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DRITTE PHASE (1805-06):  Entstehung des kompletten philosophischen Systems als Umsetzung von Hegels

DRITTE PHASE (1805-06): Entstehung des kompletten philosophischen Systems als Umsetzung von Hegels

 

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DRITTE PHASE
(1805-06)

 

Entstehung des kompletten philosophischen Systems
als Umsetzung von Hegels Lebensprogramm
der Gründung einer Vernunftreligion

 

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Nachdem Hegel im Manuskript über "Logik-Metaphysik" verstanden hat, wie das Absolute wissenschaftlich zu erkennen sei, kann er in den folgenden Jahren nicht nur seine Theorie der Sittlichkeit, also die "Philosophie des objektiven Geistes", sondern sein ganzes System endlich abschließen. Dies gelang ihm durch die detaillierte Erarbeitung des Begriffs des ’absoluten Geistes’ und dessen Einfügung in das System. 

Er beschäftigt sich mit dieser Problematik in den Jahren 1805-06. Die ‚offizielle‘ Lösung dieser Frage findet sich in dem berühmten Werk "Phänomenologie des Geistes", publiziert erst im Jahre 1807, erarbeitet wurde es jedoch schon, wenn auch nur in fragmentarischer Form, in den vorangegangenen Jahren. Um vieles interessanter für uns sind jedoch die „inoffiziellen“ Antworten, in fragmentarischer und nicht publizierter Form, die in mehr oder weniger direkten Vorarbeiten zur Phänomenologie enthalten sind, also in der sogenannten ‚Werkstatt‘ Hegels, d.h. in jener Sammlung an Manuskripten, Fragmenten, Entwürfen usw., die der Philosoph aus verschiedenen Gründen nicht veröffentlichte, jedoch bei den vielen Umzügen seines Leben immer mitnahm.  Im Gegensatz zu den Publikationen enthalten diese Texte die Fortschritte seiner langsamen, aber kontinuierlichen Gedankenentwicklung in einer „ursprünglicheren“ und ‚frischeren‘ Form.

 

Die Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit (1805)


In diesem Zusammenhang ist ein Text von besonderer Bedeutung, weil er einen Abriss der Religionsgeschichte der Menschheit enthält. Darin rekonstruiert Hegel diese Geschichte, indem er einen Fortschritt in der Geschichte der Religion von relativen und historischen Entwicklungsstufen bis zu ihrer absoluten und universalen Form sieht. Diese Form, mit der nach Ansicht des schwäbischen Denkers die religiöse Entwicklung der Menschheit endet, wird von der Philosophie dargestellt, die somit mit der absoluten Religion zusammenfällt.(1) Dieser Text wurde richtigerweise von Karl Rosenkranz unter dem Titel "Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit" überliefert. Was seine Datierung betrifft, so ist es nicht möglich, durch ein graphologisches Gutachten den genauen chronologischen Moment seiner Verfassung zu bestimmen, da das Manuskript als verloren gegangen gilt. Aufgrund des Inhaltes ist er auf jeden Fall in die Zeit um 1805 einzuordnen.(2) Genau in diesem Jahr fällt nämlich die vollständige Ausarbeitung der Hegelschen "Logik/Metaphysik", die von diesem Text vorausgesetzt wird.
Dieser Text bietet eine sehr präzise Antwort auf die in der Suche nach einer absoluten Religion enthaltenen Problematik, die bei der Fertigstellung des Manuskriptes "System der Sittlichkeit" von 1802/03 ungelöst geblieben war, und nimmt gleichzeitig die Ergebnisse der Konstruktion des Systems vorweg bzw. setzt diese voraus, und zwar insbesondere den Begriff der Philosophie als Wissenschaft, der sowohl für die "Logik/Metaphysik" als auch für die "Phänomenologie" grundlegend ist. 

In der Folge wird untersucht werden, welchen Beitrag dieser ganz wichtige Text für den Entwicklungsfortschritt des Hegelschen Denkens enthält.

