche Voraussetzung hat, aber seine Tätigkeit ist, diese Voraussetzung aufzuheben und sie zu einem Gesetzten zu machen. So ist seine Realität für ihn die objektive Welt, oder umgekehrt, die objektive Welt ist die Idealität, in der er sich selbst erkennt.
Drittens erkennt der Geist die Idee als seine absolute Wahrheit, als die Wahrheit, die an und für sich ist; die unendliche Idee, in welcher Erkennen und Tun sich ausgeglichen hat und die das absolute Wissen ihrer selbst ist.
(Im Internet hier)
Erstes Kapitel: Das Leben
Zweites Kapitel: Die Idee des Erkennens
Drittes Kapitel: Die absolute Idee
1. Das Leben
A. Das lebendige Individuum
B. Der Lebensprozeß
C. Die Gattung
2. Das Erkennen
A. Die Idee des Wahren
a. Das analytische Erkennen
b. Das synthetische Erkennen
B. Die Idee des Guten
3. Die absolute Idee
"Die absolute Idee, wie sie sich ergeben hat, ist die Identität der theoretischen und der praktischen, welche jede für sich noch einseitig, die Idee selbst nur als ein gesuchtes Jenseits und unerreichtes Ziel in sich hat, – jede daher eine Synthese des Streben; ist, die Idee sowohl in sich hat als auch nicht hat, von einem zum ändern übergeht, aber beide Gedanken nicht zusammenbringt, sondern in deren Widerspruche stehenbleibt. Die absolute Idee als der vernünftige Begriff, der in seiner Realität nur mit sich selbst zusammengeht, ist um dieser Unmittelbarkeit seiner objektiven Identität willen einerseits die Rückkehr zum Leben; aber sie hat diese Form ihrer Unmittelbarkeit ebensosehr aufgehoben und den höchsten Gegensatz in sich. Der Begriff ist nicht nur Seele, sondern freier subjektiver Begriff, der für sich ist und daher die Persönlichkeit hat, – der praktische, an und für sich bestimmte, objektive Begriff, der als Person undurchdringliche, atome Subjektivität ist, der aber ebensosehr nicht ausschließende Einzelheit, sondern für sich Allgemeinheit und Erkennen ist und in seinem Anderen seine eigene Objektivität zum Gegenstande hat. Alles Übrige ist Irrtum, Trübheit, Meinung, Streben, Willkür und Vergänglichkeit; die absolute Idee allein ist Sein, unvergängliches Leben, sich wissende Wahrheit, und ist alle Wahrheit."
22. Gesamtfazit: Abschliessende Bemerkungen über die historische Wichtigkeit sowie ethish-politische Aktualität von Hegels ’Wissenschaft der Logik’
22.1: Hegels Philosophie ist die wissenschaftliche Weltreligion (Vernunftreligion) für die aufgeklärten Zeiten.
22.2: Als Vernunftreligion enthält sie in erster Linie einen theoretischen, grundlegenden Teil (Theologie), die Wissenschaft der Logik als Wissenschaft von Gott - selbstverständlich als Logos; sie enthält aber auch einen ethischen Teil, Sinn des menschlichen Lebens: die Philosophie der Sittlichkeit. Beide zusammen, Wissenschaft der Logik und Philosophie der Sittlichkeit, bilden die neue Vernunftreligion für die aufgeklärte Menschheit.
22.3: Als Vernunftreligion ist die Philosophie "für alle", für das Volk, nicht nur für Akademiker. Es ist genau das, was der junge Hegel wollte!
22.4: Selbstverständlich bedarf sie nach einer ständig aktualisierten Version, je nach Zeiten, Länder, Sprachen...Der Wahrheitskern bleibt aber unverändert.
22.5: Ihr Hauptprinzip ist der Logos, die absolute Vernunft, die sich mit immer mehr Bewusstsein in der Wirklichkeit erscheint (Subjekt, Begriff)
22.6: Der Mensch als selbstbewusster Logos kann das Gute tun, also im Sinne des Logos und der Vernunft handeln (absolute Sittlichkeit), oder das Böse tun, gegen den Logos und gegen die Vernunft handeln (absolute Unsittlichkeit, könnte man vielleicht sagen).
22.7: Diese Tätigkeit der Menschen ist die Geschichte.
22.8: Zweck der Geschichte ist die Entstehung eines vernünftigen, also philosophischen Staates, in dem womöglich alle Menschen das Gute verwirklichen, also als Logos handeln.
22.9: Dazu braucht man eine ständige, von oben durchorganisierte philosophisch-dialektische Erziehung der Menschheit.
22.10: Das kann nur in Form eines philosophisch-dialektischen Weltstaates erfolgen.
22.11: EU und UNO könnten der Beginn davon sein, ihnen fehlt aber zurzeit das Bewusstsein ihrer philosophischen Mission, obwohl sie eigentlich philosophische Institutionen sind.
22.12: Die UE und die UNO stützen sich auf Kant (Bündnis von Nationalstaaten), während der philosophische Weltstaat soll sich auf Hegel stützen (Weltstaat als Verwirklichung des Weltgeistes, obwohl Hegel selbst nicht zu diesem Schluss kam, der jedoch aus seinen Prämissen hervorgeht).
22.13: Das ist keine Utopie, sondern was heutzutage in der internationalen Politik täglich geschieht. In der internationalen Politk kocht etwas, es wächst der Bedarf nach einer unabhängigen Weltregierung, die das internationale Recht durchsetzt, gibt es aber keine, somit entsteht die Gefahr eines Weltkrieges: Weltstaat statt Weltkrieg soll das Motto sein. Etwas Neues wird früher oder später in der internationalen Politik geschehen, wir hoffen, dass es einen Weltstaat und keinen Weltkrieg sein wird.
22.14: Die Idee eines philosophisch-dialektischen Weltstaates, dessen Grundlage die "Wissenschaft der Logik" ist, bildet den Kern (das Wesen, könnten man nach der Dialektik sagen) eines dritten politischen Versuchs, die individualistischen, empirischen Demokratie mit allen ihren Defekten und Widersprüchen zu überwinden. Marx (Kommunismus) und Gentile (Faschismus) hatten zwar schon verstanden, dass die liberale Demokratie aufgehoben werden soll, ihnen fehlte aber eine genaue Kenntnis aller Schriften Hegels, die erst seit wenigen Jahrzehnten dank der wissenschaftlichen Edition seiner Werke möglich ist.
22.15: Es ist deshalb erst heute möglich, die politische Vision einer ‚philosophischen und ethischen Demokratie‘ zu erarbeiten, wie Hegel 1803 im Schlussteil des Manuskripts ‚System der Sittlichkeit‘ vorgezeichnet hatte.
22.16: Die Grundlinien davon habe ich in meinem Buch ‚Philosophie für alle‘ dargestellt, während die Details die Grundstruktur der philosophischen Plattform bilden. Das ist der Sinn meiner Forschungstätigkeit, die von der Idealität bewegt wird, den ewigen Schatz an philosophischer Wahrheit zu vergegenwärtigen und an die internationale Politik anzuwenden, die in den Werken der deutschen Kultur um 1800 (nicht nur in Hegels Werken) enthalten ist.
22.17: Allein innerhalb eines philosophischen, vom Logos inspirierten und deshalb echt demokratischen Weltstaates wird es möglich sein, ‚ewigen Frieden‘ (nach Kant) zu erreichen. Ein ganz kleines Stück in dieser Richtung haben wir hoffentlich auch mit diesem Seminar dazu beigetragen.
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