Der Text zeichnet nämlich die historische Darstellung der chronologischen Entwicklung der verschiedenen wichtigsten Religionsformen nach. Schon am Beginn des Textes stellt Hegel jedoch klar, dass es sich nicht nur um eine chronologische und historische, sondern auch um eine systematische und philosophische Entwicklung handelt, und zwar in dem Sinne, dass die logisch-dialektische Gliederung des Religionsbegriffs der historischen Entwicklung zugrunde liegt, da diese ihre Manifestation in der Zeit darstellt:

„Die Religion muß, wie Hegel sich in der damaligen naturphilosophischen Modesprache ausdrückte, nach den allgemeinen drei Dimensionen der Vernunft innerhalb der klimatischen Modificationen nach ihrer empirischen Differenz weltgeschichtlich in folgenden drei Formen auftreten: 1) in der Form der Identität, in ursprünglicher Versöhntheit des Geistes und seines Reellseins in der Individualität; 2) in der Form, daß der Geist von der unendlichen Differenz seiner Identität anfange und aus ihr eine relative Identität reconstruire und sich versöhne; 3) diese Identität, unter jene erste absolute subsumirt, wird das Einssein der Vernunft in Geistesgestalt und derselben in ihrem Reellsein oder in Individualität als ursprünglich und zugleich ihren unendlichen Gegensatz und seine Reconstruction setzen.“ (GW 5, S. 460-461, 35-34)

Es ist daher eindeutig, dass für Hegel schon vom Augenblick der Verfassung dieses Textes an die historische Abfolge der drei Hauptreligionsformen der systematischen Struktur des Begriffs der Vernunft entspricht, und zwar nach dem dialektischen Schema, das damals Hegel schon zur Verfügung stand, auch wenn es noch nicht vollständig ausgereift war: Urprüngliche Identität (Versöhnung), Spaltung und schließlich auf höherer Ebene wiedererlangte Identität unter Einschluss des Gegensatzes (Wiederversöhnung).
Im zitierten Text konzentriert sich Hegel mehr auf die Entwicklung der historischen Seite. Der zufolge entspricht die erste Stufe der Naturreligion, die zweite Stufe der christlichen Religion (oder allgemein der monotheistischen Religion) und schliesslich die dritte Stufe der absoluten Religion bzw. Philosophie. Die systematische Seite dieser Problematik wird von ihm hingegen in der Philosophie des Geistes aus dem Jahr 1805/06 entwickelt.(3)

Der Inhalt der dritten Phase besteht aus der letzten Stufe des religiösen Vorgangs, der Erhebung des endlichen zum unendlichen Bewusstsein, in dem die Menschheit also den Übergang von der Sichtweise des empirischen und subjektiven Bewusstseins zu jener des reinen und absoluten Bewusstseins vollzieht. Hegel definiert diese Sichtweise mit folgenden Worten:

“Nachdem nun der Protestantismus die fremde Weihe ausgezogen, kann der Geist sich als Geist in eigener Gestalt zu heiligen und die ursprüngliche Versöhnung mit sich in einer neuen Religion herzustellen wagen, in welche der unendliche Schmerz und die ganze Schwere seines Gegensatzes aufgenommen, aber ungetrübt und rein sich auflöst, wenn es nämlich ein freies Volk geben und die Vernunft ihre Realität als einen sittlichen Geist wiedergeboren haben wird, der die Kühnheit haben kann, auf eigenem Boden, und aus eigener Majestät sich seine reine Gestalt zu nehmen. – Jeder Einzelne ist ein blindes Glied in der Kette der absoluten Nothwendigkeit, an der sich die Welt fortbildet. Jeder Einzelne kann sich zur Herrschaft über eine größere Lände dieser Kette allein erheben, wenn er erkennt, wohin die große Nothwendigkeit will und aus dieser Erkenntniß die Zauberworte aussprechen lernt, die ihre Gestalt hervorrufen. Diese Erkenntniß, die ganze Energie des Leidens und des Gegensatzes, der ein paar tausend Jahre die Welt und alle Formen ihrer Ausbildung beherrscht hat, zugleich in sich zu schließen und sich über ihn zu erheben, diese Erkenntniß vermag nur Philosophie zu geben.“

(GW 5, S. 465, 1-17). 

Der Philosoph  stellt also in diesem Absatz klar, dass die „dritte Religionsform“ der Menschheit die Philosophie sein muss, da sie die der Vernunft eigene Form ist, oder, anders gesagt, auf dem Wissen beruht und daher die absolute Religionsform ist (daher drittes und letztes Stadium der religiösen Entwicklung der Menschheit, nach der Naturreligion oder Polytheismus und der übernatürlichen oder Monotheismus).(5)
Rosenkranz schreibt zu dieser Thematik folgendes und kommentiert dabei den Text, den er noch besaß:

“Obwohl nun Hegel damals, wie aus den vorstehenden Mittheilungen zur Genüge hervorgeht, den Protestantismus für eine eben so endlicher Form des Christenthums hielt, als den Katholizismus, so ging er deswegen doch nicht, wie Viele seiner Zeitgenossen, zum Katholizismus über, sondern glaubte, daß aus dem Christenthum durch die Vermittelung der Philosophie der Philosophie eine dritte Form der Religion sich hervorbilden werde.“ (GW 5, S. 464,20-24) 

Die beginnende Rolle der Philosophie als religiöses Leitbild der Menschheit stellt die Erreichung des höchsten Grades der Erhebung des endlichen zum unendlichen Leben dar, d.h. den Grad der Identifikation des endlichen Lebens mit dem unendlichen Leben, des Menschen mit Gott, des individuellen Geistes, der dem individuellen Menschen innewohnt, mit dem absoluten Geist, der bei allen Menschen und Vernunftwesen tätig ist.
Auf diese Weise löst Hegel die Frage, auf die er bei der Fertigstellung des Systems der Sittlichkeit gestoßen war und die einem Abschluss der ersten Gesamtfassung seiner ethischen Philosophie im Wege gestanden hatte. Es handelt sich um die Frage nach der absoluten Religion, die imstande wäre, die absolute Sittlichkeit zu begründen. 

Diese Frage bestand aus der folgenden logischen Gedankenverkettung:

-  Wenn das individuelle Handeln gleichzeitig auch das absolute Handeln sein soll, bedeutet das, dass sich das Absolute in der Welt manifestieren muss. Ein Absolutes, das von der Welt getrennt bleibt oder sich nicht vollkommen im Menschen und damit im individuellen Handeln offenbart, auch wenn es in der Welt vorhanden ist, kann dem Prinzip der absoluten Sittlichkeit nicht gerecht werden.

-  Die Begründung der Sittlichkeit durch die absolute Religion bedeutet ausserdem, dass dem Menschen die Erhebung vom endlichen zum unendlichen Leben, die Hegel schon in den systematischen Fragmenten von 1799-1800 als etwas Notwendiges und als Wesen der Religion angesehen hat, glückt.

Im Schlussteil des Textes wird dieses Problem dahingehend gelöst, dass die Philosophie als absolute Religion auf der einen Seite die Erhebung des endlichen Menschen zum unendlichen Leben, dem Absoluten, dank der Erhebung des empirischen zum reinen Bewusstsein ermöglicht, während auf der anderen Seite diese Erhebung den empirischen Menschen zu einer Identifizierung mit dem Absoluten führt. Deshalb wird auch sein Handeln nicht mehr rein individuell, sondern universell geprägt sein und somit sich als echt ethisches Handeln qualifizieren.
Die Tatsache, dass dieser Text den Titel "Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit" trägt, ist also kein Zufall, da er tatsächlich die Wiederaufnahme und den Abschluss der Originalversion der Hegelschen Philosophie vom objektiven Geist, also des Systems der Sittlichkeit, darstellt. Es entspricht aus historischer Sicht dem Teil, der im System von der Philosophie des absoluten Geistes gebildet wird, d.h. der systematischen Begründung der Absolutheit der Sittlichkeit.

 

Der Systementwurf von 1805-06

Die "Fortsetzung" ist aber nicht der einzige Text, der diesen weiteren logischen Schritt Hegels dokumentiert. Es gibt noch andere, wie z.B. alle Fragmente, Studien, Vorlesungen usw., die später von Hegel zur Verfassung seiner "Phänomenologie des Geistes" verwendet und darin integriert werden. Es ist eben genau das phänomenologische Thema, also der Weg, den der individuelle Mensch (Bewusstsein des Einzelnen) und die Menschheit im Allgemeinen (universelles Bewusstsein) vom empirischen zum absoluten Wissen zurücklegt, das die Antwort Hegels auf die Frage von 1803 nach der Begründung der absoluten Sittlichkeit durch eine ebenso absolute Religion bildet.

Auf der Grundlage seiner Studien über die Erhebung des Menschen zum Absoluten durch die Geschichte der Religion und der Philosophie, gelangt Hegel 1805-06 sein System abzuschließen. Er kann das letzte Kapitel hinzufügen, das  über den ’absoluten Geist’. Mit dem absoluten Geist ist das absolute Selbstbewusstsein gemeint, das der Mensch in der Geschichte durch die Kunst, die Religion und vor allem die Philosophie erreicht hat.

Untersuchen wir nun die Bedeutung, die dieses Kapitel über den Begriff des ‚absoluten Geistes‘ im Ganzen des Systems hat.
Im Kapitel "C. Kunst, Religion und Wissenschaft", zu dem der bereits zitierte Text "C. Die Wissenschaft" eine Art Vorarbeit darstellt, entwickelt Hegel die drei ‚Formen‘, mit denen der Geist sich selbst erscheint, wobei man unter Geist natürlich nicht das individuelle Wesen versteht, sondern den Weltgeist, das absolute Wesen, das von seiner Entäußerung in der Natur in sich selbst zurückkehrt.
Der schwäbische Denker drückt sich zu dieser Thematik folgendermaßen aus:

„Der absolut freye Geist, der seine Bestimmungen in sich zurückgenommen, bringt nun eine andre Welt hervor; eine Welt, welche die Gestalt seiner selbst hat; wo sein Werk vollendet in sich ist, und er zur Anschauung seiner als seiner gelangt“ (GW 8, S. 277, 9-12).

Es gibt drei verschiedene Modalitäten für diese Selbsterzeugung oder Selbstanschauung des Geistes, die man nach dem bereits gebildeten dialektischen Schema Unmittelbarkeit - Vermittlung – vermittelte Rückkehr zur Unmittelbarkeit auch als Stufen interpretieren soll.
Die erste Modalität ist die Kunst. Sie ist der Geist, der sich selbst unmittelbar, formal anschaut:

„Sie ist unmittelbar die Form, der der Inhalt gleichgültig ist, und die sich in jedem herumwerfen könnte – jedes als Unendliches zur Anschauung bringen kann“ (GW 8, 278,12-14).

Wegen dieser Besonderheit ist die Kunst nicht dazu geeignet, das Wesen des Geistes zu erfassen, da dieses Wesen nichts Formales, Mittelbares ist, sondern vielmehr ein Inhalt, das Resultat einer Vermittlung:
„Die Kunst erzeugt die Welt als geistige und für die Anschauung - sie ist [...] der begeisterte Geist - der sich in Empfindung und Bild einhüllende, worunter das Furchtbare verborgen ist. Sein Element ist die Anschauung – Aber sie ist die Unmittelbarkeit, welche nicht vermittelt ist – dem Geiste ist daher diß Element unangemessen. Die Kunst kann daher ihren Gestalten nur einen beschränkten Geist geben; - die Schönheit ist Form, sie ist die Täuschung der absoluten Lebendigkeit, die sich selbst genügt, und in sich geschlossen und vollendet sey. – Diß Medium der Endlichkeit; die Anschauung kann nicht das Unendliche fassen; es ist nur gemeynte Unendlichkeit. Dieser Gott als Bildsäule (...) ist gemeynte, nicht wahre Vorstellung, - es ist nicht die Nothwendigkeit, - nicht die Gestalt des Denkens darin; - die Schönheit ist vielmehr der Schleyer, der die Wahrheit bedeckt, als die Darstellung derselben. (...); der Künstler fodert daher häuffig, daß das Verhältniß zur Kunst nur Verhältniß zur Form sey, und von dem Inhalt zu abstrahiren sey; - aber diesem Inhalt lassen sich die Menschen nicht nehmen“

(GW 8, S. 279-280,12-2). 

Die Kunst ist also an sich widersprüchlich, denn einerseits strebt sie danach, das Absolute zu erfassen, das Geist ist; andererseits jedoch fordert sie, es in der unmittelbaren Form der Intuition zu erfassen, die jedoch vollkommen ungeeignet ist, die Form des Geistes, die Vermittlung, Gedanke, Notwendigkeit ist, zu begreifen und auszudrücken. Die Kunst ist also nicht geeignet, die Form des Geistes ‚erscheinen‘ zu lassen.
Hegel greift daher 1805/06 sowohl die Thematik als auch die Terminologie und die Schlussfolgerungen aus dem Text...es ist nur die Form... von 1803/04 wieder auf, zeigt jedoch, dass er eine weitaus präzisere Systematisierung erreicht hat. Dies wird dadurch deutlich, dass er weniger individuelle Beispiele liefert, sondern vielmehr prinzipielle Überlegungen auf hoher Abstraktionsebene vollzieht: Er bezieht sich nicht auf diese oder jene Form von Kunst, sondern auf die Kunst an sich, auf ihren Begriff. Denn es ist der Begriff der Kunst, der in sich die Notwendigkeit ihres Überganges zu etwas Höherem trägt: zur Religion.
So drückt sich Hegel in seiner unverwechselbar lapidaren Sprache aus, die nun schon ohne jeden Zweifel die Sprache der großen systematischen Werke erahnen lässt:

„Die Kunst ist in ihrer Wahrheit vielmehr Religion.“ (GW 8, S. 280,13).

In der Religion erscheint der Geist sich selbst nicht in unmittelbarer, äußerlicher, schöner Form, sondern bereits als Inhalt:

„In der Religion aber wird der Geist sich Gegenstand, als absolut allgemeines oder als Wesen der Natur [, des] Seyns und Thuns, und in der Gestalt des unmittelbaren Selbsts - das Selbst ist allgemeines Wissen, und die Rückkehr dadurch in sich“ (GW 8, S. 280, 17-20).

Wie bei der Kunst so bewegt sich Hegel auch bei der Religion auf hohem Abstraktionsniveau, ohne jeglichen Kompromiss mit der empirischen Wirklichkeit.(4) Denn er bezieht sich nicht auf diese oder jene historische Religion, sondern auf die absolute Religion, und nimmt somit die Grundthematik wieder auf, die sich nach der Ausarbeitung des Begriffes der absoluten Sittlichkeit eröffnet hatte. Dies besagt auch die Fortsetzung der eben zitierten Stelle:

„Die absolute Religion ist diß Wissen - daß Gott die Tiefe des seiner selbst gewissen Geistes ist, - dadurch ist er das Selbst aller“

(GW 8, S. 280, 20-22).

Natürlich handelt es sich für Hegel nicht um den Gott einer bestimmten Religion, sondern um den Gott der absoluten Religion, oder, was dasselbe bedeutet, der Religion als Begriff:

„Es (5) ist das Wesen das reine Denken, - aber dieser Abstraction entäussert, ist er wirkliches Selbst; (...) er ist ein Mensch, der gemeines räumliches und zeitliches Daseyn hat – und dieser einzelne sind alle Einzelnen – die göttliche Natur ist nicht eine andre als die menschliche.“ 
(GW 8, 280,22-26)

In der Folge beschreibt Hegel den Begriff der absoluten Religion noch eindeutiger:
„Alle andern Religionen sind unvollkommen; [...]. Die absolute Religion aber ist das Tiefe, das zu Tage herausgetreten - diß Tiefe ist das Ich – es ist der Begriff, die absolute reine Macht“ (GW 8, S. 280-281,26-4).

Mit den unmittelbar darauffolgenden Überlegungen (GW 8,281-282) kehrt der Philosoph zu einigen Gedanken zurück, die deutlich die Problematik der Beziehung zwischen absoluter Religion und wahrer Demokratie wiederaufgreifen, oder etwas allgemeiner ausgedrückt, zwischen den Religionsformen und den Regierungsformen, ein Problem, das er schon bei der Abfassung der Ergänzung zum "System der Sittlichkeit" sowie des Textes "Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit" behandelt hatte.
Auch jetzt zeigt Hegel nicht den leisesten Zweifel über die Tatsache, dass die absolute Religion der wahren Demokratie, dem absoluten Volk im Sinne eines freien Volkes (6)entspricht:

„In ihr (7) ist also der Geist mit seiner Welt versöhnt - [...] - in der Religion erhebt jeder sich zu dieser Anschauung seiner als [eines] allgemeinen Selbst [...] - er ist dem Fürsten gleich – es ist das Wissen seiner als des Geistes - er gilt Gott soviel als jeder anderer“ 
(GW 8, S. 281, 5-18).

Aber auch die Religion ist nicht die geeignete Form, um den Geist sich selbst erscheinen zu lassen. Sie ist noch nicht dazu imstande, die Form, mit der des Geistes sich selbst erscheint, an seine Seinsform, an seinen Inhalt anzupassen:

„Die Religion aber ist der vorgestellte Geist, das Selbst das sein reines Bewußtseyn und sein wirkliches nicht zusammen bringt, dem der Inhalt von jenem in diesem als ein anderes gegenüber tritt.„ (GW 8, S. 282, 6-8).
Es bleibt also auch in der Religion etwas anderes, ein Element, das der reinen Form des Geistes, d.h. dem reinen Denken, fremd ist. Dieses Element ist ein Hindernis für die Rückkehr des absoluten Geistes in sich, d.h. für die Anpassung der Erscheinungsform des Absoluten im reellen Bewusstsein an seine eigene Seinsform. In der Sprache des sogenannten "Systemfragments" von 1799-1800, die in der "Phänomenologie" wiederaufgenommen wird, ist in der Religion die Erhebung des Endlichen zum Unendlichen, des empirischen zum absoluten Bewusstsein nicht vollständig. 
Der Grund dafür liegt darin, dass der Religion die Form der Einsicht fehlt, die Momente des Geistes werden von ihm nicht „begriffen“, „eingesehen“ (GW 8, 286,3). Und in den nachfolgenden Zeilen stellt Hegel dies noch eindeutiger und expliziter klar:

„Der Inhalt der Religion ist wohl wahr; aber diß Wahrseyn ist eine Versicherung – ohne Einsicht –„ (GW 8, S. 286, 4-5).

Das bedeutet, dass in der absoluten Religion der endliche Geist sehr wohl von der Existenz des absoluten Geistes erfährt und er stellt ihn sich auch vor; er weiß daher mehr als in der Kunst, deren Höhepunkt von der Anschauung des Universalen als Grund der Schönheit der Natur gebildet wird.
Dennoch führt auch die Religion den endlichen Geist nicht zu einer Erkenntnis des unendlichen und absoluten Geistes, d.h. ihr gelingt es nicht, diesen in der einzig zu ihm passenden Form zu zeigen, in der Form des Begriffes.
Das Wesen des Weltgeistes und das Wesen des individuellen Geistes an-sich stimmen überein, sie sind beide ‘Begriff’, ‘das Logische’. Deshalb ist es klar, dass auch ihre Übereinstimmung in der Wirklichkeit, d.h. im Vorgang der Erhebung des individuellen Geistes zum absoluten Geist, im logischen Element, im Wissen stattfinden muss. Und tatsächlich setzt Hegel sein Manuskript fort, indem er diesen Begriff sehr klar und deutlich erläutert und nicht den geringsten Zweifel über die ursprüngliche Bedeutung seiner Auffassung der Beziehung zwischen Religion und Philosophie lässt:

„Diese Einsicht ist die Philosophie, absolute Wissenschafft – derselbe Inhalt als der der Religion – aber Form des Begriffs.“

(GW 8, S. 286, 6-7)

Die Philosophie, natürlich bereits seine eigene spekulative Philosophie - wie Hegel in den nachfolgenden Absätzen durch die Zusammenfassung der bereits dialektischen Struktur seines Systems (Triade: Idee-Natur-Geist) erklärt, ist die ‚absolute Wissenschaft‘, weil sie die einzige geeignete Erscheinungsform des Weltgeistes, des Absoluten, im individuellen Geist bzw. im Menschen, darstellt.
Die Absolutheit der Philosophie als Erscheinungsmodalität des Absoluten für das menschliche Bewusstsein erklärt auch das, was wir am Anfang dieses Stadiums erläutert hatten, und zwar dass die verschiedenen Modalitäten dieser Erscheinung gleichzeitig auch Entwicklungsstufen entsprechen. Dabei stellt die vollkommene Form, die Philosophie, im Vergleich zu den beiden anderen Formen - Kunst und Religion - auch eine höhere Stufe dar.
Somit wird auch die Beziehung verständlicher, die zwischen der historischen Struktur der Erarbeitung der Beziehung von Kunst, Religion und Philosophie im Text "Fortsetzung des Systems der Sittlichkeit" und der systematischen Struktur der Erarbeitung derselben im Kapitel "C. Kunst, Religion und Wissenschaft" aus der "Philosophie des Geistes" von 1805/06 besteht.
Da die Struktur der Geschichte nichts anderes ist als die Entfaltung des Absoluten durch die Abfolge der menschlichen Gemeinschaften und die Struktur des Absoluten laut Schema ’Unmittelbarkeit -Vermittlung - vermittelter Rückkehr zur Unmittelbarkeit’ dialektischer Natur ist, konnte auch die Entfaltung des Absoluten in der Geschichte nur nach diesem Schema ablaufen. Das bedeutet, dass zuerst ‚künstliche Zivilisationen‘ gegründet wurden, die auf einem unmittelbaren, durch die Kunst gewonnene Beziehung zum Absoluten basierten; dann ‚religiöse Zivilisationen‘, deren Fundament auf einer mittelbaren, durch die Religion ermöglichte Beziehung zum Absoluten gelegt wurde; schließlich ‚philosophische Zivilisationen‘, basierend auf einer Beziehung zum Absoluten durch ‚vermittelte Unmittelbarkeit‘. Diese kann allein die Philosophie als Wissenschaft hervorbringen(8).
Somit kann man daraus folgenden Schluss ziehen: Die Philosophie stellt nicht nur in ideeller Hinsicht den Höhepunkt in der Erhebung des individuellen Geistes zum absoluten Geist dar, also des Menschen zum Absoluten, sondern bildet auch in reeller Hinsicht den Höhepunkt der Geschichte, den Augenblick der maximalen Entfaltung des Absoluten in der Wirklichkeit der menschlichen Gemeinschaft.
Dass die Realisierung der Philosophie in der Welt eine Utopie im negativen Sinne des Wortes bzw. etwas nicht Realisierbares sei, wurde von Hegel ein für alle mal sehr klar und explizit am Ende seiner Jenenser "Philosophie des Geistes" dementiert. Ermutigt durch den Enthusiasmus über seine neueste Erkenntnis, die eine zwanzigjährige, geduldige intellektuelle Entwicklung abschließt, schreibt er, dass

„Das Universum, so unmittelbar frei vom Geiste, - aber muß zu ihm zurückkehren – oder vielmehr sein ist das Thun, diese Bewegung - er hat sich die Einheit herzustellen - ebenso  in Form der Unmittelbarkeit, er ist die Weltgeschichte. In ihr hebt sich diß auf, daß nur ansich die Natur und Geist ein Wesen ist - der Geist wird zum Wissen derselben.“  
(GW 8, S. 287,20-24).

Die Verwendung von „muss“ lässt keinen Zweifel: Die Versöhnung zwischen dem Menschen und dem Absoluten, in der Sprache der Logik die ‚vermittelte Unmittelbarkeit‘, unterliegt nicht dem Ermessen des Individuums oder zufälligen Entscheidungen von empirischen und ebenso zufälligen Subjekten, sondern wird aufgrund einer dem Absoluten innewohnenden Energie stattfinden, die wiederum Zeit und Ort ihres Auftretens zu bestimmen weiß.
Der Mensch ist nicht Herr dieser Selbstbewegung des Absoluten, deren Verwirklichung hängt nicht von ihm ab, sondern vom Absoluten selbst. Hat er jedoch einmal in Bescheidenheit das Absolute in sich aufgenommen, wenn auch durch die „Anstrengung des Begriffs“, und hat auf diese Art und Weise das absolute Wissen, die ‚absolute Wissenschaft‘ erlangt, kann er Herr über sich selbst werden. Erst nachdem er Herr über sich selbst geworden ist, kann er es anstreben, Herr über die Natur zu werden, wie Hegel in der abschließenden Ergänzung am Rande des fraglichen Manuskriptes erklärt:

„der Mensch wird nicht Meister über die Natur, bis er es über sich selbst geworden ist - Sie ist Werden zum Geiste an sich; daß diß Ansich daseye, muß der Geist sich selbst begreifen -“ (GW 8, S. 287, 25-27).

Die heutige Menschheit will Herrscherin über die Natur werden, noch bevor der Geist Herrscher über sich selbst geworden ist. Möglicherweise kann uns Hegel noch heute (oder vielleicht gerade heute?) viel zu diesem Thema lehren. Deshalb ist es auch nicht fehl am Platz, diese entscheidende Periode der Entwicklung des jungen Hegel mit diesen Worten und der darin ganz bewusst enthaltenen Botschaft abzuschließen.


ENDNOTEN

1) In GW 8 Jenaer Systementwürfe III, S. 185-287. 

2) Im bereits kommentierten Text "... es ist nur die Form".

3) In GW 8 Jenaer Systementwürfe III, S. 185-287.

4) Infolge von diversen familiären, sozialen und politischen Einflüssen, von Ilting sehr gut dargestellt, wird Hegel später leider die Fähigkeit verlieren, sich streng an das Allgemeine zu halten, und so einige Male diesen Einflüssen unterliegen, indem er das philosophische Allgemeine (z.B. die Religion als Begriff) mit dem historischen Einzelnen (z.B. das Christentum) identifizieren wird. Diese unglückliche Vermischung von Allgemeinem und Einzelnem ist den Jenenser Manuskripten noch fremd, einerseits aufgrund ihres privaten Charakters, andererseits wegen der mutigen Frische des Hegelschen Denkens, das in dieser Phase seiner Entwicklung gerade sich selbst entdeckte, ohne Furcht vor der Wahrheit, die sich ihm langsam  ‘offenbarte‘.

5) Gemeint: Gott.
6) Zum Begriff des ’freien Volkes’
vergleiche man die hervorragende Arbeit von Leo Lugarini "Hegel. Dal mondo storico alla filosofia".

7) Gemeint: in der absoluten Religion.

8) Bzw. auf die Versöhnung mit dem Wesen, mit der Schönheit der Natur und des Lebens, die jedoch von Wissen, von Bewusstsein und auch vom Schmerz vermittelt wird, wie es Hegel schon an diversen Stellen seiner frühen und reifen Schriften eindrucksvoll erklärt hat.
 

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